Vom Abtragen der Mauern

Vor der Mensa hier in Curitiba bilden sich um die Mittagszeit lange Schlangen; es kann sogar vorkommen, dass die Warteschlange nicht nur aus der Eingangstüre hinausreicht, sondern auch um ein, zwei Häuserecken weiter ausdehnt. Manchmal wartet man daher durchaus eine halbe Stunde, bis man hinein kann. Es gibt manche Grüppchen, die sich im gemeinsamen Gespräch die Zeit vertreiben, aber die Mehrheit der Studenten (und anderer Besucher) verbringt diese halbe Stunde Lebenszeit, in der sie auf ihr Mittagessen warten, mit nichts anderem als – Überraschung – warten.

Während mir die Skurrilität der Situation heute wieder einmal bewusst wurde, fing ein junger Mann neben mir ein Gespräch an, in dem ich viel über sein Leben, seine Erfahrungen und Träume erfuhr. Später, während des Essens, setzte sich eine junge Frau zu uns, und nach einem vorsichtigem Austausch eines Lächelns stellte auch sie sich als Bereicherung für unsere Gruppe heraus. Später lud mich der erstgenannte Mann noch ein, mit ihm Tischfussball zu spielen, etwas, dass ich seit Österreich nicht mehr gemacht hatte. Warum lassen wir solche Begegnungen nicht öfter zu, vor allem in Situationen, in denen jedem sowieso langweilig ist, etwa in einer Warteschlange?

Scham sei mit mir

Zufällig habe ich mir heute vormittag einen interessanten Vortrag von Brené Brown angehört, die über Scham und Verwundbarkeit spricht, und der uns mögliche Gründe verrät. Eine jede Interaktion lässt uns potentiell verwundbar werden, bedeutet eine Öffnung hin zu einer Person, deren Reaktion potentiell negativ sein kann. Sind wir gut genug für die andere Person? Wer sind wir, die Mauern der Reserviertheit zu durchbrechen, um den Kontakt zwischen Fremden herzustellen? Uns sollte doch hier nicht langweilig sein, und schon gar nicht sollte es jemand mitbekommen…

Brené erklärt uns, dass Scham, der Selbstvergleich mit einem Ideal, positive Veränderung und Wachstum eher behindert. Ich bin nicht gut genug, um diese Person anzusprechen. Ich spreche die Sprache noch nicht gut genug. Ich habe heute noch nicht geduscht und stinke vielleicht. Die Liste an Gründen, etwas nicht zu tun, ist potentiell endlos. Scham führt dazu, dass wir uns selbst zurückhalten, dass wir aufgeben, bevor wir überhaupt den ersten Schritt gemacht haben.

Dem Gegenüber stellt sie aktives Handeln, das positive oder negative Reaktionen hervorrufen kann. Im ersten Fall entwickeln sich vielleicht interessante Diskussionen aufgrund von unserer im Hörsaal gestellten “blöden” Frage. Manchmal führen unsere Handlungen jedoch auch zu negativen Reaktionen, wir haben Schuld auf uns genommen. Doch diese Schuld als Folgen unserer Handlungen ist laut Brené eine Wachstumsressource, sie fordert im Gegensatz zur Scham zum Handeln, zum Verbessern der verschuldeten Situation auf.

Unter Freunden

Ich habe in unserer Mittagessen-Dreierrunde vermutlich deutlich mehr gelernt als in einer typischen Universitäts-Vorlesung. Möglich wurde dies jedoch nur dadurch, dass wir drei uns den jeweils anderen geöffnet haben, uns verwundbar gemacht haben. Öffnung bedeutet Risiko. Öffnung erfordert Mut. Aber ich glaube, nur in dieser Öffnung können wir auch Veränderung zulassen, kurz: lernen.

Diese offenen Kanäle reservieren wir oft für unsere Freunde, weil wir hoffen, dass sie uns nicht verletzen werden. Vielleicht könnte man sogar „Freundschaft“ als gegenseitige Öffnung definieren. Unseren Freunden vertrauen wir die Macht an, uns zu verletzen, wir erlauben uns, uns ihnen gegenüber Abhängigkeit und Verwundbarkeit einzugestehen. Und so verbleiben wir die Unberührbaren, die Verschlossenen für eine grosse Mehrheit der Bewohner der Erde, wahren den Schein, unsere Leben unabhängig von ihnen leben zu können, sie nicht zu brauchen. Vielleicht glauben wir es sogar wirklich.

Können wir Freunde sein?

Mir wurde in meiner Schulpraxis oft vorgeworfen, ich würde zu sehr ein Freund der Kinder sein und zu wenig Respektsperson. Auch wenn ich die Argumentation, die dahinter steht, logisch nachvollziehen kann, stimme ich nicht mit ihr überein. Diese freundschaftliche Verbindung ist in meiner Erfahrung die einzige, in der effektives Lernen möglich ist. Und ich respektiere meine Freunde im Regelfall erheblich mehr als Lehrer, die nur aufgrund ihrer Position Wert auf Respekt legen. Wenn mich Kinder als Freund betrachten, bedeutet dies, dass sie sich mir öffnen, bedeutet dies ein enormes Mass an Vertrauen, und – Überraschung: Respekt.

Reisst die Mauern nieder

Scham hält uns zurück, wo wir wachsen wollen. Wir fragen unsere Fragen lieber nicht, da wir uns nicht lächerlich machen wollen. Wir sprechen unseren Mitwartenden in der Schlange lieber nicht an: vielleicht hält er uns für aufdringlich. Scham ist die Mauer, die uns trennt, die uns schützen, aber auch zurückhalten und einsam machen kann.

Scham verhindert, dass wir tagtäglich aufeinander zugehen und voneinander lernen, was wir lernen möchten. Scham hält uns davon ab, um Hilfe zu bitten. Erwachsene sollten ihre Angelegenheiten schon selbst oder mit Hilfe ihrer Freunde erledigen können, oder zumindest genug Geld haben, um sich Hilfe kaufen zu können. Ganze Wirtschaftszweige (Schule, Nachhilfe, Fortbildungen, …) füllen die Lücke, die Wunde, die die Scham zwischen uns aufreisst.

Dabei ist diese Scham in meiner Erfahrung etwas völlig irrationales, ohne Bezug zur Realität. Sie geht davon aus, dass alle anderen Menschen sich an bestimmte Normen halten, an die ich mich gerade nicht halte, und vor allem, dass sich auch alle anderen Menschen an diese Normen halten wollen. Es gibt jedoch erstaunlich viele Menschen, die sich sehr freuen, wenn ebendiese Normen aufgebrochen werden, diese Mauern überwunden und tiefe Verbindungen zwischen Menschen ermöglicht werden. Wenn die Isolation des Alltages einem freundlichen Lächeln weicht, das sagt: ich sehe dich, und ich freue mich, dass du da bist.

Dazu jedoch braucht es Menschen, die diese Verbindungen initiieren, den ersten Schritt wagen. Menschen, die den Mut haben, sich dem anderen zu öffnen, auch mit dem Risiko, abgewiesen zu werden, ein sehr geringes Risiko in meiner Erfahrung. Es reicht oft nur, Passanten im Vorbeigehen ein Lächeln, ein ich-sehe-dich, zu schenken, um Welten in Bewegung zu setzen.

Und ich kenne kein schöneres Gefühl.

Niklas

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