Unlängst erzählte eine Freundin von mir, die unter anderem Tanzworkshops für Kinder anbietet, wie sie einem ihrer Schützlinge, der sich eher unmotiviert bewegte, erklärt hatte, dass es keine Selbstverständlichkeit war, auf einer Bühne stehen zu dürfen. Dass es einen Wert hatte. Dass es Anstrengungen oder zumindest einer gewissen Fähigkeit bedurfte, um dazu berechtigt zu sein, eine bestimmte Rolle einzunehmen. Als jemand, der immer wieder gerne an öffentlichen Plätzen Musik macht oder seine Geschichten aufhängt, war die Aussage auch für mich relevant: Was oder wer gab mir eigentlich das Recht dazu? Auch von einem pädagogischen Standpunkt aus erscheint mir die Frage relevant, sobald ich ein System wie das der relativen Meister schaffe, indem ein jeder (auch Kinder) die leitende Rolle eines Seminars einnehmen können.

Wenn keine “Bühne” existiert

Ich glaube, es wird notwendig sein, zwei verschiedenartige Situationen zu differenzieren. Diejenige, in der ich gemeinsam mit einer Gruppe ein oder mehrere bestimmte Ziele verfolge, in der ein jeder grundsätzlich die gleiche Rolle einnimmt bzw. die Rollenverteilungen stets im Fluss sind. In der Vorbereitung zur Matura hatten wir beispielsweise Mathematik-Lerngruppen gebildet, die sich regelmäßig nach der Schule trafen und sich gegenseitig halfen. Oder die Gruppe Freies Musizieren in Kiel, die aus vielen motivierten Musikern bestand und deren Ziel es ist, in einer gemütlichen Atmosphäre gemeinsam mit anderen Musik zu machen und dabei seine eigenen Fähigkeiten zu erweitern. Natürlich gibt es in einer solchen Gruppe manche Mitglieder, die tendenziell schon etwas „weiter“ sind als andere und dementsprechend öfter anderen weiterhelfen können. Aber sie haben keine grundsätzlich andere Rolle in der Gruppe, sie teilen die Gruppe nicht in eine Meister-Schüler-Dualität oder noch komplexere Pluralität.

Die Bühne, die die Menschen teilt

Dann existiert noch eine weitere Art des gemeinsamen Arbeitens, die verschiedene Rollen kennt. Die klassische Lehrer-Schüler-Beziehung wäre ein bekanntes Beispiel. Der Lehrer hat dabei fundamental andere Aufgaben (lehren) als der Schüler (lernen). Aufgaben, die sich im Idealfall aufeinander beziehen können, aber nicht zwingend müssen. Die Übernahme der Lehrer-Rolle in einer bestimmten Gruppen-Situation bedeutet nicht, dass der die Rolle Ausfüllende nicht in einer anderen Situation Schüler sein kann. Aber sobald er die Rolle und die entsprechenden Verhaltensweisen bzw. Symbole annimmt, werden bestimmte Rollenerwartungen an ihn gestellt. Verschiedenste (alternativ-)pädagogische Reformer haben versucht, diese Rollenerwartungen aufzubrechen. Die Dualität der Meister-Schüler-Beziehung gar nicht mehr aufkommen zu lassen, verhindert jedoch die eingehende Betrachtung der dahinterliegenden Prozesse, die uns in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wiederbegegnen. Die Frage ist für mich weniger diejenige, ob es eine dualistische Meister-Schüler-Beziehung geben sollte (oder eine Musiker-Zuhörende, Autor-Leser, …), sondern was jemanden eigentlich berechtigt, eine bestimmte Rolle einzunehmen.

An unserer Schule war es ganz im Sinne des Relative-Meister-Prinzips für einen jeden, auch externe Erwachsene, Eltern und Schüler, möglich, Angebote und Kurse anzubieten. Diese Möglichkeit wurde nur sehr vereinzelt genutzt, und mit sehr unterschiedlichen Resultaten. Einmalige Angebote (wie z.B. wir bauen Papierboote und lassen sie den Fluss runterfahren) wurden oft sehr gut besucht, aber es gab kaum längerfristig gut besuchte Angebote. Die wöchentliche NERF-Schlacht war eine Ausnahme, bei der der Initiator offensichtlich seine Rolle als verantwortlicher Leiter so gut ausfüllen konnte, dass die anderen Besucher über viele Wochen regelmäßig teilnahmen. Das lag nur zum Teil an dem Interesse an der Materie selbst, wie der gescheiterte Versuch eines anderen Schülers, einen zusätzlichen Termin unter seiner Leitung zu etablieren, deutlich zeigte. Es musste auch etwas mit den Qualitäten des ersten Schülers zu tun haben, den Kurs zu leiten.

Was berechtigt zum Besteigen der Bühne?

In unserem System liefen die meisten der gruppendynamischen Prozesse selbstreguliert ab, ohne dass wir Erwachsenen eingreifen mussten. Trotzdem wird es für manche interessant sein, herauszufinden, was genau dazu führt, dass manche in ihrer Rolle als Anführer/Leiter akzeptiert werden und andere nicht. Viele der Prozesse, die dabei in Kindern ablaufen, laufen wohl unbewusst ab – aber in ihren Grundzügen dürften sie denen ähneln, die in Erwachsenen ablaufen. Und darüber kann ich doch einiges aus Gesprächen und eigener Erfahrung erzählen.

In dem Buch „Zen oder die Kunst, ein Motorrad zu warten“ findet sich der Begriff der „Qualität“, der (laut Autor) nicht anhand von anderen Meta-Wertungen weiter ausdefiniert werden kann. Nichtsdestotrotz können die meisten Menschen zwischen einem qualitativ hochwertigen oder nicht so hochwertigen Bild unterscheiden. Zu einem Teil ist diese Bewertung beeinflusst durch die eigene Erfahrung mit der Thematik oder dem persönlichen Geschmack, aber nicht völlig. Wir können die effiziente Funktionsweise technischer Geräte als qualitativ hochwertiger wahrnehmen als ein kaum funktionierendes Teil, das nach den ersten paar Verwendungen kaputtgeht. Können unterscheiden zwischen einem Roman, der uns mitreißt und unser Leben verändert und einem, der uns kalt lässt. Vielleicht ist auch diese persönliche Betroffenheit das Kriterium, das über unser Wahrnehmen von Qualität entscheidet. Fühlen wir uns in unseren Bedürfnissen wahrgenommen (wie genau macht das Gerät, was ich brauche) oder wiedererkannt (erzählt das Buch auch meine Geschichte), so empfinden wir etwas als qualitativ hochwertig. Oder, auf die Schule bezogen: Wie viel hat das, was der Lehrer vorne da erzählt, eigentlich mit mir zu tun?

Eine Gruppe von Menschen, die sich zusammenschließt, um gemeinsam und in der jeweils gleichen Rolle an sich zu arbeiten, sei es, um Instrumente zu lernen oder zu tanzen, kann eine hohe Toleranz gegenüber ihren Mitgliedern aufbringen. Es ist der Urzustand des freien Spiels, wie wir ihn in vielen freien Schulen finden. Aber derjenige, der sich in die Öffentlichkeit wagt, der durch sein Sprechen einfordert, dass ihm zugehört wird, der eine andere Rolle für sich beansprucht und damit die Struktur der Gruppe und auch die Rollen der anderen verändert, und sei es nur für einen Moment, muss damit rechnen, bewertet zu werden. Und zwar, ob er diese Rolle auch in einer Qualität ausfüllt, die ihn dazu berechtigt.

Das war es, was die eingangs erwähnte Freundin meinte. Ich kann mich irgendwo an einer Straße hinsetzen und Gitarre spielen, kein Problem. Aber sobald ich möchte, dass aus neutralen Passanten Zuhörer werden, auf mich bezogene Menschen, nehme ich eine andere Rolle ein. Besteige ich eine imaginäre Bühne. Und muss damit rechnen, bewertet zu werden, vielleicht auch ent-wertet zu werden. Es macht einen fühlbaren Unterschied, diese „Bühne“ zu besteigen, mir – wie es eine andere junge Frau ausdrückte – „den Raum zu nehmen“. Man spielt, singt anders. Man schreibt anders, wenn man das Gefühl hat, etwas zu sagen zu haben. Man hört auf, zu “performen”, anzugeben mit dem, was man kann. Man fängt an, anderen zu dienen. Wer schon einmal an öffentlichen Orten gespielt hat, wird den Unterschied kennen. Man kann spielen, gut spielen, und dafür Bewunderung, auch Geld bekommen. Aber andere Menschen zu berühren, mitzureißen, zu führen, ist eine qualitativ andere Erfahrung.

Die Bühne der Pioniere

Gestern redete ich mit einer jungen Frau darüber, ob sie denn schon berechtigt sei, die leitende Rolle in einem Tanzworkshop auszufüllen. Rein formal hatte sie die Berechtigung in Form eines Zertifikats in der Tasche, und doch fühlte sie sich verunsichert, sich der damit einhergehenden Bewertung auszusetzen. Wie würde diese Bewertung ausfallen? Würde sie den Erwartungen entsprechen können, die auch an die Pioniere ihrer Kunst gestellt wurden, würde sie das Werk ihrer Vorarbeiterinnen weitertragen können? In unserem Gespräch fiel uns auf, dass auch hier wieder eine Unterscheidung zu treffen war, zwischen jenen, die ein Werk möglichst originalgetreu weiterzutragen hofften, und jenen, die es wagten, Neues zu schaffen. Während die Angst, bewertet zu werden, im ersten Fall die Angst ist, als schlechte, minderwertige Kopie erkannt zu werden, die dem Original nicht entsprechen kann, ist es im zweiten Fall noch komplexer. In letzterer Situation stellt man sich selbst zur Bewertung. Nur sehr wenige wagen jenen Schritt, und viele sind daran zerbrochen. Die, die überblieben, sind die Montessoris, Freinets, Freires, die wir heute kennen.

Es kostet eine gewisse Überwindung, sich hinzustellen und zu sagen: „Ich bin Montessori-Lehrer“. Aber es gibt gesellschaftlich anerkannte Zertifikate, die helfen. Es gibt externe Kriterien, anhand deren ich feststellen kann, wie exakt ich nach Montessori arbeite, mit welcher Selbstsicherheit ich mich Montessori-Pädagoge nennen darf. Manche mögen anderer Meinung sein, aber ich kann für mich anhand der definierten Kriterien feststellen, ob sie Recht haben. Wenn wir es aber wagen, Neues zu schaffen, existiert nur noch ein Kriterium, und es ist findet sich in uns selbst: ob es sich richtig anfühlt. Wer Neues schaffen will, ob aus bewusster Entscheidung oder weil das Bestehende ihn, auch gegen seine Ängste, innerlich dazu antreibt, wird akzeptieren müssen, nicht verstanden zu werden. Wird akzeptieren müssen, zur Projektionsfläche der Ängste anderer zu werden, zum Sündenbock, und alles, worauf er sich am Ende wirklich verlassen kann, ist das innere Gefühl, dass es richtig ist, was er tut.

Im besten Falle kehrt er zurück aus der Wüste der Einsamkeit, in die er sich begeben hat, um den Menschen um ihn eine Botschaft zu bringen, die sie inspiriert, ihren Horizont erweitert. Manche haben verlernt, die Sprache der Welt zu sprechen. Manche kehren nie zurück. Die, die zurückkehren, um ihren Mitmenschen mit ihren neuen Erfahrungen zu dienen, sind es, die die Welt in Bewegung halten.

Im letzten Schuljahr arbeitete ich an einer der (meiner Meinung nach) fortschrittlichsten freien Schulen Deutschlands, wo es mir durch die tatkräftige Unterstützung meiner tollen Kollegen und Kolleginnen (und auch der Schüler, …) möglich war, viel von dem umzusetzen, was ich für gut und richtig hielt. Im kommenden Schuljahr erwartet mich eine Aufgabe an einer neuen Schule, ein riesiger Freiraum, der mit dem zu füllen ist, was ich für richtig halte. Eine Aufgabe, die mich mit einer interessanten Mischung aus Stolz, Glück und Angst erfüllt. Ich kann hier schaffen, was ich für richtig halte, und bin für die Qualität des Ergebnisses weitgehend selbst verantwortlich. Es ist der (auch äußerlich sichtbare) Schritt, eine Rolle einzunehmen, die ich mir weitgehend selbst definieren kann und für die es dementsprechend noch keine Kriterien gibt, an denen ich mich orientieren kann. Es fühlt sich richtig an, auch das Gefühl der immensen Verantwortung, die mit dieser Rolle auf mich zukommen wird, und der Angst, ob es mir möglich sein wird, dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Wenn alles gut geht, werde ich dann mit Beginn des nächsten Schuljahres hier wieder regelmäßiger von meinen Erfahrungen und Beobachtungen berichten können. Bis dahin wünsche ich euch allen erholsame Ferien und – aus dem Zustand der Entspannung heraus – einige schöne Erkenntnisse.

Niklas

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