Gestern Abend hatte ich die wohl seltsamste Begegnung meines bisherigen Lebens. Meine Freunde hatten mir für den Abend abgesagt, meine Mitbewohner vergammelten vor dem Fernseher, und ich hatte den Drang, etwas zu tun. Als ich die Tür des Apartments hinter mir schloss, regnete es. Ich wanderte durch die Strassen Curitibas, ohne zu wissen, was ich eigentlich damit erreichen wollte, bis ich einige Obdachlose erblickte, die unter einem Vordach mit ihren Decken und Kartonunterlagen den Regen ausharrten. Ich setzte mich zu ihnen. Sie schienen mir die interessantesten Menschen weit und breit zu sein.

Leprechauns

Während die anderen unter leichter Alkoholfahne wegdösten (der Alkohol half angeblich gegen die Kälte), sprach ich sehr lange mit einem Mann, der sich als Pablo vorstellte. Er erzählte mir, dass er sich sicher sei, dass es Leprechauns gäbe, auch, wenn er sie noch nie direkt gesehen hätte. Er zeigte mir seine Hände, die deutlich unterschiedlich gross waren, und dass dies passiere, wenn man die Leprechauns nicht respektiere. Er erzählte, einst wollte er mit einem Revolver einen Laden ausrauben, doch etwas hätte ihn am Bein gekratzt, und er entschied sich, es zu lassen. Später hätte er Kratzspuren an seinem Bein gefunden, die von den Fingern eines Leprechauns stammen könnten. Leprechauns, so erklärte er mir, würden demjenigen helfen, der sie respektiere. Auch würden sie scheinbar keine Farben sehen können, weswegen sie unsere Hilfe bräuchten, Farbe in die Welt zu bringen (ich hoffe, ich habe das auch richtig verstanden).

Künstler unter sich

Er fragte mich, welche Farbe meine Hose hätte. Gelb, antwortete ich. Und die Streifen? Braun, teilte ich ihm, leicht verwirrt, mit. Eieiei, meinte er, du bist eindeutig kein Künstler. Ich weiss nicht, was er mir damit wirklich sagen wollte, aber irgendetwas in mir sagte mir, dass es wichtig war. Ich würde es eines Tages schon herausfinden.

Und dann erzählte er mir, er hätte mich vor etwa einer Woche im Passeo Publico (ein Park hier in der Nähe) beobachtet, als ich gerade mit den Bäumen tanzte. Er hätte es von seinem Kartonhaus beobachtet, und tatsächlich sehe ich dort immer wieder Obdachlose aus ihren Kartontürmen hervorlugen. Ich kann mich nicht erinnern, in letzter Zeit mit Bäumen getanzt zu haben, eher habe ich Dehnungsübungen, Handstände oder Yoga geübt. Aber, wie mir schon gesagt wurde, ich bin angeblich kein Künstler im Sehen und ich habe daher auch nicht seine Perspektive.

Er erzählte mir, in diesem einen Moment wären Bäume aus mir herausgewachsen, Leprechauns, Farben und riesige, bunte Schmetterlinge, und es wäre eindrucksvoll gewesen. Er würde es gerne zeichnen, festhalten, aber er brauche meine Genehmigung dazu, weil ich die Autorenrechte für dieses Wunder halte. Ich erklärte ihm, dass er der weltweit vermutlich einzige Mensch sei, der diese Vision mit der Welt teilen könnte, und natürlich dürfe er sie malen.

Der selbe Mann, der mir vorher drei Narben an seiner Brust zeigte und erklärte, eine jede stehe für einen Mann, den er getötet hatte, brach in Tränen der Freude aus. Er erklärte mir, ich habe ein gutes Herz, aber wir alle müssten aufpassen, dass wir es nicht verlieren oder aufgeben – doch die Leprechants würden uns schon helfen. Er umarmte mich und wünschte mir alles Gute für den weiteren Weg. Falls ich bei ihnen schlafen wollte, sie hätten genug Decken, um sie zu teilen.

Er zeigte mir auch seinen Hund, der neben ihm friedlich schlief. Wenn er selbst schlafen sollte, so würde der Hund aufwachen und ihn bewachen. Es war beeindruckend, welch tiefe Verbindung die beiden zu haben schienen, und dass diese Verbindung auf Verstehen und Empathie, nicht auf Training aufgebaut wirkte.

Ich verabschiedete mich, umarmte ihn und ging durch den strömenden Regen nach Hause. In den ein, zwei Stunden, die wir uns gegenseitig geschenkt hatten, hatte mir dieser Mann eine mir unbekannte Welt eröffnet, eine wundersame Welt voller Leprechauns, Farben und guter Herzen.

Dies alles von einem Mann, den wir gesellschaftlich als Penner abgeschrieben haben.

Niklas

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