Gestern sprach ich mit einer Englischlehrerin über die Schwierigkeit, innerhalb einer Schule einen sinnvollen Sprachunterricht zu gestalten, welch Aufwand es vor allem für Lehranfänger bedeutete, all die einzelnen Stundenvorbereitungen neben der praktischen Arbeit zu schaffen, wie schwer und gleichzeitig möglicherweise unsinnig es war, Jahrespläne für das Sprachlernen so vieler Kinder im Voraus zu schreiben. Und mir fiel dazu eine alte Idee wieder ein, die mir im Zuge eines Seminars für Englisch-Lehrer an der Universität in Brasilien gekommen war, als es um das Lehren der für die Orientierung nötigen Wörter ging. Und wie sich dieses ursprünglich in diesem Kontext verwendete Konzept für das Erlernen aller möglicher Sprachen einsetzen ließe – mit einem Mindestmaß an außerschulischer Vorbereitungszeit und einem Maximum an Realitätsbezug. In der hier vorgestellten Form habe ich es noch nicht in der Praxis ausprobiert, aber es erscheint mir so logisch und gleichzeitig simpel, dass es fast funktionieren muss.

Interessante Situationen

Ein großes Problem im Sprachen lernen ist es ja oft, dass die in den Sprachlehrbüchern vorgefunden Situationen im Regelfall völlig uninteressant sind. Jemand besucht London, alle sind glücklich, es passiert nichts, was uns die gleiche Geschichte auf Deutsch lesen lassen würde. Ebenso sind die verwendeten Dialoge oft ziemlich unrealistisch gestaltet, und sie nachzusprechen hilft den Schülern (was ich in meiner Tätigkeit als Nachhilfelehrer erkennen konnte) nicht sonderlich, ein freies Gespräch zu führen, sobald der Gesprächspartner von den vorgegebenen Dialogen abweicht – und wer ent-spricht schon den Dialogen eines Schulbuches?

In unserer Methode soll es also gelingen, Situationen zu schaffen und Geschichten zu erzählen, die einerseits tatsächlich und nicht nur aufgrund des Sprachlernens interessant sind, und die dazu führen, dass sich unsere Schüler auch in ähnlichen oder ganz neuen Situationen zurechtfinden können. Die einfachste Möglichkeit, dies zu erreichen, ist dem Sprachlernen eine politische Komponente zu gewähren: das, was ich tue, was ich sage, hat tatsächlich Auswirkungen auf meine Umwelt. Sprache wird dabei zu einem Medium, einem Werkzeug, nicht zum Selbstzweck. Entgegen der üblichen Lehrerlogik führt dies in meiner Erfahrung dazu, dass in kürzester Zeit enorme Fortschritte erzielt werden.

Sprache als Werkzeug, nicht als Selbstzweck

Während mich der Schul-Englisch-Unterricht kaum je interessiert hat, habe ich in meiner Freizeit, – unterstützt durch meinen Bruder – angefangen, englische Lied-Texte zu übersetzen, um zu verstehen, was ich da eigentlich ständig nachsinge, habe englische Filme gesehen und entdeckt, dass es im englischen Sprachraum Dinge gibt, die mir im deutschen verwehrt bleiben. Später habe ich viele Computerspiele, Brettspiele auf Englisch gespielt, mich in englischen Foren herumgetrieben, entdeckt, wie viele Bücher es in .pdf-Form auf Englisch im Internet zu finden gibt, und wie spannend die Erzählungen von (oft englischsprachigen) Reisenden und Couchsurfern für mein eigenes Leben waren. Nicht nur habe ich mir dabei kaum jemals vorgenommen, Englisch zu lernen, nachdem ich in Brasilien auf dieselbe Methode Portugiesisch gelernt (und den Sprachkurs als sinnlos empfunden) habe, habe ich sogar entdeckt, dass ich Sprachen gar nicht bewusst (wie in der Schule verlangt) lernen kann.

Die folgende Methode ist dementsprechend abgeleitet von meinen Bedürfnissen des Sprachlernens und muss nicht für alle Menschen gleich gut funktionieren. Nichtsdestotrotz ist meine Englisch-Lehrerin der Oberstufe damals an mir verzweifelt, weil ich ihr regelmäßig beweisen konnte, dass ihr mein Englisch bereits voraus war und ich ihr fast immer, wenn sie mir Fehler anstrich, beweisen konnte, dass nicht ich, sondern sie dabei einen Fehler gemacht hatte. Es geht mir dabei nicht darum, meine Englisch-Lehrerin schlecht zu machen, sondern zu zeigen, wie effektiv dieses “sinnvolle” Lernen sein kann.

Materialvoraussetzungen

Das dazu benötigte Material stellt eine große leere Fläche dar, es kann auch eine Wand sein. Darauf können die Schüler eine Stadt einzeichnen, mit Straßen, Gebäuden, Institutionen und so weiter, am besten mit Bleistift und nur einen Teil der Fläche ausfüllend, vielleicht eine Art von Start-Dorf. Ausgehend von dieser kleinen Stadt können nun eine unendliche Anzahl an Situationen abgeleitet, durchgespielt und die Ergebnisse der Situationen wiederum in die Stadt eingezeichnet werden, um den aktuellen Stand der Geschichte festzuhalten.

Wir schreiben Geschichte

So könnte beispielsweise eine Lehrkraft die Idee haben, dass an einer bestimmten Kreuzung ein Unfall passiert sei, und die Schüler spielen die Situation nach. Ein Arzt muss gerufen werden, dem erklärt werden, was passiert sei, und so weiter, alles in der Sprache, die eben für die Stadt festgelegt ist. Oder die Bewohner der Stadt fühlen sich nicht wohl und verlangen nach mehr Grünflächen, demonstrieren vor dem Rathaus – wie verhält sich der Bürgermeister? Eine Fabrik verschmutzt den nahegelegenen Fluss – welche Auswirkungen hat es auf das Leben der Menschen? Eine neue Erfindung verändert das Leben der Menschen, die Raumfahrt ist für den Durchschnittsbürger leistbar geworden. Welche Auswirkungen hat es auf die Stadt? Mexikanische Asylwerber klopfen an die Tore der Stadt, um aufgenommen zu werden. Wie nehmen die Stadtbewohner sie auf? Verschiedene Sprachen und Verständnisschwierigkeiten können eingebunden werden, auch deutsche Bereiche/Städte. Die Orientierung in der Stadt wird zu schwer, weil sie zu groß wird, wie die Straßen benennen? Welche Geschichte haben die Straßennamen? Je nachdem, wie die Situationen ausgehen, verändert sich die Stadt entsprechend.

Dadurch, dass es sich um (fantastische) Situationen handelt, die jedoch in einen geschichtlichen Verlauf eingebettet sind, der sich aus den vorherigen Situationen ergibt, ergibt sich ein gewisses Maß an Verantwortung, an politscher Relevanz. Die Figuren sind mit der Zeit bekannt, leben ihre Leben wie Romanfiguren, die man liebgewinnt und mit denen man sich identifizieren kann. Man könnte auch andenken, dass die erlebten Situationen mit ihren Folgen für die Stadt schriftlich festgehalten werden, damit auch alle anderen „Mitspieler“ nachvollziehen können, warum etwa neue Gebäude hinzukommen oder andere Veränderungen stattfinden.

Auch andere „Städte“ könnten über die Geschehnisse der verschiedenen Städte berichten und damit wieder komplexe Folgen nach sich ziehen, die man kaum isoliert mit Schülern besprechen könnte, etwa die Problematik der Wahrheit von Informationen: Betrügt ein staatlicher Fernsehsender seine Bevölkerung um die Wahrheit? Warum schreiben „ausländische“ Zeitungen andere Dinge als die „unseren“? Welche Auswirkungen hat dies auf das Vertrauen in die Regierung? Keine unwichtigen Themen, wenn man die Situation etwa in der Türkei betrachtet, und nebenbei ein weiterer Grund, mehr als eine Sprache zu lernen, um mehrere Perspektiven auf die Wahrheit zu erhalten.

In der Schule, in der ich nun ab Herbst arbeiten werde, wurden auch häufig Rollenspiele ähnlichem Muster, teilweise sogar eine Art von Live-Rollenspielen aufgeführt. Die obige Beschreibung mit modernen Städten ist natürlich ebenso denkbar mit mittelalterlichen Fantasy-Städten, Burgen und Drachen. Nachdem ich jahrelang Magic: The Gathering, ein Kartenspiel gespielt habe, kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen, wie effektiv auch das Erforschen und Erspielen von Fantasy-Welten für die Ausbildung von Sprachkenntnissen sein können.

Natürliches Sprachlernen vs. Grammatik

All diese Vorschläge sollen nicht den Eindruck erwecken, dass ein gewisses grammatikalisches Grundwissen nicht sinnvoll sein kann, um eine Sprache zu erlernen. Aber in meiner Erfahrung ist grammatikalisches Wissen alleine wertlos, weil es eher dazu führt, dass vor jedem Satz noch nachgedacht wird, ob dieser Satz wohl grammatikalisch korrekt ist, anstatt einfach zu sprechen und zu versuchen, dem Gesprächspartner den Sinn der Aussage zu übermitteln, was für mich ja die eigentliche Hauptfunktion einer jeden Sprache ist. Grammatik kann eine Abkürzung zur Erreichung dieses Ziels – der Kommunikation von Sinn-Zusammenhängen – darstellen, aber nicht den Endzweck.

Aus dem Problem, eine Meinung, einen Willen dem anderen verständlich zu machen, ergibt sich erst das Bedürfnis, vom anderen verstanden zu werden und dementsprechenden Konventionen zu folgen: einem Mindestmaß an Grammatik und gemeinsamen Wortschatz. Wenn erkannt wird, dass der andere nicht oder missversteht, entsteht erst der Wunsch, das Verständnis durch die Nutzung gemeinsamer Sprachregeln zu verbessern. Dazu muss mir jedoch erst wichtig sein, dass der andere mich versteht. Und dann ist das Angebot erfahrener Menschen oder Lehrer auch willkommen, da ein paar (grammatikalische) Tricks zu lehren.

Niklas

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