Wie würde es uns gehen, wenn wir uns nicht unsicher fühlen müssten, gut genug für den anderen zu sein? Wenn wir mit 100%iger Wahrscheinlichkeit wüssten dass der andere nicht gehen wird? Ein Experiment.

Chaos und AngstWas, wenn man sich dem inneren Strudel an Ängsten und Sorgen bewusst nicht hingibt?

So ziemlich jeder Mensch trägt in sich seine jeweils eigenen Prämissen, gewissermaßen „Grundsätze“ seiner Selbst- und Weltsicht, die das was er erlebt filtern und an diese Erwartungshaltungen anpassen. Manche davon bringen uns Freude, andere sind einem zufriedenen Leben eher hinderlich, und so manche dieser Prämissen ist uns – wenn überhaupt – auch nur sehr nebulös bewusst.

Im Hinblick auf klassische Beziehungen findet sich bei mir unter anderem die Prämisse „Das kann nicht glücklich machen“ mit den (sichtbaren) Alternativen

  1. Einsamkeit,
  2. Leiden innerhalb einer klassischen Beziehungsform sowie
  3. das Finden einer völlig neuen Art des Miteinanders, das bessere Voraussetzungen für ein Gelingen schafft.

Letzteres führte über die letzten Jahre zu einer langen Reihe von Experimenten mit alternativen Beziehungsformen. Langfristig sind jedoch sowohl meine eigenen Experimente wie auch jene anderer Menschen die ich miterleben durfte immer wieder gescheitert. Nicht in jeder Hinsicht: viel wurde gelernt und es gab auch viele schöne Erlebnisse. Aber vollends befriedigend war das Ganze auch nicht, und es flossen immer wieder auch Tränen.

Nun, in einer neuen Beziehung, jeder mit seinen Prägungen und Prämissen, stehen wir wieder einmal vor der Aufgabe, ein Miteinander zu finden, das uns Freude bereitet. Und zunehmend kristallisiert sich heraus, dass viele unserer Vorerfahrungen womöglich von bisher nur nebulös sichtbaren Prämissen geprägt wurden.

Viele meiner bisherigen Experimente wollten Antworten auf die Frage finden, wie man mit einem Menschen den man liebt auf Dauer sein kann. Offene Beziehungen schienen der einfachere Ansatz zu sein, weil sie zumindest theoretisch von dem Druck befreien können, für den anderen perfekt sein zu müssen: Was der Andere nicht leisten kann oder will, kann an andere „ausgelagert“ werden. In der Praxis war die Prämisse, dass jemand dann dauerhaft mit jemandem anderen sein will, weil man selbst nicht gut genug sei, meist zu stark ausgeprägt, als dass das auf Dauer gut funktionieren würde. Wie es meine Freundin unlängst ausdrückte: „Da muss man dann schon so recht knapp vor der Erleuchtung sein. Vielleicht sind wir da wo noch nicht.“

Möglicherweise sind die Formen offener Beziehungen die ich in mir schon als Vision finden kann eben nicht die „einfache Lösung“ der ursprünglichen Prämisse, dass die Beziehungen wie ich sie sonst vorfand nicht funktionieren können, sondern vielmehr eine wenn auch vielleicht nicht unmögliche so doch eine sehr schwierig zu praktizierende Kunst.

Das natürliche Auf und Ab und das Problem der selbst-erschaffenen Trends

Gestern durfte ich von ihr einen denkwürdigen Satz hören: „Manchmal schaust du ganz schön zerknautscht – aber das wird eh wieder anders.“ Darin findet sich eine Art Grundweisheit aus dem Taoismus wieder, die mir seit vielen Jahren sehr vertraut ist: Alles vergeht, alles kommt wieder. Der Moment in dem ich jemandem in seine Augen schaue und mich so tief verbunden fühle wie noch nie in meinem Leben: Er wird vergehen. Ebenso wie der schreckliche Moment in dem ich das Gefühl habe jemand nicht mehr wiederzuerkennen, in dem ein Gesicht wie eine Fassade zu sein scheint. Auch jener wird vergehen. Gemeinsam bilden jene Momente und alle dazwischen so etwas wie ein stetiges Auf und Ab, ein Ein- und Ausatmen des Lebens selbst.

Und doch kann es passieren, dass man anfängt, so etwas wie Trends erkennen zu wollen. Was, wenn die Liebe langsam verblasst? Was, wenn es für uns unausweichlich scheint, dass es früher oder später so sein wird? Dann haben wir eine Erwartungshaltung in uns aufgebaut, die wir uns immer wieder bestätigen, anstatt gemeinsam im Jetzt das zu erschaffen was uns gut tut. Weil wir ein Ende fürchten, suchen wir nach seinen Anzeichen, vermeintlich um ihm zu entkommen, und kreieren aus unserer Angst die Erfahrung wieder und wieder: Entweder finde ich mich in einem leidenden/sterbendem Miteinander wieder – oder allein. Um der vermeintlichen Unausweichlichkeit zu entkommen, beschäftigen wir uns zudem ständig damit, ob das Miteinander (noch) gut für uns ist bzw. ob man selbst denn noch ertragbar für den anderen ist.

Womöglich ist dies gewissermaßen auch eine Art von „Randgruppenproblem“. Millionen, vielleicht Milliarden Menschen weltweit stellen sich und ihre Beziehung zum jeweils Anderen von vornherein womöglich gar nicht in Frage. Aber dann gibt es da auch eine gar nicht so geringe Anzahl an Menschen – tendenziell oft sehr „spürige“ Menschen – die das doch tun. Und sich dann so sehr daran gewöhnen können immer alles in Frage zu stellen, dass sie vor lauter in Frage stellen und vergangene Erfahrungen damit zu reflektieren bzw. zu diskutieren sich gar nicht mehr vorstellen können dass bzw. wie sich ein Miteinander auch (langfristig) gut anfühlen kann.

Ein radikales Experiment: Vertrauen

Weil es auch uns immer wieder so ging, kam mir gestern beim Bergwandern eine Idee, die ich anfangs für möglicherweise absurd hielt, aber auch meine Freundin hielt sie für interessant genug, sie auszuprobieren. Wenn die Prämisse die so viel Schmerz und Angst erzeugt jene ist, dass man früher oder später verlässt oder verlassen wird, weil man sich nicht gut genug für den anderen fühlt (oder bezweifelt dass der andere „die richtige Wahl“ ist), und alleine dadurch dass man immer wieder seine Unsicherheit durchleben und durchdiskutieren will sehr viel Zeit verstreicht die für andere Visionen fehlen – warum nicht mal als Experiment diese misstrauische Prämisse völlig auf den Kopf stellen und schauen was dann passiert? So entstand die Idee eines ergebnisoffenen Experiments:

Wir werden den ganzen Monat September beide bewusst gar nicht mehr in Frage stellen dass wir miteinander sein wollen, und so miteinander handeln/umgehen als wäre das das Selbstverständlichste auf der Welt für uns. Und dann nach dem Monat wollen wir uns anschauen was das Experiment für uns verändert hat. In einem Monat soll es dann einen weiteren Artikel zum Thema geben, in dem wir von unseren Erfahrungen dazu berichten. Dann entscheiden wir auch, ob wir das Experiment weiter fortführen wollen.

Womöglich möchtest auch du ausprobieren wie es dir geht, wenn du dich ganz bewusst dafür entscheidest, die Prämissen die für deine Ängste wegweisend sind auf den Kopf zu stellen und für eine Weile so zu leben als wären diese freudebringender. Wenn ja, freue ich mich, wenn du auch deine Erfahrungen mit uns teilst.

Niklas

One Reply to “Vertrauens-Challenge: 1 Monat lang sich gegenseitig nicht hinterfragen”

  1. Sehr interessant, aufschlussreich und ja, meinem eigenen Prozess sehr ähnlich, Niklas! 🙂 Besonders jenes “einfacher??” wenn es um alternative, offene Beziehungsformen geht.
    Nun stehen wir offenbar vor dem überraschenden Phänomen: Mit DIR…nur DIR..will ich mich solcher Art (mit)teilen..aber WIE, verdammt, ohne selbst in diesen furchtbaren Mangelzustand zu geraten??
    Ich finde deinen Beschluss, jetzt fürs Erste alle Zweifel und (Hinter-)Fragen, was die grundsätzliche Bereitschaft in Beziehung zueinander sein zu wollen, sehr logisch-löblich! Logik und Vorsatz sind jedoch nur zwei klitzekleine Puzzelsteinchen des großen, unfassbaren, unkontrollierbaren Ganzen. Schließlich geht es um sowas (scheinbar) Unzuvereinbarendes wie Liebesgefühle und Beziehungsalltag!
    Bin echt schon sehr gespannt auf deinen Artikel im Oktober.
    “Lass’ Hirn mal stecken und L(I)EBE!! Trau dich ruhig.”, möcht ich dir am liebsten ganz unverblümt sagen. Huch?! Hab ich?! 😉
    Gleiches gilt natürlich 1:1 für mich selbst.
    Lass was hören, bin ur neugierig!!

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