Vor etwa einem Jahr besuchte ich mit meiner Freundin eine ihrer Vorlesungen im Studium der Theatertherapie, es ging um die abstrahierten Bedingungen von (psychologischen) Heilungsprozessen – ich habe darüber auch hier in diesem Blog geschrieben. Schon damals war mir die Ähnlichkeit mit den Bedingungen des Gelingens von dem, was ich hier als „qualitativem Lernen“ beschreibe, aufgefallen: „Durchbruchs-Erfahrungen“ im Lernen, die eine gewisse transzendentale Qualität mit sich bringen, also nicht ein Mehr an Gleichem, sondern einen qualitativen Entwicklungsschritt, ein Umgehen-Lernen mit einem höheren Komplexitätsgrad. Der Vortragende Professor erwähnte in einem Nebensatz jedoch noch einen weiteren sehr interessanten Gedanken: es gäbe Forschungen, demnach ca. 60% aller Heilungsvorgänge (Schulmedizin inkludiert) in ihrem Ursprung Placebo-Effekte seien, wobei letztere in der relevanten Definition nicht eingebildet im Sinne von nicht-existierend sondern eingebildet im Sinne von Glaubens-basiert seien. Umgelegt auf die Pädagogik würde das bedeuten, dass über die Hälfte unseres Einflusses auf die Entwicklung der uns anvertrauten Schüler überhaupt nicht von der gewählten Methodik abhängen. Nur: wovon dann?

Berge versetzen?

In seinem Vortrag erwähnte der Vortragende mehrere Komponenten, die relevant für die Heilung des Hilfesuchenden seien, etwa dass er an die Autorität des Therapeuten/Schamanen/Arztes/… glaube, dass sein für ihn relevantes Umfeld daran glaube (in unserem Fall etwa z.B. Eltern), dass der Behandelnde selbst an die Wirkungsmacht seiner Methode glaube. Einen Aspekt hatte er meiner Erinnerung nach jedoch damals nicht erwähnt, obwohl er mir – gerade für das Lernen und die Entwicklung von Menschen – besonders relevant erscheint: glaube ich als Lernender daran, dass ich es schaffen kann? Ich kann nämlich durchaus an eine Methode glauben, ohne zu glauben, dass sie an mir Wirkung zeigen wird.

In den meisten Schulklassen wird es wohl spätestens nach ein paar Jahren zu einem gewissen „realistischen“ Selbstbild der Schüler über ihre Fähigkeiten kommen. Sie haben irgendwann erkannt, dass sie etwa im Rechnen sehr gut sind, in Deutsch aber nicht so gut, oder umgekehrt, oder in künstlerischen „Nebenfächern“ besser oder auch in gar keinen Schulfächern. Auch in der Klasse, die ich zuletzt in Deutsch unterrichtet habe, waren die „Guten“ und die „Schwächeren“ zum Zeitpunkt meines Dienstantritts in ihrer Selbstwahrnehmung bereits klar verteilt, und dies wäre wohl auch so geblieben, wenn ich den aktuellen Stand als Tatsache akzeptiert hätte – aber wer sich oft genug mit den Implikationen von Neuroplastizität und den Vorteilen des „Growth-Mindset“ zur Betrachtung der Entwicklung von Menschen beschäftigt hat, kann den „schlechten Schüler“ kaum mehr als Tatsache akzeptieren. Daraus ergibt sich nicht automatisch ein von mir ausgeübter Druck zur Veränderung, aber die Möglichkeit zur Entwicklung entsteht.

Warum Glaube in der Pädagogik notwendig ist

Eine der wertvollsten Konsequenzen, die ich aus dieser Betrachtungsweise für mich gezogen habe, ist die Notwendigkeit, an Potentiale glauben zu können, und am einfachsten erklärt sich diese Notwendigkeit aus ihrer Negation: wenn ein Schüler glaubt, ein schlechter Schüler in Deutsch zu sein, seine Freunde, Eltern und Lehrer dies ebenso als Faktum akzeptieren wie er selbst, wie soll sich dieses Selbstbild ändern können? Selbst wenn er gegenteilige Erfahrungen macht, wird er sie tendenziell als „Zufälle“ oder „falsche Rückmeldungen“ einordnen. Wenn es jedoch nur eine einzige Person gibt, die ihm eine alternative Weltsicht entgegenhält, schenkt ihm diese Person damit die Möglichkeit, an seinem starren Selbstbild zu zweifeln. Macht er unter dem Einfluss dieses Zweifels seinem Selbstbild gegenteilige Erfahrungen, so mag er anfangen, an die Möglichkeit einer Entwicklung zu glauben, an die Möglichkeit, dass seine Anstrengungen Erfolg haben könnten. Wenn ein Schüler nicht daran glauben kann, dass ihm seine Anstrengung Erfolg bringen kann, wird er seine Aufgaben zwar möglicherweise erledigen (etwa um keine Schwierigkeiten zu bekommen), aber sie werden kaum Wirkung zeigen.

Hierzu ist es jedoch wichtig zu verstehen, dass es mir tatsächlich um die Beantwortung der Frage „Könnte ich mich tatsächlich weiterentwickeln?“ geht, nicht um ein allgemeins „Funktioniert die Methodik?“. Ein Schüler mit dunkler Hautfarbe mag etwa der festen Überzeugung sein, dass die Methode „für Weiße“ für ihn nicht funktioniere, weil er seine Hautfarbe für den Grund seines „Nicht-Funktionierens“ hält (womöglich hervorgerufen durch unbedachte Aussagen von „Freunden“). Bevor es für einen Menschen möglich ist, Entwicklung als solche zu akzeptieren und in sich auch zu stabilisieren, muss sie ihm denkbar sein. Wenn er sich etwa „fliegen“ vorstellen kann, selbst wenn er noch nie einen fliegenden Menschen gesehen hat, ist die Entwicklung zum fliegenden Menschen für ihn plötzlich (wenn auch unwahrscheinlich) möglich. Sieht er einen fliegenden Menschen, wird die Chance steigen, dass er es für möglich hält, selbst einmal fliegen zu können. Je ähnlicher die Voraussetzungen des „Vorbilds“ zu den eigenen, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Mensch es für möglich hält, sich ebenso verhalten zu können. Diese Vorbilder müssen keine realen Personen, können ebenso Romanfiguren oder Zeichentrickfiguren sein. Wichtig ist, dass sie den Denkraum erweitern von „Ich bin so“ zu „Ich bin so und könnte auch so sein“.

Kann Glaube wirklich so wichtig sein?

Ich vermute, dass ein sehr großer Anteil meiner pädagogischen Erfolge am Ende auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass ich an ein riesiges Potential eines jeden mir anvertrauten Schülers glaube, und zwar nicht als Methode sondern als sich immer wieder bestätigender Erfahrungswert. Der Rest meiner Methodik baut zu einem großen Teil darauf auf, ein Umfeld zu erschaffen, in dem die mir anvertrauten Schüler angstfrei den Zweifeln an ihrer Inkompetenz nachgehen und sich selbst das Vorhandensein dieser Potentiale beweisen können – aber ohne den Glauben an sie, der allen anderem zugrunde liegt, wäre der Rest wohl weit nicht so effektiv.

Letzten Mittwoch habe ich bei einer Lehrerversammlung jemanden getroffen, der darüber spricht, wie wichtig Schlüsselpersonen in der Entwicklung von Kindern sind, also Personen, die im richtigen Moment an einen glauben, Zugang zu Ressourcen bereitstellen, und dass dies sehr oft auch  sind, die nicht in der gesellschaftlich dafür vorgesehenen Aufgabe als Lehrer oder Eltern fungieren. Ein Freund erzählte mir etwa, dass für ihn ein alter Antiquitätenhändler eine Schlüsselperson war, weil dieser ihm immer wenn er als Kind vorbeilief, Bücher vorbereitet hatte, die seinen Horizont erweiterten. Bei mir war es eine Religionslehrerin, später ein Supervisor, meine Stiefmutter, und ich hatte großes Glück, diese Menschen treffen zu dürfen – ein Glück, das nicht jedem Kind vergönnt ist. Weswegen ich glaube, dass es wichtig wäre, als Lehrer für die ihm anvertrauten Schüler so eine Schlüsselperson sein zu können oder es zumindest zu versuchen. An jeden einzelnen Schüler zu glauben, auch – oder gerade – wenn er anstrengend oder besonders unfähig wirken mag.

Dies erlöst einen Lehrer nicht von der Aufgabe, sich auch stoffbezogen und inhaltlich vorzubereiten, aber es erleichtert diese Aufgabe ungemein, da der Samen des behandelten Stoffes fortan auf fruchtbareren Boden fallen wird.

Niklas

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