In den letzten Tagen wurde fĂŒr mich ein altes Thema wieder sehr aktuell: wie umgehen mit unverlĂ€sslichen Mitmenschen? Als jemand, dessen Freundeskreis zu einem großen Teil aus eher „alternativen“ Menschen besteht, und sich auch entsprechend tendenziell zu „Freigeister“-Frauen hingezogen fĂŒhlt, habe ich in meinem Leben ziemlich oft mit diesem Thema zu tun gehabt. Ehrlicherweise muss ich auch eingestehen, dass ich vor allem in meiner Jugend und als junger Erwachsener bisweilen ebenso nicht sonderlich verlĂ€sslich war. Im folgenden Beitrag möchte ich einerseits darĂŒber schreiben, was meiner Erfahrung nach ĂŒberhaupt die hĂ€ufigsten Ursachen fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit sind, welche Auswirkungen UnverlĂ€sslichkeit auch auf andere haben kann, und wie man mit unverlĂ€sslichen Menschen umgehen kann, ohne dauerhaft selbst darunter leiden zu mĂŒssen.

Ursachen fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit

0. Implizierte Erwartungen

Ich habe diesem Grund die Ziffer 0 zugewiesen, weil es sich im Grunde um keine wirkliche UnverlÀsslichkeit handelt, sondern mehr um eine einseitig empfundene. Aber implizierte Erwartungen passieren hÀufig, deswegen verdienen sie es meiner Ansicht nach, erwÀhnt zu werden.

Das einfachste Beispiel dafĂŒr sind Beziehungen. Auch wenn es einige relativ universelle Vorstellungen davon gibt, was vom anderen erwartbar ist, wenn man “in einer Beziehung ist”, kommen dazu im Regelfall noch unzĂ€hlige Erwartungen hinzu, die gefĂŒhlt “so selbstverstĂ€ndlich sind, dass man darĂŒber gar nicht mehr reden braucht” – und die naturgemĂ€ĂŸ prompt enttĂ€uscht werden, weil sie beispielsweise aufgrund der eigenen familiĂ€ren Vorgeschichte geprĂ€gt wurden, die der jeweils andere natĂŒrlich nicht 1:1 so miterlebt hat.

Daher unterscheide ich fĂŒr mich sehr klar zwischen impliziten und expliziten Abmachungen. Die Einhaltung von expliziten, klaren Abmachungen ist mir sehr wichtig, aber ich bin niemandem böse, wenn er implizite, nie klar kommunizierte Erwartungen nicht erfĂŒllt – und auch nicht sehr verstĂ€ndnisvoll, wenn mir jemand vorwirft, seine impliziten, nie kommunizierten Erwartungen nicht erfĂŒllt zu haben. Der Rest des Artikels bezieht sich dementsprechend auf explizite Abmachungen.

1. Unklare Kommunikation

Es mag kurios klingen, aber der vermutlich hĂ€ufigste Grund fĂŒr (empfundene) UnverlĂ€sslichkeit ist  schlicht unklare Kommunikation. Jemand geht aufgrund einer unklar formulierten Abmachung davon aus, dass sich der andere auf eine bestimmte Art und Weise verhalten wird („das ist ohnehin klar, da brauche ich nicht genauer nachfragen), und empfindet es dann als unverlĂ€sslich, wenn der andere sich anders verhĂ€lt als erwartet (ohne dass dieser merkt, dass er damit als „unverlĂ€sslich“ rĂŒberkommt, weil seine Version der Wahrheit fĂŒr ihn ebenso „völlig klar“ ist). Beispielsweise meinte eine Freundin von mir unlĂ€ngst, sie sei „Anfang August“ in Oberösterreich und wĂŒrde mich dann gerne treffen. Ich ging (warum auch immer) vom 1./2. August aus, und war dann irritiert, dass sie in der Zeit nicht erreichbar war, wo sie doch meinte, sie will mich gerne sehen. Sie war entsprechend ĂŒber meine Irritation irritiert 😉

An dieser Stelle sei noch erwĂ€hnt, was fĂŒr mich – neben allgemeiner Ignoranz ĂŒber mögliche Konsequenzen – die hĂ€ufigsten zwei GrĂŒnde fĂŒr unklare Kommunikation sind:

  1. man will sich noch nicht festlegen und Optionen offen lassen, und
  2. man will den anderen nicht verletzen.

2. Mangelnde SelbsteinschÀtzung/Organisation/Disziplin

Der zweite hĂ€ufige Grund fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit ist in mangelnder SelbsteinschĂ€tzung, Organisationstalent oder Disziplin zu finden. Wer nicht einschĂ€tzen kann, ab wann er seine Ressourcen und sich selbst ĂŒberfordert, wird sich regelmĂ€ĂŸig ĂŒberfordern, und zumindest einigen seiner eingegangen Abmachungen nicht gewachsen sein. Wer nicht gut darin ist, sich selbst zu organisieren, wird selbst bei allgemeiner Machbarkeit ĂŒberfordert sein. Und wem die Selbst-Disziplin dazu fehlt, wird eventuell frĂŒher aufgeben als notwendig, oder sich leicht ablenken lassen.

3. Nicht Nein sagen können

Grund Nummer drei ist verwandt mit mangelnder Selbst-EinschĂ€tzung, aber ich möchte ihn hier extra herausheben: Nicht gut darin zu sein, Nein zu sagen. Wer nie gelernt hat, bewusst, Nein zu sagen, wenn er etwas nicht will/leisten kann, wird sich frĂŒher oder spĂ€ter selbst ĂŒberfordern, und eingegangene Abmachungen beim besten Willen nicht einhalten können. Oder anders ausgedrĂŒckt: Nur wer gelernt hat, Nein zu sagen, kann auch mit gutem Gewissen Ja sagen. Dieser Aspekt hat natĂŒrlich auch stark mit dem Ausmaß der persönlichen AbhĂ€ngigkeit von anderen zu tun. Je abhĂ€ngiger ich von der UnterstĂŒtzung eines Menschen/einer Institution bin, desto eher werde ich bereit sein, nach außen Ja zu sagen, auch wenn mein Innerstes mir zu einem Nein rĂ€t.

4. Verkettete AbhÀngigkeiten auf unverlÀssliche Menschen basieren

Grund Nummer vier ist jener, dass ich mich auf andere verlasse, die selbst unverlÀsslich sind, und damit verkettete AbhÀngigkeiten eingehe. Ein simples Beispiel: mein Bruder hat mich und meine (mittlerweile) Ex-Freundin zu sich nach Hause eingeladen. Ich habe sie gefragt, ob sie Zeit und Lust hat, mitzukommen, sie sagt Ja, und ich gebe meinem Bruder Bescheid, dass wir kommen werden. Am besagten Tag schafft meine Ex-Freundin es nicht rechtzeitig aus dem Bett, und ich stehe vor der Wahl:

  1. Auf sie zu warten und selbst zu spÀt zu kommen
  2. Ohne sie zu fahren, selbst pĂŒnktlich zu kommen, aber ohne – wie ausgemacht – mit meiner Ex-Freundin
  3. WĂŒtend etc. zu reagieren und meiner Ex-Freundin Druck zu machen

Keine Option ist sonderlich befriedigend, vor allem wenn man öfter in eine solche Situation kommt, wie es mir regelmĂ€ĂŸig passiert ist. Obwohl ich mich selbst sehr darum bemĂŒhte, verlĂ€sslich zu sein, wurde ich von anderen aufgrund von verketteten AbhĂ€ngigkeiten oft trotzdem als unverlĂ€sslich wahrgenommen (vor allem von meiner Familie, die meine reale persönliche UnverlĂ€sslichkeit von frĂŒher noch in Erinnerung hatten).

Ich habe als junger Erwachsener relativ rasch verstanden, dass meine eigene UnverlĂ€sslichkeit Menschen, die mir wichtig sind, nervt, und negative Konsequenzen nach sich zieht. Aber dann nochmal knapp 10 Jahre gebraucht, um das Problem der verketteten AbhĂ€ngigkeiten fĂŒr mich so halbwegs zufriedenstellend zu lösen. Ich kann mir vorstellen, dass vor allem Menschen, die wie ich ziemlich viele “Hippie-Freunde” haben, mit dieser Schwierigkeit zu kĂ€mpfen haben.

Einige LösungsansĂ€tze fĂŒr das Problem der verketteten AbhĂ€ngigkeiten

Nun, man kann schlicht darauf verzichten, verkettete AbhÀngigkeiten einzugehen. Aber recht viel braucht man dann nicht mehr vom Leben zu erwarten. Keine zufriedenstellende Lösung also.

Zweiter Ansatz: lernen, zwischen verlÀsslichen und unverlÀsslichen Menschen zu unterscheiden, und sich nur noch auf die zweite Art von Menschen verlassen. Das funktioniert tatsÀchlich auch ganz gut so. Aber was tun, wenn es um unverlÀssliche Menschen geht, die einem nahe stehen, etwa Familienmitglieder, der beste Freund, oder eine Frau, die man zutiefst liebt?

Aufgrund meiner eigenen Vorgeschichte muss ich drittens davon ausgehen, dass ich unverlĂ€ssliche Menschen gewissermaßen geradezu „anziehe“, schon alleine aus dem Grund, weil ich traditionell dafĂŒr gesorgt habe, dass diese Menschen nicht das volle Ausmaß der Konsequenzen ihrer UnverlĂ€sslichkeit erleiden mussten. Und dann habe ich mich stĂ€ndig darĂŒber geĂ€rgert (meist ohne es an den jeweiligen unverlĂ€sslichen Menschen direkt auszulassen), dass sich nichts an ihrem Verhalten Ă€nderte. In aller Ehrlichkeit: meine alte Angewohnheit, Konflikte nach Möglichkeit zu vermeiden, war auch nicht sonderlich hilfreich.

Was trage ich selbst zur UnverlÀsslichkeit des Anderen bei?

Daher im Sinne der radikalen Selbstverantwortung die oft unangenehmen Fragen: Was trage ich selbst zum Verhalten der anderen Person bei? Was habe ich selbst dazu beigetragen, in die unangenehme Situation gekommen zu sein, in der ich mich jetzt aufgrund der UnverlÀsslichkeit des Anderen befinde?

Wenn man sich bemĂŒht, ehrliche Antworten auf diese Fragen zu finden, finden sich oft auch Antworten, die helfen, aus diesen unangenehmen Erfahrungen zu lernen:

  • Möglicherweise hat der Andere unklar kommuniziert, aber ich habe es auch unterlassen, genauer nachzufragen.
  • Möglicherweise tut sich der andere schwer damit, Absprachen auch einzuhalten, aber ich habe es auch zugelassen, dass verkettete AbhĂ€ngigkeiten entstehen, die meine PlĂ€ne wie ein Kartenhaus einstĂŒrzen lassen wenn er unverlĂ€sslich wird, indem ich keinen Notfallplan entwickelt habe, obwohl ich schon weiß, dass dieser Mensch nicht der verlĂ€sslichste ist.
  • Möglicherweise lernt der andere einfach nicht aus seinen Fehlern, aber ich helfe ihm auch nicht dabei, weil ich ihn, um ihn nicht zu verletzen, vor dem Ausmaß meiner EnttĂ€uschung und Wut darĂŒber schĂŒtze. Oder, weil ich das GefĂŒhl habe, nicht ohne ihn leben zu können, nicht die notwendigen Konsequenzen fĂŒr mich ziehe.

Das Kernproblem hintern den Kernproblemen

Die möglichen GrĂŒnde fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit, die ich oben beschrieben habe, sind fĂŒr mich im Grunde nur Facetten eines dahinterstehenden Kernproblems: Darf ich mein Leben so leben, wie ich es fĂŒr richtig halte, und traue ich mich auch, dies zu tun?

Wenn ich auf diese Fragen mit ganzem Herzen mit Ja antworten kann, dann kann ich aufgrund meiner eigenen Vorlieben und Ressourcen Ja und Nein zu Anfragen antworten, die an mich gestellt werden, und entsprechende PrioritÀten setzen. Ich kann klar, authentisch und ehrlich kommunizieren. Ich kann, wo dies notwendig ist, auch in Konflikt gehen, um dieses mir angestammte Recht auf die Gestaltung meines eigenen Lebens zu verteidigen.

Aber wer von uns ist tatsÀchlich soweit, dies 100%ig von sich behaupten zu können?

Wie ich mittlerweile mit unverlÀsslichen Menschen umgehe

Emotionen wie Wut, EnttĂ€uschung etc. zu zeigen und auszudrĂŒcken, ist aus zwei GrĂŒnden wichtig: einerseits hilft es einem selbst, sie „rauszubekommen“ und nicht zu unterdrĂŒcken, andererseits hilft es dem Anderen, nachzuvollziehen, welche Konsequenzen sein Verhalten hat.

Aber Emotionen auszudrĂŒcken alleine ist oft zu wenig. Es braucht auch Konsequenzen, die dem Anderen unabhĂ€ngig von Emotionen ermöglichen, die Zukunft verlĂ€sslich vorherzusehen. Im Grunde sind Erwachsene „große Kinder“, und in einer komplexen Welt freuen sie sich ebenso ĂŒber ein wenig Vorhersehbarkeit.

Im Idealfall ist die Vorhersehbarkeit entsprechend den realen MachtverhĂ€ltnissen formuliert, und erzeugt nicht wieder neue verkettete AbhĂ€ngigkeiten. Nehmen wir z.B. an, ich habe mir fĂŒr heute mit einer Freundin ausgemacht, dass wir gemeinsam schwimmen gehen, aber ich erreiche sie nicht, und sie meldet sich auch nicht zurĂŒck.

Was ich mittlerweile im Regelfall mache, ist ihr eine Nachricht nach dem Muster „Ich erreiche dich leider nicht. Wenn ich bis 14:30 nichts von dir höre, mache ich mir mit jemand anderem etwas aus.“ Das beschrĂ€nkt meinen Ärger ĂŒber die UnverlĂ€sslichkeit zeitlich, und verhindert, dass ich (wie frĂŒher oft passiert) stundenlang herumwarte, und dann dem Anderen innerlich vorwerfe, meinen Tag versaut zu haben.

Heute konkret war ich dann doch auch mal ziemlich genervt von einer Freundin, die (im Gegensatz zu meinen anderen Freunden, die mittlerweile erstaunlich verlĂ€sslich geworden sind, seit ich sie so behandle) es geschafft hat, einige Tage in Folge unverlĂ€sslich/unerreichbar zu sein. Sie hat dann doch ausnahmsweise eine „Doppel-Behandlung“ in Form meiner deutlichen Genervtheit + Darlegung der Konsequenzen erhalten (ĂŒblicherweise reicht mittlerweile letzteres), und die Botschaft dĂŒrfte wohl mittlerweile angekommen sein.

HauptsĂ€chlich war ich aber auch deswegen so genervt, weil ich eine andere Entscheidung von ihr abhĂ€ngig gemacht hatte, also verkettete AbhĂ€ngigkeiten auf jemanden aufgebaut hatte, der sich in dieser Situation als unverlĂ€sslich herausgestellt hat – meine Wut war also auch ein StĂŒck weit selbst verursacht.

Wer das bei aller Genervtheit ĂŒber die UnverlĂ€sslichkeit anderer nie vergisst, erinnert sich dabei auch an eine wichtige Konsequenz aus dem Faktum, dass ein Teil der Misere selbst verursacht ist: ich habe damit auch selbst die Macht, etwas daran zu Ă€ndern. Radikale Selbstverantwortung kann schon auch ziemlich hilfreich sein 🙂

In dem konkreten Fall habe ich nun die verkettete AbhĂ€ngigkeit aufgelöst, und mir eine schöne Alternative geschaffen, falls der ursprĂŒngliche Plan so nichts wird – und wenig ĂŒberraschend hat sich die verbliebene Wut auch weitgehend aufgelöst.

Niklas

Der folgende Text stammt von Katja Lenes aus Baden bei Wien, NÖ. Sie arbeitet an einer Freien Schule, ist ein wunderfeiner Mensch und steckt – wie ihr selbst nachlesen könnt – auch voller interessanter Wortkonstruktionen 🙂
Wer sie direkt kontaktieren mag, kann das unter katjasc@gmx.at tun, sie freut sich sicher ĂŒber freundliche RĂŒckmeldungen..

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

meine Zweifel hĂ€tten fĂŒr ihn keine Bedeutung!

Sogleich spuckte ich in ihn.

Sollte er froh sein,

fast hÀtte ich in ihn uriniert.

 

GroßzĂŒgig gab ich ihm eine zweite Chance.

Er krÀuselte sich vor Lachen und ich

weinte heiße TrĂ€nen.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

meiner Absicht könne er nicht folgen!

Sogleich schichtete ich Stein auf Stein.

Sollte er doch erfahren, was es hieß,

nach meiner Absicht zu fließen.

 

Er ging seiner Wege

und kĂŒmmerte sich nicht.

Ich fand mich wieder voll bitterer Wut.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

sei nackt und leer,

sonst kannst du mich nicht spĂŒren!

Sogleich sprang ich jubelnd

aus all meinen Kleidern.

 

Doch als ich merkte,

meine Gedanken und Sorgen hafteten an mir,

zog ich schwer betrĂŒbt von dannen.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

er wĂŒrde ĂŒbergehen und das sichere Ufer verschlingen!

Sogleich packte mich die Angst und ich floh.

Noch aus der Ferne hörte ich sein Tosen.

 

Wie konnte ich ihn je wiedersehen?

Ich erklomm einen sehr hohen Berg

und ganz oben blieb
.

ICH
.stehen.

 

Er gefiel mir so gut,

also ließ ich mich fallen!

Als mich der Fluss zu sich einlud,

war ich endlich bereit!

 

Zaghaft streckten sich meine Zehen

nach seinem strömenden Sog..

Meine Fingerspitzen saugten sich

an seiner OberflÀche fest..

In meinen Kniekehlen sammelte sich

seine gelassene KĂŒhle,

wÀhrend meine Schenkel

heftige Blitze durchzuckten..

Ich benetzte mein Gesicht

mit dem Nass seines Körpers..

Erstarrte, als sich sein Wasser

in meinen Bauchnabel ergoss..

 

Er gefiel mir so gut, ich war verliebt!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud,

tauchte ich vollstÀndig ein,

mit Haut und Haar.

 

Meine Zweifel waren mir nicht von Bedeutung.

Meiner Absicht wollte ich folgen.

Und ich war nackt und leer, so wie er.

Ich ging ĂŒber vor tosender Kraft,

ließ mich gedankenlos treiben

und kĂŒmmerte mich nicht.

 

Ich bin der Fluss und lade dich ein.

 

„Aber das kann man doch nicht machen!“, rief die Zaghaftigkeit, als Mut vorschlug, einfach mal loszulegen und dann zu sehen, wohin die Sache fĂŒhren wĂŒrde, und: „Wo kĂ€men wir denn hin?“
„Exakt“, legte Mut nach, „diese Frage interessiert mich.“
„Wollen wir nicht lieber erst einmal darĂŒber schlafen?“, schaltete sich nun auch die Bequemlichkeit ein. „Oder etwas essen? Essen schadet nie
“
„Das nenn ich ein Wort!“, rief der Hunger erfreut. „Da zeichnen sich demokratische Mehrheiten ab, die mir gefallen!“
„Gusch!“, schrie der Überrest der Elternpersönlichkeit ins allgemeine Durcheinander, und stellte ĂŒberrascht fest, dass sich tatsĂ€chlich ausnahmsweise alle daran hielten, was sie verlangte. Das war schon so lange nicht mehr vorgekommen, dass sie mit der ihr nun geltenden Aufmerksamkeit leicht ĂŒberfordert war und nur ein weiteres, etwas zögerlicheres „Gusch!“ hervorbrachte.
„Das ist jetzt aber nicht sehr vorzeigbar“, meinte die Perfektion vernichtend, „man darf doch hoffentlich hoffen, dass da ein wenig mehr von der angeblich so erwachsenen Persönlichkeit kommen wird?“
„Jetzt lass die Arme doch ein einziges Mal in Frieden!“, verteidigte die Empathie die Überforderte, „Siehst du denn nicht, dass sie sich bemĂŒht? Reicht das denn nicht? Bist du denn selbst immer so perfekt und fehlerlos?“
„Selbstredend“, antwortete die Perfektion, und die Empathie musste zugeben, dass sie im Eifer ihres BeschĂŒtzerinstinkts nicht sonderlich gut nachgedacht hatte. Nun befand sie sich wieder einmal in der Defensive.
„Will mir denn niemand zuhören?“, schrie die Wut, und entsprechend der Reaktionen vor und nach dem Versuch, sich Gehör zu verschaffen, entsprechend wĂŒtend.
„Geh auf dein Zimmer!“, versuchte sich der Überrest der Elternpersönlichkeit durchzusetzen, doch irgendwie funktionierte das nicht mehr so gut wie frĂŒher. Es war bei dem Halunken immer ein wenig schwer festzustellen, ob er es ernst meinte, aber Humor mochte vielleicht sogar gelacht haben. „Dieser respektlose –“, fing der Überrest der Elternpersönlichkeit an, stockte jedoch ĂŒberrascht, denn mitten im Satz war nun plötzlich doch Respekt aufgetaucht und hatte sich in respektvollem Abstand zu Humor gesellt, der das alles natĂŒrlich wieder einmal unglaublich witzig zu finden schien.
„Will denn keiner von euch Idioten wissen, was wir erreichen könnten, wenn wir endlich mal loslegen mit der Arbeit?“, schrie Wut nun zum dritten Mal allen Anwesenden die Ohren voll.
„Naja, so wird das sicher nichts Brauchbares“, zuckte Perfektion mit den Schultern, „da brauchen wir gar nicht anfangen.“
„Perfekt!“, lobte die Bequemlichkeit und genoss weiter seine Siesta. Hunger schlug vor, sich mal kurz was zu Essen zu machen, dann hĂ€tte man doch sogar was Positives erreicht nach all dem Hickhack. Die Empathie, die kein großer Freund der Wut war und ihr alleine schon aus diesem Grund gerne widersprach, hielt das fĂŒr eine grandiose Idee, und so einigte man sich auf eine halbe Tafel Schokolade. FĂŒr alles andere war die Bequemlichkeit nicht zu haben, denn das hĂ€tte am Ende noch wirkliche Arbeit bedeutet, und wo kĂ€men wir denn da noch hin

Nachdem die Wut noch eine Weile rumgetobt hatte – dieser Halunke von Humor hatte darĂŒber auch noch gelacht, da war sie sich ganz sicher! – fĂŒhlte sie sich ganz nebelig im Kopf, fast als wĂ€re sie plötzlich verraucht. Da beschloss sie mangels sinnvollem alternativen Tagesplan eben das innere Zentrum zu besuchen, wo hinter der Wohnung von Traurigkeit das Kind wohnte.
Irgendwann frĂŒher, so tuschelte man, war dieses Kind mal in eine unangenehme Situation geraten und hatte sich dabei böse verletzt, und nun hatte es Schwierigkeiten, der Welt da draußen so wirklich zu vertrauen.
Als Wut in seiner verrauchten Form auf dem Weg zum Kind war, fiel ihm wieder ein, warum er ĂŒberhaupt so wĂŒtend gewesen war. Es war sein Auftrag gewesen, sich durchzusetzen. Gegen den Rest der Elternpersönlichkeit. Die Bequemlichkeit. Die Perfektion. Selbst gegen die Freude, die keine große Freude mit den anderen Anteilen hatte, die ebenso im Inneren wohnten. Und er hatte versagt.
Doch als er dort ankam, wo das Kind wohnte, fand er auch die anderen bereits dort.
„Oje, das könnte unbequem werden!“, fĂŒrchtete die Bequemlichkeit, als sie vom Kind ĂŒber die möglichen Konsequenzen des Wieder-einmal-nicht-Handelns aufgeklĂ€rt worden war.
„Perfektion ist tatsĂ€chlich etwas Anderes!“, fiel die Perfektion ein.
„Man kann doch auch alles mit Humor sehen
“, wollte der Humor die Stimmung auflockern, doch die eben erst angekommene Wut brachte ihn mit einem wĂŒtenden Blick zum Schweigen.
Doch dann plötzlich lachte das Kind laut auf. Lachte so lange, bis es weinen musste (worĂŒber sich Traurigkeit, die sich mittlerweile auch angeschleppt hatte, heimlich freute), wĂ€hrend die Wut sich in seinen Augen wiederspiegelte.
„Das alles bin ich also!“, sagte es gut gelaunt, „Verletzt, traurig, wĂŒtend, fröhlich, bequem, Ă€ngstlich, mutig und noch viel mehr! Was fĂŒr ein Theater! Was fĂŒr eine herrliche Show! Langweilig wird einem ja nicht mit euch!“
Und mit einem Mal fĂŒhlte es sich gar nicht mehr so verletzt, gar nicht mehr so getrennt von der Welt, zog sogar die Möglichkeit in Betracht, ihr ein ganz kleines Bisschen Vertrauen schenken zu können. Wenn die Perfektion nur ein kleiner Anteil seines Selbst war, war es um die Welt wohl nicht viel besser bestellt. Wohl fĂŒhlte es sich verletzt, wĂŒtend, Ă€ngstlich. Aber da war mehr in ihm, als es sich zugetraut hatte. Vielleicht war auch von der Welt mehr zu erwarten, als es gedacht hatte.
„Wir wollen lieber nicht zu große Schritte auf einmal machen“, schlug die Bequemlichkeit vor.
“Ja, lass uns mit ganz kleinen Schritten loslaufen, damit auch wirklich alle zufrieden sein können”, sagte das Kind lachend, und Mut freute sich, seine alten Bekannten Übermut und VerrĂŒcktheit endlich wieder einmal in der Gegend zu sehen. Das versprach ja ein interessanter Ausflug zu werden.

Nachdem ich jetzt eine Stelle als Volksschullehrer bekommen habe, gibts zahlreiche GrĂŒnde, Kinder-Geschichten zu schreiben und mich auch im Vorlesen zu ĂŒben. Nachdem Lunea Löwenzahn gut bei den Kindern angekommen ist, hab ich mich mal an einer Lautgeschichte zum Thema FrĂŒhling versucht – einer Geschichte, bei der möglichst viele Laute/GerĂ€usche vorkommen – viel Freude damit!

In einem WĂ€ldchen, fern von hier
Da lebt ein ganz besonderes Tier.

Es war mal rund, war mal ein Ei,
Da macht es Tusch!, und ist entzwei.
Heraus, was kribbelt krabbelt da?
Kommt eine Raupe, es ist wahr!

Doch wÀhrend Raupen sonst nur tapsen
Und nach ‘nem kleinen Salatblatt hapsen
War diese Raupe ‘n großes Ding
Drum nannte man‘s Ein-Meterling.

Weil Raupen großer Hunger plagt
Ein-Meterling geht auf die Jagd
Doch oh! Statt nur Salat verdrĂŒckt
Ein-Meterling nen Baum verschluckt

Da trommeln die Tiere vom Wald ganz laut
Damit Ein-Meterling nicht alle BĂ€ume verdaut
Sie rufen zusammen zur Raupe hoch
Ein-Meterling, so hör uns doch!

Doch Ein-Meterling, der schmatzt zuviel
Und kennt am Ende nur ein Ziel
Zu essen, zu fressen, zu verdauen
Und sich dann ‘nen Kokon zu bauen.

Und wirklich hört das Trampeln auf
Ganz still wird’s plötzlich, hörst du’s auch?
Und schau mal, was ist dieses Ding?
Ist’s gar Ein-Meter-Kletterling?

Das klettert ganz rasch ‚nen Baum hinauf
Der LÀrm der hört ganz plötzlich auf
Die Tiere seufzen, endlich Ruhe!
Das Tier, das machte so viel MĂŒhe!

Nun kann man wieder was verstehn
Hasen klopfen hören, Winde wehn!
So still ist’s nun, das neue Ding
Das Ein-Meter-Kletterling

Doch schon machts Knacks, und raus da flattert
Ein neues Tier, noch ganz verdattert
Die Tiere stöhnen, kein neues Ding!
Ein-Meter-Kletter
 Schmetterling?

Doch dieses Tier ist ziemlich satt
Und macht nicht mehr die BĂ€ume platt
Es flittert, flattert nur umher
Erfreut die anderen Tiere sehr

Ja, in dem WĂ€ldchen, fern von hier
Da lebt ein ganz besonderes Tier
Siehst du wie’s flattert, zur Sonne hin?
Ein-Meter-Kletter-Schmetterling!

Am Donnerstag besuchte ich einen Freund in Linz, der stĂ€ndig den Satz „We have to admit it“ (Wir mĂŒssen es anerkennen) benutzt, ohne dass es ihm auffĂ€llt. Diesen Satz – in anderen ZusammenhĂ€ngen – wiederholt zu hören, hat einen Prozess zu einem vorlĂ€ufigen Abschluss gebracht, der mich seit einigen Wochen beschĂ€ftigt: Ich bin die letzten Monate gescheitert. Ich kann mir einreden, dass die Voraussetzungen mangelhaft waren, dass ich nicht alleine dafĂŒr verantwortlich war und dass auch sehr viel von dem, was ich getan habe, positive Konsequenzen nach sich gezogen hat, und alles das ist meiner Ansicht nach ebenso wahr. Aber das, was ich erreichen wollte, habe ich nicht erreicht. Ich muss es also anerkennen: Ich bin (zumindest vorlĂ€ufig) gescheitert.

In den ersten Tagen nach dem Ende der Zusammenarbeit war ich schlicht zu irritiert von dem, was geschehen ist. Ich habe es schlicht nicht verstanden, weil es so gar nicht in meine Weltsicht zu passen schien: dass im Grunde alle Menschen in jeder Situation so handeln, wie sie es fĂŒr am besten halten. Es erschien mir einige Wochen lang schwer möglich, diese Weltsicht, an der ich ehrlicherweise doch sehr hĂ€nge, in Anbetracht des Geschehens aufrecht zu erhalten. Nach vielen GesprĂ€chen, einigen BĂŒchern, Videos, langen SpaziergĂ€ngen und krankheitsbedingt im Bett verbrachten Tagen und NĂ€chten geht es mir nun wieder besser. Ich habe vor Monaten mal ĂŒber qualitatives Lernen geschrieben, und wie massive Frusterfahrungen oft die Voraussetzungen sind, dass sich signifikant etwas am Denken und Verhalten von Menschen Ă€ndert. Ich bin mit dem gescheitert, woran ich mit ganzem Herzen glaube, nĂ€mlich die Etablierung von stĂŒtzenden Strukturen an einer Schule. Wir mĂŒssen es anerkennen, wie mein Freund sagen wĂŒrde. Aber wenn dieses Scheitern nicht dazu fĂŒhren soll, dass ich alles hinwerfe, muss ich mich der Frage stellen, woran es lag, und was ich selbst bei einem nĂ€chsten Mal anders, besser angehen kann. Hier muss qualitatives Lernen bei mir stattfinden, wenn die letzten Monate ihren Sinn haben sollen. Also will ich es versuchen:

KapazitĂ€tsĂŒberschreitungen

Ich glaube, der massivste Fehler, den ich gemacht habe, war jener der SelbstĂŒberschĂ€tzung, verbunden mit der Scham, um Hilfe zu bitten, was gemeinsam eine explosive Mischung darstellt. Ich war den Luxus einer vermutlich außergewöhnlichen freien Schule gewohnt, ein eng zusammenarbeitendes Team um mich zu haben, das den Eingewöhnungsprozess eines neuen Mitarbeiters mittrĂ€gt und mitbegleitet. Ich war es gewöhnt, jederzeit mit anderen Mitarbeitern reden zu können. Dass Regeln schriftlich festgelegt sind, so dass man sie jederzeit nachlesen und gemeinsam Ă€ndern kann. Dass es regelmĂ€ĂŸige GesprĂ€chstermine fĂŒr alle Mitarbeiter gibt. Dass Konflikte offen und lösungsorientiert angesprochen werden. Gewöhnt und damit verwöhnt von allen möglichen Errungenschaften, die ich wohl fĂ€lschlicherweise auch hier als vorhanden oder zumindest als Wunschvorstellung aller angenommen hatte. Ich hatte (wohl utopischerweise) angenommen, dass der Nutzen jener Institutionen und Strukturen völlig offensichtlich sei.

Und, mich illusorisch auf die Zusammenarbeit eines Teams verlassend und nach einigen Wochen auf mich selbst zurĂŒckgeworfen, war ich zu stolz, mir einzugestehen, dass meine selbstgestellte Aufgabe so nicht durchfĂŒhrbar war und meine eigenen KapazitĂ€ten massiv ĂŒberstieg. In meiner Überforderung habe ich ĂŒbersehen, dass diese Überforderung nicht (nur) an meinen mangelnden FĂ€higkeiten (schwer einzugestehen, wenn auch sicherlich mit wahr), sondern auch an den strukturellen Schwierigkeiten liegen konnte, die es wohl auch dem besten Lehrer erschwert bis unmöglich gemacht hĂ€tten, meine Aufgabe zu erfĂŒllen. Jetzt, Wochen spĂ€ter und mit einer gewissen emotionalen Distanz, fĂ€llt es leichter, die persönliche wie die strukturelle Ebene mitzubetrachten. In gewisser Weise hĂ€ngen beide zusammen: Je weniger hilfreich die Struktur ist, in der ich mich bewege, desto mehr muss ich durch persönliche FĂ€higkeiten ausgleichen. Damit ergeben sich zwei Ansatzpunkte, etwas zu verbessern, wobei ich nur ĂŒber einen davon direkte Kontrolle habe.

Sicherheit

Ich war aus formellen GrĂŒnden in einer besonderen Anstellungsform angestellt worden, wogegen ich auf den ersten Blick nichts einzuwenden hatte, weil ich mich einfach nur freute, diese Chance zu bekommen. Daraus entstanden jedoch zahlreiche problematische Konsequenzen, vor allem auch jene, dass ich im Gegensatz zu etwa einem Lehrer keinen rechtlich begrĂŒndeten Rahmen hatte, der im Konfliktfall stĂŒtzend wirkte und Sicherheit geben konnte. Der stĂŒtzende Rahmen wurde hauptsĂ€chlich von einer engagierten FĂŒhrungskraft geschaffen und gehalten – was den Rahmen jedoch auch direkt abhĂ€ngig machte von deren eigenen KapazitĂ€ten. Dies fĂŒhrte dann zu von ihr sicherlich nicht beabsichtigten, aber fĂŒr mich auf Dauer untragbaren Situationen.

Ich bin ihr heute dankbar fĂŒr den Versuch, diesen Rahmen ĂŒberhaupt zu schaffen, weil er sichtbar sehr gut gemeint war. Nur glaube ich (mittlerweile, nach einigem Nachdenken darĂŒber), dass es auf Dauer undurchfĂŒhrbar ist, nur durch persönlichen Einsatz das zu schaffen, was sie versucht hat, egal, wie stark oder gut ein Mensch ist. Es braucht die Strukturen dahinter, die es ihr erleichtern, nicht erschweren, das zu tun, sonst zehrt es zu viel an ihren eigenen KapazitĂ€ten. Was passiert, wenn die eigenen KapazitĂ€ten (mit besten Absichten, was es besonders bedauerlich macht) dauerhaft ĂŒberschĂ€tzt werden, durfte ich in verschiedensten Formen erleben.

In Zukunft wĂŒrde ich eine Aufgabe wie jene, die ich mir gesetzt habe, nur noch im Rahmen entweder eines Lehrerpostens (der von Vornherein einen rechtlich abgesicherten sicheren Rahmen unabhĂ€ngig von Einzelpersonen darstellt) oder einer auch offiziell/rechtlich fĂŒr diese Aufgabe geschaffene Stelle ausfĂŒhren wollen. Dies nicht von Anfang an „richtig“ eingefĂŒhrt zu haben, hat sicher dazu beigetragen, dass mein Versuch, sie spĂ€ter, als alles bereits ins Wanken geraten war, nachtrĂ€glich einzufĂŒhren, gescheitert ist. Ich habe dadurch zumindest dazu beigetragen, eine Überforderungs-Situation mit zu erschaffen, die nicht nur mich betroffen hat. Dazu beigetragen hat sicher auch mein teilweise wohl etwas naiver Glauben an das Gute im Menschen.

Die Wahrheit hinter den Fassaden

Mein Bruder hat mir in einem sehr persönlichen GesprĂ€ch aufgezeigt, wie illusionĂ€r mein Weltbild in manchen Belangen eigentlich ist. Ich halte es immer noch fĂŒr eine gute Sache, an das Beste im Menschen zu glauben, weil es wohl auch das Beste an ihm fördert, dass er zu geben bereit ist, aber es kann problematisch werden, sich (blind) darauf zu verlassen. Er hat mir die Frage gestellt, ob ich wohl, wĂ€re ich ein Lehrer, der den Job tatsĂ€chlich nur wegen dem Urlaub macht und dem seine eigene Familie oder seine Hobbies wichtiger ist als sein Job, das auch laut sagen wĂŒrde? Und dann ist mir klar geworden, dass wir es hier mit Scham zu tun haben, der „Königin der Emotionen“, wie RenĂ© Brown schreibt. Es ist nicht sehr angesehen, als Lehrer zu sagen, man mache den Job nur, weil er halt ein gemĂŒtlicher Job ist, darum wird es auch selten jemand offen sagen. Und die meisten Sachen, die Lehrer machen, werden zumindest offiziell „zum Wohle der Kinder“ so gemacht, weil das einfach besser klingt als zum Beispiel ein „Ich hatte keine Lust, mich mehr zu bemĂŒhen, ich wollte zum See baden fahren“. Das bedeutet aber auch, dass es durchaus realistisch ist, dass das offizielle Bild meiner Kollegen (unabhĂ€ngig von der spezifischen Schule oder Firma, ich rede hier von strukturellen Fragen) ziemlich von dem abweichen kann, wie sie in konkreten Situationen handeln.

Interessanterweise ist es möglicherweise gar nicht so sehr die Vorstellung, dass nicht alle Lehrer ein ureigenes Interesse daran haben, ihre Schule zu einer großartigen Schule zu machen, die mich irritiert. Ich glaube, ich kann damit umgehen, wenn Kollegen offen sagen, ihnen ist ihre Familie oder ihr Hobby wichtiger. Problematisch wird es fĂŒr mich vor allem dann, wenn ich mich auf ihre Aussagen verlasse. Dann gehe ich davon aus, dass Kollege die Zusage X zuspricht und es auch tatsĂ€chlich so meint, wĂ€hrend er möglicherweise nur zugestimmt hat, um nicht schlecht dazustehen oder um einen Konflikt zu vermeiden, und dann in Wahrheit uninteressiert oder sogar tatsĂ€chlich dagegen ist. Wenn ich mich nun jedoch auf sein X verlasse und dann sinngemĂ€ĂŸ ent-tĂ€uscht werde, so kann ich relativ rasch ins Strudeln kommen und meine eigenen Zusagen, die sich auf seine Zusage X verlassen, nicht mehr einhalten. Vor allem in einem ohnehin bereits chronisch ĂŒberlasteten System wie einer Schule kann das zu unschönen Kettenreaktionen fĂŒhren.

Man könnte jetzt argumentieren, dass das ein sehr individuelles Problem meinerseits ist – nur fĂŒhrt dies systemisch betrachtet im Grunde ganz allgemein zu einem gewissen Misstrauen untereinander. Und wenn ich anderen nicht mehr traue, mich auf sie verlassen zu können, bin ich im rasch auf mich selbst und meine eigene KapazitĂ€t zurĂŒckgeworfen, anstatt die gestalterische und stĂŒtzende Macht einer Gemeinschaft fĂŒr eine gemeinsame Sache nutzbar machen zu können. Vielleicht ist das illusorisch, aber ich glaube, dass es der Lehrergemeinschaft einer Schule mehr Nutzen als Schaden bringt, wenn die einzelnen Mitglieder ihre persönlichen Visionen und PrioritĂ€ten in einem geschĂŒtzten und wertfreien Raum offenlegen können. Dann könnten jene, deren Visionen und PrioritĂ€ten sich ĂŒberlappen, in vertrauensvoller AtmosphĂ€re zusammenarbeiten, und die anderen mĂŒssten nicht mehr unnĂŒtze Energie verschwenden, ihre hintergrĂŒndigen Einstellungen zu verbergen. Was einer wie auch immer gearteten konstruktiven VerĂ€nderung wohl am meisten im Weg ist, ist die UnfĂ€higkeit oder –Willigkeit, die RealitĂ€t anzuerkennen. Man kann die schönsten Hebel entwerfen, um die Welt aus den Angeln zu heben, wenn die Vorstellung der Welt auf Illusionen basiert, wird der Hebel nicht greifen können.

Das Problem ist nicht so sehr, dass einzelne Lehrer vielleicht nicht 100%ig geeignet fĂŒr ihren Beruf seien, wie es manche behaupten. Selbst in Unternehmen stellen jene Menschen (laut meinem Bruder) offensichtlich zumindest eine nicht unbedeutende Minderheit, und trotzdem funktioniert das Ganze so halbwegs. In einer Schule, in der nicht zusammengearbeitet wird, kommen auf jeden einzelnen Lehrer heute jedoch rein strukturell gesehen eine solche Ansammlung von Aufgaben zu, dass das auf Dauer gesehen (!) nicht gutgehen kann. Menschen können – vor allem, wenn sie das GefĂŒhl haben, fĂŒr eine wichtige Sache einzustehen – eine Zeit lang weit ĂŒber ihren eigentlichen KapazitĂ€ten arbeiten. Aber irgendwann bricht der erste ein, und die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern, ist fĂŒr mich eine funktionierende klassen-ĂŒbergreifende Zusammenarbeit, so dass durch die Schaffung von Synergien die KapazitĂ€ten der Lehrer auch effektiv genutzt werden können.

Es ist illusorisch, davon auszugehen, dass ein jeder Lehrer in allen an ihn gestellten Aufgaben brillant ist. Aber es kann durchaus realistisch sein, dass in der Gemeinschaft der Schule jemand ist, der fĂŒr die jeweilige Aufgabe gut geeignet ist. Reale, funktionierende Arbeitsteilung kann aber nur in einem Team entstehen, das neben den individuellen Teilaufgaben jedes einzelnen die gemeinsame Gesamt-Aufgabe im Blick hat und sich vertrauen kann. Nicht mehr Lehrer oder mehr UnterstĂŒtzungspersonal können Schulen und Lehrer meiner Ansicht nach „retten“, sondern die effizientere Zusammenarbeit aller. Da verpufft derzeit gefĂŒhlte 90% der Energie nutzlos, was mich ziemlich betroffen macht, weil ich es so schade finde, wenn inspirierte Menschen dann irgendwann ausbrennen und resignieren, weil da die unterstĂŒtzenden Strukturen fehlen. Mal ganz abgesehen vom volkswirtschaftlichen Wahnsinn: kein Unternehmen am freien Markt könnte lange bestehen, das die eingesetzte Arbeitskraft nur zu 10% nutzbar macht.

Holistisches Design

In den Weihnachtsferien habe ich auch eine Biographie von Steve Jobs, dem MitgrĂŒnder von Apple, gelesen, und was mich fasziniert hat, war die Einstellung, jedes kleinste Detail durchzudesignen, etwas, wofĂŒr ich bisher noch sehr wenig Aufmerksamkeit aufgewendet habe. WĂ€hrend des Lesens ist mir jedoch ein mentales Bild entstanden, in dem ein Verkaufsregal mit mehreren Boxen zu sehen ist. In den Boxen sind meine Ideen als Produkt, und die Boxen sowie die Gestaltung des Regals sind die Art und Weise, wie ich die Ideen prĂ€sentiere sowie wie ich selbst als Mensch auf andere wirke. Den Inhalt der Boxen halte ich bereits jetzt fĂŒr sehr wertvoll, aber die Boxen und das Regal sind noch so uninteressant gestaltet, dass viele potentielle „Kunden“ einfach daran vorĂŒbergehen. Wenn ich also will, dass mehr Menschen sich fĂŒr die Ideen in den Boxen interessieren, muss ich lernen, mich auch um den Rest der „Kauferfahrung“ zu kĂŒmmern. Im Grunde werde ich lernen mĂŒssen, meine Ideen in minimaler Zeit so zu erklĂ€ren, dass sie auch jemanden, der ursprĂŒnglich eigentlich gar kein Interesse daran hat, faszinieren können. Da bin ich offensichtlich noch nicht.

Als ersten – auch symbolischen – Schritt habe ich mir von meiner Schwester die Haare schneiden lassen. Sie waren eine der „KrĂŒcken“, von denen ich hier hĂ€ufig geschrieben habe – sie haben es mir abgenommen, andere Menschen ansprechen zu mĂŒssen, weil ich oft von ihnen auf meine Haare angesprochen wurde. Dadurch habe ich jedoch auch ein StĂŒck weit verlernt, selbst andere Menschen anzusprechen, etwas, was ich nun, um meine Ideen zu verbreiten, (wieder) lernen muss. Ich bin Teil der „Box“, in der meine Ideen und Anliegen stecken.

Vor allem aber passten die Haare nicht mehr in mein Tai-Chi-mitbeeinflusstes Weltbild. Im Tai Chi wird (unter anderem) versucht, mit möglichst wenig Einsatz möglichst viel Wirkung zu erzielen, also möglichst große HebelkrĂ€fte zu identifizieren und zu nutzen. Meine langen Haare waren ein ziemlich großer Hebel, aber teilweise war der Hebel auch einfach unnötig groß und schuf dadurch nicht nur Vorteile. Die Aufgabe, die ich mir gerne fĂŒr die nĂ€chsten Monate stellen wĂŒrde, ist jene, immer weniger dieser „KrĂŒcken“ zu brauchen und mit immer feineren Handlungen immer grĂ¶ĂŸere, aber vor allem auch genauere Wirkungen zu erzielen.

Wann „klappt“ es endlich?

Es ist interessant, was passiert, wenn man an dem Punkt kommt, durch seine Frustration und seine Scham ĂŒber das Scheitern „hindurchgegangen“ zu sein. In einem Buch ĂŒber lernende Organisationen, das ich gerade lese, spricht der Autor von der kreativen Spannung zwischen Vision und RealitĂ€t, und dass ĂŒblicherweise nach einem frustrierenden Erlebnis die Vision der RealitĂ€t angepasst wird, um die Spannung nicht mehr fĂŒhlen zu mĂŒssen. Aber geht man durch das Erlebnis, stellt man möglicherweise fest, dass die Lösung zwar fĂŒr die angenommene RealitĂ€t funktioniert hĂ€tte, man aber die RealitĂ€t einfach noch lange nicht genug verstanden hat, damit die entworfenen Hebel auch in sie greifen und etwas bewegen können.

Die schockierendste und auf den ersten Blick unangenehmste RealitĂ€t ist wohl immer die, wenn man feststellt, dass man etwas an sich selbst wird Ă€ndern mĂŒssen, um etwas an der von allen Menschen geteilten RealitĂ€t verĂ€ndern zu können. Es ist leichter, anderen Personen oder „dem System“ die Schuld zu geben und zu schmollen, aber die Ă€ndern sich eben genauso ungern wie man selbst es tut. Wahrscheinlich wĂ€ren die meisten Menschen gerne irgendwann an dem Punkt angelangt, an dem sie es „geschafft“ haben und nicht mehr stĂ€ndig durch den Frust, der tiefe VerĂ€nderungsprozesse notgedrungen begleitet, kĂ€mpfen mĂŒssen. Ich Ă€rgere mich jedes Mal wieder, wenn ich feststelle, dass ich „immer noch“ nicht da bin. Rational betrachtet weiß ich, dass es gut ist so, und dass dieser Punkt (hoffentlich) nie erreichbar ist, aber natĂŒrlich hilft das nichts gegen den Frust und die Verzweiflung des Scheiterns.

Andererseits könnte man es auch so betrachten, dass ein Scheitern auch ein gutes Zeichen ist: es bedeutet, dass man sich einer Herausforderung gestellt hat, die diesen Namen auch verdient.

Niklas

In den letzten Wochen dĂ€mmerte mir eine Erkenntnis: Ich unterdrĂŒcke weite Teile menschlicher Erfahrung, weil ich Angst vor den Konsequenzen habe. Und wĂ€hrend der Gedanke noch zu neu ist, um die Folgen abschĂ€tzen zu können, bildet sich in den letzten Tagen nun so etwas wie eine Hypothese in meinem Kopf heraus: Ist Gewalt oft nur eine Folge der unterdrĂŒckten Anteile menschlicher Existenz in uns?

Ab ins Unbewusste mit euch

Lange Zeit dachte ich, dass es so etwas wie „gute“ Verhaltensweisen und „schlechte“ Verhaltensweisen gibt, die dem Menschen zur VerfĂŒgung stehen, und dass ich als Mensch, der gut mit anderen auskommen möchte, dazu einfach die positiven verkörpern und die schlechten kontrollieren lernen mĂŒsste. TatsĂ€chlich hat es mich dazu gefĂŒhrt, dass ich nur sehr selten mit meinen Mitmenschen in Konflikt gerate, und wenn doch, fĂŒhle ich mich dabei moralisch meistens „im Recht“. Abgesehen davon, dass darin mit Sicherheit eine gewisse Überheblichkeit verborgen ist, stellt sich mir mittlerweile die Frage, wie konstruktiv mein Verhalten im Alltag tatsĂ€chlich ist. Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass sich Menschen in Konflikten von mir unverstanden fĂŒhlen, und meine empfundene moralische Überlegenheit tröstet mich nicht wirklich darĂŒber hinweg, dass ich (wieder einmal) unfĂ€hig war, einen anderen Menschen in seinem ganzen Sein zu sehen, zu verstehen, zu akzeptieren und wertzuschĂ€tzen.

Ich habe mich jahrelang gefragt, warum ich einerseits ein gutes intuitives GespĂŒr fĂŒr andere Menschen habe und mich oft sehr gut in sie einfĂŒhlen kann, und dann wieder derartige „Aussetzer“ habe, in denen ich das Verhalten anderer Menschen ĂŒberhaupt nicht mehr nachvollziehen kann. Es ist bisher nur eine – wenn auch interessante – Hypothese, dass mich der Kontakt mit jenen Menschen in Bereiche menschlicher Existenz bringt (oder bringen wĂŒrde), die ich mir selbst irgendwann verwehrt habe.

Einigkeit und Abgrenzung

Ich glaube, es gibt zwei Arten von Möglichkeiten, eine Verbindung mit einem anderen Menschen, vielleicht allgemein einem anderen Wesen herzustellen: sich zu synchronisieren oder das entsprechende Gegenverhalten zu verkörpern. Ich kann ein GefĂŒhl von Verbindung mit jemandem herstellen, indem ich seine GefĂŒhle oder sein Verhalten spiegle. In der PĂ€dagogik passiert dies oft, wenn sich PĂ€dagogen mit ihren SchĂŒlern „verbrĂŒdern“ und sich auf ihre Seite schlagen, nach der Marke „Ja, ich finde diese Regel auch doof“. Oder wir versuchen, einen entsprechenden Gegensatz zu finden, der in Verbindung zu einem grĂ¶ĂŸeren Ganzen fĂŒhren kann – etwa, indem wir dem wir bewusst leiser werden, wenn jemand anfĂ€ngt, zu schreien (das BedĂŒrfnis nach Gehört-Werden wird durch das Zuhören erfĂŒllt). In dem zweiten Beispiel könnte sich der PĂ€dagoge auch auf die Seite des SchĂŒlers schlagen und ebenso mitschreien, um VerstĂ€ndnis auszudrĂŒcken. In den meisten FĂ€llen jedoch wird der SchĂŒler (wie auch wir selbst) durch das Herstellen eines grĂ¶ĂŸeren Ganzen mehr aus der Situation lernen können.

Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen im Regelfall zwischen den BedĂŒrfnissen nach Einigkeit, VerstĂ€ndnis, Harmonie und Abgrenzung, Autonomie, Spannung pendeln, so wĂŒrde es demnach auf zwei FĂ€higkeiten ankommen: einerseits, das BedĂŒrfnis des Anderen richtig abzuschĂ€tzen (Harmonie oder Autonomie) und dann die entsprechend passenden Handlungen fĂŒr die jeweilige Situation auszuwĂ€hlen (bewusst aufeinander bezogene oder bewusst nicht aufeinander bezogene), um gewalttĂ€tige Konflikte vielleicht vermeiden zu können. Alle Beteiligten können dann dazu beitragen, die jeweiligen Verhaltensweisen entweder zu synchronisieren oder zu entsynchronisieren. Gewalt entsteht dann vermutlich dort, wo diese BedĂŒrfnisse falsch eingeschĂ€tzt oder geringgeschĂ€tzt werden, etwa wenn eine Mutter das BedĂŒrfnis des Sohnes nach Autonomie, ausgedrĂŒckt in betont unterschiedlichem Verhalten, durch Druck “korrigieren” oder durch die Anpassung des eigenen Verhaltens mit dem Sohn synchronisieren will und sein BedĂŒrfnis nach Abrenzung und Autonomie dadurch nur noch verstĂ€rkt.

Der halbvolle Werkzeugkoffer

Und nun kommt meine eingangs angefĂŒhrte Feststellung ins Spiel, dass ich – wie ich zunehmend feststelle – einige Aspekte menschlichen Verhaltens in dem Glauben, damit dem Frieden zu dienen, unterdrĂŒckt habe. Es kostet mir beispielsweise große MĂŒhe, Wut auszudrĂŒcken, und wenn ich es doch einmal tue, fĂŒhlt es sich irgendwie seltsam an, als wĂ€re ich in jenem Moment gar nicht ich selbst sondern jemand anderer, der wĂŒtend ist, als könnte ich nicht wĂŒtend sein.

Eine Freundin versucht mir seit Jahren zu erklĂ€ren, warum ich ihrer Ansicht nach nicht vernĂŒnftig singen kann, und als sie mir vor einigen Wochen beibringen wollte, wie man Salsa tanzt, habe ich wohl zum ersten Mal verstanden, was sie damit eigentlich meint, wenn sie sagt, bei mir klingen die meisten Leider gleich: ich habe gelernt (und ich bin es gewöhnt), manche Emotionen nicht auszuleben, zu blockieren, nicht zuzulassen. Deswegen verbreitet mein Tanzstil auch bei den eigentlich traurigsten Liedern Fröhlichkeit, klingt mein Gesang immer gleich nett. Nicht unschön, wahrscheinlich mit Potential, aber doch
 fehlt etwas. Es fehlt der große Spielraum des Menschlichen, fehlt die Erfahrung im Negativen, um das Schöne und Positive umso mehr erstrahlen zu lassen.

Ich glaube, dass es mir nicht nur beim Singen oder Tanzen helfen wird, diese noch unterdrĂŒckten Möglichkeiten menschlichen Seins zu erlernen, sondern auch als PĂ€dagoge, wenn ich zum jeweiligen Yang im Verhalten anderer Menschen das entsprechende Yin ausleben kann, ohne immer wieder an meine eigenen inneren Blockaden zu stoßen.

Es ist immer wieder schön, festzustellen, dass der Großteil dessen, was man glaubt zu wissen, oft nur eine Illusion ist, hinter der sich eine noch viel tiefere, noch viel interessantere Wahrheit verstecken könnte, mit der man sich beschĂ€ftigen und ĂŒber die man nachdenken kann…

Niklas

FĂŒr jemanden wie mich, der sich fĂŒr Menschen und was sie zu Menschen macht interessiert, gibt es wohl nur wenige Bereiche, in denen ich wertvollere Erfahrungen machen kann als eine freie Schule, in der auf allen Ebenen Menschen mehr oder weniger losgelöst von gesellschaftlichen Erwartungen aneinandergeraten und irgendwie miteinander auskommen mĂŒssen. Hier stoßen alle Beteiligten immer wieder an ihre Grenzen, machen Fehler, die sie dann bereuen, und meist entschuldigen sie sich dann auch. Manchmal ĂŒberdauern Konflikte auch einige Zeit, und hin und wieder mag es vorkommen, dass sich der eine oder andere auch eine dauerhafte Abneigung gegen jemanden entwickelt.

Da haben wir nun all die Werkzeuge bei der Hand, von der gewaltfreien Kommunikation bis zur Streitschlichter-Ausbildung, all die Liebe zueinander, die uns immer wieder morgens aus dem Bett lockt und uns nach einem ereignisreichen Tag mit einem LĂ€cheln die Schule verlassen lĂ€sst, und doch haben wir dieses LĂ€cheln oft auch hart mit unseren TrĂ€nen erkĂ€mpft, die wir fĂŒreinander vergossen haben. Hier wechseln sich Frustrationen mit HochgefĂŒhlen ab, und nicht an allen Tagen wissen wir, dass Letztere doch ĂŒberwiegen. Und doch kehren wir wieder, an jene StĂ€tte, die uns aufs Neue einladen will, die uns sanft ruft, uns in ihr zu versammeln.

Denn irgendwo tief in uns spĂŒren wir doch, was hier an jenem Ort mit uns geschehen kann, wenn wir uns auf ihn einlassen können. Dass die Freude, die wir erleben, wenn wir feststellen, dass andere uns anfeuern, wĂ€hrend wir Anlauf fĂŒr den großen Sprung ĂŒber die aufgestapelten Polster nehmen, vor allem auch eines ist, und zwar echt. Dass die Trauer und manchmal die Wut aus dem Leiden an echten BedĂŒrfnissen stammen, die es dem Anderen ermöglichen, innezuhalten und uns gegenseitig in den Arm zu nehmen. Und wenn dann die TrĂ€nen frei fließen können, spĂŒren wir die Kraft, die uns am Ende jenes Stroms erwartet.

Traurige Geschichten

Und doch haben wir alle unsere Geschichte, haben alle gelernt, uns vor denjenigen zu schĂŒtzen, von denen wir glauben, dass sie es nicht gut mit uns meinen. Und so haben wir gelernt, die Trauer ebenso zu verbergen wie unsere Freude, haben gelernt, „politisch“ zu handeln, und „strategisch“ zu denken, um unsere Widersacher dort zu ĂŒberrumpeln, wo sie es am wenigsten erwarten. Und so schaffen wir uns verbitterte Feinde, wo wir doch nur UnverstĂ€ndnis vermuten mĂŒssten, anstatt aufeinander zuzugehen und uns gegenseitig aufzuklĂ€ren, was wir unter Freundschaft verstehen, unter Liebe – und einem guten Menschen. Dort, wo wir es wagen, finden wir oft erst wahre Freunde.

Ich habe in meiner Arbeit das GlĂŒck, jungen Menschen beim Heranwachsen zusehen zu dĂŒrfen, und auch bei ihnen zeigt sich relativ rasch, wer von ihnen gelernt hat, sich anderen zu öffnen und wer von ihnen gelernt hat, sich vor anderen zu schĂŒtzen und zu verschließen, und welche Folgen dies fĂŒr ihr Leben (an der Schule) zu haben scheint. Diejenigen, die gelernt haben, sich keine BlĂ¶ĂŸen zeigen zu dĂŒrfen, werden oft zu EinzelgĂ€ngern oder suchen sich andere GrĂŒppchen, die ihnen das GefĂŒhl von StĂ€rke vermitteln können. Gerade, wenn sie sich wohl schwach fĂŒhlen, scheinen sie ihre StĂ€rke demonstrieren zu mĂŒssen. Kaum sieht man sie trauern, des Öfteren jedoch wĂŒtend werden. Andere jedoch scheinen gelernt zu haben, sich in Konflikten eher zu öffnen denn zu verschließen, und manchmal leiden sie auch darunter. Und doch wirken diese SchĂŒler im Großen und Ganzen glĂŒcklicher als jene, die sich ihre Strategien zurechtlegen, um zu „gewinnen“. Denn fĂŒr jeden Sieg, den der Stratege erlangt, schafft er sich mit dem Besiegten einen Gegner, vielleicht sogar einen Feind, wo er durch Offenheit einen Freund hĂ€tte gewinnen können.

Konstruktives Leiden?

Es ist manchmal eine schwierige Gratwanderung zwischen dieser konstruktiven Offenheit und jener destruktiver, sich alles gefallen zu lassen. Der SchlĂŒssel dazu lautet wohl AuthentizitĂ€t. Authentisches Feedback einem anderen gegenĂŒber wirft die Konsequenzen seines Handelns auf ihn zurĂŒck und nimmt ihn in die Verantwortung. Eine Freundin von mir hat es einmal in etwa so ausgedrĂŒckt: „Ich bin es gewöhnt, dass mir jemand auf einen wĂŒtenden Kommentar einen ebenso wĂŒtenden Kommentar zurĂŒckgibt. Wenn du das nicht machst, ist das gemein von dir, weil dann fĂŒhle ich mich schlecht und will mich bei dir entschuldigen. Wenn du mich nicht zurĂŒck angreifst, muss ich mich fragen, warum ich dich angreife.”

Das bedeutet nicht, dass mir egal ist, was sie tut oder sagt. Aus dem Tai Chi Chuan habe ich gelernt, dass es wichtig ist, stets Kontakt mit dem Anderen zu halten, um seine Energie auf ihn zurĂŒckleiten zu können, und auch in der Kommunikation scheint dies ein Grundgesetz zu sein. Ich setze mir keine Strategie zurecht, dem Gegner zuvorzukommen und ihn zu schlagen, ich nehme Kontakt zu ihm auf und helfe ihm, seine eigene „Energie“ zu verstehen, indem ich darauf eingehe und sie ihm zurĂŒckleite. VerstĂ€ndnis entsteht dort, wo wir fĂŒr ein jedes Yang das passende Yin geben können, das dem Yang als Spiegel zur Selbsterkenntnis dient.

Ich habe in meinem Leben noch keinen einzigen „bösen“ Menschen kennengelernt, wohl aber viele Menschen, die nur wenig Ahnung davon hatten, was sie mit ihren Aussagen und Handlungen fĂŒr Konsequenzen nach sich zogen. Ich habe bisher nur wenige Menschen getroffen, die authentisch genug waren, anderen diese Konsequenzen auch aufzuzeigen, um echtes Lernen zu ermöglichen. Virginia Satir schrieb einst sinngemĂ€ĂŸ in einem Buch ĂŒber Familientherapie, dass ein jeder Mensch in jedem Moment versuche, das fĂŒr alle Beteiligten (die ihm bewusst/wichtig sind) das Beste zu tun, und meiner Erfahrung nach hatte sie durchaus recht damit. Wir mĂŒssen uns also weniger darum kĂŒmmern, dass Menschen einander Gutes tun wollen, als darum, ihnen aufzuzeigen, wie sich ihr Handeln tatsĂ€chlich auf andere Menschen auswirkt, damit sie das Gute, dass sie sich und der Welt tun wollen, auch wirklich so umsetzen können.

Warum Kinder uns doch als Vorbilder brauchen

Wir gehen oft davon aus, dass Kinder erwachsene Vorbilder brauchen, um zu lernen, doch wer ist authentischer als ein kleines Kind, dass sich hemmungslos seinen TrÀnen und seiner Freude hingibt? Kinder brauchen keine Vorbilder, um authentisch zu sein, aber dringend authentische Erwachsene, um auch in den Wirren der menschlichen Entwicklung authentisch bleiben zu können.

An uns Erwachsenen finden Kinder Vorbilder, was es heißt, „erwachsen“ zu sein, entnehmen ihnen den Rahmen des Möglichen und trennen ihn von dem Bereich des „Kindlichen“, von dem sie sich emanzipieren wollen. Je nachdem, welche Erwachsene in ihrer Umgebung vorfinden, werden sie unter „erwachsen werden“ wohl eher das politische Spiel und die Verleugnung der authentischen BedĂŒrfnisse lernen oder den authentischen Umgang mit ihnen. Ich halte es fĂŒr wichtig, dass sie auch die sanfte Macht der Offenheit und ihre Konsequenzen an Erwachsenen beobachten können, dass sie nicht “alternativlos” aufwachsen mĂŒssen.

Ich meine es gut mit dir, ich bin nur manchmal etwas unfÀhig

Ein authentischer Umgang mit den eigenen BedĂŒrfnissen ist nicht gleichbedeutend mit deren sofortigen ErfĂŒllung, solange er auch die BedĂŒrfnisse anderer einbezieht. Dazu benötigen wir zumindest ein Mindestmaß an Empathie, doch auch diese wird wohl durch ein ErspĂŒren der eigenen BedĂŒrfnisse eher gefördert denn gehemmt. Was ich in mir spĂŒre, kann ich auch in anderen nachvollziehen. Viriginia Satir schrieb, Menschen wĂŒrden das tun wollen, was sie glauben, „das fĂŒr alle Beteiligten am besten ist“. Nicht immer erkennen Menschen alle anderen Beteiligten oder sie liegen falsch damit, was jene selbst fĂŒr am besten halten.

Eine Freundin verblĂŒffte mich einst mit der Frage, ob mir eigentlich bewusst wĂ€re, dass nicht alle Menschen denken wĂŒrden, dass alle anderen Menschen es eigentlich gut miteinander meinen wĂŒrden. Ich war damals ziemlich verblĂŒfft darĂŒber, denn fĂŒr mich war es sonnenklar, dass mein Leben um einiges unglĂŒcklicher wĂ€re, wenn ich davon ausgehen wĂŒrde, dass es Menschen, bei denen ich es nicht wirklich wusste, im Zweifelsfall eher schlecht mit mir meinten als gut. Und auch die Erfahrung zeigt mir, dass Menschen, von denen man ausgeht, dass sie gute Menschen sind, sich tendenziell auch so verhalten. Mein Leben wĂ€re wohl unabhĂ€ngig von den tatsĂ€chlichen Handlungen meiner Mitmenschen um einiges unglĂŒcklicher, wenn ich davon ausginge, dass andere Menschen mir böses WĂŒnschen wĂŒrden. Warum also mich selbst unglĂŒcklich machen und anderen, die nichts dafĂŒr können, die Schuld zuschieben?

Alte Geschichten und neue Potentiale

Auch oder gerade in einer freien Schule gibt es nun historisch gewachsene Konflikte, die nie ganz ausgerĂ€umt wurden und zu anhaltenden Verstimmungen gefĂŒhrt haben. Es ist immer wieder interessant fĂŒr mich, wie diese Konflikte dazu fĂŒhren können, dass Menschen untereinander nur noch das voneinander verstehen, was sie glauben, dass der andere sagt, dass sie irgendwann dazu ĂŒbergehen, das Gesagte des Anderen abzuwerten, bevor sie den Sinn des Gesagten ĂŒberhaupt verstanden haben. Und so reden sie aufeinander ein anstatt miteinander und vertiefen einen Konflikt, bei dem es lĂ€ngst nicht mehr um die Sache selbst, sondern nur noch um das Negative, das sie in die andere Person hineininterpretieren, geht. Es ist bezeichnend, dass die Lebensdauer jener destruktiven Konflikte mit dem Alter der beteiligten Personen zuzunehmen scheint.

Und so darf es uns nicht wundern, wenn auch die Kinder, die ihre Konflikte einst unter TrĂ€nen der Wut und manchmal auch der Ergriffenheit oder Freude ausgetragen haben, lernen, ihre tatsĂ€chlichen GefĂŒhle zu verstecken und lernen, ihre Gegnern mit politischem KalkĂŒl zu Fall zu bringen, lernen, die SchĂ€digung des Gegners selbst vor das eigene GlĂŒck zu stellen. Oft können Kinder dann auch die negativen Konsequenzen dieser Handlungsweisen beobachten, aber sie benötigen erwachsene Vorbilder, die aufzeigen, wie es noch gehen kann, wenn sie sich nicht mit einem „Das ist eben so, wenn man erwachsen wird“ abfinden sollen.

Niklas

Heute Morgen um etwa 9:30 musste sie zurĂŒckgekehrt sein. Die zwei Anrufe ihrer Freundin, die sie trotz des lauten Klingeltones ĂŒberhört hatte, schienen einige Minuten vorher auf, doch sie hatte sie nicht wahrgenommen. In der Anderswelt verloren solch alltĂ€gliche Dinge wie ein klingelndes Telefon oft ihre Bedeutung. An jenem glĂŒcklichen Ort verstummten alle Anforderungen, verglomm all der Hass. Es war eine Welt des Friedens, eine Welt, in der –
Das Handy klingelte erneut, doch dieses Mal war es nicht ihre Freundin. Das musste Paula sein, die Leiterin der Backstube. Was wĂŒrde sie wieder nerven, diese Tyrannin! „Hallo?“, sĂ€uselte sie ins Telefon, um die Leiterin nicht unnötig weiter zu verĂ€rgern. „Mir reicht es, Maria!“, fauchte es ihr entgegen. Das war unhöflich. Gerade kam sie aus der Anderswelt zurĂŒck, sie war entsprechend mĂŒde, da musste ihre Leiterin doch verstehen, dass sie –
„Du bist gefeuert!“, schimpfte Paula, und dann hörte sie nur noch einen langgezogenen Ton, der ihr nach einigen fassungslosen Sekunden bereits in den Ohren weh tat.

Maria blickte sich – leicht ĂŒberfordert mit der Situation – in der Wohnung um. Na, dann habe ich wohl endlich die Zeit, hier einmal aufzurĂ€umen, dachte sie bei sich, und setzte sich auf das Sofa vor dem kleinen Tischchen, auf dem sie ihre letzte Reise in die Anderswelt begonnen hatte. Ihre letzte Fahrkarte in die Anderswelt war noch dort verstreut. Gut. Das schenkte fĂŒrs Erste Sicherheit. Was waren nun die nĂ€chsten Schritte? Sie wĂŒrde einen neuen Job brauchen. Diese Fahrkarten waren selbst beim Dealer ihres Vertrauens teuer. Sie beschloss, ihre Freundin zurĂŒckzurufen. Vielleicht hatte die ja einen Job fĂŒr sie.
„Schon wieder?“, hörte sie ihre Freundin erstaunt ausrufen.
„Ja, aber die Leiterin war ohnehin eine blöde Kuh.“, meinte Maria achselzuckend.
„Ok, ich werde sehen, was sich machen lĂ€sst.“

Nun ging sie ins Badezimmer. Gut, dass sie heute nicht arbeiten musste. Das Haar fiel ihr in wĂŒsten StrĂ€hnen ins Gesicht. Sie war verschwitzt von der Reise. Vermutlich war es gut, dass ihre Nase derart geschwollen war, dass sie kaum mehr etwas riechen konnte. Doch als sie in die Dusche trat, kam kein Wasser. Was fĂŒr ein Tag! Sie wĂŒrde sich bei der Vermieterin beschweren. Doch in diesem Zustand? In der KĂŒche befand sich noch ein Glas Wasser fĂŒr alle FĂ€lle, mit dem reinigte sie sich notdĂŒrftig, bevor sie an die TĂŒr der Vermieterin klopfte. Mit gemĂ€chlichen Schritt schlurfte diese zur TĂŒr und öffnete.
„Ich habe kein Wasser!“, fuhr Maria sie an.
„Sie haben Wasser, wenn Sie die Miete bezahlen, Maria.“, gab die Vermieterin ungerĂŒhrt zurĂŒck. „Was zur Hölle haben Sie ĂŒberhaupt gestern Nacht wieder angestellt? All dieser verdammte LĂ€rm –
Herrgott noch mal, Maria! Haben Sie denn jetzt völlig den Verstand verloren?“
Nur unfreundliche Menschen ĂŒberall. Welch verdammte Welt! Da wollte man sich nur ĂŒber das Fehlen von Wasser beschweren und wurde sogleich aufs Übelste beschimpft.
„Sie gehören ja in eine Anstalt! Oder ins GefĂ€ngnis! Aber sicher nicht in meine Wohnung! Packen Sie ihre Sachen und verschwinden Sie! Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde, dann rufe ich die Polizei. Und nun machen Sie, dass Sie davonkommen!“
Die zufallende TĂŒr erwischte ihre ohnehin schon schmerzende Nase schmerzlich. Na dann, dachte sie bei sich, damit hat sich meine Frage wohl erledigt, was die Menschen dazu bewegt, in dieser Welt leben zu wollen. Sie sind einfach alle zu blöde. Ich gehe zurĂŒck in die Anderswelt. Da ist man zumindest noch freundlich zueinander.

Die Polizei ließ sich Zeit, aufzutauchen, denn sie hatten genug Erfahrung mit SĂŒchtigen, um zu wissen, dass Eile im Regelfall nicht nötig war. Sie fanden die Frau, die unter anderen UmstĂ€nden durchaus attraktiv gewesen wĂ€re, nackt in der Badewanne ihrer Wohnung liegen. Ein wenig Sabber, der ihr aus den Mundwinkeln ĂŒber die Schultern floss, half nicht, den bestialischen Gestank zu vertreiben, der von ihr ausging. Sie musste sich wohl einige Tage nicht gewaschen haben. Nichts davon schien sie jedoch wahrzunehmen. Sie hatte sich wohl endgĂŒltig weggeschossen, dachten die Polizisten. Wie alt sie wohl gewesen war? Was diese Frau in ihren besten Jahren der Welt wohl noch hĂ€tte geben können? „Warum?“, entglitt es einem der Polizisten.
Doch aus der Anderswelt dringen keine Antworten in die unsere.

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Er war bis zu jenem Tag kein sonderlich auffĂ€lliger Bursche gewesen. Andere ein wenig zu schubsen oder ihnen ihre Sachen wegzunehmen, um sie zu einer Verfolgungsjagd quer durch die Schule aufzufordern, das konnte er schon nachvollziehen, aber Gewalt als solche hatte er stets abgelehnt. Das war etwas fĂŒr Vollidioten gewesen, die sich nicht anders zu helfen wussten. Bis zu jenem verhĂ€ngnisvollen Tag.

Markus hatte ihm die MĂŒtze weggenommen, er hatte ihn quer durchs SchulgelĂ€nde verfolgt und sie hatten einen Heidenspaß dabei gehabt. Irgendwann jedoch, als ihm die Puste ausgegangen war, hatte es ihm gereicht, und er wollte seine MĂŒtze zurĂŒck haben, schließlich war der Herbst im Kommen und es wurde langsam kĂ€lter. Jedermann hier an der Schule wusste, dass es einen Punkt gab, an dem es reichte, und dass es zum guten Ton gehörte, an diesem Punkt das Spiel zu beenden. Was den anderen dazu geritten hatte, trotzdem weiterzumachen, wusste er bis heute nicht. Aber er wusste, dass er genug hatte, dass ihm trotz der Verfolgungsjagd langsam kalt wurde und er die MĂŒtze, die rechtmĂ€ĂŸig ihm gehörte, nun endlich wiederhaben wollte. Der Spaß war vorbei, es ging nicht mehr ums Spielen, ums KrĂ€ftemessen. Es ging darum, wem die MĂŒtze rechtmĂ€ĂŸig gehörte, und der Fall war eigentlich klar gewesen. Doch Markus wollte noch nicht aufgeben. Von dem, was danach geschah, wusste er nur noch BruchstĂŒcke.

Irgendwo tief in ihm war eine entsetzliche Flamme aufgelodert, die ihn brannte, die ihn Ă€ngstigte, die ihm flĂŒsterte, dass sein Recht hier mit FĂŒĂŸen getreten wurde und dass es nur einen Weg gab, das Recht wiederherzustellen: es selbst in die Hand zu nehmen. Nicht zu warten, bis einer der Erwachsenen zu Hilfe kam, um den Streit beilegen zu können, nein! In diesem entsetzlichen Moment war der Andere kein MitschĂŒler mehr, der sich einen Streich erlaubt und eine Grenze ĂŒbersehen hatte. Nein, in diesem Moment hatte er gefĂŒhlt, dass Markus nach anderen Regeln spielte, sich an andere Gesetze hielt als er selbst, und sich ihm ĂŒberlegen fĂŒhlte, gerade weil er sich nicht daran hielt. Warum sollte er sich Markus gegenĂŒber zurĂŒckhalten? Und dann, als ihm
dieser Gedanke kam, war eine letzte Sicherung, die ihn noch zurĂŒckgehalten hatte, durchgebrannt.

Markus musste die VerĂ€nderung in seinem Blick bemerkt haben, denn in dem Sekundenbruchteil, indem er sich auf ihn stĂŒrzte, warf er die MĂŒtze weit von sich, als wollte er damit sagen, dass es vorbei war. Doch es ging in diesem Moment nicht mehr um die MĂŒtze, sondern um die Wiederherstellung von Recht und Ordnung, notfalls mit Gewalt, wie sein Großvater zu sagen pflegte. Und all die jahrelang unterdrĂŒckte Wut seines Lebens, die er stets zurĂŒckgehalten hatte, entlud sich in diesem einen Schlag, diesem einzigen Mal, indem er die Kontrolle verloren hatte. Dem Schlag, der Markus das Kiefer brach, ihn gegen die Wand schleuderte und dort bewusstlos zusammensacken ließ, der ihm ein TriumpfgebrĂŒll entlockte, das jenem eines Tieres Ă€hnelte. Bevor er realisierte, dass sich sein MitschĂŒler nicht mehr rĂŒhrte und ihm klar wurde, dass er soeben einen Menschen niedergestreckt, schwer verletzt oder sogar getötet hatte.

Als Markus Wochen spĂ€ter wieder in der Schule erschien, wirkte er von den Erlebnissen gezeichnet, war still geworden und mied es, andere anzusprechen. Auch dem Mörder, wie er mittlerweile hinter vorgehaltener Hand von den anderen Kindern genannt wurde, war es nicht viel besser ergangen. Sie hatten Angst vor ihm, all die anderen Kinder, Angst vor einem weiteren Wutausbruch. Das war keine Rangelei gewesen, bei der der Sieger an Respekt gewann, es war ein Kampf ohne Regeln gewesen. Wie seltsam die Welt doch war! Er hatte doch gesiegt –
oder doch verloren?

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Es war exakt 7:38, als er sich zum ersten Mal an diesem Mittwoch Ă€rgerte. DarĂŒber, dass er 22 Minuten vor der regulĂ€ren Öffnungszeit des Supermarktes gekommen und nun zum Warten verdammt war. Demonstrativ stellte er sich vor die EingangstĂŒr. Vielleicht wĂŒrden die Mitarbeiter ja schon frĂŒher kommen und fĂŒr einen armen alten Mann auch frĂŒher aufsperren? Doch ein Blick durch die Glasscheibe ĂŒberzeugte ihn davon, dass tatsĂ€chlich noch niemand eingetroffen war. Mit der Zeit versammelte sich vor dem Supermarkt ein ganzer Haufen an ĂŒbermotivierten EinkĂ€ufern, um in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden ihre Nasen an den Glasscheiben plattzudrĂŒcken, wĂ€hrend sie hineinspĂ€hten.

Bei den EinkaufswĂ€gen hatte sich in der Zwischenzeit ein Ă€lterer schwarzer Herr platziert und einige seiner Kupfermucken aus seiner Tasche geholt. Ein unbeteiligter Beobachter wĂŒrde möglicherweise annehmen, dass sein Angebot der Straßenzeitung Obdachloser in einer solchen Wartesituation wohl regen Zulauf finden wĂŒrde, doch nahmen ihn die EinkaufswĂŒtigen kaum wahr. Sein freundliches „GrĂŒĂŸ Gott!“ verhallte ungehört, kaum wurde zurĂŒckgegrĂŒĂŸt. Denn jede Minute konnte nun der Supermarkt aufsperren – keine Zeit zu verlieren.

Nun waren bereits die ersten menschlichen Gestalten innerhalb des Supermarktes gesichtet worden, die noch letzte Vorbereitungen vor der Öffnung der EingangstĂŒr durchfĂŒhrten. NatĂŒrlich war dies wiederum ein Grund fĂŒr die Wartenden, sich fĂŒrchterlich aufzuregen. War es denn zu viel verlangt, dass die Mitarbeiter, die ohnehin schon anwesend waren, die paar Minuten frĂŒher aufsperrten? Die Regale konnten sie immer noch auffĂŒllen, wenn die ersten gestressten Kunden schon durch die GĂ€nge wuselten.

Um Punkt 8 Uhr, als die EingangstĂŒr fĂŒr die wartenden Massen freigegeben wurde, drĂ€ngten sich 14 Menschen in den Supermarkt, was beinahe in einer Massenkarambolage endete, weil die TĂŒr eben nicht fĂŒr eine parallele Durchwanderung gleich zweier Einkaufswagen ausgelegt war. Knapp 10 Minuten spĂ€ter war der erste Spuk bereits wieder vorbei, die KofferrĂ€ume und RĂ€der ĂŒberfĂŒllt mit den Waren des tĂ€glichen Gebrauchs.

Ein Ă€lterer Mann, den der Kupfermucken-VerkĂ€ufer bereits um 20 vor 8 eintrudeln hatte sehen, hastete mit seinem Fahrrad in Richtung Straßenverkehr, wĂ€hrend er noch mit jemanden telefonierte und aufgrund des zusĂ€tzlichen Gewichts seines Einkaufes dabei beinahe vom Rad kippte. Die GesprĂ€chsfetzen, die der VerkĂ€ufer hörte, sagten ihm aufgrund seiner noch kaum vorhandenen Deutsch-Kenntnisse nur wenig. Doch er hatte bereits genug grantelnde Österreicher gesehen, um zu wissen, dass sich derselbe Mann, der sich erst knappe 20 Minuten lang darĂŒber aufgeregt hatte, vor dem Supermarkt warten zu mĂŒssen, wohl nun darĂŒber aufregte, dass er nie die Zeit fĂ€nde, sich einmal zu entspannen. Und abends, wĂ€hrend er den Mitarbeitern des Supermarkts zusah, wie sie – wie jeden Tag – die NasenabdrĂŒcke vom Morgen von den Scheiben putzten, fragte er sich, ob die Menschheit wohl tatsĂ€chlich lernfĂ€hig war.

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