Vom Opfer zum Gestalter

In den letzten Tagen hat mich die Frage viel beschäftigt, was manche Menschen zu Opfern ihrer Umstände werden lässt und andere nicht. Was unterscheidet Menschen, die „ihr Schicksal in die Hand nehmen“, von jenen, die ein „schweres Schicksal“ haben? Tatsächlich nur äußere Umstände – oder gibt es womöglich andere Faktoren, die den Unterschied ausmachen, Faktoren, die man erlernen und damit auch lehren könnte? Immerhin handelt es sich bei dieser Frage um die Feststellung einer Grundvoraussetzung selbstständigen Lernens oder gar Lebens an sich: sind manche Menschen „geborene Opfer“, oder können selbst jene, die sich ihr Leben lang immer wieder als Opfer erlebt haben, diesen Teufelskreis durch eigene Initiative bzw. auch Begleitung von außen schließlich durchbrechen? Und falls dieses Wissen lehrbar ist, wäre es nicht ein sehr wertvolles Wissen?

Zufällige oder systemische Opfer

Bei der Beantwortung dieser Frage müssen wir als ersten Schritt eine erste Grundunterscheidung treffen, und zwar zwischen einem zufälligen Opfer-Sein und einem systemischen Opfer-Sein. Ein zufälliges Opfer kann beispielsweise Mann sein, der auf offener Straße von einem sein Opfer wahllos auswählenden Räuber überfallen wird. Natürlich könnte man im Nachhinein feststellen, der Überfallene sei durch seine eigene Entscheidung zu genau jenem Zeitpunkt an jener Stelle gewesen, aber in den meisten Fällen wird der Überfallene keine Möglichkeit gehabt haben, dies im Vorhinein zu wissen. Wird jemand zufällig zum Opfer, ist sein Opfer-Dasein keine direkte Folge seiner vorangegangenen Entscheidungen, oder umgekehrt: Der Täter hätte genauso gut jemand anderen für seine Tat auswählen können. Handelt es sich um ein zufälliges Opfer-Sein, so bleibt dieses Erlebnis für die meisten Menschen ein isoliertes, sich nicht-wiederholendes.

Was aber ist mit Menschen, die immer wieder zum Opfer werden, die sich wiederholt in ähnlichen Grundmustern wiederfinden? Es wird sehr rasch sehr problematisch und kompliziert, wenn es zum Beispiel um Gewalt- oder Sexualverbrechen geht, Traumatisierungen und so weiter, weswegen ich (auch aus Mangel an fundierter Kompetenz) diesen Bereich eher ausblenden möchte. Stattdessen möchte ich die Frage eingrenzen: in sozialen Situationen, etwa wenn jemand wiederholt seinen Job verliert, von seinem Partner verlassen wird und Ähnlichem. Gerade in diesen Bereichen nämlich fällt mir bei vielen Menschen ein interessantes Muster auf: sie bewerten die Macht der (äußeren) Bedingungen höher als die Macht ihrer (inneren) Entscheidungen. Die Entscheidungen, die sie jetzt im Moment mit dem Ziele der Überwindung der einschränkenden Bedingungen treffen, scheinen ihnen – metaphorisch ausgedrückt – nicht kraftvoll genug, die Mauern der äußeren Bedingungen zu durchbrechen oder zumindest zu überspringen.

Die unterschätzte Komponente der Zeit

Oftmals haben sie damit sogar Recht. Nur weil ich mich hier und jetzt entscheide, 1x/Woche laufen zu gehen, heißt dies nicht, dass ich das auch wirklich umsetzen werde, wenn meine Bedingungen (Zeitdruck, Gewohnheiten, vielleicht auch schwerfällige Körpermasse, …) zu erschwerend scheinen. Was Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen, von wiederholten Opfern unterscheidet, ist wohl die Einbeziehung der Zeit-Komponente. Fügt man der (Un-)Gleichung „Entscheidung < Umstände“ ein Zeitverständnis hinzu, so können wir feststellen, dass die Umstände die uns umgeben die Folge der Summe unserer vergangenen Entscheidungen sind. Was wiederum bedeutet, dass wir, indem wir jetzt eine Entscheidung treffen, die für sich alleine zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ausreicht, um die Bedingungen zu überwinden die uns einschränken, mit dieser Entscheidung im Jetzt die zukünftigen Bedingungen verändern. Ohne der Einbeziehung der Zeit-Komponente hätte es tatsächlich keinen Sinn, Entscheidungen zu treffen und umzusetzen, wenn die umgebenden Bedingungen sie unausführbar machen (ich bin Opfer und kann nichts daran ändern). Mit ihr aber werden wir selbst zum Mit-Schöpfer nicht nur unserer Entscheidungen, sondern auch der Bedingungen, unter denen diese Entscheidungen umgesetzt werden. Anstatt uns als Opfer zu erleben, erleben wir mit der Zeit (im mehrfachen Sinne) unsere Selbst-Wirksamkeit.

Das Opfer im Beziehungsnetz

Nun mag jemand richtigerweise einwerfen, schön und gut, aber wir sind ja nicht alleine auf der Welt, und unsere äußeren Bedingungen sind nicht nur die Folge unserer Entscheidungen, sondern der Entscheidungen vieler anderer Akteure ebenso – was als isolierte Aussage völlig korrekt ist. Jedoch ermöglicht auch hier die Einbeziehung der Zeit-Achse einiges an „Spiel-Raum“. Obwohl wir uns unsere Bezogenheit zu bestimmten Menschen und Räumen nicht ohne weiteres aussuchen können (etwa die Befolgung der Gesetze – sie zu ändern ist zwar möglich, aber sehr langwierig und schwierig), können wir uns doch immer wieder für, gegen oder auch für eine bestimmte Art der Bezogenheit zu unseren Mitmenschen entscheiden und damit die Bedingungen für unsere eigenen Entscheidungen entscheidend beeinflussen. Wenn etwa der enge Kontakt zu einem alten Freund sich mit den Jahren nicht mehr passend anfühlt, können wir uns – die statische Variante – über ihn beschweren, und dass er ständig mit uns Kontakt haben will – oder aber die Beziehung zu ihm entsprechend unserer aktuellen Bedürfnisse anpassen.

Natürlich wird diese „Anpassung“ im Kontakt bei vielen Mitmenschen zumindest im ersten Moment einen gewissen Widerstand auslösen, aber auch hier mag wieder unser Bild hilfreich sein: wenn ich jetzt unzufrieden bin und mich als Opfer fühle, ist das die Folge meiner vorangegangenen Entscheidungen. Wenn ich dieselbe Entscheidung im Jetzt wiedertreffe, werde ich mich auch beim nächsten Mal wieder als Opfer der Umstände fühlen. Treffe ich hingegen jetzt eine Entscheidung, die in Zukunft meine Bedingungen verändern könnte, kann ich aus meinem Opfer-Dasein ausbrechen und wieder handlungsfähig werden.

Der Vorteil dieses Zugangs liegt zusätzlich noch darin, dass er auch dort zum Handeln ermutigt, wo es „offensichtlich“ sinnlos erscheint zu handeln. Anstatt ergebnisorientiert zu handeln wird das Handeln vom (direkten) Ergebnis abgekoppelt, um – wenn die direkte Überwindung der äußeren einschränkenden Bedingungen nicht gelingt – zumindest indirekt durch die Beeinflussung dieser äußeren Bedingungen einen Vorteil in der oben beschriebenen Ungleichung „Entscheidung < Umstände“ zu ermöglichen. Und zwar indem der Betrag des Unterschieds so lange verringert wird, bis sich „die Vorzeichen ändern“.

Nachtrag: Aber was bedingt Entscheidungen?

Nochmals darüber geschlafen ist mir aufgefallen, dass noch ein relevantes Puzzle-Teil in unserem Modell fehlt: warum fällt es manchen Menschen leichter, sich für bestimmte Handlungen zu entscheiden und diese Entscheidungen auch umzusetzen?

Ich glaube, dass wir zur Beantwortung dieser Fragestellung überprüfen sollten, ob der betreffende Mensch fähig und willens ist, für sich selbst Prioritäten zu setzen – und nun wirds philosophisch: eine Art Grundgesetz des Lebens ist es für mich, dass ein jeder Moment meines Lebens einzigartig ist und nie mehr in der exakt gleichen Form wiederkommen wird. Jeder Moment meines Lebens entspricht damit einer einzigen Chance, ihn möglichst so zu gestalten, wie er für mich am wertvollsten werden kann, sowohl auf diesen Moment selbst bezogen als auch im Zusammenspiel mit den vorhergehenden und den danach kommenden Momenten (womit wir wieder bei der Einbeziehung der Zeit-Komponente wären). Unabhängig von den getroffenen Entscheidungen selbst lässt sich daraus ableiten, dass zwar die Anzahl an möglichen Optionen zur Gestaltung eines Moments gegen unendlich tendieren, die Anzahl der konkreten Umsetzungs-Durchläufe je Moment jedoch nur 1 beträgt. Anders ausgedrückt: die Chance ist hoch, sich falsch zu entscheiden.

Es steht uns wohl nicht zu, die Prioritätensetzung eines anderen Menschen in seiner Wertigkeit zu beurteilen, aber eine besondere Art der Entscheidung lässt sich dennoch gesondert betrachten: die Entscheidung, sich nicht zu entscheiden, sich möglichst viele Optionen offenhalten zu wollen. Was auf den ersten Blick sogar vernünftig wirken mag (wer hat nicht gern viele Optionen?), führt in der Praxis rasch dazu, dass die Prioritätensetzung eines solchen Menschen von seinen äußeren Bedingungen diktiert wird. Wenn ich frage: Was ist möglich?, so orientiere ich mich an äußeren Bedingungen, nicht an meinen inneren Prioritäten und Wertvorstellungen.

So beängstigend dies sich anfühlen mag (weil es einen jeden von uns, unabhängig vom Umfeld, in die eigene Verantwortung nimmt): die Entscheidung für unsere jeweils einzigartigen Prioritäten bedingt das Werturteil unserer Entscheidungen, und die Folgen dieser Entscheidungen bedingen die Umsetzbarkeit unserer Prioritäten in der Zukunft.

Niklas

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