Während der Proteste in Brasilien kommt es immer wieder zu Ausschreitungen von einzelnen, gewaltbereiten Gruppen, angezündeten Autos und geplünderten Geschäften. Die klare Mehrheit der Menschen hier fühlt sich von keiner Partei vertreten, ist definitiv gegen diese Akte der Gewalt und des Vandalismus. Sie demonstrieren für Veränderung, für eine Verbesserung der öffentlichen Bildung, des Gesundheitswesens, des Verkehrs und anderer Bereiche. Doch mit jedem neuen Demonstranten, mit jedem Anwachsen der Masse, wächst die Gefahr einer Einvernehmung durch die alten Parteien, oder, vermutlich schlimmer, destruktiver „Anführer“. 100.000 Menschen sind eine Macht für sich, und es gibt keine klassischen Anführer, eine einerseits potentiell kreative, andererseits auch explosive Situation.

Die vergessenen Meister

Sie verlangen bessere Bildung, aber haben vergessen, dass die Macht dieser Verbesserung auch in ihren Händen liegt. Jeden Tag lernen wir auf eigene Faust oder gemeinsam mit unseren Freunden mehr als in allen Lerninstitutionen zusammen. Wenn wir uns über die Proteste in São Paulo informieren, wenn wir uns in einer neuen Stadt zurechtfinden, versuchen, die Sprachbarrieren zwischen uns und anderen Menschen mit Hilfe unserer jeweiligen Sprachbrocken zu überbrücken. Wenn uns unsere Freunde über ihre Beziehungen informieren, wenn wir ein Buch lesen oder Fernsehen: all dies ist lernen.

Wir haben uns aus historischen Gründen einreden lassen, dass es Pädagogen und Nicht-Pädagogen gibt, genau wie es pädagogische und nicht-pädagogische Inhalte geben soll. Und nun ist Bildung zu teuer für die Massen geworden, weswegen wir einerseits an der Qualität der öffentlichen Schulen und andererseits an den Preisen der privaten Institute verzweifeln. Ein Englisch-Kurs kostete in Santa Cruz, Bolivien, 10.000 Bolivianos, das ist in etwa ein Jahresgehalt, gezahlt für eine Leistung, die die Mehrheit der englischsprachigen Reisenden kostenlos oder gegen ein geringes Entgelt ebenso erbringen könnten – und dabei selbst kostenlos die Landessprache erlernen können. Die einzige Barriere, die zwischen einer qualitativ hochwertigen Bildung und uns steht, ist in vielen Fällen der Glaube, dass wir dazu Pädagogen sein müssten.

Rekonstruktion der Wirklichkeit

Der Schlüssel für konstruktive Veränderungen in Brasilien liegt daher für mich nicht in den Händen von Politikern. Wer nur protestiert, ruft zwar ein lautes „Nein“ in die Welt, trägt dabei aber wenig Konstruktives zu einer Verbesserung bei. Der Schlüssel liegt für mich in der Öffnung und langfristigen Sicherstellung eines Freiraumes, in dem Bildung stattfinden kann. Ein Freiraum, der es ermöglicht, diese Bildung unter Freunden auch für Nicht-Freunde anzubieten, der hilft, unsere tagtäglichen Normen zu überwinden und aufeinander zuzugehen, der hilft, zu akzeptieren, dass wir uns brauchen, und dass wir alle fähig sind, etwas zu geben, das für andere wertvoll ist.

Innerhalb weniger Stunden haben wir 25 Mitglieder in der FB-Gruppe Experimento Escola Livre Curitiba und bereits einige Angebote, von Philosophie, Mathematik über Deutsch und Englisch. Ein Mitbewohner von mir hat angeboten, eine auch für Brasilianer verständliche Erklärung zu schreiben, was mir sonst schwerer fallen würde. Ich war anfangs skeptisch, wie die Menschen in der doch sehr kapitalistisch ausgerichteten Nation Brasilien reagieren würden: bisher auf jeden Fall grossartig.

Ich weiss nicht, wie sich die Demonstrationen hier weiterentwickeln werden. Ebensowenig weiss ich, ob diese Idee einer Curitibaner Free Skool zur Verbesserung der Bildungsangebote die kritische Masse an Mitgliedern erreichen wird, die sie benötigt, um wirklich hilfreich zu werden. Aber wenn es hilft, Menschen hier daran zu erinnern, dass sie nicht nur die Macht haben, „Nein“ zu sagen, beim Lesen der Wirklichkeit den Kopf zu schütteln und das Buch wegzulegen, sondern diese Wirklichkeit auch mitschreiben können, so sei es mir recht.

In diesem Sinne: Schreiben wir Geschichte.

Niklas

Kommentar verfassen