Hallo, kleine Pflanze, die du da so unverschÀmt aus der Ritze lachst.
Hast du dich, als Same noch, gefragt, wo du wohl landen wirst auf deiner Reise? Ob du Raum haben wirst, dich zu entfalten, ob die NĂ€hrstoffe reichen werden, die Versorgung mit dem lebenswichtigen Wasser?
Oder hast du, todesmutig, es einfach darauf ankommen lassen? Hast dich der Welt anvertraut, in dem Glauben, der Hoffnung, dass es gut sei, wie es eben sei?
Da sind kleine Wassertröpfchen auf dir, kleine Pflanze, die glitzern in der schwĂ€cher werdenden Herbstsonne. Nascht du von ihrem kĂŒhlenden Nass, wie es dir am besten bekommt, oder rationierst du deinen kostbaren Besitz bis zum nĂ€chsten Regenschauer?
Da sind sanfte Winde, in denen du dich wiegst, als wÀre dir deine Position im Leben relativ egal, solange du nur fest verwurzelt bist.
Deine Farben entsprechen so gar nicht jenen deiner BrĂŒder rund um dich, doch das scheint dich nicht groß zu kĂŒmmern. Du wĂ€chst in der Nische, die du dir gefunden hast. Und dort, am Kreuzungspunkt, an dem du dich befindest, bist du Königin.

Weißt du denn, dass wir Menschen die Angewohnheit haben, Emporkömmlinge wie dich nicht allzu lange zwischen der strengen Ordnung unserer Bauten zu dulden? Dass deine bloße Existenz von vielen von uns als Störung dieser uns so heiligen Ordnung wahrgenommen, kaum ertragen werden kann? Dass schon dadurch, nicht nur durch die Tatsache des herannahenden Winters, deine Tage gezĂ€hlt sein werden, auch wenn ich selbst deine erhabene Schönheit anerkenne?
Weißt du, dass du sterben wirst, und dass deine Entscheidungen jenen Zeitpunkt beeinflussen könnten? KĂŒmmert es dich? Und falls nein, kannst du mich lehren, mir ebenso wenig darum Gedanken zu machen?

Denn einst war ich jung, dir Ă€hnlich, meiner Intuition folgend König meiner eigenen Nische. Dann wurde ich entwurzelt, umgepflanzt. In eine Umgebung, die mich lehrte, aus der Vergangenheit mögliche Zukunft abzuleiten, um zu ĂŒberleben. Ich ĂŒberlebte, aber etwas Wichtiges ging mir verloren. Nun, selbst unter anderen, freundlicheren Bedingungen, finde ich nicht mehr zurĂŒck in mein kindliches Urvertrauen. Muss, wie ich nach einigen gescheiterten Versuchen des ZurĂŒckkehrens anerkennen lernte, voranschreiten statt zurĂŒckschauen. Nun, verĂ€ndert, wieder neu vertrauen lernen, mit jeder möglichen Zukunft umgehen zu können, statt aus Erfahrung zu wissen, was die Zukunft bringen wird, und versuchen, sie in meinem Sinne zu beeinflussen.

Ich bin wenig bewandert in Pflanzenkunde, aber es sieht so aus, als ob du kaum je grĂ¶ĂŸer als ein kleines Buch werden wirst. Und doch strahlst du jene sonderbare GrĂ¶ĂŸe aus, die diejenigen zu umgeben pflegt, die in dem ihren Raum ErfĂŒllung finden.

Nun ist ein MarienkĂ€fer herangeflogen, und hat es sich an der Wand gemĂŒtlich gemacht. Er gehört uns nicht, und doch gehört er irgendwie zu uns, nun, da wir ihn entdeckt, anerkannt haben. Er wird nicht bleiben, die Begegnung wird flĂŒchtig sein, und doch hat seine Anwesenheit mich im Jetzt berĂŒhrt. Mich nĂ€her an den Ursprung zurĂŒckgebracht, von dem ich mich oft schon zu weit entfernt glaubte, um zurĂŒckkehren zu können. Hier, mit meinem Körper, habe ich ihn entdeckt. Jetzt, in diesem Moment, ist er hier, und ich mit ihm, bin mit ihm in einer kurzen, flĂŒchtigen Beziehung.

Es wird schwieriger, diese Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten, je Ă€lter und damit gewissermaßen auch vermeintlich „wissender“ ich werde. Je mehr ich glaube zu wissen, desto schwieriger wird es, sich auf die Unbestimmtheit einzulassen, die authentisch neue Erfahrung gebiert. Man will ja immer alles schon gewusst haben. Schließlich ist man ja nun erwachsen. Da ist es ein bisschen peinlich, sich auf etwas einzulassen, dessen Ausgang man nicht vorhersehen kann. Man könnte sich ja zum Affen machen dabei. Hat sowas wie einen Ruf zu verlieren.

Ja, kleine Pflanze, du hast durchaus Recht: ich rede hier völligen Schwachsinn. Leider ist dieser Schwachsinn durchaus real, und wird gewissermaßen von uns erwartet. Hier bei uns Menschen wird man gefeiert und bewundert, wenn man immer die Kontrolle behĂ€lt. Wer sich in unkontrollierte, unvorhersehbare Situationen begibt, der handelt dann „unverantwortlich“. NatĂŒrlich, wenn man alles gut ĂŒbersteht, hat man danach gute Geschichten zu erzĂ€hlen, dann wird man auch wieder bewundert, und hat plötzlich wieder ziemlich viele Freunde. Aber der Weg dorthin ist ein einsamer. Und wir Menschen, wir ertragen die Einsamkeit nicht sehr lange.

Du kannst uns eine reinhauen, du kannst uns hungern lassen, wir mögen vieles nicht. Aber was wir auf Dauer ĂŒberhaupt nicht vertragen, ist die Einsamkeit. Mir machen die absurdesten Dinge, nur um uns nicht einsam fĂŒhlen zu mĂŒssen. Und weil sich das eben so durchgesetzt hat hier bei uns, versuchen die meisten von uns dann auch noch, andere dazu zu bringen, sich mit uns zu beschĂ€ftigen. Weil wir diese absurde Angst haben, dass die es niemals von sich aus tun wĂŒrden, so dass wir sie eben „fremdsteuern“ mĂŒssen. Wir haben sogar VertrĂ€ge erfunden dafĂŒr! Obwohl man glauben könnte, wenn ich dich, kleine Pflanze, einfach durch dein Da-Sein als wundervoll und wertvoll empfinden kann, sollten wir Menschen es doch auch bei anderen Menschen zusammenbringen.

TatsĂ€chlich können wir das auch ganz gut, zumindest einige von uns. Aber dann haben wir doch Angst, dass es vielleicht nur im Moment so ist, und was ist dann mit morgen? Da brauchen wir ja auch Liebe und Anerkennung! Darum lieber vorsorgen, schauen, wie wir sicherstellen können, dass es auch morgen so weitergehen wird. „GlĂŒcklich bis zum Ende aller Tage“ nennen wir das dann. Ja, natĂŒrlich ist das in etwa so unsinnig, wie sich ein ganzes Jahr lang nur Sonnenschein oder nur Regen zu wĂŒnschen, das ist weder wachstumsfördernd noch besonders interessant. Aber wir machen das trotzdem so. Ich habs ja auch probiert. Wenn es alle machen, hab ich mir gedacht: wĂ€r ja seltsam, wenn das nicht zumindest ein bisschen sinnvoll wĂ€r. Können ja nicht alle deppert sein.

Nur leider, kleine Pflanze, war ich dadurch nur noch ziemlich selten „da“. Ich war stĂ€ndig irgendwo in der Vergangenheit, um zu lernen, die Zukunft besser einschĂ€tzen und damit steuern zu können. In der Zukunft, um da entsprechend die FĂ€den zu ziehen. Oder im Geiste irgendwo, wo ich mal war oder noch hinkommen wollte. „Da“, also im Hier und Jetzt, war ich mit der Zeit immer seltener. Das fiel mir  nicht einmal groß auf, weil auch alle anderen kaum je „da“ waren. Das war nicht nur „normal“, das war sogar gewissermaßen angesehen, ein untrĂŒgliches Zeichen fĂŒr Wichtigkeit. Und da Ansehen, Gesehen werden und geliebt werden sich schon ein bisschen Ă€hnlich anfĂŒhlen, erschien es fĂŒr eine Weile durchaus sinnvoll, da mitzumachen.

Tja, kleine Pflanze, und nun sitze ich da vor dir, und denk mir, das ist eine der schönsten Begegnungen der letzten Monate. Hab dich ja schon öfter gesehen und mir gedacht, dass du irgendwie etwas Besonderes bist. Aber wer selten „da“ ist, hat auch kaum je Zeit dafĂŒr, jemanden wie dich kennenzulernen. Der muss dann eben auch nehmen, was kommt und in dem engen Zeitkorsett, das ĂŒbrig bleibt, Platz findet. Was sich auch langfristig gut in den Zeitplan einordnen lĂ€sst. Was nicht passt, wird entweder passend gemacht, oder eben verworfen. Langfristig denken, sich etwas aufbauen und so, du weißt schon. Oder vielleicht auch nicht? Vielleicht ist das dein Geheimnis?

Gestern, kleine Pflanze, hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war Beisitzer bei einer politischen Besprechung, und plötzlich meinte einer der eigentlichen Akteure, er wolle mit mir Platz tauschen. Ich sei geeigneter als er, in dieser Position zu sein. Anfangs zögerte ich: wer war ich schon, reale Macht auszuĂŒben, was waren meine Ansichten schon wert? Aber selbst die Politiker der anderen Fraktionen ermunterten mich. Mit mir wĂŒrden sie gerne zusammenarbeiten wollen. Also setzte ich mich auf den mir angebotenen Platz. Und mit einem Mal konnte ich fĂŒhlen, wie richtig es war, auf jenem Platz angekommen zu sein. Hier war der Raum, den auszufĂŒllen mir bestimmt war. Als ich nach dem Aufwachen einer Freundin davon erzĂ€hlte, meinte sie, ich wĂŒrde nun endlich aufhören, im Publikum meines eigenen Lebens zu sitzen, und lernen, mich selbst ins rechte Licht zu rĂŒcken.

Was wĂŒrde ich Ă€ndern wollen, nun, da ich symbolisch „an die Macht gekommen war“? Nun, vielleicht wĂŒrde ich die fatale Idee hinterfragen und ein bisschen aufweichen wollen, dass man die Zukunft aus der Vergangenheit abzuleiten vermochte. Ein bisschen mehr Spielraum gewĂ€hren, Entscheidungen ergebnisoffen zu treffen, selbst wenn sich diese im Nachhinein als Fehler herausstellen sollten. Die Zeit schenken, dieses Nachhinein auch abwarten zu können, bevor der Begriff „Fehler“ ĂŒberhaupt verwendet wird. Und die Entscheidung darĂŒber, was richtig und was falsch gewesen sei, dort, wo es nicht anderweitig zwingend notwendig ist, bei den jeweils Betroffenen zu belassen, anstatt aus allem einen Staatsakt zu machen.

WĂ€re das eine Welt, in der du gerne leben wĂŒrdest, kleine Pflanze? Ich vermute, dir wird die Welt der Menschen ein StĂŒck weit egal sein. Du bist besser darin als wir, einfach drauf los zu leben und die Konsequenzen deiner Handlungen stillschweigend zu ertragen. Aber vielleicht
 und nur vielleicht
 wĂŒrdest du dann hier in deiner Ritze auch lĂ€nger weiterleben dĂŒrfen und nicht ausgerupft werden. Denn auch wenn du die Ordnung der Fliesen auf dieser Terrasse stören magst, und schon gar nicht eingeplant warst, als diese Terrasse gebaut wurde:

So, wie du bist, bist du wunderschön.

Im hier.
Im Jetzt angekommen.
Kann ich endlich wieder fĂŒhlen:
Ich bin es auch.

Denjenigen die meine Blogs öfter gelesen haben wird aufgefallen sein, dass ich nun bereits seit Monaten nichts mehr veröffentlicht habe. Das hatte einerseits mit einer mehrwöchigen Interrail-Reise im Sommer zu tun bei der der Laptop zuhause blieb, andererseits aber auch mit einem Gedanken, der die letzten Monate immer mehr Formen annimmt. UrsprĂŒnglich war es mein Plan, erst mit dem Endergebnis dieses Gedankens an die Öffentlichkeit zu treten – deshalb auch die lĂ€ngere Unterbrechung der Veröffentlichungen. Mittlerweile ist mir jedoch klar geworden, dass es a) wohl noch einige Wochen bis Monate dauern wird bis ich soweit bin und b) eigentlich schlauer ist, euch alle in mein Vorhaben einzubeziehen. Immerhin habt ihr – wenn alles gut geht – auch einen wichtigen Anteil an meinem Vorhaben.

Diejenigen die mich besser kennen wissen, dass ich seit mittlerweile gut 2,5 Jahren eine Frau liebe, die ursprĂŒnglich etwa 1000km von mir entfernt wohnte und mittlerweile nur noch ca. 400km, was bei gutem Verkehr eine 4-stĂŒndige Fahrt in eine Richtung alleine nach sich zieht. Sich da spontan und nach Lust und Laune zu sehen ist nur selten möglich. Da wir beide uns in unserer jeweiligen grĂ¶ĂŸeren Wohnumgebung trotz oder vielleicht auch gerade aufgrund unserer lĂ€ngeren Auslandsaufenthalte verwurzelt fĂŒhlen, ist ein Zueinander-Ziehen und an einem bestimmten Ort ein gemeinsames Leben aufzubauen auch keine vollends befriedigende Lösung. WĂŒrde beispielsweise ich zu ihr ziehen, wĂŒrde ich zwar sie regelmĂ€ĂŸig sehen können, hĂ€tte dadurch das Problem jedoch nur auf meine Beziehung mit Familienmitgliedern und Freunden hier verlagert.

Irgendwann vor einigen Monaten wachte ich dann morgens auf und hatte das tatsĂ€chliche Problem erkannt. UrsprĂŒnglich dachte ich, es lĂ€ge an der Distanz selbst, aber das war eine Illusion gewesen. Das tatsĂ€chliche Problem war in meinem ArbeitsverhĂ€ltnis zu finden, obwohl es eines der besten ist in dem ich je gearbeitet habe: die Bezahlung ist in Ordnung, ich habe (fast) jeden Freitag frei, (fast) Schulferienzeiten, ich befinde mich in einer Leitungsposition die mir sehr entspricht und in der ich fast alles was ich fĂŒr richtig halte auch tatsĂ€chlich entscheiden kann – und zwischen mir und meiner Vorgesetzten herrscht beidseitiger großer Respekt. Es ist zugegebenermaßen eine Art Jammern auf hohem Niveau, wie man hier in Österreich gerne sagt. Und doch habe ich nach langem Nachsinnen drei Problematiken identifiziert, die ich innerhalb dieses ArbeitsverhĂ€ltnisses nicht lösen kann:

  • Meine Arbeit ist ortsabhĂ€ngig.
  • Ich werde nach Stunden bezahlt
  • Mein Aufgabenbereich entspricht nur zum Teil dem was ich am besten kann

Das Problem der OrtsabhÀngigkeit der Arbeit

Ich kann zu einer bestimmten Zeit jeweils nur an einem bestimmten Ort sein. Befinde ich mich in einem ArbeitsverhĂ€ltnis, in dem ich jeweils zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten sein muss, so werden Wegstrecken und vor allem Wegzeiten relevant. Wenn ich einen Monat in Kiel bleiben werde, sind mir die 1000km Strecke dorthin relativ egal. Wenn ich aber weiß, dass ich frĂŒhestens Donnerstagsabend wegfahren kann und Montag frĂŒh wieder hier sein muss, dann sind 1000km Wegstrecke (oder auch nur 400km) ein massives Problem.

Die Lösung dafĂŒr ist, zumindest einen Teil meiner Arbeit ortsunabhĂ€ngig erledigen oder anders gruppieren zu können. Wenn ich die gleiche Arbeitszeit wie jetzt anstatt in wöchentlichen Blöcken von Mo-Do anders gruppieren könnte (etwa mehrere Wochen durchgehend, dafĂŒr dann mehrere Tage hintereinander frei). Dies ist derzeit (wie in den meisten ArbeitsverhĂ€ltnissen) nicht oder nur sehr eingeschrĂ€nkt möglich.

Das Problem der Bezahlung nach Stunden

Da aus meiner persönlichen Sicht der grĂ¶ĂŸte Wert den ich in meiner Arbeit bringe eine Art Klarheit bzw. Erkenntnisgewinn ist, der soziale Strukturen und den Umgang ihrer Akteure miteinander „entschlackt“, kommt es rasch vor, dass ich zwar zu Beginn meiner Arbeit tatsĂ€chlich eine gewisse Stundenanzahl brauche, mit der Zeit jedoch (aufgrund der umgesetzten sinnvollen VerĂ€nderungen) immer weniger Energie und Zeit einsetzen muss. Was in der Vergangenheit schon zu so skurrilen Situationen gefĂŒhrt hat, dass ich zu ehrlich war mehr Stunden zu schreiben als ich tatsĂ€chlich gebraucht hatte, und dann mehrere Hundert Euro zurĂŒckzahlen musste, weil ich ja zu wenig gearbeitet hĂ€tte – obwohl das Ergebnis meiner Arbeit das derjenigen die “mehr” gearbeitet hatten bei weitem ĂŒbertraf.

Ähnlich wie ich es fĂŒr ein StĂŒck weit absurd halte es fĂŒr wichtiger zu befinden dass ein SchĂŒler eine bestimmte Zeit lang lernt als dass er nachweislich etwas gelernt hat, entspricht mir die Bezahlung nach Stunden schlicht nicht. Ich arbeite auf Ergebnisse hin, nicht darauf nachweisen zu können, dass ich dafĂŒr so und so viele Stunden gebraucht habe. FĂŒr mich ist es positiv, wenn ich diese Lösung in einer Stunde statt in zehn gefunden habe. Werde ich nach Stunden bezahlt, ist es jedoch strukturell betrachtet fĂŒr mich eher ein Nachteil, effizienter zu sein.

Eine weitere Problematik in der Bezahlung nach Stunden liegt fĂŒr mich auch darin, dass ich den Großteil meiner wirklich produktiven Erkenntnisse nicht (nur) dann habe, wenn ich arbeite. Die notwendige Klarheit fĂŒr funktionierende Lösungen kommt teilweise beim Spazieren, in GesprĂ€chen mit Freunden und Bekannten, teilweise natĂŒrlich auch in der Arbeit selbst. Ich kann schlecht alles das als Arbeitszeit schreiben, weil ich ja nicht jeweils kontinuierlich herumlaufe und mich an einem Problem „abmĂŒhe“ (wiederum die Perspektive Arbeit=BemĂŒhen anstatt Arbeit=Prozess um Ergebnis zu erreichen).

Die Lösung liegt fĂŒr mich daher auf der Hand: ich brauche mittelfristig eine Form der Arbeit, die eben nicht nach Stunden bezahlt wird, sondern nach Ergebnissen.

Das Problem der Entsprechung zwischen FĂ€higkeiten und Aufgabenbereich

Den Großteil der letzten mittlerweile fast zehn Jahre verbrachte ich damit, Lehrer werden zu wollen. Die Ausbildung zum Volksschullehrer wĂ€hlte ich eigentlich nur deswegen, weil ich davon ausging, als Klassenlehrer grĂ¶ĂŸere EntscheidungsspielrĂ€ume in der Gestaltung der Lernumgebungen zu haben als etwa als Fachlehrer in der NMS oder Oberstufe. Ich fing an ĂŒber meine Erfahrungen zu schreiben, anfangs zu verschiedensten Themen, spĂ€ter in Trennung von pĂ€dagogischeren Themen (Bunterrichten) und dem Rest (Barfuss-Geschichten). Bis ich tatsĂ€chlich an Schulen arbeitete, dachte ich, ich wĂŒrde fĂŒr Schulen schreiben. Nach einigen schmerzvollen Erfahrungen musste ich feststellen, dass Lehrer, Direktoren usw. meist gar nicht den Gestaltungsspielraum vorfinden, die Erkenntnisse ĂŒber die ich geschrieben habe anzuwenden, weil sie Teil eines viel zu großen Systems sind, das VerĂ€nderung (auch wenn sie sinnvoll sein mag) aufgrund seiner GrĂ¶ĂŸe fast unmöglich macht. Jeder hat vor irgendjemandem in der Hierarchie ĂŒber einem Angst und traut sich nur wenig, und seltsamerweise sind diejenigen ganz an der Spitze wiederum so weit von der Basis entfernt, dass auch diese wieder vor jener Angst haben.

Sich zu trauen etwas anders zu denken, darĂŒber zu sprechen oder sogar etwas Neues auszuprobieren braucht entweder eine gehörige Portion Mut oder/und Ignoranz bezĂŒglich möglicher Verwicklungen, und mit beidem war und bin ich glĂŒcklicherweise gesegnet. Vielleicht passt das entgegen monoton wiederholten Forderungen nach mehr Innovation und „Schulen im Aufbruch“ etc. nicht unbedingt in unser Schulsystem, beim dritten Mal gegen eine Wand rennen habe ich das dann auch verstanden, danke. Doch durch all den Schmerz der mit so einem Prozess verbunden ist habe ich glĂŒcklicherweise auch einige sehr wertvolle Erkenntnisse gewonnen.

Einer der wertvollsten: Was ich mache, funktioniert tatsĂ€chlich. Immer wieder, egal wo ich es mache. Was ich mache, ist jedoch nicht die Arbeit eines VS-Lehrers, eines NMS-Lehrers oder eines sonstigen definierten Lehrers, der ein vorgegebenes Stoffgebiet den Unwissenden möglichst nachhaltig beibringt. Stattdessen baue ich Strukturen, die Entwicklung anregen oder zumindest nicht im Wege stehen, und greife selbst nur dort ein, wo es notwendig scheint. Mir ging es nie um bestimmte Stoffgebiete (auch wenn die als Nebeneffekt meist sehr effektiv erlernt wurden), sondern darum, RĂ€tsel zu lösen, die ich in sozialen Strukturen entdecke. Deswegen fĂŒhle ich mich gerade als Standort-Leiter der Einrichtung fĂŒr die ich arbeite so wohl – ich kann Strukturen, die keinen Sinn ergeben, tatsĂ€chlich beeinflussen, und bin ihnen nicht machtlos ausgeliefert. Da ich nun zum ersten Mal auch andere Erwachsene fĂŒhre und nicht nur Kinder/Jugendliche, kann ich mit gewisser Gewissheit sagen, dass das was ich mache auch mit Erwachsenen zu funktionieren scheint – und fĂŒr mich fast noch interessanter ist als es mit Kindern/Jugendlichen zu machen.

Es gibt als Lehrer zahlreiche Aufgabengebiete, die mir schlicht nicht sonderlich entsprechen, weil sie mich zum grĂ¶ĂŸten Teil langweilen und fĂŒr meine Arbeit keinen Mehrwert ergeben: Vorbereitungen nach bestimmten vorgegebenen Strukturen schreiben etwa, oder bestimmte vorgegebenen ArbeitsablĂ€ufe nĂŒtzen zu mĂŒssen, die weder mir noch den SchĂŒlern entsprechen. Inhalte vermitteln, die bevor man davon sprach niemanden interessierten. Es gibt Lehrer, die können etwa das Thema HerbstblĂ€tter unglaublich spannend und kindgerecht aufbereiten – da kann ich schon insofern nicht mithalten, weil es mich im Grunde auch gar nicht so interessiert, so etwas zu machen. In meiner jetzigen Rolle, die wohl umgelegt auf eine Schule in etwa der eines Schulleiters entspricht, gibt es ebenso einige Aufgaben, die ich zwar erledige weil sie zu meinem Aufgabenbereich gehören, die jedoch jemand anderer wohl bei weitem effizienter und auch qualitativ hochwertiger erledigen könnte.

Was meine Arbeit idealerweise sein sollte

Und dann, vor einigen Wochen, ist mir zum ersten Mal sehr klar bewusst geworden, dass ich ĂŒber die letzten Jahre mehr oder weniger ungeplant eine FĂ€higkeit entwickelt habe, die in dieser AusprĂ€gung sehr selten und damit auch wertvoll ist: ich finde die Hebel in sozialen Systemen. Ich bin wahrscheinlich nicht der beste darin, etwa ein bestimmtes Stoffgebiet in Deutsch so aufzubereiten, dass mein Vortrag oder meine Einheit 10/10 Punkten bekommen wĂŒrde, aber ich bin ziemlich gut darin rauszufinden, ob so eine Einheit von mir der effizienteste Weg fĂŒr die SchĂŒler ist die Entwicklung durchzumachen, die das erklĂ€rte Ziel der Einheit sein hĂ€tte sollen bzw. wie ein soziales System gestaltet werden könnte, das die Entwicklung der SchĂŒler noch viel reichhaltiger fördert.

UrsprĂŒnglich wurde mir dann klar, dass der Großteil meiner Erfahrungen im Finden dieser „Hebel“ im Grunde auf alle sozialen Systeme anwendbar ist, was mich dann rasch auf den Begriff „Unternehmensberater“ brachte. Aber abgesehen davon dass ich kein großer Fan von AnzĂŒgen bin – die dabei offenbar ein Muss darstellen – geht die FĂ€higkeit um die es mir geht ĂŒber das Feld der Unternehmen weit hinaus. Wiederum: ich habe zu wenige Vorerfahrungen im Wirtschaftsleben um etwa eine Unternehmensfusionierung sinnvoll anleiten zu können. Aber ich finde die Hebel. Sei es in meiner aktuellen Arbeit, sei es in all den Arbeitsstellen in denen ich bisher war, in GesprĂ€chen mit Freunden und Bekannten bezĂŒglich derer Arbeit, Familiensituationen, Beziehungsleben. Diese Hebel und ihre Konsequenzen klar zu sehen ist nicht immer so erwĂŒnscht, wie sich manche Menschen gerne schönreden, denn wer ein soziales System klar sehen kann, sieht auch klar seine Verantwortung und Möglichkeiten darin. Weshalb ich auch niemandem die Verantwortung nehme, die Hebel die ich als Möglichkeit sichtbar mache auch selbst zu betĂ€tigen oder eben nicht.

Eine mögliche Lösung der drei Problemstellungen

Seit einiger Zeit arbeite ich nun also (in immer tiefer werdender Klarheit) auf eine Lösung meiner drei oben angefĂŒhrten Problemstellungen hin, und es wird immer offensichtlicher fĂŒr mich, dass ich mich selbststĂ€ndig machen werde. Mit ein Grund, warum ich in letzter Zeit so wenig veröffentlicht habe, war das BedĂŒrfnis sicherzugehen, dass es klappen wird, bevor ich losstarte – was gewisser Weise ein etwas dĂ€mlicher Gedanke war, weil man das natĂŒrlich nie ganz wissen kann. Aber was tut man nicht alles, um sich davon abzuhalten, etwas zu tun, wovor man sich fĂŒrchtet?

DarĂŒber hier und jetzt zu schreiben, obwohl das Projekt noch lange nicht fertig ist, ist mein Hebel im System meines eigenen Kopfes. Wenn ich darĂŒber schreibe, und „Veröffentlichen“ klicke, wird es real, bekommt es ein gewisses Eigenleben.

UrsprĂŒnglich hatte ich aufgrund eines Kontaktes darauf gehofft, meine ersten Kunden gleich mit dem Start fix zu haben, das hat nun leider (aus GrĂŒnden, die nichts mit mir zu tun haben) nicht geklappt, weshalb ich auf die noch viel einfachere Lösung zurĂŒckgreifen werde, einfach die Menschen zu kontaktieren, die mich ohnehin kennen und schĂ€tzen was ich tue – und diese um Hilfe zu bitten.

Nachdem ich Hunderte von Artikeln darĂŒber gelesen hatte wie man Kunden gewinnt und hĂ€lt und all das ist mir irgendwann klar geworden, dass ich mir durch das Lesen dieser ganzen Tipps wie man Menschen dazu bringt die eigene Leistung in Anspruch zu nehmen und zu schĂ€tzen und all das eine Art kĂŒnstliche Trennwand zwischen den BedĂŒrfnissen potentieller Kunden und meiner eigenen geschaffen zu haben, die mit allerlei Überredungskunst zu ĂŒberwinden sei. Dabei ist der Sachverhalt eigentlich ein sehr einfacher: ich beschĂ€ftige mich seit 10+ Jahren  mit sozialen Systemen und ihre Gestaltung, und bin mittlerweile so gut darin, dass ich Hebel finde, die andere nicht finden können – weil sie erstens nicht dieselbe Übung darin haben als ich und sich zweitens neben dieser Aufgabe auch noch auf viele andere Aufgaben konzentrieren mĂŒssen. Mir macht es auch noch total Freude, mich da schwierigen RĂ€tseln zu stellen, also freut es mich am meisten, wenn ich mit möglichst vielen und möglichst schwierigen dieser RĂ€tsel „gefĂŒttert“ werde. Dann ist mir geholfen weil ich eine spannende Aufgabe habe, und anderen ist geholfen, weil sie anhand der aufgezeigten „Hebel“ die Möglichkeit haben, ihre sozialen Systeme so zu gestalten, dass sie noch mehr im Sinne der sich darin bewegenden Akteure aufgebaut sind. Das spart oftmals Konflikte, Nerven, Zeit und Geld, und vor allem nicht nur einmalig, sondern auch nachhaltig, weil damit strukturelles Konfliktpotential aus sozialen Situationen herausgenommen wird.

Die Trennung von Arbeit und Einkommen

UnlĂ€ngst war ich in Wien bei einer Konferenz, bei der einer der Sprecher einen schönen Satz prĂ€gte: „Die grĂ¶ĂŸte Herausforderung des 21. Jahrhunderts wird die Trennung von Arbeit und Einkommen.“ Ich glaube, dass er Recht hat, und ich möchte in den nĂ€chsten Monaten und Jahren zumindest auf individueller Ebene dorthin kommen. Ich arbeite nĂ€mlich an sich total gerne und habe Freude darin, etwas Konstruktives zu meinem Umfeld beizutragen. Wenn offensichtlich mein grĂ¶ĂŸter Wert fĂŒr meine Umwelt im Finden dieser „Hebel“ besteht, ist es fĂŒr mich der nĂ€chste logische Schritt, eine Form der Arbeit zu finden, in der ich im Sinne der Effizienz möglichst genau das zu dieser Welt beitragen kann was ich am besten kann. Und nicht notwendigerweise direkt abhĂ€ngig davon eine nachhaltige Form des regelmĂ€ĂŸigen Einkommens, die es mir ermöglicht, auch langfristig diesen Beitrag fĂŒr diejenigen zu erbringen, die ihn brauchen können.

Die grobe Vision                                                   

Daher ist meine aktuelle Idee in der Umsetzung in etwa folgende: wer jemanden braucht, der ihm helfen kann, effiziente „Hebel“ in seinen sozialen Systemen aufzuspĂŒren und sichtbar zu machen, darf mich gerne kontaktieren. Über eine passende EntschĂ€digung ist dann jeweils zu verhandeln – wie weiter oben geschrieben möchte ich weg vom Stundenlohn und hin zu einer Lösungsorientierung, weswegen es beispielsweise interessant wĂ€re, mit dem Kunden als ErstgesprĂ€ch herauszufinden welchen Wert eine Lösung fĂŒr ihn hĂ€tte (an Zeit, Geld, Nerven, 
) und dann einen Anteil davon als Gegenleistung festzusetzen, falls ein befriedigender Hebel gefunden wird. Diese direkte Lösung widerspricht jedoch je nach Entfernung zum potentiellen Kunden möglicherweise etwas meinem Ziel der OrtsunabhĂ€ngigkeit. Was mich zum nĂ€chsten Gedanken bringt:

Ich weiß zwar aus Erfahrung, dass ich sehr gut im Finden dieser „Hebel“ in sozialen Systemen bin, aber mich stĂ€ndig zu kontaktieren und auch dafĂŒr zu bezahlen ist auf Dauer nicht unbedingt eine effiziente Lösung fĂŒr Kunden, weil dadurch ja auch eine gewisse AbhĂ€ngigkeit von mir entstehen kann. Mir ist klar, dass diese AbhĂ€ngigkeit bzw. Gewohnheit fĂŒr die meisten Unternehmen das höchste Ziel ĂŒberhaupt darstellen und anzustreben ist, aber mein End-Ziel als Lehrer war immer die UnabhĂ€ngigkeit der SchĂŒler von mir, weswegen ich es hier auch gerne als End-Ziel einrichten wĂŒrde.

Und dann ist mir die Idee gekommen, eine Art Plattform zu schaffen, in der genau die FĂ€higkeit, die ich ansonsten direkt anbieten wĂŒrde, zum einen zu einem gĂŒnstigeren Preis in Anspruch genommen werden und zum Anderen auch selbst geĂŒbt werden kann. Wer sich auf dieser Plattform bewegt, kann einerseits selbst seine Problemstellungen beschreiben, aber auch ĂŒber die Problemstellungen und Lösungen anderer zu weiteren Erkenntnissen kommen. Ich wĂŒrde dann auf jener Plattform ebenso prĂ€sent sein und beispielsweise bestimmte Maximal-Reaktionszeiten meinerseits garantieren. Anstatt also nur meine Perspektive zu gewinnen, wĂŒrden Nutzer auch noch jene der anderen gewinnen, die sich mit dem Thema Gestaltung sozialer Systeme beschĂ€ftigen. Mit Hilfe eines regelmĂ€ĂŸigen und leistbaren Mitgliedsbeitrages wĂ€re dann die Aufrechterhaltung dieser Plattform und auch eine Trennung von Arbeit und Einkommen gewĂ€hrleistet – und Nutzer hĂ€tten dann neben der Möglichkeit sich darin zu ĂŒben Hebel selbst zu entdecken auch noch die Sicherheit, beim Auftreten von Problemstellungen in ihren sozialen Systemen auf jemanden zurĂŒckgreifen zu können, der ihnen geeignete „Hebel“ aufzeigen kann.

Der eigentliche Wert dieser Plattform wĂŒrde dann wohl weniger in ihrer technischen Umsetzung bestehen (obwohl ich auch in dieser Hinsicht gerade an einigen Ideen bastle die es so offenbar weltweit noch nicht gibt, die aber in sozialen Strukturen echt Sinn machen, wie den “sicheren Raum”, in dem man frei sprechen kann) sondern in ihrer Ausgestaltung als soziale System, fĂŒr die ich mich wahrscheinlich stark an meine Vorerfahrungen als Gestalter von Lernorten orientieren werde (wird spannend welche Adaptionen fĂŒr Online-Welten notwendig sein werden), sowie in ihren Mitgliedern und deren FĂ€higkeiten selbst. Das bedeutet es liegt auch zu einem Gutteil an euch, wie wertvoll dieses soziale System werden kann.

So, damit ist die Idee erst mal raus aus dem Kopf und in die Welt. Und damit möchte ich euch um Hilfe bitten, weil dies ein Projekt ist, dass mich als Einzelperson alleine möglicherweise auch mal ĂŒberfordern wird: falls ihr selbst Interesse haben könnt, so ein Angebot zu nĂŒtzen, oder jemanden kennt, der Interesse haben könnte, bitte macht sie darauf aufmerksam! Falls ihr dies alles lest und euch denkt „Was schreibt der Typ da, das wĂ€re anders viel schlauer!“, bitte macht mich darauf aufmerksam. Ich rechne damit, im Laufe des Prozesses so manchen Fehler zu machen, das wird gar nicht anders gehen, aber man muss ja nicht unbedingt die offensichtlichsten machen. Realistischerweise wird sich auch am Grundkonzept noch mehrfach einiges Ă€ndern, aber es wird die nĂ€chsten Wochen/Monate Zeit fĂŒr einen Prototyp, um nach all der Vorbereitungszeit endlich mal auch was ins Rollen zu bringen, Feedback zu bekommen und all das.

Danke dementsprechend fĂŒr jegliche RĂŒckmeldungen.

Niklas

P.S.: Nach derzeitigem Stand der Dinge werde ich die Inhalte der bisherigen zwei Blogs weiterhin zugĂ€nglich lassen und auch in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden weiter Erkenntnisse auf ihnen veröffentlichen, bis das Nachfolgeprojekt steht. Danach werde ich die beiden ursprĂŒnglichen Blogs in das neue Projekt ĂŒberfĂŒhren und dort weiter als eine Art laufende Reflektion veröffentlichen. Beide Blogs gemeinsam haben wohl mittlerweile bereits ĂŒber 1000 A4-Seiten an Reflexionen, Geschichten usw. der letzten Jahre, und ich möchte gerne, dass die Erkenntnisse auch weiterhin frei zur VerfĂŒgung stehen. Möglicherweise werde ich mittelfristig einige der Konzepte die derzeit ĂŒber mehrere Hundert Artikel verstreut sind in strukturierterer Form neu schreiben und als Bonus fĂŒr zahlende Mitglieder zur VerfĂŒgung stellen – den Großteil davon findet man dann auch im Durchforsten der Archive, wer sich die Arbeit sparen will kann dann die strukturiertere Version lesen.

Den meisten Menschen – zumindest jenen, die sich mit PĂ€dagogik beschĂ€ftigen – dĂŒrften mittlerweile die Begriffe extrinsische und intrinsische Motivation bekannt sein. Als Auffrischung: intrinsische Motivation beschreibt ein Handeln, das aus dem Handeln selbst Befriedigung verschafft (etwa wenn der Einsatz des eigenen Körpers im Training LustgefĂŒhle erzeugt), wĂ€hrend extrinsische Motivation (ex = außen) von einem Grund ausgeht, der außerhalb der Handlung selbst liegt (etwa die erhoffte Gewichtsabnahme durch besagtes Training). Intrinsische Motivation ist demnach grĂ¶ĂŸtenteils Moment-bezogen, extrinsische auf die Zukunft (ich handle, um etwas zu erreichen oder zu verhindern).

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass es mindestens noch eine weitere Art der Motivation gibt, die ich in Ermangelung eines mir bekannten Begriffs dafĂŒr fĂŒr mich „symbolische Motivation“ getauft habe.

Ein Versuch einer Definition

Symbolische Motivation ist fĂŒr mich dort zu finden, wo ein Handeln oder Nicht-Handeln darauf ausgelegt ist, eine bestimmte Struktur oder Ordnung zu beweisen. Es ist damit eine Art Versuch, die Vergangenheit  in der Gegenwart durch Handeln oder Nicht-Handeln zu rekonstruieren. Relativ einfach lĂ€sst sich dies wohl am Beispiel eines Kusses verdeutlichen: Ein Kuss zwischen zwei Menschen kann sehr verschieden motiviert sein: Er kann bei einem oder beiden der KĂŒssenden intrinsisch motiviert sein (zu kĂŒssen ist angenehm), er kann extrinsisch motiviert sein (z.B. lass uns den Streit vergessen, lass uns – in der Folge – Sex haben, 
) oder eben symbolisch (z.B. wir sind in einer Beziehung, deswegen kĂŒssen wir uns, uns nicht zu kĂŒssen wĂŒrde unsere Beziehung in Frage stellen).

In der RealitĂ€t werden sich die verschiedenen Arten der Motivation vermutlich gegenseitig ĂŒberlappen, und vor allem die Unterscheidung zwischen extrinsischer und symbolischer Motivation erscheint auf den ersten Blick schwierig oder womöglich sogar sinnlos. Der Unterschied liegt – fĂŒr mich – in der ObjektivitĂ€t oder der Berechenbarkeit der Folgen. Extrinsische Motivation ist – zumindest in vielen FĂ€llen – von allen Beteiligten als solche erkennbar. Symbolische Motivation hingegen baut auf den jeweils subjektiven PrĂ€gungen auf, die bei den meisten Menschen unterbewusst wirken. WĂ€hrend extrinsisch motivierte Menschen also zumeist wissen, was sie tun, ist dies bei symbolisch motivierten Menschen vergleichsweise selten der Fall, oder aber sie glauben nur, es zu wissen.

Beispiele aus dem pÀdagogischen Alltag

Ich habe mich oft darĂŒber gewundert, wie schwer es vielen Lehrern fĂ€llt, SchĂŒlern beim selbststĂ€ndigen Arbeiten oder – noch schlimmer – Nichtstun zuzusehen. Durch die Brille der symbolischen Motivation betrachtet bedeutet ein vollkommen selbststĂ€ndiger, mĂŒndiger und un-abhĂ€ngiger SchĂŒler implizit eine Infragestellung der eigene Rolle als Lehrer. Wenn meine – unbewusste – Rollenvorstellung des Lehrerverhaltens („Ein Lehrer zeigt Verhalten X und niemals Verhalten Y“) plötzlich nicht (mehr) angebracht ist, wer bin ich dann? Einiges im Verhalten eines Lehrers mag intrinsisch motiviert sein (ich erklĂ€re gerne, ich bereite gerne vor, ich freue mich – empathisch – wenn ein SchĂŒler etwas versteht), einiges extrinsisch (ich bekomme Anerkennung der Eltern/Kollegen/SchĂŒler, ich bekomme Geld, 
), ein großer Teil aber auch symbolisch (ich unterrichte, weil ich Lehrer bin). Ein bösartiger Gedanke am Rande: warum muss es wohl in jeder Klasse „schlechte SchĂŒler“ geben, die der besonderen Aufmerksamkeit des Lehrers bedĂŒrfen? WĂŒrde ein durchschnittlicher Lehrer damit zurechtkommen, wenn – wie durch ein Wunder – alle seine SchĂŒler ihn nicht mehr als Lehrer brauchen wĂŒrden?

Ein weiteres Beispiel aus meiner eigenen Geschichte: bis vor einigen Jahren sahen alle meine Beziehungen stark nach einem massiven Helfer-Syndrom aus. Wobei ich – in meinem Weltbild – natĂŒrlich immer der gute Samariter war, der in heroischer Selbstaufopferung alle „rettete“. Ich habe Jahre (und sehr viel konstruktives wie destruktives Feedback) gebraucht, um ĂŒberhaupt wahrzunehmen was ich da machte (und bisweilen sicher immer noch tue). Mit der Helfer-Rolle habe ich einen gewissen Wert assoziiert, und kĂ€mpfe immer noch bisweilen mit der Frage, wie ich mir denn anderweitig meine Existenzberechtigung erklĂ€ren soll. Nur: mittlerweile bin ich besser darin geworden, diese ungesunden Momente zu erkennen, und ich kann offener darĂŒber sprechen/schreiben.

Die Problematik

Symbolische Motivation an sich ist nichts Schlechtes oder Abnormales, sie ist sogar sehr alltĂ€glich. Die damit verbundene Schwierigkeit ist jene der Interpretation. Aufgrund meiner eigenen PrĂ€gungen werde ich mein Handeln und das Anderer anders interpretieren als diese das tun werden. Ein durchschnittlicher Lehrer wird mein augenscheinliches Nichts-Tun in gewissen pĂ€dagogischen Situationen vielleicht fĂŒr unvereinbar mit der Rolle eines Lehrers halten, was ihn zum Schluss fĂŒhren mag ich sei kein Lehrer oder – problematischer – ein unfĂ€higer Lehrer, wohingegen ich vielleicht genau umgekehrt interpretieren wĂŒrde. Dasselbe PhĂ€nomen existiert in jedweder Beziehung, sei es zu Familienmitgliedern, Freunden oder auch noch intimeren Beziehungen. Ein jeder Mensch trĂ€gt einen Rucksack an PrĂ€gungen mit sich, und diese PrĂ€gungen ordnen bestimmten Handlungen einen bestimmten – subjektiven – symbolischen Charakter zu.

Ein wohl allgemein bekanntes Beispiel beispielsweise ist die PrĂ€gung „wenn du in einer Beziehung bist und dich auch zu jemand anderem hingezogen fĂŒhlst, kannst du deinen Partner nicht ‚richtig‘ lieben“. Ich kenne unzĂ€hlige – auch langjĂ€hrige – Gegenbeispiele, aber noch viel mehr Beispiele, in denen Menschen sich innerlich zerrissen haben, weil sie daran geglaubt haben, dass das so sein muss (bzw. ihr Umfeld terrorisierten, um die – rein statistisch gesehen offensichtlich relativ normale – “Wahrheit” geheim zu halten). Ebenso zahlreiche Beispiele von – auch sexuellen – Handlungen, um dem Partner zu beweisen, dass man ihn liebt, obwohl man sich aus verschiedensten GrĂŒnden die nichts mit dem Partner zu tun haben gerade ĂŒberhaupt nicht danach fĂŒhlt. Ausgelöst durch diverse PrĂ€gungen wie „wenn mein Partner nicht (mehr) mit mir schlafen will, liebt er mich nicht mehr“.

Im Grunde handelt es sich bei vielen dieser Handlungen um Interpretationen nach den Gesetzen einer Art fiktiven Welt, die dann – eben durch die symbolische Motivation der Handlungen – ĂŒber die tatsĂ€chlichen BedĂŒrfnisse in der realen Welt „gestĂŒlpt“ wird. Und aus fiktiven GesetzmĂ€ĂŸigkeiten wird am Ende RealitĂ€t, weil gleich einem TheaterstĂŒck alle Beteiligten motiviert sind, ihre Rollen ein- und aufrechtzuerhalten.

Symbolische Motivation kann dadurch durchaus zu einem Minenfeld werden. Die gute Nachricht ist, dass es im Grunde nur Vorteile haben kann, sich bewusst damit zu befassen. Handeln tun wir nĂ€mlich so oder so stĂ€ndig aufgrund von symbolischer Motivation, aber wenn wir uns dabei ein StĂŒck weit ĂŒber unsere eigenen Vorstellungen von den GesetzmĂ€ĂŸigkeiten der Welt wundern oder sogar darĂŒber schmunzeln können – umso besser.

Niklas

Ich möchte mich an dieser Stelle fĂŒr die lange Pause seit der letzten Veröffentlichung entschuldigen, denn eigentlich versuche ich ca. 1x/Woche eine Geschichte zu veröffentlichen. Es kommt immer wieder einmal vor, dass ich mich in der Illusion verliere, ich mĂŒsste vorher etwas abarbeiten/erledigen, bevor ich mich ans Schreiben setzen sollte, obwohl die Erfahrung doch wiederholt gezeigt hat, dass das Schreiben selbst oft der effektivste Lösungsansatz fĂŒr mich ist. Ich hoffe, in den nĂ€chsten Wochen und Monaten trotz vieler noch ungelöster Fragen wieder zu einem regelmĂ€ĂŸigeren Schreibrhythmus zu finden. In der Zwischenzeit wĂŒnsche ich viel Freude mit dem folgenden Text:

Ein Blick auf den Arbeitsmarkt, ein Blick auf Freunde, Bekannte, Fremde, ein Blick in ihre Gesichter, wĂ€hrend sie frĂŒhmorgens zur Arbeit trotteten, um spĂ€tabends unter dem nebeligen Licht der Straßenlaternen heimzukehren. Wie sie sich ausbrannten in der trĂŒgerischen Flamme ihrer jugendlichen Kraft, zu hoch geschĂŒrt, zu rasch verzehrt, um lange zu durchzuhalten. Die ausgemergelten Überreste der Glut vergangener TrĂ€ume in den Augen der Alten. Ein Blick in den Spiegel. Noch ist Zeit. Aber die Jahre, sie verinnen, vergehen, entfliehen! Investieren. Jetzt lĂ€nger arbeiten, spĂ€ter die FrĂŒchte ernten. Sich frei fĂŒhlen. Vielleicht auf Reisen gehen. Irgendwann. Sich etwas erarbeiten.

Ein Blick auf sein Konto: klĂ€gliche Leere. Zeit seines Lebens war es seine Devise gewesen zu geben, sich einzusetzen fĂŒr ein grĂ¶ĂŸeres Ganzes. Geblieben waren BerĂŒhrungen, Momente, Erkenntnisse. Eine seltsames GefĂŒhl von Verlust, der keiner war, wĂ€hrend sich die Anzahl der Ziffern einer Zahl weiter verringerte, der alle Welt grĂ¶ĂŸte Bedeutung zuzumessen schien. Nichts war wirklich gewonnen, nichts verloren, und doch war mit dem Veringern der Zahlen sonderbarerweise ein drĂ€ngendes GefĂŒhl des Verrinnens von Zeit verbunden. Ich muss etwas tun, fĂŒhlte er es in sich aufwallen, und wusste doch nicht so recht, welcherart von Handlung denn nun angebracht sein wĂŒrde. Nur eines fĂŒhlte er deutlich in sich: es war noch nicht genug. Es war noch nicht möglich, sich um Dinge zu kĂŒmmern, die ihn im Moment wirklich interessierten. Zuerst die Arbeit, dann das VergnĂŒgen.

Um seinen rebellierenden Geist zu beschĂ€ftigen, fĂŒtterte er ihn mit einigen Artikeln ĂŒber SelbststĂ€ndigkeit, der ihm das GefĂŒhl vermittelte, etwas verwertbares zu tun, wĂ€hrend er versuchte, in sich hineinzuspĂŒren. Plötzlich fĂŒhlte er in sich eine fast nicht auszuhaltende Anspannung, fĂŒhlte, wie verkrampft zahlreiche Muskeln, selbst seine Organe in seinem Körper waren. Kein Wunder, dass er sich oft krĂ€nklich fĂŒhlte. Bewegung.

Er schaltete den die letzten Tage beinahe stĂ€ndig benĂŒtzten Laptop aus und fĂŒhlte ein GefĂŒhl der Erleichterung in sich hochschwemmen. Stemmte sich gegen automatisch in ihm aufflammenden Impulse, doch zumindest noch die Emails zu checken oder die Nachrichten zu lesen, nahm die SchlĂŒssel und verließ die Wohnung. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er seit zwei Tagen nicht mehr in die Öffentlichkeit der Straße getreten war. Einen Moment musste er ĂŒber die AbsurditĂ€t des Gedankens „Darf ich das?“ lachen, bis ihm schmerzlich bewusst wurde, dass er hierbei nur klĂ€glich tatsĂ€chliche Unsicherheit mit Humor zu ĂŒberspielen versuchte. Die Frage war fĂŒr ihn durchaus real, war essentiell: durfte er das? War es denn nicht seine Aufgabe, zuerst wieder Arbeit, zu einer ProduktivitĂ€t zurĂŒckzufinden? Sollte er sich nicht schĂ€men, immer noch arbeitslos zu sein?

Durch die nĂ€chtlichen Straßen wandelnd, fĂŒhlte er, dass er seiner Verpflichtung zur Scham durchaus nachkam. Senkte den Blick vor Passanten, fĂŒhlte, er habe nichts zu erzĂ€hlen. Und, was machst du so beruflich? war ihm eine Fangfrage, machte ihm Angst. Was hatte er denn zu erzĂ€hlen? Wo war denn nun noch sein Wert? Besser jeglichem Kontakt aus dem Weg gehen.

Schließlich gelangte er an das Ufer des großen Stromes, der die Stadt durchzog, lehnte sich an einen gegen jegliche Vernunft mitten in den Strom gewachsenen Baum. FĂŒhlte seine MĂŒdigkeit, eine MĂŒdigkeit in ihrer IntensitĂ€t weit ĂŒber jener MĂŒdigkeit nach einem langen Tag vollbrachter Arbeit. Sank kraftlos gegen den Stamm des irregeleiteten Baumes, schmiegte seinen RĂŒcken an diesen Riesen, der wohl Zeit seines Baumlebens gegen widrige Strömungen angekĂ€mpft haben mochte – und doch war er da, ragte in seiner einsamen Schönheit ĂŒber das Wasser. Jemand hatte eine Schaukel an einem Nebenast beschĂ€ftigt, und er konnte vor seinem geistigen Auge lachende Kinder unter dem Baum spielen sehen. Wie oft wohl hatte jener Baum ĂŒber seinen eigenen Wert nachgedacht, sich gefragt, ob es ihm erlaubt sei, hier zu wachsen? Hatte er seinen eigenen Wert anhand einer Tabelle internationaler Holzpreise festgestellt und sich abgemĂŒht, sein Wachstum an edleren Normen zu orientieren? Waren in diesem riesigen Universum tatsĂ€chlich nur die Menschen so dermaßen kompliziert?

Mit den Fingern die raue OberflĂ€che der Rinde nachzeichnend, fĂŒhlte sich plötzlich verbunden mit diesem uralten Giganten. Nun war er also ohne geregelter Arbeit, war ihr durch eine FĂŒgung des Schicksals entwachsen wie dieser Baum seinen BrĂŒdern und Schwestern. Was sollte er seine Zeit darauf vergeuden, den Weg zurĂŒck zu finden, wo ihm doch das Licht der Sonne andere Wege wies? Weil es bequemer ist, schoss es ihm aus den Tiefen seiner PrĂ€gungen, aber nicht einmal der Wahrheitsgehalt dieser Aussage erschien ihm noch wahrscheinlich. Wir lassen uns verarschen, ging es ihm auf, oder wir verarschen andere, nutzen sie aus und fĂŒhlen uns unglaublich intelligent dabei. Aber so oder so entkommen wir der Angst nicht.

Nun konnte er den Gedanken endlich greifen und aufrechterhalten. Ja, verdammt, wir haben alle eine tierisch große Angst. Da liegt der wahre Wert einer geregelten Arbeit. Sie lenkt ab vor der wirklichen Arbeit, die uns erwarten wĂŒrde. Arbeitslos, keine Arbeit, keine Entschuldigungen mehr, sich dieser inneren Arbeit nicht zu stellen. Wir hĂ€tten dann zu viel von jener freien Zeit, die sich Arbeitende vermeintlich immer wĂŒnschen. Er sah ab von dem alten Giganten und wandte sich den anderen BĂ€umen am Ufer zu. FĂŒr einen Moment dachte ich, der Baum ĂŒber den Fluss sei euch ĂŒberlegen, aber auch das stimmt nicht. Ihr seid auf eure Weise gewachsen und er auf der seinen. Ihr bearbeitet eure Aufgaben und ich die meinen.

Es war spĂ€t geworden, doch erst jetzt fiel ihm auf, dass er wohl der einzige Nachtwandler im ganzen Stadtteil sein mochte. Ein leichter Nieselregen zeigte sich im Schein der Straßenlaternen entlang der Uferpromenade. Das Rauschen des Flusses ĂŒbertönte auch noch die letzten Reste der ĂŒblichen akustischen Hintergrundkulisse der Stadt. Seine Einsamkeit in ihrer Tiefe erspĂŒrend, traf er unerwartet auf festen Grund, ihn und die Begrenztheit seiner Gedanken und Ängste erschĂŒtternd, öffnend, einatmend die Welt um ihn herum, und fĂŒr einen kurzen Moment lösten sich die Schleier von seinen Augen, er fĂŒhlte sich eins mit dieser ihm so fremden Welt, durchschaute die Illusion ihrer Unterschiede, dann jedoch ausatmend, Trennung, Isolation wiedererfahrend. Staunend löste er seine Hand vom Stamm des alten Baumes, sich erinnernd an die Weisheiten, von denen ihn seine Ängste abzuhalten pflegten. Die Angst, die Hast, das GefĂŒhl der Dringlichkeit, sie wĂŒrden wiederkehren wie sie es immer zu tun pflegten, doch fĂŒr einen beinahe heiligen Moment hatte er sich un-bestimmt, frei gefĂŒhlt, und auch wenn der Alltag jene Momente rasch mit dem Zauber des Vergessens zu bedecken pflegte, wĂŒrde er ihn in sich aufbewahrt wissen, von ihm zehren können in den dunklen Stunden der Ungewissheit und der Nebel, die vor ihm lagen, nun da er die ausgetretenen Pfade seiner Mitmenschen auch offiziell verlassen hatte.

„Wissen Sie, ich gehe tatsĂ€chlich keiner geregelten Arbeit nach“, sagte er gedankenverloren, doch da war niemand, der ihn hĂ€tte hören können, und nach einer kurzen Nachdenkpause fĂŒgte er hinzu: „Aber wer will das schon?“
Die Nacht schwieg in Zustimmung.

Dieses kleine Gedicht habe ich fĂŒr meine SchĂŒler zum Abschied geschrieben.

Vergiss das nie:
Du bist wertvoll.
Es gibt dich nur ein einziges Mal auf der Welt.
Niemand sieht die Welt genauso, wie du sie sehen kannst.
Was du siehst, ist also von großem Wert.
Du bist wertvoll.

Vergiss das nie:
Du bist liebenswert.
Nicht jeder muss dich lieben.
Aber niemand hat das Recht
Dich nicht fĂŒr dein Anders-Sein zu respektieren.
Du bist liebenswert.

Vergiss das nie:
Es ist deine Geschichte.
Andere spielen ihre Rollen darin.
Manche streiten sich sogar um die Hauptrolle.
Aber am Ende entscheidest du.
Dein Leben ist deine Geschichte.

Vergiss das nie:
Es ist deine Geschichte
Die du schreiben musst.
Und du kannst wÀhlen
Ob sie traurig ist, lustig, furchterregend
Oder auch spannend.
Wie du dich auch entscheidest –

Versuche, eine Geschichte zu schreiben
Die es wert ist, erzÀhlt zu werden.

Ich glaube, dass du das kannst.
Ich glaube an dich.

Vergiss das nie.

Wie alles begann? Nun, mein junger Freund, so will ich dir also antworten… Wir hatten geglaubt, wir wĂŒssten doch, was passiere. Dass es nur Show sei. Brot und Spiele braucht der Mensch, um zufrieden zu sein, und da das Brot langsam auszugehen drohte, vertrieben wir uns die Zeit eben mit Spielen


Ja, es gab sie, die großen Denker, die es hĂ€tten wissen mĂŒssen. Aber sie dachten zu viel darĂŒber nach, was denn alles passieren könne, als dass sie die Zeit gefunden hĂ€tten, aufzuschreien. Gab die Seher, die die Zeichen zu deuten wussten. Sie wurden fĂŒr Blinde gehalten, wirr durch die Luft wirbelnd. Es gab die großen FĂŒhrer, die fĂŒr Momente das Schicksal einer Nation, eines Kontinents in ihren HĂ€nden hielten – bevor sie jene heiße Kartoffel an den NĂ€chsten weitergaben. Die bestĂ€ndigen Ja-Sager und die bestĂ€ndigen Nein-Sager und jene, die auch einmal nachdachten. Sie alle existierten, um uns, in uns, deutend, schreiend, berstend in der Angst, nicht gehört zu werden. Wir hatten all die Warnungen gehört, und die Warnungen vor den Warnungen, und so weiter – bis wir vor lauter Warnungen gar nicht mehr wussten, wovor und vor wem wir uns noch zu fĂŒrchten hatten. Mussten wir uns tatsĂ€chlich ĂŒberhaupt fĂŒrchten?

Wir sahen uns um, hielten inne. FĂŒr einen kurzen Moment nur, inmitten der kopflosen Masse, die nur noch aus Maschinen zu bestehen schien, als wĂ€ren sie nichts als Lautsprecher fĂŒr das selbst gerade eben Gehörte. Und wir schlossen daraus, dass von jenen Menschen keine Gefahr auszugehen schien. FrĂŒher oder spĂ€ter mĂŒsste ja doch wieder die Vernunft zurĂŒckkehren. Es konnte ja nicht ewig so weitergehen, meinten wir zueinander, klopften uns auf die Schultern und lĂ€chelten uns wissend zu.

Und ein StĂŒck weit
 genossen wir die allgemeine Unruhe auch. Dieses GefĂŒhl der ErmĂ€chtigung der Massen
 es war aufregend. Warum sich nicht ein einziges Mal im Leben nicht kĂŒmmern, die Welt ihren Lauf nehmen lassen? Unbeteiligter Zuseher zu sein in einem Schauspiel, das ohnehin nicht von unserer Hand dirigiert wurde
 Eine gewisse Hemmungslosigkeit hatte sich in der Bevölkerung breit gemacht, eine regelrechte Gaudi
 es war eine feine Sache, mit ein paar Freunden ĂŒber andere Menschen zu schimpfen, aber man hatte sich immer hĂŒten mĂŒssen, gewisse Grenzen einzuhalten. Nun jedoch war endlich die Zeit gekommen, authentisch zu leben und zu sprechen. Dem Mann mit dem wirren Bart und der dreckigen Haut endlich mal die Meinung zu sagen. Er gehörte hier nicht hin. Basta. Hier war nur Platz fĂŒr den gepflegten Mittelstand. Wie gut das tat!

Mittelstand
 das war immer der Punkt gewesen, an dem man sich selbst wĂ€hnte und von dem aus man andere je nach Blickwinkel beneidete oder verachtete. Nun, da die großen Spiele von den ersten Pionieren in der Politik eröffnet worden waren, war es endlich möglich, auch hierin ehrlich zu sein. Die Spinnerten von der Straße, wozu brauchten sie ihr Brot? Womit hatten sie es verdient? Und die Reicheren, womit hatten die es verdient? Doch sicherlich nur durch Lug und Betrug, so war es nur gerecht, es ihnen wieder zu entreißen. Wir waren die modernen Robin Hoods, die einzig Gerechten. Endlich waren wir an der besten Art der Basis-Demokratie angekommen: Jeder hatte Recht. Und wenn man schnell, schlau oder stark genug war, konnte man dieses Recht auch durchsetzen. Das war doch irgendwie fair, dachten wir. Und so haben wir eben am Ende dann alle mitgemacht. Anfangs gab es noch einen Überrest von Regeln in jenem Spiel, aber bald haben die, die gut darin waren, festgestellt, dass Regeln die meiste Zeit nur im Weg sind, und irgendwann gab‘s dann eben das, was du heute als „Naturrecht“ findest: Recht entsteht, sobald du es irgendwie durchsetzen kannst.

Wir hĂ€tten es doch wissen mĂŒssen, sagst du heute, und wir werden dir sagen, nein, dass es soweit kommt, haben wir nicht geglaubt und schon gar nicht gewusst. Wenn du aber jemanden erwischt, der ehrlicher mit dir ist, so wird er dir sagen, wir haben es nicht gewusst, aber doch irgendwie gehofft. Wir freuten uns auf die Spiele, freuten uns darauf, uns um das verbliebene Brot zu prĂŒgeln. Es klang aufregender als es tagein, tagaus zu backen. Wir hatten nie erlebt, was Krieg bedeutet. Es klang zu aufregend, es nicht mal auszuprobieren, und uns war so verdammt langweilig.

Du suchst nach dem Verursacher, demjenigen, der den ersten Stein geworfen hat, dem großen AnfĂŒhrer, dem einen Schuldigen, der die Massen verfĂŒhrt hat, aber lass dich nicht von jenen blenden, die sich Ă€ngstigen, die Wahrheit anzusprechen: Wir alle haben es zugelassen, und wir alle haben mitgefiebert. Wir haben zugesehen, als die ersten Menschen verbal entmenschlicht wurden. Haben zynische geflĂŒstert: so fĂ€ngt es an, und auf die nĂ€chste Seite der „Heute“ geblĂ€ttert. Haben erstaunt aufgeblickt, als in den Abendnachrichten die Meldung kam, Unbekannte hĂ€tten einen Mann unbekannter Herkunft krankenhausreif geschlagen, weil „seine Sippe“ deutsche Frauen vergewaltige, und sie insgeheim bewundert, weil sie im Gegensatz zu uns handelten. Wir haben zugesehen, als andere sich nicht mehr mit Zusehen begnĂŒgten, und als sie begannen, das Recht auch ganz offen auszuhöhlen, lĂ€chelten wir uns zynisch zu, weil wir wussten, dass ohnehin lĂ€ngst nur noch das Unrecht exekutiert worden war. Nun kehrte endlich eine gewisse Ehrlichkeit zurĂŒck.

Möglicherweise waren wir tatsĂ€chlich die aufgeklĂ€rteste Generation seit Anbeginn der menschlichen Geschichtsschreibung. Vielleicht war es deswegen so unvorstellbar fĂŒr uns, dass am Ende niemand aufstehen wĂŒrde, dem Treiben Einhalt zu gebieten. Wir alle wussten, was passierte, und wir alle wussten, dass auch alle anderen wissen mussten. Irgendjemand wĂŒrde die Spiele fĂŒr beendet erklĂ€ren, weil ja doch alle realisieren mussten, dass sie außer Kontrolle geraten waren. Wir glaubten an eine dem Menschen innewohnende absolute Grenze.

Wir waren so naiv, mein junger Freund


Dies ist der zweite Teil eines Textes, den ich fĂŒr den Perger Poetry-Slam mit dem vorgegebenen Thema “Weltverschwörung” verfasst habe. Weil sie thematisch zusammengehören, aber auch etwas mit den bevorstehenden Wahlen am Sonntag in Wien zu tun haben, veröffentliche ich diese Woche gleich beide Texte. Ein Hinweis fĂŒr die Hetze-JĂ€ger, die das Internet mittlerweile unsicher machen: in diesem Text versetze ich mich in die Rolle eines Agitators mit der Persönlichkeits-Struktur, die ich im ersten Text beschreibe. Er gibt nicht meine Vorstellung einer besseren Welt wider. Es ist erschreckend, wie einfach es ist, solche Hetze zu schreiben, denn Vorbilder findet man auch in der aktuellen Politik genug. Etwa, dass es sich mittlerweile fast quer ĂŒber die Parteienlandschaft etabliert hat, Migranten als “problematisch” zu bezeichnen (ob als kriminell oder als Kostenfaktor), bevor sie ĂŒberhaupt irgendetwas angestellt haben. Plötzlich mĂŒssen sie beweisen, dass sie konstruktive Mitglieder der Aufnahmegesellschaft sein werden. Und selbst die, die sich positiv hervorheben, Ă€ndern nichts an dem unterschwelligen GefĂŒhl. Einer der GrundsĂ€tze der Rechtssprechung, der uns vom Stalinismus und Hitlerdeutschland unterscheidet, ist nicht nur gefĂ€hrdet, sondern zumindest fĂŒr bestimmte Gruppen offensichtlich bereits weitgehend abgeschafft: Auf Wiedersehen, Unschuldsvermutung.

Die haben geglaubt, gehofft, es sind ja doch nur ein paar Wahnsinnige – aber sie haben sich geirrt, meine Freunde! Wir sind bei ĂŒber 30%! Denn es geht nicht darum, wer Recht hat, wer Recht gebrochen hat, und wer es wieder zusammenflicken soll. Es geht ums gute, rechte GefĂŒhl! Ums hoffnungsvolle GefĂŒhl, dass unsere Wahrheit sich gegen die LĂŒgen der MĂ€chtigen am Ende doch durchsetzen wird. Wir bringen Bewegung ins Land!

Als erstes nehmen wir uns der Schmarotzer an, die unserem Volk das Blut aussaugen: die AuslĂ€nder! Diese waren uns ja immer schon verdĂ€chtig – und zu Recht! Unsere lustigen Gutmenschen da meinen dann immer, de sind ja gar ned so schlimm. Die sind ja gar ned alle kriminell. Aber geht’s darum? Nein! Es geht ums GefĂŒhl! Ist ja wurscht, ob die jetzt schon was angestellt haben. De sind trotzdem alle kriminell in Wahrheit. Das werden wir denen schon noch nachweisen.

Des Problem war ja bisher immer, dass de MĂ€chtigen das verhindert haben. Die haben ja immer verhindert, dass das einfache Volk autonom denkt und wird. Und die, die des Ă€ndern wollten, so wie zum Beispiel da Nikolaus Tesla mit seiner Energiemaschine, de habns glei moi umbracht. So is des nĂ€mlich, de MĂ€chtigen biegen sich de Wahrheit schon a bisserl hin wies de brauchen. (Spöttisch) Na, den haben mir ned umbracht den Tesla. Der is vo selber gstorbn. Ja sicher! Und was war mim Hitler damals? Is der a vo selber gstorbn, vo eigener Hand wahrscheinlich a nu, wollns uns das erzĂ€hlen? (Bestimmt) Der hat was fĂŒrd Wirtschaft tan der Mann, des war halt nu a VisionĂ€r seiner Zeit. Hat a bisserl mehr Straßen baut wie da PĂŒhringer heute. Der hat international gedacht! In Infrastruktur investiert! Hat auf Tausend Jahr ind Zukunft bauen wollen und ned nur bis zur nĂ€chsten Wahl!

Des mid de Wahlen is ja gefĂŒhlt sowieso a Topfn. De schachern si de Posten zu, dass a Graus is, und wos habn wir WĂ€hler davon? Nix! De könnma eigentlich glei abschaffen a. Spar ma si de ganzen Posten vo Bundesrat bis Parlament, de sitzen jo eh nur da und lesen Zeitung. Zeitung lesen! Als wenns damit das Volk weiterbringen wĂŒrden! Habns mal de Sendung Parlament auf ORF 2 gseng? Nein? Habns nix verpasst!

Aber jetzt wird sowieso olles anders. Wir gehen nach FĂ€higkeiten. Die meisten Frauen haben halt eher die FĂ€higkeit zum Kochen vom Herrn mitbekommen, und putzen könnens a ganz gut, die Damen. Zumindest besser wie die MĂ€nner, und irgendwer muss das ja machen. Dann iss ja deppert, wenn das derjenige macht, der das nicht so gut kann! Das ist angewandte Wirtschaftskompetenz, meine Damen und Herren! Und die richtigen MĂ€nner brauchen wir bald wieder fĂŒr ganz andere Aufgaben. Sie wissen schon.(Verschwörerisches Zwinkern ins Publikum) Die MĂ€chtigen wollen uns was erzĂ€hlen von Rechtsstaatlichkeit, obwohls doch in Wahrheit a völliger linker Haufen ist! Da stimmt doch etwas nicht! Da muss ein Mann mit echtem Rechts-Bewusstsein doch aufstehen und sagen: Ich glaube, da muss sich etwas Ă€ndern! Ich sage euch heute: da wird sich auch etwas Ă€ndern!

Die wollen uns weißmachen, dass es keine Probleme gibt in diesem Land, dass alles friedlich ist. Dass es der Wirtschaft gut geht, oder zumindest besser als sonstwo, und damit uns allen. Aber könnt ihr das auch fĂŒhlen? Nein! Sind es StĂŒmper, die uns fĂŒhren? (VerĂ€chtlich) Haben sie vielleicht einfach Pech gehabt in ihren Entscheidungen? Nein! Alle habens studiert! Auf Steuerkosten! Haben wir zahlt! Sie halten sich fĂŒr schlau. Aber wir haben sie durchschaut! Wir befinden uns lĂ€ngst im dritten Weltkrieg. GefĂŒhrt mit den Waffen der kulturellen wie finanziellen Unterwanderung! Aber wir sind wir, nicht ihr, und wir wollen wir bleiben! Und deswegen, all ihr anderen: schleichts euch ham!

Und wenn diese ganzen AuslĂ€nder an unsere Grenzen klopfen, wir werden ihnen von unseren stabilen Mauern deutschstĂ€mmiger Handwerkskunst aus zusehen. Wir werden auf sie runterspucken können, auf diese Unterwanderer, damits auch gleich sehen, wer auch menschlich ĂŒber ihnen steht. Und wenn wir sie innerhalb unserer Grenzen vorfinden: wir werden sie verhaften mĂŒssen, wenns so deppert sind, si reinzuschleichen statt raus. Ned Deutsch glernt, kein Integrationswille. Da siagt mas wieder! Abschieben in ihre Heimat wollten wir sie ursprĂŒnglich nur, human wollten wir sein. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker achten! Aber die MĂ€chtigen wollen es nicht! Also gut, werden wir Lager bauen mĂŒssen, um sie unterzubringen. Hat sich ja auch frĂŒher schon bewĂ€hrt. Da werden die MĂ€chtigen schön schauen, wie schnell da die Asylströme versiegen werden, wenn erst die rechten Maßnahmen getroffen werden!

(Zum Publikum) Der freundliche Herr in der ersten Reihe, wie heißen Sie? Der gibt mir irgendwie auch ein schlechtes GefĂŒhl. Der gefĂ€hrdet uns die Volksgesundheit mit seinem schlechten GefĂŒhl! Wahrscheinlich fĂŒhlt er sich auch noch unschuldig, der feine Herr! Kommen Sie, was haben Sie angestellt? Na, irgendwas mĂŒssen Sie schon angestellt haben – woher sonst kommt denn mein GefĂŒhl? Können Sie Ihre Unschuld beweisen? Nein? Sehen Sie! (wendet sich ab, murmelt zu sich selbst) Gerade war ich noch gut drauf gewesen. (Zum Herrn im Publikum) Na, Ihren Namen habe ich ja nun, den Rest werden wir schon herausfinden. Freuen Sie sich auf Besuch. Da sind wir mittlerweile sehr effizient geworden


(Geht zurĂŒck zum Mikro. Pause. RĂ€uspern.)

Da solls wohl tatsĂ€chlich Menschen geben, die sagen, sie sind unzufrieden mit dem, was wir jetzt machen. Dass sie das so nicht gewollt haben. Ich mein, wirklich? Wir waren ja jetzt nicht gerade heimlich unterwegs mit unseren Ansichten und PlĂ€nen fĂŒr die Zukunft. Aber darum braucht das Volk ja wohl gute FĂŒhrer, die ihm auch offiziell die Verantwortung abnehmen, die viel zu schwer auf ihm wiegt. Bald, meine Lieben, bald hammas gschafft, und ihr könnt euer Gewissen wieder fĂŒr immer schlafen legen.

Ich wĂŒnsche bis dahin noch angenehme TrĂ€ume. Funktioniert ĂŒbrigens am allerbesten, wenns Ihre Augen weiter geschlossen halten
 Dankeschön!

Dies ist der erste Teil eines Textes, den ich fĂŒr den Perger Poetry-Slam mit dem vorgegebenen Thema “Weltverschwörung” verfasst habe. Weil sie thematisch zusammengehören, aber auch etwas mit den bevorstehenden Wahlen am Sonntag in Wien zu tun haben, veröffentliche ich diese Woche gleich beide Texte.

Vor einigen Tagen war ich ein bester Freund aller Zeiten. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Einige Minuten spĂ€ter war ich das grĂ¶ĂŸte Arschloch. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Wieder einige Minuten spĂ€ter war ich dann der empathischste Mensch der Welt. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Und dann schuld daran, dass sie sich schlecht fĂŒhlt. Erraten: Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Sie, das ist eine ehemalige Freundin von mir. Was hat sich verĂ€ndert, wĂ€hrend ich insgesamt wohl so eine Stunde gleichmĂŒtig aus dem Fenster geschaut habe? Die meisten Menschen wĂŒrden wohl davon ausgehen, dass ich irgendetwas an meinem Aus-dem-Fenster-Schauen verĂ€ndert habe, um die wechselnden GefĂŒhlszustĂ€nde zu rechtfertigen. Aber damit liegen sie in diesem Fall falsch. Ich habe nichts getan. Und war ihrer Ansicht nach trotzdem verantwortlich an allem Positiven und allem Negativen, das ihr passiert ist.

Das ist nĂ€mlich der interessante Punkt: In ihrer Gedankenwelt kommt sie selbst als Handelnde kaum vor. Die Welt passiert ihr. Ich habe fast vier Jahre gebraucht, um das zu verstehen. Ich habe dann in schlauen BĂŒchern gelesen, dass es sich um eine Persönlichkeitsstörung handeln soll. Borderline. Aber was ist das ĂŒberhaupt, eine Persönlichkeitsstörung? Wer definiert, was „gestört“ ist und was nicht? Wer ist berechtigt, Menschen derart einzuteilen? Bin ich berechtigt, sie dafĂŒr zu verurteilen, dass sie schlicht anders ist als ich? Ist sie dann nicht ebenso berechtigt, mich dazu verurteilen, weil ich schlicht anders bin als sie?

Denn irgendwann, wenn man viel Zeit mit ihr verbringt, fĂ€ngt man an, es selbst zu glauben, was einem so vorgeworfen wird. Man fĂ€ngt an, seinem eigenen Urteil nicht mehr so ganz zu trauen. Sich zu verteidigen, zu versuchen, es ihr Recht zu machen, weil irgendetwas muss man doch angestellt haben, um so ein Verhalten zu rechtfertigen. Vielleicht unbewusst? Ohne es zu wollen? Ich muss ja wohl doch irgendetwas gemacht haben. Woher sonst kĂ€me ihr GefĂŒhl?

Irgendwann bin ich dann gegangen, weil es mit der Zeit wirklich gefĂ€hrlich wurde. Wenn man stĂ€ndig damit rechnen muss, ohne Vorwarnung stundenlang angeschrien zu werden, ohne etwas dafĂŒr oder dagegen machen zu können, entwickelt man eine Art von Paranoia. Man ist stĂ€ndig unter Adrenalin. Kann nachts nicht mehr schlafen. FĂ€ngt an, sich vorzustellen, sie wĂŒrde in ihrer Wut irgendwelche Sachen in der gemeinsamen Wohnung kaputtzumachen, obwohl sie das wohl tatsĂ€chlich nie machen wĂŒrde. FĂ€ngt also an, selbst irgendwie verrĂŒckt zu werden, sich von einer gemeinsamen, nachvollziehbaren RealitĂ€t zu verabschieden. Ich traf dann die Entscheidung, mich lieber von ihr zu verabschieden, bevor dieser Prozess zu weit gegangen war.

Einige Zeit spĂ€ter hab ich sie dann wiedergetroffen. Ein Freund hatte mir von den Friedens-Mahnwachen erzĂ€hlt, die ĂŒberall organisiert werden. Da gabs allerhand zu hören gegen den Krieg, den Kapitalismus, gegen das System, das Schuld an allem sei. Etwa von einem jungen Mann mit Dreadlocks, von außen betrachtet wohl eher politisch links einzuordnen, der trĂ€gt eine fabelhafte Kapitulismuskritik vor, die er wohl 1:1 aus „Mein Kampf“ zitiert haben könnte. Der nĂ€chste wird gleich ein wenig direkter und schimpft gemĂŒtlich gegen die Juden, die sowieso an allem Schuld sind. Ich fĂŒhle mich an meine ehemalige Freundin erinnert. TatsĂ€chlich ist sie unter den Zuhörern, klatscht begeistert mit, scheint sich sichtbar wohl, unter ihresgleichen zu fĂŒhlen. Bin ich etwa Jude, ohne es zu wissen? Vielleicht darf man mir deswegen grundlos die Schuld an allem in die Schuhe schieben? Dann ist es ja offensichtlich ok, wenn man den Rednern in ihrer EinmĂŒtigkeit Glauben schenken darf. Aber wĂ€re ich Mitglied einer weltumspannenden Judenverschwörung, sollte ich wohl zumindest einen anderen Juden persönlich kennen. Und mir vermutlich auch ein wenig cooler vorkommen. Immerhin wĂ€re ich dann laut den geschĂ€tzten Vortragenden beinahe allmĂ€chtig.

Es ist ja anstrengend genug, wenn eine Freundin dir die Ohren volljammert, was fĂŒr ein Arschloch du bist, obwohl du nichts angestellt hast. Aber was, wenn das zur NormalitĂ€t wird? Schuld sind ja immer nur die „bösen MĂ€chtigen“. Die Welt, die passiert den Machtlosen. Aber was, wenn diese gefĂŒhlt Machtlosen selbst an die Macht kommen? Dann versuchen, die bösen Verschwörer auszuschalten, um die Öffentlichkeit zu schĂŒtzen? Mich plötzlich jemand ganz offiziell zum Verschwörer bestimmt und mich verhaftet, obwohl ich weiter nichts anderes tue, als aus dem Fenster zu schauen und meinen Gedanken nachzuhĂ€ngen? Nur, weil es sich fĂŒr ihn so richtig anfĂŒhlt? Unser Bildungssystem ist tatsĂ€chlich ganz schön kaputt, wenn es den Jungen nicht vermitteln kann, wo uns das wieder hinfĂŒhren möchte.

Ich bin dann ans Mikrophon, hab mich durchgekÀmpft, hab versucht, die Leute zur Vernunft aufzurufen. Wehret den AnfÀngen und so.
„Was soll schon passieren? Wir haben ja nichts angestellt! Aber die sollen mal bĂŒĂŸen!“, rief ein Mann aus den hinteren Reihen, und die Menge klatschte begeistert.
„Tut mir Leid, Stimme der Vernunft“, meinte ein alter Mann, der ein wenig verschĂ€mt dreinblickte, zu mir. „Ich glaube, deine Zeit ist abgelaufen.“

Ich sah die johlende Menge vor mir, die schweigende Masse der Teilnahmslosen hinter mir, und musste ihm ernĂŒchtert rechtgeben. Ich hĂ€tte noch viel zu sagen gehabt. Aber meine Zeit war abgelaufen. Der öffentliche Raum gehörte nun anderen.

War es genug? WĂŒrde es genug sein? WĂŒrde es reichen, was sie in all den Jahren an Erfahrung angesammelt hatte, an SensibilitĂ€t, die ihr eine seltene ZĂ€rtlichkeit verlieh? Und vor allem: fĂŒr wie lange wĂŒrde es reichen? Wie lange wĂŒrde es dauern, bis er herausgefunden hatte, wie es in ihrem Inneren aussah, wie lange, bis er sie durchschaut hatte, ihr auf den Grund gegangen war, mit der GrĂŒndlichkeit seines ruhigen Blickes? Und was dann? WĂŒrde er nicht, erschrocken von dem, was er in ihr vorfinden wĂŒrde, zurĂŒckschrecken, wie auch er es getan hatte, als die TĂŒr, die sie noch getrennt hatte, sich langsam öffnete? Da war diese Angst in ihr, die ihr Herz zum Rasen bringen vermochte, und nur durch Ă€ußerste Anstrengungen war es ihr möglich, Ruhe zu bewahren. Es war nicht gut, wenn er ihre Anspannung bemerkte. Es war noch nicht Zeit. Noch ein wenig genießen. Die Wahrheit war ein hohes Gut. Aber im Krieg und in der Liebe war alles erlaubt. Hoffentlich.

Irgendwo an einem See hatten sie Rast gemacht. Hatten geplaudert. Über Sternschnuppen, Gott und die Welt im Allgemeinen. Weitergeredet, wĂ€hrend sie ihr Nachtlager aufschlugen. Er wollte sie, ihre Leere, ihre Tiefe, suchte sie im Dunkel der Nacht. Aber was, wenn er fĂ€nde, wenn er aufdeckte, was verborgen bleiben musste? Doch ihn abzuweisen hĂ€tte Fragen aufgeworfen, Fragen, deren Antworten sie schuldig bleiben musste. Ihm ihren Körper eröffnend, verschloss sie ihm ihr Innerstes. Sie fĂŒhlte sich seltsam fern, als wĂŒrde es nicht ihr Körper sein, der sich auf den seinen senkte. Rasch war es vorbei. Es war zu dunkel, es genau zu erkennen, aber ihr war, als glitzerte eine TrĂ€ne in seinen Augen. Hatte er nicht gefunden, was er in ihr suchte? Hatte sie nicht gegeben, was von einer Frau zu erwarten war? Was vermeinte er zu suchen, in ihr zu finden, als Leere?

Von ihm ablassend, starrte sie in den Nachthimmel. Wie lange noch wĂŒrde sie ihm ausweichen können? Wie lange noch das Spiel weiterspielen, dass man „Liebe“ zu nennen pflegte? Wie lange noch, bis er tief genug in sie eingedrungen war, um zu sehen, was das Dunkel der Nacht gnĂ€dig verdeckte? Er hatte sich weggedreht, atmete langsam. Vielleicht schlief er bereits. ZĂ€rtlich streichelte sie seine Schulter. Wusste er, was sie zu geben vermochte? Wusste er, warum die TĂŒr zu ihrem innersten Innern ihm verschlossen bleiben wĂŒrde, verschlossen bleiben musste? Ein Zucken durchzog ihre Hand, ging durch ihren Oberarm und ihre Schulter, ihren ganzen Körper. Er war wach. Drehte sich zu ihr um, sah sie an. Und sah. Wusste wohl wenig von den GrĂŒnden, aber er erkannte ihre Ängste. War in ihr, tief in ihr, an dem Ort, der anderen zu ihrem eigenen Schutz verboten war. Und blieb. Floh nicht. Sah sich neugierig um, teils bewundernd, teils verwundert.

Es war ĂŒberflĂŒssig, etwas erklĂ€ren zu wollen – und doch tat sie es. ErzĂ€hlte ihm eine Geschichte. Vom Bau dieser heiligen Hallen, von den Blumen, mit denen sie sie geschmĂŒckt hatte, und von den Frevlern, die sie verwĂŒstet hatten. Von der Entscheidung, die Ruinen vor den GrabrĂ€ubern zu beschĂŒtzen, indem sie von allen Landkarten gelöscht wurden. Und der Angst, ohne diesen Prachtbau nur noch wenig zu gelten.

„Was ist diese Ruine hier wohl noch wert?“, meinte sie zu ihm.
„Was wĂŒrdest du schĂ€tzen?“, fragte er zurĂŒck.
„Schau dich mal um! Nur noch halb zerfallene Steine, alles lĂ€ngst ĂŒberwachsen.“
„Aber was wĂŒrdest du schĂ€tzen? Was ist es noch wert? Was bist du noch wert?“
Etwas an seinem Tonfall sagte ihr, dass er es nicht abwertend meinte. Trotzdem fĂŒhlte sie sich verletzt.
„Naja, die Landschaft ist ganz schön hier
“
„Und?“
„Man könnte aus den ganzen Steinen vielleicht etwas Schönes bauen.“
„Was wĂŒrdest du also schĂ€tzen, dass das Ganze hier wert ist?“
„Naja, das kommt darauf an, was man eben daraus macht.“

Etwas ließ sie aus ihrer inneren Welt erwachen, und sie sah in seinen Augen, dass sie nicht getrĂ€umt hatte. Er war mit ihr an jenem Ort gewesen, der allen verboten war. Und hatte ihr einen SchlĂŒssel geschenkt. Was war sie wohl wert? Was man eben daraus machte. Sinnlos, sich verstecken zu wollen. Die wunderschöne Landschaft in ihr selbst eröffnete ihr tausendfache Möglichkeiten. WĂŒrde jemand bei ihr bleiben wollen, wenn er erst in ihr Innerstes vorgedrungen war? WĂŒrde dieser Jemand bleiben wollen? Es, sie wertschĂ€tzen können? Am Ende wĂŒrde es egal sein. Es war ihre Heimat, musste ihr gefallen und niemand anderem. Weder ihren Eltern noch ihren Freunden noch ihren Liebhabern. Derzeit sah es noch etwas heruntergekommen aus. VernachlĂ€ssigt. Aber das wĂŒrde sich nun Ă€ndern.

Aber wĂŒrde er nicht das Recht fĂŒr sich beanspruchen, mitgestalten zu können, wie all die anderen MĂ€nner in ihrem Leben? Ich werde hier nur Gast sein, las sie beruhigt in seinem Blick. Ihr Leben lang hatten andere an ihren HeiligtĂŒmern gezerrt, gerĂŒttelt, Tribut gefordert oder sonstwelche Forderungen gestellt. Bis alles in sich zusammengebrochen war. Das Heiligtum. Alles, was heilig, wertvoll erschien. Nun waren sie abgezogen, um an anderem Heiligen zu rĂŒtteln. Es werde heil, sprach sie, ĂŒberrascht ĂŒber die AutoritĂ€t in ihrer Stimme. Hier war ihr wahres Zuhause, das es wiederaufzubauen galt. Wieder zu heilen. Wieder zu heiligen. Die Jahre der Verbannung waren vorbei. Dieses Mal wĂŒrde sie die Grenzen zu wahren wissen.

Sei mir willkommen, lud sie ihn nun ein, erfreut ĂŒber sein Dasein. Sei mein Gast.

Die Distanzen waren lĂ€nger geworden, und mit ihnen die inneren Qualen. Die Möglichkeiten zu Reisen hatten sich erweitert, und mit ihnen war die Stimme schwĂ€cher geworden, die in frĂŒheren Zeiten noch fĂŒr so etwas wie den Ă€ußeren Schein von NormalitĂ€t aufrechterhalten half. Es war die verinnerlichte Stimme der mahnenden Erwachsenen, der Zeigefinger der Gesellschaft, der sich mahnend auf die klaffende Wunde legte, die immerfort und ohne Ende zu bluten vermochte, zu verletzen vermochte, ohne zu töten. Sei achtsam mit deiner Liebe, schien der Finger zu sagen, denn deine FĂ€higkeit zu lieben ist begrenzt. Aber ihr Herzen waren so unendlich weit gewesen


Zerrissene aller Generationen hatten die Warnungen gehört, die Geschichten der Gescheiterten vor ihnen. Und doch fĂŒhlten sie tief in ihrem Herzen eine schreckliche Leere, eine UnersĂ€ttlichkeit, die sie antrieb, die sie zu Getriebenen machte. Es waren die Frauen, die sich den fremden MĂ€nnern in dunklen Gassen hingaben, wissend, dass die gemeinsamen Tage gezĂ€hlt waren, und doch voller Verachtung aller Endlichkeit liebend. Es waren die MĂ€nner, die ihre Heimat verließen, um in die Fremde zu gehen, die ihre Lieben zurĂŒckließen, in der Hoffnung, in der Fremde die letzten Mosaiksteine zu finden, um ihr Herz aufzufĂŒllen. Manch einen hielt nichts in seiner Heimat, und er zog aus, um erst Liebe zu finden.

Die meisten von ihnen aber waren Menschen, Frauen wie MĂ€nner, die einer Liebe fĂ€hig waren, die keiner Logik von Sicherheit und Versorgung mehr zu folgen schien. Einer Liebe zum Alten wie einer Liebe zum Neuen, einer Liebe, die kein einzelner Mensch jemals auf Dauer zu befriedigen vermochte. Und so wĂŒrden sie wandern, in der verzweifelten Suche, das klaffende Loch in ihrem Herzen zu fĂŒllen, auf dass es eines Tages ruhig werde.

Aber das Herz war ein abenteuerlustiger GefĂ€hrte, und es schien sich um all die Narben, die es davontrug, und noch viel mehr jene, die es anderen Herzen schlug, kaum zu kĂŒmmern. Und so kĂ€mpften sich die Zerrissenen durch den Dschungel der gesellschaftlichen Normen und Sicherheiten, Regeln brechend und die SchlĂ€ge ertragend. Manche von ihnen verstrickten sich in AbhĂ€ngigkeiten und gaben den Kampf auf, nach Atem ringend. Andere sind bis heute auf dem Weg, suchen, kĂ€mpfen fĂŒr eine Liebe, eine Sehnsucht, die sie in ihrem Herzen erahnen und doch nicht finden können. Scheitern. Hören, dass es unmöglich sei. Und kĂ€mpfen dennoch weiter.

Doch die Distanzen haben sich vervielfacht, in jener Welt der Eisenbahnen und Autos und Flugzeuge. Und die Zerrissenen, diese Sucher nach der Wahrheit, die sie Liebe nennen, stehen ratlos vor den Konsequenzen ihrer Suche – denn sie finden. Wohin auch immer sie sich wenden, wo auch immer sie leben, sie finden Liebe. Doch wĂ€hrend ihre Herzen noch freudvoll schneller schlagen, drĂ€ngen die Konsequenzen in ihr Bewusstsein. Meine Liebe verteilt sich ĂŒber Kontinente. Liebe zu finden, kann plötzlich bedeuten, bereits gefundene Liebe wieder zu verlieren. Es ist nicht die Liebe, die sie zu Entscheidungen zwingt, sondern die Distanz, der Raum zwischen den Welten, in denen sie sich bewegen.

Sie nennen sich die Zerrissenen, weil ihr Herz fĂŒr viele andere Herzen schlagen kann. Nun jedoch leben sie ihr Leben auch noch in vielen Welten, deren TĂŒren anderen, sesshafteren verschlossen sind.
„Du freust dich gar nicht, mich wiederzusehen!“, beschwerte sich seine Geliebte.
„Doch, aber in einer anderen Welt.“, antwortete er, selbst ĂŒberrascht ĂŒber seine Antwort.
Eine andere Welt, in der er erst in einigen Wochen wieder leben wĂŒrde, weil sie viel zu weit entfernt war, um in beiden gleichzeitig leben zu können. Doch das war ok. Generationen von Zerrissenen vor ihm hatten zwischen den Welten gelebt, und sein Herz war stark. Aber es machte ihn traurig, dass sie ihn nicht verstehen wĂŒrde, nicht verstehen können wĂŒrde, weil sie ihre eigene Welt nie verlassen hatte. Es hatte keinen Sinn, etwas zu erklĂ€ren, wozu dem anderen die Erfahrung fehlte. Selbst sein „Ich hab dich lieb“, ernstgemeint, wie es war, klang fĂŒr sie wohl seltsam distanziert. Wie aus einer anderen Welt.

Eine TrĂ€ne rann ĂŒber sein Gesicht, als er den Anruf beendete, rann weiter sein Herz herab, um zischend eine weitere Narbe zu hinterlassen. Und er wusste, dass auch ohne dass sie seine Liebe gerade erwidern konnte, sie sich doch lĂ€ngst einen ewigen Platz in seinem Herzen errungen hatte.

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