Gestern durfte ich beobachten, was passiert, wenn Gesetze nicht beachtet werden und warum dies passiert. Im Spiel zwischen zwei Kindern zerbrach ein Spielzeug, das ein dritter in die Schule mitgebracht hatte, woraufhin die „Geschädigten“ einen Vertrag aufsetzen wollten, in dem geregelt wurde, dass derjenige, der etwas zerstören würde, in Zukunft einen Geldbetrag an den Geschädigten zu zahlen hatte. Dann versuchten die beiden, alle anderen zur Unterzeichnung des Vertrages zu überreden (der nach ihrer Ansicht galt, sobald die Mehrheit ihn unterschrieben hatte), woraufhin der erste, der das Spielzeug zerbrochen hatte, versuchte, ihren Vertrag zu zerstören. In der Folge brach ein regelrechter Kleinkrieg aus, in dem Verträge einige Male neu aufgestellt und zerrissen wurden.

Bis ich ihnen erklärte, dass Verträge nur für diejenigen galten, die ihn auch unterschrieben hatten, was bedeutete, dass der Verursacher der „Krise“ überredet werden musste, ihn auch zu unterschreiben. In der Folge setzten sie den zu zahlenden Betrag herunter, bis er auch damit einverstanden war und unterschrieb. Später gab es wieder einen grossen Wirbel, weil die Vertragsaufsteller den zu zahlenden Betrag einfach nachträglich wieder erhöht hatten.

Die zahlreichen in der Gruppe aufgestellten Verträge wurden zwar unterschrieben, aber nicht eingehalten, und ich glaube, es liegt daran, dass diese Verträge nicht aus einem gemeinsamen Bedürfnis aller, sondern aus dem Bedürfnis einzelner, zu bestimmen, aufgestellt werden. Anstatt sich mit Fäusten über andere hinwegzusetzen, wählen die Vertragsaufsteller eben (vielleicht auch, weil sie körperlich unterlegen sind), eben den Vertrag als Kampfmittel. Aber der Vertrag bleibt dabei ein Mittel des Kampfes, anstatt ihn überflüssig zu machen.

Recht ist das Recht auf Freiräume

Verträge (und in weiterer Folge eben auch Gesetze als Gesellschaftsverträge) sind eine Grundvoraussetzung des menschlichen Zusammenlebens, ohne die dieses Zusammenleben zuerst in Chaos und später in das Gesetz des Stärkeren verfällt. Wenn ich Angst haben muss, dass alles, was ich nicht persönlich bewachen kann, von anderen entwendet wird, muss ich es stets selbst beschützen. Die körperlich stärkeren (oder schnelleren) haben in einem solchen gesetzlosen Raum natürlich ihre Vorteile, was durch Gruppenbildung wieder ausgeglichen werden kann, aber die Grundstimmung ist eine der Angst und damit der Einschränkungen (und schliesslich Vernichtung) der persönlichen Freiheit vieler oder gar aller.

Ein Vertrag ist eine brilliante Möglichkeit, dieser Angst zu entkommen, in dem die grundsätzliche totale Freiheit, die nur vom individuellen relativen Gewaltpotential beschränkt ist, eingeschränkt wird, wo durch diese Einschränkung ein Gewinn an Freiheit für alle Beteiligten entstehen kann. Die Monopolisierung der Gewalt im Staat auf die Polizei (mit dem Verbot von Waffen, …) etwa soll erreichen, dass niemand gewaltsam die im Staat geltenden Gesetze übertreten (und damit die Angst vor dem Chaos und willkürlicher Übergriffe berechtigterweise zurückgedrängt werden) kann. Die Folgen dieser Gesetzlosigkeiten sind dort zu beobachten, wo die Polizei das Gewaltmonopol längst verloren und auch nicht mehr durchsetzen kann: beispielsweise in einigen Favelas (Slums) in Brasilien, wo sich selbst schwer bewaffnete Polizeieinheiten nicht mehr hineintrauen.

Gesetze können gebrochen werden

Gesetze schützen nur so lange, wie sie eingehalten werden. Eine Art und Weise, diese Einhaltung zu gewährleisten, besteht darin, über ein Gewaltmonopol, wie es der Staat mit seiner Polizei tut. Der Nachteil an dieser Lösung ist jedoch, dass die Gesetze unter Umständen nur deswegen befolgt werden, weil der Kampf gegen eine Übermacht aussichtslos erscheint. Diese Übermacht ist jedoch nicht überall gleich gewährleistet, wie so mancher nächtlicher Überfall im Schutz der Dunkelheit beweist.

Eine zweite Möglichkeit, Gesetzesübertretungen zu vermeiden, ist es, allen Beteiligten den tieferen Sinn der Gesetze und ihres Schutzes sichtbar zu machen. Im Sinne eines Gewaltvermeidungsgesetzes etwa, dass selbst der stärkste und am stärksten bewaffnete Mensch, wenn nicht direkt von anderen, stärkeren, stärker bewaffneten oder zusammenarbeitenden Menschen überwältigt werden könnte. Und vor allem, das dies zu einer ständigen Angst oder zumindest Anspannung vor diesem Moment führen muss, mit den daraus folgenden ständigen kleinen und grösseren Schlachten.

“Ich habe das nie unterschrieben”

Menschen zur Befolgung von Gesetzen zu zwingen, die sie selbst nie unterschrieben (oder für sinnvoll befunden) haben, ist ein schwieriges, vielleicht jedoch, wenn es sich um Gesetze eines ganzen Staates handelt, auch notwendiges Unterfangen. Im kleineren Rahmen, etwa innerhalb einer Schulklasse, kann dieses Schaffen eines gesetzlichen Rahmens zum Schutz aller durchaus auf basisdemokratischem Wege geschehen, was auch die Notwendigkeit der „polizeilichen“ Überwachung vermindern wird. Was jedoch passiert, wenn ein zeitweise gesetzloser Raum entsteht, durfte ich gestern im Kleinen erleben: es herrschen das Gesetz des Stärkeren, Kleinkriege und ein hohes Potential an Verletzungen, die mit einer schlichten Entschuldigung nicht wiedergutzumachen sind.

Was Freiheit von Willkür unterscheidet, ist Verantwortung, und Verantwortung kann immer nur innerhalb bestimmter Grenzen übernommen werden. Die Utopie des friedlichen Zusammenlebens in grösstmöglicher Freiheit des Einzelnen ist augenscheinlich stark abhängig von der tatsächlichen Fähigkeit dieser Einzelnen, auch die entsprechende Verantwortung für seine Freiheiten zu übernehmen, und der Fähigkeit äusserer Kräfte (in der Schule wohl die Erwachsenen), ihnen dort Grenzen der Freiheit aufzuzeigen, wo sie ihr Verantwortungsbewusstsein übersteigt, dort Konsequenzen durchzusetzen, wo andere hilflos dem Strudel der Konsequenzen ihres Handelns gegenüberstehen würden.

Freiheit (und Verantwortung) als solche existiert nur innerhalb von Freiräumen, also innerhalb gewisser Grenzen, und die Schaffung (und Gewährleistung) dieser ist eine höchst politische Aufgabe. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Grenzen, von vielen oft (ich nehme mich hier ehrlicherweise nicht aus) als unnötige Einschränkung der Freiheit “unschuldiger Kinder” empfunden, augenscheinlich erst die Grundvoraussetzung für diese Freiheit zu sein scheinen.

Niklas

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