Er lächelte nicht mehr. Derselbe Mann, der mir vor einigen Tagen erzählt hatte, dass Afrikaner immer weiterlächeln würden, auch wenn es ihnen dabei innerlich noch so schlecht gehen würde. Derselbe Mann, der mir erklärt hatte, dass Afrikaner unglaublich stark seien, dass sie überleben würden, wie widrig die Umstände auch seien. Der Mann, der sich in einer für den durchschnittlichen Österreicher auswegslosen Situation wiedergefunden, aber trotzdem die Hoffnung nicht aufgegeben hatte, sein Leben selbst in die Hand nehmen zu können.

Natürlich lächelte er weiter. Das gehörte zu seinem Job, meinte er achselzuckend. Als Verkäufer der Kupfermuckn, einer Obdachlosenzeitschrift, dürfe er eben keine negativen Stimmungen verbreiten, sonst würden ihn noch weniger Menschen überhaupt beachten. Ignoriert würde er ohnehin schon genug werden. Natürlich war niemand verpflichtet, ihm eine seiner Zeitungen abzukaufen. Aber ihn anzusehen oder gar zurück zu grüssen, das wäre schon etwas. Wahrgenommen zu werden, in seiner Existenz bestätigt zu werden, war das so viel verlangt? Vielleicht würde dann sogar jemandem die Veränderung auffallen, die sein sonst so freundliches Lächeln trübte.

Bruderherz

Denn vor einigen Tagen hatte er einen Anruf bekommen. Sein Bruder war tot. Ermordet in seinem eigenen Heim. Kein Raubüberfall mit unglücklichem Ausgang. Mord. Keine Hoffnung, die Täter zu identifizieren oder gar festzusetzen. Das passiere eben in seiner Heimat, man erfahre nicht immer einen Grund. Vielleicht habe sein Bruder einen Auftrag erhalten und die Konkurrenz wollte das nicht akzeptieren. Das komme durchaus vor. In Europa wäre das undenkbar, meint er, aber dort, wo er herkomme, sei es an der Tagesordnung. Es gibt Gesetze, aber niemand, der sie exekutieren kann.

Es war sein grosser Bruder gewesen. Der, der sich um ihn und seinen kleinen Bruder gekümmert hat, nachdem ihre Eltern gestorben waren. Derjenige, der ihn dazu brachte, zu studieren, ins Ausland zu gehen, sein Glück zu suchen, und sich selbst zurücknahm, um seinen Brüdern ein besseres Leben zu ermöglichen. Der Mensch, der ihm bis vor wenigen Tagen noch mit gutem Rat, aber auch finanziell unterstützt hatte, war nun fort. Afrikaner überleben, hatte er mir erzählt, und glaubt es nun wohl selbst nicht mehr. Afrikaner lächeln, hatte er mir erzählt, auch in den widrigsten Umständen, doch sein Lächeln war erstarrt.

Das Glück, das er suchen wollte, das Glück, das sein ermordeter Bruder ihm ermöglichen wollte, endete an den Pforten Europas, an den Festungen, die wir uns errichtet haben, und an die die Wogen derjenigen, die ihr Glück nirgendwo sonst mehr zu finden erwarten, branden, bis sie wieder in die Untiefen des Meeres fortgespült werden. Die Reise nach Europa ist für viele eine Reise ohne Wiederkehr. Doch das Ende ist oft weder glücklich noch finden es die meisten in Europa. Viele von ihnen werden nach Übergabe des Fahrtgeldes einfach auf dem Meer “entsorgt”. Andere betreten den gelobten Kontinent, nur um feststellen zu müssen, dass der Weg zum Glück in dieser schillernden Welt mit denjenigen gepflastert ist, die es nicht geschafft haben. Dass es auch innerhalb Europas diejenigen gibt, auf deren Rücken andere zum Erfolg gelangen, und das für diejenigen, die die Fahrt auf das Meer überleben, nie eine andere Rolle vorgesehen war denn als Fussabtreter.

Bruderschmerz

Und so ist er nun angekommen in Europa, der schillernden Welt, die doch auch so grau sein kann, wenn es Winter ist, kalt und die Gesichter der Menschen versteinert. So hat er sich eingeredet, er würde es schaffen, er müsse nur durchhalten, sein Bruder würde ihn schon unterstützen, und eines Tages würde er einer von ihnen sein, würde Arbeit finden, Geld besitzen, vielleicht auch Liebe oder zumindest so etwas wie Freundschaft. Und dann die Nachricht vom Tod des Bruders, der ihm seine Hoffnung war, und er entdeckt einen Keim von Verzweiflung in sich, der schwer zu ersticken ist. Am Donnerstag wird er beerdigt werden, und er kann nicht dort sein, seinen geliebten Bruder ein letztes Mal zu sehen, weil er kaum genug Geld hat, um einmal am Tag etwas essen zu können.

Und er erkennt, dass all die Farben, all das, was Europa für ihn bedeutete, ohne bleibenden Wert bleiben werden, dass er wenig gewonnen und doch allzu viel verloren hat. Europa, das war dann doch wohl nur ein schöner Traum gewesen. Afrikaner sind stark, hatte er mir erzählt, wir überleben. Afrikaner lächeln, auch wenn es ihnen schlecht geht. Aber sein Bruder, Afrikaner wie er, ist tot, wurde ermordet. So ist das Leben eben, meint er, und lächelt. Grüss Gott! Schönen Tag!, ruft er den Passanten weiter zu, als ob nichts passiert wäre. Doch sein Lächeln ist steif, die Augen leer. Schleichend, wie Gift schreitet es fort, ihn zu überwältigen, nähert sich seinem Herzen: Teilnahmslosigkeit. Noch ist es nicht zu spät, noch mag ihn jemand erreichen, mag ihm das Gegengift der Anteilnahme einflössen. Doch wer wird sich finden, hinter die Fassade des aufgesetzten Lächelns das gequälte Herz wahrzunehmen?

Niklas

P.S.: Ich habe ihn, nachdem er mir seine Geschichte erzählt hat, zum Mittagessen eingeladen. Es dürfte ihm gut getan haben, und ich hatte nette Gesellschaft. Aber ich wünschte in solchen Situationen oft, ich hätte die (auch finanziellen) Mittel, diesen Menschen am Rande der Gesellschaft mehr zu helfen…

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