Der folgende Text stammt von Katja Lenes aus Baden bei Wien, NÖ. Sie arbeitet an einer Freien Schule, ist ein wunderfeiner Mensch und steckt – wie ihr selbst nachlesen könnt – auch voller interessanter Wortkonstruktionen 🙂
Wer sie direkt kontaktieren mag, kann das unter katjasc@gmx.at tun, sie freut sich sicher ĂŒber freundliche RĂŒckmeldungen..

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

meine Zweifel hĂ€tten fĂŒr ihn keine Bedeutung!

Sogleich spuckte ich in ihn.

Sollte er froh sein,

fast hÀtte ich in ihn uriniert.

 

GroßzĂŒgig gab ich ihm eine zweite Chance.

Er krÀuselte sich vor Lachen und ich

weinte heiße TrĂ€nen.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

meiner Absicht könne er nicht folgen!

Sogleich schichtete ich Stein auf Stein.

Sollte er doch erfahren, was es hieß,

nach meiner Absicht zu fließen.

 

Er ging seiner Wege

und kĂŒmmerte sich nicht.

Ich fand mich wieder voll bitterer Wut.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

sei nackt und leer,

sonst kannst du mich nicht spĂŒren!

Sogleich sprang ich jubelnd

aus all meinen Kleidern.

 

Doch als ich merkte,

meine Gedanken und Sorgen hafteten an mir,

zog ich schwer betrĂŒbt von dannen.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

er wĂŒrde ĂŒbergehen und das sichere Ufer verschlingen!

Sogleich packte mich die Angst und ich floh.

Noch aus der Ferne hörte ich sein Tosen.

 

Wie konnte ich ihn je wiedersehen?

Ich erklomm einen sehr hohen Berg

und ganz oben blieb
.

ICH
.stehen.

 

Er gefiel mir so gut,

also ließ ich mich fallen!

Als mich der Fluss zu sich einlud,

war ich endlich bereit!

 

Zaghaft streckten sich meine Zehen

nach seinem strömenden Sog..

Meine Fingerspitzen saugten sich

an seiner OberflÀche fest..

In meinen Kniekehlen sammelte sich

seine gelassene KĂŒhle,

wÀhrend meine Schenkel

heftige Blitze durchzuckten..

Ich benetzte mein Gesicht

mit dem Nass seines Körpers..

Erstarrte, als sich sein Wasser

in meinen Bauchnabel ergoss..

 

Er gefiel mir so gut, ich war verliebt!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud,

tauchte ich vollstÀndig ein,

mit Haut und Haar.

 

Meine Zweifel waren mir nicht von Bedeutung.

Meiner Absicht wollte ich folgen.

Und ich war nackt und leer, so wie er.

Ich ging ĂŒber vor tosender Kraft,

ließ mich gedankenlos treiben

und kĂŒmmerte mich nicht.

 

Ich bin der Fluss und lade dich ein.

 

„Darf man fragen, ob es dafĂŒr bestimmte GrĂŒnde gibt?“
Anzeichen, die hatte es gegeben. Als er vor einigen Wochen zu ihr gekommen war, und sie meinte, es wĂŒrde nicht an ihm liegen, aber… heute wĂŒrde es nicht passen… oder als sie sich um 17 Uhr verabredet hatten, und sie dann bis 20 Uhr weder auftauchte noch erreichbar gewesen war. Es hatte sich bereits abgezeichnet. Und auch er hatte innerlich gespĂŒrt, dass ihre Verbindung nicht allzulange so weiterbestehen wĂŒrde. Überrascht war er mehr ĂŒber die Geschwindigkeit, mit der der von Anfang an absehbare Prozess sich nun vollzogen hatte.

Und interessiert. An den GrĂŒnden. Oder zumindest jenen, deren sie sich bewusst war.
„Naja, mir ist aufgefallen, dass ich dich nicht vermisst habe, wenn ich dich nicht gesehen habe.“

Es war ihr unangenehm, zu sprechen, und ebenso unangenehm, zu schweigen. Eine schwer lokalisierbare Form von Schmerz, den er ihr nicht nehmen konnte und wollte. Er war notwendiger Teil des Prozesses, eines Ablaufes, den er mittlerweile oft genug durchlaufen hatte, ihn nicht mehr ĂŒber GebĂŒhr zu fĂŒrchten. ErfĂŒllte eine kommunikative Funktion: aufzurĂŒtteln, zum Handeln zu bringen, wo Handeln noch konstruktive Konsequenzen nach sich zog. Aber hier, das war ihm schon klar gewesen an der Art, wie sie auf ihn zugegangen war, war die Art seines Handelns irrelevant, das Ende der Geschichte schon vorgeschrieben.
Schweigen. Aushalten.

„Weißt du, ich habe in letzter Zeit so eine Theorie, die immer mehr Sinn zu machen beginnt“, setzte er an. „Vielleicht sind wir uns in unseren Beziehungen Lehrmeister, und diese Beziehungen, gleich welcher Form, haben eine Art natĂŒrlichen Verlauf von Geburt, Wachstum, Verfall. Vielleicht haben wir uns einfach bereits alles gelehrt, was wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt lehren können.“
Sie schwieg. Es gab auch nur noch eines zu sagen.

„Ich hab in der kurzen Zeit enorm viel durch dich gelernt. Danke dafĂŒr.“
Der Hauch einer Erwiderung.

„Dann werden wir uns wohl so schnell nicht mehr wiedersehen?“, begann er, die Zukunft abzustecken.
„Über den Weg laufen sicher mal.“
Der Subtext sprach BĂ€nde.

Als sie gegangen war, fĂŒhlt er sich seltsam leer, unberĂŒhrt. Als wĂ€re etwas falsch an seiner Reaktion gewesen, als hĂ€tte er herumschreien oder zumindest irgendetwas zerdeppern mĂŒssen.

In Ermangelung besserer EinfĂ€lle ging er einfach los, fand den Wald, fand den Fluss, wurde zum Fluss in immer fließenderen Bewegungen. Und als der Fluss ihn völlig ausfĂŒllte, fĂŒhlte er, wie sich ihm inmitten aller Strömungen der Wahrnehmungen und Leben ein kleiner, unscheinbarer Ort eröffnete, an dem er die Stille wiederfand. Und die Stille sprach sanft zu ihm:
Was hast du verloren?

Und er sah ihr Gesicht in allen Formen der Welt wiedergespiegelt. Sah, dass jede Geburt ein Sterben war, und jedes Sterben Raum schuf fĂŒr Wiedergeburt. Die Einzigartigkeit des Moments, der ihm geschenkt war, und das Wunder, im stetigen Wandeln von Tod und Wiedergeburt stets einen radikal neuen Moment vorzufinden.

Alles vergeht, alles kommt wieder.
Als er die Augen öffnete, fand er sich auf einem Stein wieder, umsprudelt von einem dahinplÀtschernden Bach. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Aber es war im Grunde auch irrelevant.

Nichts geht je ganz verloren.
Er wĂŒrde sie wiedersehen, verhĂŒllt in neue Formen, verkleidet als wieder andere Lehrmeisterin.

Nun fĂŒhlte er sich erinnert an den Moment, als er vor einigen Wochen mit einer jungen Frau ins Wasser eines Sees gelaufen war. Sie hatte gezögert, war nicht sicher, ob sie sich der erwarteten KĂ€lte stellen wollte. „Warm, kalt, macht keinen Unterschied!“, hatte er ihr zugerufen, „nur weil du glaubst, kalt sei unangenehmer, erlebst du es so!“. Den Gedanken hatte er schon lange mit sich herumgetragen, aber nun, um ihn ihr – und sich selbst – zu beweisen, ging er mutig voran ins Wasser.

Die Schwierigkeit war nicht, dass das Außen stets in Bewegung war. Warm. Kalt. NĂ€he. Distanz. Die Schwierigkeit lag darin, sich auf die Bewegung einzulassen, ohne auf die Stille im Zentrum zu vergessen, aus der alles entsprang, zu der alles zurĂŒckkehrte, und dank der niemals etwas von Essenz verloren ging. Wohl Ă€nderten sich die Formen, Ă€hnlich wie ein jeder Regentropfen fĂŒr sich einzigartig war. Aber der Regen als solcher war eine Konstante. Es wĂŒrde immer Leben geben. Es wĂŒrde immer Liebe geben, NĂ€he, Distanz, Tod, Wiedergeburt. Die großen Konstanten.
Alles vergeht. Alles kommt wieder.
Er hatte die KreislÀufe schon oft genug durchlaufen, um den einstmaligen Glauben zur Gewissheit werden zu lassen.
Nur die HĂŒllen, die Formen, sind sterblich.
Vielleicht wĂŒrde er sie in jener Form nie wiedersehen.
Nichts Essentielles geht je verloren.
Aber die Liebe in ihrer Essenz wĂŒrde wiederkehren.

Und nun verstand er, warum er vorhin keine nennenswerte Trauer verspĂŒrt hatte.
WorĂŒber auch trauern, wo doch ohnehin alles wiederkehren wĂŒrde?
Mit neuen Formen, neuen Erfahrungen, und dem unwiderstehlichen Hauch eines neuen FrĂŒhlings.

Welchen Einfluss hat unsere subjektive Erwartung davon was passieren wird auf das tatsĂ€chliche Geschehen? Eröffnet sie uns Möglichkeits-RĂ€ume, die uns durch die BeschrĂ€nkung auf eine objektive Wissenschaft verschlossen bleiben wĂŒrden?

Vor etwa 10 Jahren durchlief ich eine Phase, in der ich mit so ziemlich jedem der mir begegnete ein GesprĂ€ch begann, egal ob Mann oder Frau, ob Kind, Erwachsener oder Ă€lterer Mensch. Fast alle dieser GesprĂ€che waren interessant fĂŒr beide Seiten. Nur selten entwickelten sich daraus mehr als lose Kontakte im Moment, aber doch trennte man sich mit einem warmen GefĂŒhl der gegenseitigen Bereicherung.

Nun hatte sich diese Angewohnheit ĂŒber die letzten Jahre ein wenig gelegt, bis zu dem Punkt, an dem ich kaum mehr mit Fremden sprach. Mir war (von Menschen, die daran gewöhnt waren) erklĂ€rt worden, dass es unter Erwachsenen höflicher und damit erwĂŒnschter sei, erst einen Termin zu vereinbaren. Als ob diese gewissermaßen „gedankenlose“ Phase eine Ausgeburt meiner Jugend sei, ein naiver Zugang zur Welt, der nur aufgrund meiner damaligen Jugend geduldet worden war. Nun, als bald 30-jĂ€hriger, waren andere Methoden der Kontaktaufnahme angebracht.

All die MĂŒhen, diese „Angebrachtheit“ des Kontaktes zu erreichen, fĂŒhrten im Grunde jedoch nur dazu, dass sich die HĂ€ufigkeit und die QualitĂ€t des Kontaktes zu meinen Mitmenschen spĂŒrbar verringerten. Je mehr Planungsaufwand ein gewĂŒnschtes Treffen mit sich brachte, desto seltener wurde dieser Planungsaufwand von einem tatsĂ€chlichen Treffen gekrönt. Traditionelle Formen des Kontaktes waren da effizienter und kamen öfter zustande (etwa der 2-monatliche Spiele-Abend mit einem bestimmten Freundeskreis), aber auch hier nahm die QualitĂ€t des Kontaktes spĂŒrbar ab, obwohl die Liebe zu den Menschen an sich noch genauso stark war wie ursprĂŒnglich.

War ich einfach Àlter geworden? War das der normale Lauf der Dinge?

Ist die Welt, wie die Welt eben ist?

Irgendwann stolperte ich dann zufĂ€llig ĂŒber ein Konzept, das davon ausgeht, die Welt wĂŒrde sich nach den Erwartungen richten, die man an die Welt kommuniziere. Das brachte mich dazu, meine Erfahrungen vor 10 Jahren testweise damit zu interpretieren, denn tatsĂ€chlich hatte ich mich damals selbst davon ĂŒberzeugt, dass ein jeder Mensch, den ich treffen wĂŒrde, interessante Begegnungen mit sich bringen wĂŒrde – und wurde nur selten in meiner Erwartung enttĂ€uscht.

Was mir an dem Konzept trotzdem ein wenig fraglich vorkommt, ist die Idee, dass die Welt sich nach meinen WĂŒnschen richten soll. Das wĂŒrde demnach ja auch bedeuten, dass die Welt sich nach den WĂŒnschen von potentiell Milliarden Menschen zu richten hat, was einige Folgefragen nach sich zieht, die fĂŒr mich schwer zu beantworten sind, etwa: wĂŒrde das nicht bedeuten, dass wir im Grunde alle ziemlich alleine in unserer derart subjektiven Welt leben?

Was aber, wenn unsere Erwartungen nicht die Welt, sondern unsere Wahrnehmung der Welt beeinflussen? Viele Menschen kennen vermutlich das PhĂ€nomen, dass wir etwas, das uns gerade beschĂ€ftigt, plötzlich ĂŒberall wahrnehmen. Wenn wir als Hypothese davon ausgehen, dass unsere bewusste Wahrnehmung eine Art Filter darstellt, der aus der Masse an unbewusster Wahrnehmung das herausfiltert, was fĂŒr uns am relevantesten ist, dann macht es durchaus Sinn, dass wir je nachdem, wie wir diesen Filter „einstellen“, andere Aspekte unserer Umwelt wahrnehmen.

Wenn ich also meinen „Filter“ darauf eingestellt habe, in allen Menschen Interessantes zu vermuten, erhöhe ich damit meine Chance, es auch zu finden. Objektiv existent ist es womöglich unabhĂ€ngig davon, ob ich danach suche, aber wenn mein Filter es „ausfiltert“, ist es fĂŒr mich selbst nicht wahrnehmbar – und damit subjektiv nicht existent, bis ich meinen Filter entsprechend umstelle.

Was, wenn die Hypothese stimmt?

Wenn diese Hypothese stimmt, hat sie dramatische Auswirkungen. Offenbar existieren in der Medizin Studien, die darauf hinweisen, dass je nach Krankheitsbild ĂŒber 60% der Heilungschancen von den Erwartungen des Patienten abhĂ€ngen, also auch von der FĂ€higkeit des behandelnden Arztes, ihn zu ĂŒberzeugen an die Behandlungsmethode zu glauben (auch bekannt unter “Placebo-Effekt”). Auch in der PĂ€dagogik gibt es entsprechende Studien, die drastische Auswirkungen des Glaubens des Lehrers an seine SchĂŒler belegen. An einer 4. Klasse Volksschule, die ich vor Jahren in Deutsch ĂŒbernommen habe, bin ich davon ausgegangen, dass alle SchĂŒler Bestleistungen erzielen können – und wurde nicht enttĂ€uscht, obwohl die Leistungen bevor ich die Klasse ĂŒbernahm durchaus sehr unterschiedlich waren.

Wie die meisten meiner Freunde wissen, verfolge ich gerade mein Ziel, mich selbststĂ€ndig zu machen. Ein Aspekt dabei ist bekanntlich die Generierung von Einkommen. In den letzten Wochen haben sich plötzlich Möglichkeiten und Kontakte aufgetan, von denen ich nicht zu trĂ€umen gewagt hĂ€tte. Diese waren vermutlich immer schon „da“ im objektiven Sinne, aber erst durch meine Entscheidung zur SelbststĂ€ndigkeit wurde mein „Filter“ der Aufmerksamkeit so eingestellt, dass ich sie tatsĂ€chlich wahrnehmen und entsprechend agieren konnte.

So habe ich mich gefragt, wie ich wohl einen grĂ¶ĂŸeren Bekanntheitsgrad erreichen könnte – und ein paar Tage spĂ€ter fragte mich ein Bekannter, ob er mich irgendwann mal fĂŒr einen lokalen TV-Sender interviewen dĂŒrfte. Ich habe mir gedacht, ich wĂŒrde gerne VortrĂ€ge halten, und irgendwann auch dafĂŒr Geld verdienen. Kurz darauf vermittelte mir eine Freundin den Kontakt zu einer Location, in der ich bald einen Vortrag halten kann. Irgendwann kam mir der Gedanke es wĂ€re interessant mit anderen zusammenzuarbeiten, die in anderen Disziplinen (FĂŒhrung von Erwachsenen z.B.) zu Ă€hnlichen SchlĂŒssen gekommen sind wie ich – ein paar Tage spĂ€ter traf ich genau diese Menschen, und wir sind nun ein StĂŒck weit am Herausfinden, wie diese Zusammenarbeit am Konstruktivsten stattfinden könnte.

Keine dieser Möglichkeiten offenbarte sich exakt in einer Form, die ich hĂ€tte planen können, und setzte jeweils ein wenig FlexibilitĂ€t meinerseits voraus, sie als solche zu erkennen. Trotzdem wirken diese Erlebnisse verdĂ€chtig konsistent, als wĂ€re tatsĂ€chlich ein Muster dahinter: glauben, vertrauen, sich bereit machen/“den Filter einstellen“ fĂŒr die Antwort.

Entzieht sich „Glaube“ der wissenschaftlichen Methode?

Die die Wissenschaftliche Methode ein StĂŒck weit eine  skeptische Einstellung des Forschenden zu Aussagen und vor allem eine gewisse objektive Reproduzierbarkeit voraussetzt, stellt sich fĂŒr mich die Frage, inwieweit positive Aspekte dieser Erwartungshaltungen (die ja stets – auch – subjektiv sind) tatsĂ€chlich nach einer klassischen wissenschaftlichen Methode nachweisbar wĂ€ren.

Die interessante Fragestellung, die sich fĂŒr mich nach zahlreichen Alltagsbeobachtungen daraufhin stellt, ist jene, wie es denn alternativ möglich wĂ€re, tatsĂ€chlich wirksame Erwartungshaltungen von Angeboten von Hochstaplern zu unterscheiden, bzw. auch „unfreiwillige Hochstapler“, also Menschen, die tatsĂ€chlich selbst an die Ursache einer Wirkung glauben, aber falsch liegen, von jenen zu trennen, die richtig liegen?

Ich kann mir z.B. gut vorstellen (und es deckt sich auch mit den ErzĂ€hlungen einiger  Bekannter die in dieser „Szene zuhause sind“), dass fĂŒr denjenigen, der zu bestimmten Produkten wie Grander-Wasser die Erwartung hat dass sie funktionieren, diese Produkte auch tatsĂ€chlich funktionieren können. Die Ursache ist aber dabei nicht notwendigerweise das Produkt selbst, sondern möglicherweise die Erwartungshaltung an das Produkt.  Wenn nun ein Mensch z.B. von seinem Krebs geheilt wird, weil er daran glaubt, dass ein an sich objektiv nutzloses Produkt ihm Heilung verspricht –  ist es nun unethisch, ihm dieses Produkt glaubhaft ans Herz zu legen, oder ist es unethisch, es ihm zu verwehren, weil es objektiv betrachtet keinen wirklichen Nutzen hat?

Das sind schwierige Fragen, und ich bin froh, keines dieser Produkte vertreiben zu wollen – aber interessant finde ich sie trotzdem, weil sie eine mögliche Schwachstellen unserer sonst so sinnvollen wissenschaftliche Methodik aufzeigen könnten.

Das Problem der Mittelbarkeit               

In einem GesprĂ€ch mit einem guten Freund heute, der sich mit Ă€hnlichen Fragen beschĂ€ftigt, brachte er mich auf den Gedanken, die Frage zu stellen, wer denn beurteilen könne, ob ein Produkt/ein Zugang nĂŒtzlich sei. Unsere wissenschaftliche Methodik stellt ja den Anspruch der objektiven NĂŒtzlichkeit und Nachvollziehbarkeit, das heißt sie möchte die Welt auf eine Weise beschreiben, die fĂŒr einen jeden nachvollziehbar ist. Sie versucht allgemeine, objektive Urteile zu treffen. Damit muss der Einzelne sich nicht mehr stĂ€ndig selbst die Frage stellen, was fĂŒr ihn gut und richtig ist, er erreicht eine gewisse Mittelbarkeit dadurch, dass er sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse verlĂ€sst.

Wenn ich in meiner subjektiven Erfahrung feststelle, dass etwas fĂŒr mich – also wieder subjektiv – einen Wert hat, stellt das noch kein Problem dar. Problematisch wird es erst, wenn ich aus dieser subjektiven Erfahrung schließe, dass es fĂŒr andere in ihrer eigenen subjektiven Erfahrung auch gleich sein muss. Bewegen wir uns aus dem „sicheren Bereich“ der wissenschaftlichen Methode heraus, braucht es daher wohl stets die subjektive ÜberprĂŒfung der NĂŒtzlichkeit: spĂŒrt es sich fĂŒr mich richtig an?

Solange diese “Sicherheitsabfrage” gewĂ€hrleistet ist und der Mensch, der sich in diese subjektiven, un-mittelbaren ErfahrungsrĂ€ume wagt, die Verantwortung fĂŒr die Konsequenzen seiner Entscheidungen selbst ĂŒbernimmt, könnte es durchaus sinnvoll sein, mit der Macht der subjektiven Wahrnehmung zu experimentieren.

Wenn der Glaube allein nicht reicht: Vorstellungen und Systeme

Vor allem bei grĂ¶ĂŸeren Projekten wie meiner SelbststĂ€ndigkeit kann es eine Weile dauern, bis sich vorzeigbare Ergebnisse einstellen, und Kommentare der gutmeinenden Anderen können da auch manchmal nicht hilfreich sein. Was mir dabei hilft sind vor allem zwei Vorstellungen und ein kleiner psychologischer Trick, die ich gerne mit euch teilen möchte:

Die erste Idee ist die Vorstellung vom Samenkorn, das die ersten Tage/Wochen noch unter der Erde auf seinen glorreichen Moment wartet. Das braucht obwohl es „noch nicht da ist“ regelmĂ€ĂŸig Wasser und Pflege, damit es keimen und wachsen kann. Es braucht eine Vor-Investition, und Glauben an das spĂ€tere Keimen der Pflanze, weil wir sie sonst vielleicht nicht weiterpflegen und damit verhindern dass sie langfristig aufkeimen kann. Was wir erreichen wollen, verhĂ€lt sich oft wie ein Samenkern, der eine Weile braucht, bis er reagiert

Eine zweite Vorstellung, die hilfreich ist fĂŒr mich ist, ist die Vorstellung einer Kugel immenser Masse im Weltraum, die durch wiederholte kleine Kraftanstrengungen in Bewegung gebracht wird. Anfangs hat der Impuls von außen kaum sichtbare Auswirkungen, aber oft genug wiederholt summiert sich die Bewegungsgeschwindigkeit der großen Masse dann doch. Anmerkung: vielleicht ist die Physik dahinter völlig falsch, aber mir hilft das Bild so 😉

Aus psychologischen Studien wissen wir, dass Belohnungen sich irgendwann abnutzen, aber Belohnungen die subjektiv mehr oder weniger zufĂ€llig geschehen, nicht. Diesen Aspekt kann man sich zunutze machen, indem man regelmĂ€ĂŸig Kontakt zu genĂŒgend potentiell hilfreichen Mitmenschen aufnimmt, die dann entweder gar nicht oder mit unterschiedlich langen Antwortzeiten darauf reagieren. Gestern Abend z.B. habe ich eine sehr freundliche Mail von einem recht hochrangigen OÖ Politiker bekommen, der mir auf eine Mail vor ein paar Tagen geantwortet hat – und mich total gefreut, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass er so freundlich zurĂŒckschreibt bzw. die Mail ihn ĂŒberhaupt erreicht, da ich sie mangels Privat-Adresse ĂŒber offizielle Kontakt-KanĂ€le schicken musste. Da eine Art unregelmĂ€ĂŸiges „Schöne-Überraschungs-System“ an potentiell schönen Erlebnissen aufzubauen kann helfen, ĂŒber schwierigere Zeiten hinwegzukommen.

Niklas

Vor etwa einem Jahr besuchte ich mit meiner Freundin eine ihrer Vorlesungen im Studium der Theatertherapie, es ging um die abstrahierten Bedingungen von (psychologischen) Heilungsprozessen – ich habe darĂŒber auch hier in diesem Blog geschrieben. Schon damals war mir die Ähnlichkeit mit den Bedingungen des Gelingens von dem, was ich hier als „qualitativem Lernen“ beschreibe, aufgefallen: „Durchbruchs-Erfahrungen“ im Lernen, die eine gewisse transzendentale QualitĂ€t mit sich bringen, also nicht ein Mehr an Gleichem, sondern einen qualitativen Entwicklungsschritt, ein Umgehen-Lernen mit einem höheren KomplexitĂ€tsgrad. Der Vortragende Professor erwĂ€hnte in einem Nebensatz jedoch noch einen weiteren sehr interessanten Gedanken: es gĂ€be Forschungen, demnach ca. 60% aller HeilungsvorgĂ€nge (Schulmedizin inkludiert) in ihrem Ursprung Placebo-Effekte seien, wobei letztere in der relevanten Definition nicht eingebildet im Sinne von nicht-existierend sondern eingebildet im Sinne von Glaubens-basiert seien. Umgelegt auf die PĂ€dagogik wĂŒrde das bedeuten, dass ĂŒber die HĂ€lfte unseres Einflusses auf die Entwicklung der uns anvertrauten SchĂŒler ĂŒberhaupt nicht von der gewĂ€hlten Methodik abhĂ€ngen. Nur: wovon dann?

Berge versetzen?

In seinem Vortrag erwĂ€hnte der Vortragende mehrere Komponenten, die relevant fĂŒr die Heilung des Hilfesuchenden seien, etwa dass er an die AutoritĂ€t des Therapeuten/Schamanen/Arztes/… glaube, dass sein fĂŒr ihn relevantes Umfeld daran glaube (in unserem Fall etwa z.B. Eltern), dass der Behandelnde selbst an die Wirkungsmacht seiner Methode glaube. Einen Aspekt hatte er meiner Erinnerung nach jedoch damals nicht erwĂ€hnt, obwohl er mir – gerade fĂŒr das Lernen und die Entwicklung von Menschen – besonders relevant erscheint: glaube ich als Lernender daran, dass ich es schaffen kann? Ich kann nĂ€mlich durchaus an eine Methode glauben, ohne zu glauben, dass sie an mir Wirkung zeigen wird.

In den meisten Schulklassen wird es wohl spĂ€testens nach ein paar Jahren zu einem gewissen „realistischen“ Selbstbild der SchĂŒler ĂŒber ihre FĂ€higkeiten kommen. Sie haben irgendwann erkannt, dass sie etwa im Rechnen sehr gut sind, in Deutsch aber nicht so gut, oder umgekehrt, oder in kĂŒnstlerischen „NebenfĂ€chern“ besser oder auch in gar keinen SchulfĂ€chern. Auch in der Klasse, die ich zuletzt in Deutsch unterrichtet habe, waren die „Guten“ und die „SchwĂ€cheren“ zum Zeitpunkt meines Dienstantritts in ihrer Selbstwahrnehmung bereits klar verteilt, und dies wĂ€re wohl auch so geblieben, wenn ich den aktuellen Stand als Tatsache akzeptiert hĂ€tte – aber wer sich oft genug mit den Implikationen von NeuroplastizitĂ€t und den Vorteilen des „Growth-Mindset“ zur Betrachtung der Entwicklung von Menschen beschĂ€ftigt hat, kann den „schlechten SchĂŒler“ kaum mehr als Tatsache akzeptieren. Daraus ergibt sich nicht automatisch ein von mir ausgeĂŒbter Druck zur VerĂ€nderung, aber die Möglichkeit zur Entwicklung entsteht.

Warum Glaube in der PĂ€dagogik notwendig ist

Eine der wertvollsten Konsequenzen, die ich aus dieser Betrachtungsweise fĂŒr mich gezogen habe, ist die Notwendigkeit, an Potentiale glauben zu können, und am einfachsten erklĂ€rt sich diese Notwendigkeit aus ihrer Negation: wenn ein SchĂŒler glaubt, ein schlechter SchĂŒler in Deutsch zu sein, seine Freunde, Eltern und Lehrer dies ebenso als Faktum akzeptieren wie er selbst, wie soll sich dieses Selbstbild Ă€ndern können? Selbst wenn er gegenteilige Erfahrungen macht, wird er sie tendenziell als „ZufĂ€lle“ oder „falsche RĂŒckmeldungen“ einordnen. Wenn es jedoch nur eine einzige Person gibt, die ihm eine alternative Weltsicht entgegenhĂ€lt, schenkt ihm diese Person damit die Möglichkeit, an seinem starren Selbstbild zu zweifeln. Macht er unter dem Einfluss dieses Zweifels seinem Selbstbild gegenteilige Erfahrungen, so mag er anfangen, an die Möglichkeit einer Entwicklung zu glauben, an die Möglichkeit, dass seine Anstrengungen Erfolg haben könnten. Wenn ein SchĂŒler nicht daran glauben kann, dass ihm seine Anstrengung Erfolg bringen kann, wird er seine Aufgaben zwar möglicherweise erledigen (etwa um keine Schwierigkeiten zu bekommen), aber sie werden kaum Wirkung zeigen.

Hierzu ist es jedoch wichtig zu verstehen, dass es mir tatsĂ€chlich um die Beantwortung der Frage „Könnte ich mich tatsĂ€chlich weiterentwickeln?“ geht, nicht um ein allgemeins „Funktioniert die Methodik?“. Ein SchĂŒler mit dunkler Hautfarbe mag etwa der festen Überzeugung sein, dass die Methode „fĂŒr Weiße“ fĂŒr ihn nicht funktioniere, weil er seine Hautfarbe fĂŒr den Grund seines „Nicht-Funktionierens“ hĂ€lt (womöglich hervorgerufen durch unbedachte Aussagen von „Freunden“). Bevor es fĂŒr einen Menschen möglich ist, Entwicklung als solche zu akzeptieren und in sich auch zu stabilisieren, muss sie ihm denkbar sein. Wenn er sich etwa „fliegen“ vorstellen kann, selbst wenn er noch nie einen fliegenden Menschen gesehen hat, ist die Entwicklung zum fliegenden Menschen fĂŒr ihn plötzlich (wenn auch unwahrscheinlich) möglich. Sieht er einen fliegenden Menschen, wird die Chance steigen, dass er es fĂŒr möglich hĂ€lt, selbst einmal fliegen zu können. Je Ă€hnlicher die Voraussetzungen des „Vorbilds“ zu den eigenen, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Mensch es fĂŒr möglich hĂ€lt, sich ebenso verhalten zu können. Diese Vorbilder mĂŒssen keine realen Personen, können ebenso Romanfiguren oder Zeichentrickfiguren sein. Wichtig ist, dass sie den Denkraum erweitern von „Ich bin so“ zu „Ich bin so und könnte auch so sein“.

Kann Glaube wirklich so wichtig sein?

Ich vermute, dass ein sehr großer Anteil meiner pĂ€dagogischen Erfolge am Ende auf die Tatsache zurĂŒckzufĂŒhren ist, dass ich an ein riesiges Potential eines jeden mir anvertrauten SchĂŒlers glaube, und zwar nicht als Methode sondern als sich immer wieder bestĂ€tigender Erfahrungswert. Der Rest meiner Methodik baut zu einem großen Teil darauf auf, ein Umfeld zu erschaffen, in dem die mir anvertrauten SchĂŒler angstfrei den Zweifeln an ihrer Inkompetenz nachgehen und sich selbst das Vorhandensein dieser Potentiale beweisen können – aber ohne den Glauben an sie, der allen anderem zugrunde liegt, wĂ€re der Rest wohl weit nicht so effektiv.

Letzten Mittwoch habe ich bei einer Lehrerversammlung jemanden getroffen, der darĂŒber spricht, wie wichtig SchlĂŒsselpersonen in der Entwicklung von Kindern sind, also Personen, die im richtigen Moment an einen glauben, Zugang zu Ressourcen bereitstellen, und dass dies sehr oft auch  sind, die nicht in der gesellschaftlich dafĂŒr vorgesehenen Aufgabe als Lehrer oder Eltern fungieren. Ein Freund erzĂ€hlte mir etwa, dass fĂŒr ihn ein alter AntiquitĂ€tenhĂ€ndler eine SchlĂŒsselperson war, weil dieser ihm immer wenn er als Kind vorbeilief, BĂŒcher vorbereitet hatte, die seinen Horizont erweiterten. Bei mir war es eine Religionslehrerin, spĂ€ter ein Supervisor, meine Stiefmutter, und ich hatte großes GlĂŒck, diese Menschen treffen zu dĂŒrfen – ein GlĂŒck, das nicht jedem Kind vergönnt ist. Weswegen ich glaube, dass es wichtig wĂ€re, als Lehrer fĂŒr die ihm anvertrauten SchĂŒler so eine SchlĂŒsselperson sein zu können oder es zumindest zu versuchen. An jeden einzelnen SchĂŒler zu glauben, auch – oder gerade – wenn er anstrengend oder besonders unfĂ€hig wirken mag.

Dies erlöst einen Lehrer nicht von der Aufgabe, sich auch stoffbezogen und inhaltlich vorzubereiten, aber es erleichtert diese Aufgabe ungemein, da der Samen des behandelten Stoffes fortan auf fruchtbareren Boden fallen wird.

Niklas

„Funktioniert der noch?“, fragte der erste Fahrgast, auf den Anker deutend, „Mir scheint, es fehlt ihm ein wenig an Halt!“
Der KapitĂ€n lĂ€chelte schweigend. Durch viele StĂŒrme hatte ihn jener Anker sicher gefĂŒhrt, hatte ihn gehalten, wenn die Wellenberge drohend auf das Schiff zurasten.
„TatsĂ€chlich!“, meinte nun ein weiterer Fahrgast, „KapitĂ€n! Da haben sich Algen angesetzt. Oder Seetang! GrĂŒnes Zeug eben! Igitt! So glitschig, wie das ist, rutscht der doch sicher ab!“
Er seufzte. „Nun lassen Sie die Beschaffenheit meines Ankers doch bitte meine Sorge sein.“
„NatĂŒrlich, KapitĂ€n. Wir wollten uns nur nĂŒtzlich machen.“

Schweigend steuerte er das Boot durch die ruhige See, in Gedanken versunken. Was wussten diese Menschen schon von dem Singen, das die Luft erfĂŒllte, wenn er an der alten Kurbel hantierte? Von den Geschichten, die in jenem ‚grĂŒnen Zeugs‘ zu entdecken waren? Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, seinen GĂ€sten vorzufĂŒhren, was sie verkannt hatten, beinahe drĂ€ngte es ihn – doch im Grunde wusste er, dass sie unfĂ€hig sein wĂŒrden, das Wunder wahrzunehmen. Der Anker sang nicht auf Befehl, und die Wunder, die er aus den Tiefen des Ozeans an die OberflĂ€che brachte, waren nicht allen als solche ersichtlich. Seine Magie war nur mit Geduld wahrzunehmen. Es war schade. Gerne hĂ€tte er ihnen den Zauber vorgefĂŒhrt.

Weiter drangen sie in ihn, doch am nĂ€chsten Hafen anzuhalten und sich einen funktionierenden Ersatz zu besorgen, und je mehr sie in ihn drangen, je mehr sie ihm ihre Argumente auseinandersetzten, desto verunsicherter wurde er. Was, wenn sie nun doch Recht hatten? Schließlich ließ er sich doch hinreißen und versuchte, an der Kurbel zu drehen, doch der erhoffte Gesang blieb aus. Mit ohrenbetĂ€ubendem Quietschen sank der Anker in die Tiefe, schien aber keinen Grund zu finden, denn das Boot stieß weiter ungehindert durchs Wasser.
„Was haben wir gesagt?“, meinte der erste Fahrgast ĂŒberlegen.
„Es ist doch nur zu Ihrem Besten, KapitĂ€n. Wir machen einen kleinen Zwischenstopp an Land, tauschen das alte Teil fĂŒr ein Funktionierendes, und sind sofort wieder in See. Das tut niemandem weh und hilft allen.“
Was, wenn sie Recht haben, dachte der KapitĂ€n verunsichert. Was, wenn ich uns alle in Gefahr bringe mit meiner Sturheit? Es war schon seltsam. Noch nie hatte er sich auf See gefĂŒrchtet, seit er den neuen Anker montiert hatte, und nun…

Er fixierte das Steuerruder; fĂŒr die nĂ€chsten zwei Stunden konnte er Aufmerksamkeit erĂŒbrigen, nichts lag vor dem Boot als offene, glatte See. WĂ€hrend die FahrgĂ€ste weiter aufgebracht ĂŒber die richtige Funktionsweise eines guten Ankers diskutierten, ging er zurĂŒck, um mit dem bisher so verlĂ€sslichen StĂŒck alleine zu sein. Warum muss ich mich von dir trennen?, fragte er sich traurig, und TrĂ€nen stiegen ihm ins wettergegerbte Gesicht. Er liebte diesen Anker, der ihm Halt schenkte, wo Halt notwendig war, und Bewegungsfreiheit, wo er ManeuvrierfĂ€higkeit brauchte. Der ihm sang, wenn er sich einsam fĂŒhlte auf hoher See, sang von den tiefsten Tiefen der Ozeane, die er mit seinem Boot durchkreuzte, der ihm bisweilen Souveniers aus jenen Tiefen an die OberflĂ€che brachte.

Plötzlich drĂ€ngte sich ihm ein mentales Bild auf, durch all seine Sorgen und Ängste hindurch: einer der FahrgĂ€ste, wie er den‘ Seetang‘, mit dem er sich beim BerĂŒhren des Ankers ‚befleckt‘ hatte, angeekelt an der Reling abzuwischen versuchte. Sie sind nicht wie wir, ĂŒberwĂ€ltigte ihn heiß die Erkenntnis, sie wollen nur sicher ĂŒber den Ozean kommen. Sie wollen nicht sehen, was unter der OberflĂ€che zu finden ist, sie wollen nicht hören, wovon du singst. Aber ich will es, muss es! Und wenn du keinen Grund mehr findest, an den du uns binden kannst, weil du in Tiefen vorstĂ¶ĂŸt, die niemand vor dir errungen hat – bleib bei mir! Die wichtigste Verbindung ist mir nicht die an einen sicheren Grund, sondern jene zwischen uns! Bleib! Wir werden sie sicher in den Hafen bringen, unsere GĂ€ste, wo sie ihren Freunden Karten schreiben von ihren ‘Abenteuern’ auf See. Dann werde ich dich auswerfen, und du wirst fĂŒr mich singen, von all dem, was kaum ein Menschen Auge wagt zu erblicken, und ich werde an dir festhalten, auf dass du furchtlos tiefer vorstoßen kannst, wissend um meinen Halt wie ich um den deinen. Wir werden uns halten, durch StĂŒrme wie durch ruhige See, und unsere FahrgĂ€ste werden schimpfen und lachen ĂŒber uns, aber das wird uns egal sein, denn sie sind nicht wie wir, sie können nicht verstehen, oder vielleicht wollen sie, trauen sie sich auch nicht. Mein Anker, mein zauberhafter Anker, ich bleibe dir verbunden!

Und mit einem Male ertönte ein leises Summen, beinahe ein Ton, wie aus den tiefsten Tiefen der Ozeane, entfernt. Seine FahrgĂ€ste schienen nichts gehört zu haben, sie fachsimpelten eifrig weiter ĂŒber Funktionsweisen verschiedenster Teile eines Bootes. Sich erinnernd an frĂŒhere Fahrten begann er zu pfeifen, zu singen, zu frohlocken, und der Ton aus der Tiefe begleitete ihn, ließ ihn nicht mehr los. Wie schön, dich wieder um mich zu haben, dachte er beglĂŒckt, und all die Angst und die Zweifel fielen von ihm fort, wie sie es immer getan hatten und wohl auch immer tun wĂŒrden.

Es war einmal eine kleine Blume namens Lunea Löwenzahn. Sie war sehr stolz auf ihren schönen Namen, den ihre Eltern ihr gegeben hatten, und war sicher, dass sie eines Tages so wunderschön blĂŒhen wĂŒrde wie sie. Aber weil es draußen noch so kalt war, versteckte sie sich noch unter der Erde. Dort war es wohlig warm, und in dem kleinen Samen fĂŒhlte sie sich sicher. So verbrachte sie einen langen Winter. Du wirst sehen, hatten ihre Eltern-Blumen zu ihr gesagt, eines Tages kommt der FrĂŒhling, und dann wirst auch du so wunderschöne BlĂŒtenblĂ€tter haben wie wir. Aber erst wird es Winter sein, kalt sein. Du wirst dich fragen, ob es den FrĂŒhling ĂŒberhaupt wirklich gibt. Doch keine Sorge: auch dein FrĂŒhling kommt bestimmt.

Lunea machte sich keine Sorgen ĂŒber den Winter, so wohlig warm war ihr in ihrem Samenkern. Manchmal naschte sie von einem vorbeikommenden Regentropfen, der in die Erde gesickert war, und freute sich darĂŒber, dass sie so schön beschĂŒtzt war vor der KĂ€lte. Eines Tages aber war auf einmal alles anders. Es war, als hĂ€tte sie etwas gekitzelt. Etwas kribbelte in ihr, ließ ihr keine Ruhe. War das der FrĂŒhling? Nun wurde sie neugierig. Ihr ganzes Leben hatte sie in dem kleinen Samenkern verbracht. Dort drin war sie beschĂŒtzt vor der Welt da draußen. Aber nun, mit diesem seltsamen Kribbeln, fĂŒhlte sie sich auch ein bisschen eingesperrt. Es war auch so furchtbar wenig Platz hier drin! Und irgendwie war es auch langweilig. Lunea gĂ€hnte, streckte sich und plötzlich passierte es: der Samenkern platzte!

Sofort kugelte sich die kleine Blume wieder zusammen, aber es war zu spĂ€t – der schĂŒtzende Samenkern war geplatzt, und jetzt war sie der Welt schutzlos ausgeliefert. Zusammengekugelt wartete sie ab. Sicherlich wĂŒrde sie nun gleich sterben mĂŒssen, fĂŒr ihre Ungeschicklichkeit bezahlen. Aber keine bösen Monster fraßen sie auf. Das einzige, was sie fĂŒhlen konnte, war eine ungewohnte WĂ€rme, die sie so noch nie gefĂŒhlt hatte. War das die Sonne, von der ihre Eltern erzĂ€hlt hatten? War das der FrĂŒhling?

Der Samenkern war nun nutzlos fĂŒr sie geworden. Sie streckte sich ein wenig mehr und schĂŒttelte ihn ab. Alles war plötzlich viel intensiver: die Wassertropfen und die Erde, an denen sie naschte, die WĂ€rme, das Rumoren der vorbeigrabenden RegenwĂŒrmer. Ein unbĂ€ndiger Drang erfasste sie, sich zu strecken, immer weiter, höher, zu wachsen! Einige Tage spĂ€ter durchbrach sie die Erde und atmete zum ersten Mal frische Luft. Es war fast zu viel fĂŒr sie. So viel GrĂŒn und Blau und Rot und Gelb! In der Erde war ja alles dunkel gewesen. Und statt dem Rumoren der RegenwĂŒrmer hörte sie nun: Musik! Das Flattern der Schmetterlinge, das Zwitschern der Vögel, das Schreien der Kinder, die ĂŒber die Wiese tobten. Vor allem aber: sie war nicht allein. Zum ersten Mal sah sie ihre Verwandten, all die Blumen in tausenden Formen und Farben. Da wurde ihr das Herz ganz warm, und plötzlich entdeckte sie, dass auch in ihr eine farbenprĂ€chtige gelbe BlĂŒte steckte.

Da stand vor ihr ein Kind mit nachdenklichen Augen und streckte seine Hand nach ihr aus, um sie zu pflĂŒcken. Plötzlich bekam sie Angst, wĂŒnschte sich zurĂŒck in ihren Samenkern, wo es keine HĂ€nde gab, die nach ihr griffen. Was nutzten ihr all die Farben, all die Musik, all der FrĂŒhling, wenn der rasche Ruck einer Hand alles beenden konnte? Doch Lunea hatte GlĂŒck: das Kind ĂŒberlegte es sich anders, rannte zurĂŒck zu den anderen Kindern, um mit ihnen weiter zu toben.

Es war Sommer geworden, Herbst. Erneut ĂŒberfiel sie ein seltsames GefĂŒhl. Sie fĂŒhlte sich trĂ€ge, mĂŒde, wollte schlafen. Grau war sie geworden, Kinder hatte sie bekommen, und Samenkörner in alle Winde verstreut. An einem nebeligen Herbsttag erkannte sie, dass sie sterben wĂŒrde wie der FrĂŒhling, der Sommer und ihre Eltern vor ihr. FĂŒr einen Moment wĂŒnschte sie sich, nie ihr Samenkorn verlassen zu haben, nie ihr Leben fĂŒr einen FrĂŒhling gegeben zu haben. Es machte ihr Angst, sterben zu mĂŒssen, es machte sie traurig. Was, wenn sie lĂ€nger gewartet hĂ€tte, auf einen anderen FrĂŒhling? Nein. Dies war ihr FrĂŒhling gewesen. Der nĂ€chste wĂŒrde ihren Kindern gehören. Bestimmt fĂŒrchteten sie sich in ihren winzigen Samenkörnern, tief in der Erde, wie auch sie sich damals gefĂŒrchtet hatte.

Keine Angst, Kinder, dachte Lunea Löwenzahn, auch euer FrĂŒhling kommt bestimmt.

Ich liebe dich. Das hatte sie gesagt. Zu ihm. Und im Eifer des Gefechts hatte er es auch noch zu ihr gesagt. Praktischerweise war ihm einen Moment spÀter bewusst geworden, dass es ja auch stimmte. Warum also sich Sorgen machen? Sorglos durch die Welt. War ja auch ziemlich schön, die Welt. Warum also nicht?

Mit der Zeit fand er sogar Gefallen daran. Ich liebe dich. I lieb di. Klang irgendwie gut und richtig. Ein bisschen lief ihm immer noch ein Schauer ĂŒber den RĂŒcken, wenn er diese Worte aussprach. Als wĂŒrde er mit einem gefĂ€hrlichen Gegenstand hantieren. Warum hatte er sie all die Jahre zurĂŒckgehalten? Es waren Worte, wie jeder sie hören wollte, die Freude bereiteten. Warum nicht? Worte waren schließlich nur Worte. Kosteten nichts. Und doch blieb dieses seltsame GefĂŒhl, etwas ĂŒbersehen zu haben.

Monate spĂ€ter erkannte er die Ursache. Wer war dieses “Du”, das er lieben wollte? Wer war dieser Mensch, dem er seine Liebe zusprach, und folglich, wer war dieser Mensch nicht? Liebte er nur das, was er bislang von ihr gesehen hatte, oder auch das, was sie ihm noch von ihr zeigen wĂŒrde? War er mit seinem „Ich liebe dich“ eine Art von Vertrag eingegangen, und wenn ja, wĂŒrde er ihn erfĂŒllen können? Was, wenn er in ihr etwas fand, was er nicht zu lieben vermochte? WĂŒrde er gezwungen sein, seine Worte zurĂŒckzunehmen? WĂŒrde sie sich nicht unter Druck gesetzt fĂŒhlen, ihm nur einen Ausschnitt von ihr zu zeigen, der seinen Vorstellungen eines liebens-wĂŒrdigen Menschen entsprach? Wen meinte er, wenn er sagte: Ich liebe dich? Gab es ĂŒberhaupt ein Du hinter den Bildern, den Masken, die uns trennten? Und wie wĂŒrde er es erkennen, von den Masken unterscheiden können?

Wie so oft fand er seine Antwort schließlich in den Bewegungen der Gezeiten. Spazierengehend dachte er zurĂŒck an das Meer, das ewige Kommen und Gehen der Flut. Wie die Wellen an den Strand rollten, vergĂ€nglich wie das Leben selbst, war wohl auch das, was er von ihr in Augenblicken sah, nur ein momentaner Ausdruck ihrer unvergĂ€nglichen Seele. VergĂ€nglich war ihr Handeln, vergĂ€nglich der Anblick ihres Körpers, und irgendwie auch vergĂ€nglich ihre Liebe zu ihm. Alles Leben, das ihn umspĂŒlte, wĂŒrde vergehen, wĂŒrde wieder eingehen in einen Ursprung, um wiederzukehren in neuer Gestalt.

Es war nicht notwendig, jede einzelne Welle schön zu finden, um Ehrfurcht vor dem Meer zu empfinden. Und dieses Meer in ihr, der Ursprung ihrer Offenbarungen an die Welt war es, was ihn faszinierte, was er liebte mit all seiner Macht, das wurde ihm nun bewusst. Ihre FĂ€higkeit, ihn mit ihrem so reichen Sein zu ĂŒberraschen, zu umspĂŒlen, sich an seinem Ich ebenso zu reiben wie an seinem Körper.

Und nun wusste er auch, was ihn stets davon abgehalten hatte, die Worte „Ich liebe dich“ in den Mund zu nehmen. Sie nutzten sich zu schnell ab, wenn man sie an ein Ă€ußeres Du richtete, das so vergĂ€nglich war wie der Wind. Wurden zu kraftlosen Lauten, wenn sie nur ausgesprochen wurden, um ein gedankenloses Echo zu erhaschen. Es waren heilige Worte fĂŒr den, der sie in Ehren hielt, wie alle Worte es sein konnten, wenn sie nicht mehr achtlos eingesetzt, sondern bewusst gewĂ€hlt wurden. Dann waren es eben nicht nur Worte, sondern Worte fĂŒr mehr. Wurden wert-voll.

Ich liebe dich, sagte er in einem Anflug von Begeisterung, die ihn von innen heraus erschaudern ließ, und fĂŒhlte, dass der Schauder von der Erkenntnis herrĂŒhrte, eine tiefe Wahrheit auszusprechen. Er liebte diese Wellen, auf denen sie ihm zu reiten erlaubte, liebte ihr Meer, aus dem sie entsprungen waren. Und freute sich auf das Mehr, das ihn in ihren Tiefen noch erwartete.

Wie jeden Tag liefen die kleinen Angstmonster mit ihren Freunden, den SchĂ€m-Dich-Monstern und den Zweifel-Monstern, an ihren liebsten Ort, um zu spielen. In der NĂ€he der großen, leuchtenden Kugel, von der alles entsprang, im Innersten, dort fĂŒhlten sie sich wohl.

Manchmal löste sich ein Gedanke oder ein GefĂŒhl von der leuchtenden Kugel los, um sanft in Richtung Gehirn, Herz oder sogar Zunge zu schweben. Gespannt beobachteten die GefĂŒhlsmonster dann das ebenso leuchtende KĂŒgelchen, und schlossen Wetten ab, in welche Richtung es sich wohl bewegen wĂŒrde. Sie hatten kleine Wegweiser aufgestellt, um den Überblick nicht zu verlieren. Und weil manche der GefĂŒhlsmonster eben Spaßvögel waren, vertauschten sie diese Wegweiser manchmal, um zu sehen, was passieren wĂŒrde. Manchmal landete ein Gedanke, der noch gar nicht fertig herangewachsen war, dann bereits auf der Zunge. Oder ein GefĂŒhl, dass fĂŒr das Herz bestimmt gewesen war, landete im Gehirn, wo es gar nicht hingehörte. Aber die GefĂŒhlsmonster störte das nicht weiter, solange sie ihren Spielplatz fĂŒr sich hatten. Sie waren wie Kinder, die weder an ein Gestern noch an ein Morgen dachten. Alles, was ihnen zĂ€hlte, war, Spaß zu haben. Und sie hatten großen Spaß.

Irgendwann – die große Uhr neben der Lichtkugel musste wohl so etwa auf 2-3 Jahre gezeigt haben, hatten sie entdeckt, dass die Gedanken und GefĂŒhle vorzĂŒglich schmeckten, und so stritten sie fortan um diese Leckerbissen. Manche KĂŒgelchen erreichten damit nie ihr Ziel, andere pupsten sie wieder aus, nur um verblĂŒfft festzustellen, dass die so verzehrten und verzerrten LichtkĂŒgelchen nun gar nicht mehr so leuchteten und lustig umhersprangen. Wenn diese dann ihr Ziel erreichten, gab es oft kleinere und manchmal sogar grĂ¶ĂŸere Beben im Innersten, in dem sie lebten. Aber sie schmeckten zu lecker, um aufzuhören.

Eines Morgens jedoch wurden sie von einem unglaublichen Getöse geweckt, und stellten fest, dass von der großen Kugel nun ein dicker Strahl zum Herz und von dort aus noch weiter in die Ferne fĂŒhrte. Das Ă€lteste der GefĂŒhlsmonster wurde gerufen, um zu entscheiden, was denn nun zu tun sei. Er befahl, den Strahl eine Weile in Ruhe zu lassen. Nach einigen Monaten stellten sie fest, dass der Strahl etwas dicker geworden war. Der Älteste ging vorsichtig darauf zu, berĂŒhrte ihn, kostete einen Happen. Eine außerordentliche SpezialitĂ€t! Sogleich wurden alle Angst-Monster, alle SchĂ€m-Dich-Monster und die Zweifel-Monster gerufen, um ein Festmahl zu feiern.

Nach dem Essen (von dem Strahl war nicht mehr viel ĂŒbrig) wurde ausgiebig gepupst, wie es sich fĂŒr echte GefĂŒhls-Monster gehörte, und bewundernd beobachteten sie, wie ihr gemeinsames Produkt in Richtung Herzen entschwebte, um mit einem gewaltigen Beben auch die letzten Überreste des einst hellen Strahls verdampfen zu lassen. „Nun, das wĂ€re erledigt“, meinte der Älteste zufrieden, „aber falls wir wieder einmal so etwas finden, wollen wir es ‚Liebe‘ nennen? Wir wissen ja jetzt, was zu tun ist. Problem gelöst.“ Im Laufe der Jahre wiederholte sich das PhĂ€nomen noch einige Male, was die GefĂŒhlsmonster jedes Mal aufs Höchste erfreute. Denn die Liebe schmeckte ihnen vorzĂŒglich.

Eines Tages jedoch, als sie sich gerade wieder einmal bereit gemacht hatten, eine besonders delikat aussehnde Liebe zu verspeisen, erschien plötzlich eine ganze Meute fremder GefĂŒhlsmonster im Innersten. Gute Gastgeber, die sie waren, boten sie ihnen an, mitzunaschen, doch diese lehnten ab. Sie seien hier, um Liebe zu finden, nicht um sie aufzuessen. Es sei ja ok, hin und wieder ein wenig davon zu knabbern, sie munde ja auch sehr. Aber wenn man nicht aufpasse, dann fresse man sie eben doch allzu rasch auf, und es dauere immer lĂ€nger, bis sie auf natĂŒrlichem Wege nachwachse. Deswegen seien sie gekommen, um diese Liebe zu retten, bevor sie noch ganz ausstĂŒrbe. „Man muss heute schon auch ĂŒber den Tellerrand des eigenen Appetits denken“, meinte ein weißhaariges fremdes Angstmonster. Es sei ein sehr fragiles Gleichgewicht, das zu erhalten oder gar zu fördern ihre Aufgabe sei.

Die GefĂŒhlsmonster waren irritiert. Wie sollte das funktionieren? Doch die Besucher hatten einen Plan: “Wir arbeiten jetzt alle fĂŒr den Umweltschutz. Pflegt eure Liebe. Wenn ihr liebe-volle Gedanken und GefĂŒhle nascht, passt auf, dass sie sich danach nicht statt Richtung Herz in Richtung Zunge bewegen, wenn sie doch noch zu klein sind, um ausgesprochen zu werden. Leitet sie. Werdet ihre Lotsen. NĂ€hrt eure Liebe, pflegt sie. Wenn ihr das tut, und wir ebenso, wird unsere Liebe stark sein und bleiben.”
Die GefĂŒhlsmonster waren erstaunt. „Unsere Liebe?“, fragten sie.
„Ja!“, meinten die Fremden, “Wir waren auch erst ĂŒberrascht. Bis wir begriffen haben, dass die Liebe das einzige ist, was unser Innerstes mit anderen Innersten, wie dem euren, verbinden kann. Nun können wir endlich mal die Welt erkunden! Könnt ihr euch vorstellen, wie viele Innerste es da draußen noch geben mag?”
„Das ist ja phantastisch!“, meinten die GefĂŒhlsmonster, und malten sich eine goldene Zukunft aus.
„Lasst uns einen Pakt schließen!“, rief der fremde Älteste feierlich, „Wollen wir die Liebe, die uns verbindet, hegen und pflegen?“
„Ja!“, brĂŒllten alle GefĂŒhlsmonster voller Begeisterung, und ihr gemeinsamer Pups entschwand rasch Richtung Zunge. Da war Angst der Angstmonster dabei in diesem Ja, Scham der SchĂ€m-Dich-Monster, und Zweifel der Zweifel-Monster. Aber auch die Festigkeit und TragfĂ€higkeit einer Liebe, die gerade eben unter Naturschutz gestellt worden war.

„Ich liebe dich“, sagte sie, bereit, die Angst, die Scham und die Zweifel, die mitschwangen, zunehmend als unverrĂŒckbare, unverĂ€nderliche Tatsachen anzunehmen.

„Auch ich liebe dich“, sagte er, weil er fĂŒhlte, dass es die Wahrheit war, und es sinnlos war, es zu leugnen. Eine Wahrheit, die ihn Ă€ngstigte, fĂŒr die er sich manchmal schĂ€mte und an der er in schwachen Momenten zweifelte, verzweifelte. Aber vielleicht wĂŒrden gerade jene GefĂŒhlsmonster, die ihm so oft nachts den Schlaf raubten, ihm helfen können, seine Liebe zu ihr lebendig und stark zu halten.

Gute Arbeit, Jungs, dachte er, die StĂ€rke der Verbindung zu ihr fĂŒhlend, und dann, zu ihrem Innersten hin: Ich liebe dich. Bis tief in sein Herz konnte er spĂŒren, wie auch ihr Innerstes vor GlĂŒck erbebte. Richtig gute Arbeit, Jungs.
Weiter so.