Es erscheint ein Paradox: wie kann ein Gott einem Menschen einen freien Willen gewähren, wenn er ihm gleichzeitig Bestrafungen für die Missachtungen seiner Gebote androht? Wo ist hier die Freiheit? Im Tao Te King fand ich einst Teile einer Antwort, als ich dort Gut und Böse, Anziehung und Abstoßung, Hitze und Kälte als notwendige Teile eines Ganzen beschrieben vorfand. Das eine existiert nicht ohne das andere. Selbst Glück, das hohe Ziel vielen Strebens, existiert nicht im Vakuum, existiert nur im Gegensatz einer negativ erlebten Erfahrung.

Schaffen, Neuwerden kann nicht existieren ohne ein Enden, ein Sterben. Sich am Einen festzuklammern ist ein sinnloses Unterfangen, derjenige, der, um der Kälte zu entfliehen, in wärmere Gefilde wandert, wird dort alsbald eine feinere Unterscheidung der einstig als Wärme empfundenen Hitze in wärmere und kältere Hitze und schliesslich wieder in Wärme und Kälte zu treffen lernen. Alles existiert nur in Wechselwirkung mit ihrem Gegensatz.

Ein freier Wille würde wohl bedeuten, sich in jedem Moment für eine der jeweils zwei Richtungen, der zwei Pole entscheiden zu können. Wärme oder Kälte. Liebe, Anziehung oder Freiheit, Abstand nehmen. Konstruktion oder Destruktion. Leben oder Sterben. Glück oder Trauer. Er würde bedeuten, dass wir vielleicht nicht die Konstruktivität, jedoch den Sinn und den Wert einer jeden Ausprägung des Seins, wenn schon nicht erkennen, so zumindest anerkennen lernen.

Ein freier Wille ist der Gegenspieler einer Anti-Macht und einer Anti-Macht der Definition, über die ich hier schon einiges verfasst habe, ist die Freiheit, sich auch für Handlungen zu entscheiden, die wir im Allgemeinen als negativ, als destruktiv empfinden. Zu lügen, zu morden, Ehe zu brechen. Ich will hier nicht so weit gehen, diese Gebote aufzuweichen, weil ich zumindest die ersten beiden für sehr wichtige Bestandteile einer Gesellschaft halte. Aber welchen Wert hat eine Wahrheit, wenn die Möglichkeit zur Lüge genommen?

Du sollst nicht…

Ewige Gebote aufzustellen birgt gewisse Schwierigkeiten in sich, nicht nur, weil diese Welt in ständigem Wandel begriffen ist und ich beispielsweise das Gebot wider dem Ehebrechen heutzutage für problematisch halte in einer Gesellschaft, in der ein sehr grosser Anteil der Ehen wieder geschieden werden und in vielen anderen Ehen Seitensprünge mit den entsprechenden Lügengeweben die Regel sind.

Vor allem aber belegen diese Regeln, so wie sie üblicherweise interpretiert werden, bestimmte Handlungen nicht mit bestimmten FOlgen sondern einer absoluten Wertung. Es ist schlecht, es ist Sünde, Ehe zu brechen. Es ist schlecht, es ist Sünde, Vater und Mutter nicht zu ehren, und so weiter. Wenn es eine absolute Instanz gibt, die Sünden definiert, die über gut und böse verfügt, wie kann dann etwas wie ein freier Wille existieren?

Du sollst nicht, um nicht…

Die einzige Möglichkeit aus diesem Dilemma sehe ich darin, diese absolute Wertung als geschichtlich gewachsen zu betrachten und die alten Schriften als Ursache-Konsequenz-Erzählung zu betrachten. Wenn Menschen so und so handeln, hat dies diese und jene Folgen, seien sie konstruktiv oder negativ, oder – richtiger – wenn diese Menschen so oder so handelten, hatte es diese und jene Folgen, weil keine Situation jemals exakt der anderen entspricht.

Der freie Wille bleibt aufrecht, weil immer noch entschieden werden kann, ob die überlieferten Folgen jener Situationen mir subjektiv richtig erscheinen. Nicht “Wenn du dies tust, bist du ein schlechter Mensch und kommst in die Hölle” sondern “Wenn du dies tust, wird es diese und jene Folgen haben – bedenke sie gut!”. Wer Ehe bricht, wird vielleicht einige aufgebrachte Menschen gegen sich vorfinden, aber sich in Abwegung mit einer unglücklichen Ehe trotzdem dafür entscheiden.

Gebote in der Schule

Warum dieser lange Ausflug in die Theologie oder Philosophie? Nun, ich glaube, dass sich eine ähnliche Form der Aufstellung von Geboten auch mit Kindern einsetzen lässt. Anstatt “harte” Gebote aufzustellen, die in jedem Fall durchgesetzt werden (mit der Gefahr, bei einer eventuellen Situation der eigenen Machtlosigkeit eine Lawine loszutreten), könnten Gebote so formuliert werden, dass klar ist, welche Handlungen zu welchen Konsequenzen führen werden. Wenn du deinen Mitschüler schlägst, werde ich mir Sorgen machen, dass du ihn verletzt und versuchen, dich davon abzuhalten. Wenn du mit dem Sessel schaukelst, habe ich Sorge, dass du dich verletzt und werde versuchen, dich davon abzubringen. Wenn du einen Test nicht bestehst, werden sich deine Eltern vielleicht Sorgen machen, vielleicht gibt es Streit zu Hause.

Wir sind keine allmächtigen Götter, und ich zweifle ehrlich gesagt auch ernsthaft, dass sie überhaupt existieren, halte auch institutionalisierte Religionen im Gegensatz zu einer persönlichen Spiritualität und einem persönlichen Suchen für eine bedenkliche Sache. Aber all die alten Schriften und die Erfahrungen, die Milliarden von Menschen mit ihnen gemacht haben, können uns viel lehren. Manche hielten sich eisern an sie und waren glücklich, manche unglücklich dabei, manche lebten die Fülle des Lebens, ohne gross auf ihre Gebote zu achten, manche glücklich, manche unglücklich. Viele fanden jedoch in ihnen Hinweise und Wegweiser auf ihrem eigenen spirituellen Weg, wenn sie die Erfahrungen längst verstorbener Helden und Unholde lasen, zitierten, sangen, priesen, jeder auf seine Weise näher oder ferner den Lektionen, die angeblich darin zu finden sind.

Ich glaube, diese Schriften sind wie ein Kunstwerk, dass von jedem Betrachter anders wahrgenommen wird, das in jedem forschenden Geist zu anderen Schlüssen führen wird. Natürlich gibt es Regeln, Naturgesetzen gleichend. Wer mordete, erhöhte seine Chancen, ermordet zu werden, wer auch nur eine der grossen Gebote brach, wurde oft ertappt, oft verflucht und erfuhr auch oft ein böses Schicksal. Aber diese Gesetze basieren auf Erfahrungen, sind nicht immer wahr. Manche Diebe wurden Könige, manche Ehebrecher hängten wohl voll Entzücken über ihre Tat am Strick. Die absolute Macht, die absolute Gerechtigkeit, bleibt eine Tendenz, eine starke zwar, aber doch eine Tendenz.

Konsequenzen anzudrohen, ist ein gefährliches Spiel für einen jeden, der keine göttliche Allmacht besitzt, weil irgendwann der Tag kommen wird, an dem unsere vermeintliche Allmacht bricht, an dem die Illusion der Kontrolle an der Realität unserer Ohnmacht kentert. Wenn wir Konsequenzen beschreibend erklären, ohne über die möglichen Handlungen unserer Schüler zu werten, lassen wir dem Schüler seine Macht und damit seine Verantwortung – seinen freien Willen – intakt.

Die Frage ist – und dabei können wir uns durchaus ein bisschen göttich fühlen – ob wir das denn wollen?

Niklas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.