„Ein besseres Europa schafft Arbeit durch Wachstum“ ist derzeit auf einem Wahlplakat für die EU-Wahl von Ottmar Karas zu lesen. Da ich den Herrn Karas nicht persönlich kenne, gehe ich jetzt einmal davon aus, dass er tatsächlich zur großen Gruppe derjenigen Menschen zählt, die daran glauben, dass Wachstum a) Arbeit schafft und b) zu einem besseren Europa führen wird. Im Folgenden einige Gedanken dazu.

Wie meinen treueren Lesern mittlerweile bewusst sein wird, habe ich kein Wirtschaftsstudium vorzuweisen und halte mich auch nicht für einen „Experten“ auf diesem Gebiet – was ich hier schreibe, ist nicht „die Wahrheit“, sondern eine, und zwar meine, Perspektive. Es bleibt die Verantwortung des Lesers, sich zu fragen, was davon nachvollziehbar erscheint und wo sich Lücken in meiner Argumentation auftun mögen.

Wachstum schafft Arbeit?

Diese Hypothese basiert laut Wikipedia auf dem Okun’schen Gesetz, das besagt, dass Unternehmen ab einem bestimmten Wachstumsprognose eher geneigt sind, neue Arbeitskräfte einzustellen. Bei einem Wirtschaftswachstum von 3% sind Unternehmen demnach eher motiviert, neue Mitarbeiter zu suchen als bei einem Wirtschaftswachstum von beispielsweise 0,5%. Mit der Vergünstigung von Maschinen, Computern und Automation treten diese jedoch zunehmend in Konkurrenz mit menschlicher Arbeitskraft. Wachstum entsteht heute unter anderem, indem menschliche Arbeitskraft eingespart anstatt angestellt wird. Die Produktion, der Gewinn und das BIP können damit wachsen, während die Beschäftigungsraten gleichzeitig sinken.

Wachstum für alle?

Selbst wenn wir davon ausgehen, dass ein Wirtschaftswachstum etwa in Österreich tatsächlich zu mehr Arbeit führt, bleibt die Frage offen, ob es möglich ist, diese Methode auch weltweit zu kopieren und damit den Menschen weltweit zu Arbeit und Wohlstand zu verhelfen. Wenn wir davon ausgehen, dass Wachstum ein Gewinnüberschuss ist, muss es doch irgendwo auch einen Verlierer geben, von dem dieses Geld bezogen wird. Vielleicht habt ihr schon mal DKT/Monopoly gespielt, da gewinnt meistens derjenige, der irgendwann mehr Geld hat, während die anderen (Überraschung!), ihr Geld verlieren. Am Ende wird das Geld wieder auseinandersortiert, die Spielfiguren zurückgelegt und das Spiel weggeräumt.

Wirtschaftlicher „Wettbewerb“, wie es so schön genannt wird, endet jedoch kaum mit der Gratulation der Gewinner durch die Verlierer, und vor allem für die Verlierer handelt es sich nicht nur um ein Spiel, sondern um ihre Lebensgrundlage: Nahrung, Wohnen, Transport. Und spätestens dann finden es die „Mitspieler“ nicht mehr allzu lustig. Sind es wenige, flüchten sie sich vielleicht noch in Alkohol, Drogen oder den Freitod. Je mehr es werden, desto mehr Potential erwächst jedoch auch für ein Außerkraftsetzen der gesellschaftlichen Ordnung durch die Masse der Verlierer, die nicht mehr bereit ist, ein Spiel, in dem sie nur verlieren können, bis zum bitteren Ende mitzuspielen.

Die EU-weiten Arbeitslosenquoten von knapp 12% (Stand 2014) mit Spitzen von ca. 25% in Ländern wie Mazedonien, Serbien, Griechenland und, ja, auch Spanien sind absurd hoch. Spanien hat über 45 Millionen Einwohner, das bedeutet, über 11 Millionen davon sind arbeitslos gemeldet, und das sind noch die offiziellen Zahlen. 11 Millionen Menschen ohne Einkommen, ohne Beschäftigung, oft ohne ein Gefühl von Sinn. Die Jugendarbeitslosigkeit war im Mai 2012 in Spanien bei über 50% angesiedelt (Österreich: 8,3%).

Unlängst sah ich einen Dokumentarfilm im Kino (Everyday Rebellion, empfehlenswert!), bei dem es auch um politische Selbstverwaltung der „kleinen“ Spanier geht, die es Leid sind, ständig im Radio und Fernsehen von Suiziden ihrer Mitmenschen zu hören und begonnen haben, sich selbst zu organisieren. Bei dieser Masse an Menschen, die ihre Opferrolle abstreifen und sich politisch organisieren, besteht neben der Chance, echte Veränderung zu bewirken, auch die Gefahr, dass diese Veränderung von Gewalt oder der Übernahme gefährlicher Ideologien aller politischen Richtungen, den “einfachen Lösungen” überschattet wird. Und damit kommen wir zur nächsten These.

Wachstum schafft Frieden?

Mit der immer mehr ins Chaos zu stürzen scheinenden Ukraine, nur 813km oder 8,5h mit dem Auto (von Lemberg gerechnet) von Wien entfernt, stellt sich die Frage nach den Ursachen von Kriegen gerade wieder sehr aktuell. Auch wenn es in diesem speziellen Fall wohl um geopolitische Interessen Russlands, der USA und der EU geht, wie mir mein uspekistanischer Freund, der mir die russische Perspektive übersetzt, erklärt, stellt sich die Frage auch in anderer Hinsicht: Was, wenn wir uns unsere Kriege selbst produzieren, und zwar eben durch unser Wachstum?

Wenn wir ein Spiel spielen, dass von vornherein nur wenige Gewinner und zahlreiche Verlierer vorsieht, bei dem wir (noch) zu den Gewinnern zählen und deswegen nicht bereit sind, die Regeln zu überdenken, wird dies nicht unweigerlich zum Konflikt mit denjenigen führen, die zu den Verlierern gehören? Wir brauchen unser Wirtschaftswachstum also angeblich zum Erhalt oder zur Neuschaffung der Arbeitsplätze, und entziehen im gleichen Atemzug anderen Staaten ihre Lebensgrundlage – und wundern uns über soziale Unruhen außerhalb, aber zunehmend auch innerhalb der Festung Europas.

…und Frieden auf Erden?

Ich glaube, die Buddhisten haben Recht, wenn sie behaupten, dass alles mit allem verbunden ist. Es ist schön, wenn wir behaupten können, Europa sei befriedet, wir leben im Wohlstand und wir können innerhalb Europas reisen und arbeiten, wie wir wollen. Es ist dies eine große Leistung der letzten Generationen, der Achtung gebührt. Doch ich denke, wir sollten nicht an den Grenzen Europas Halt machen. Wenn alles, was wir tun, Auswirkungen auf diese Welt hat, hat auch alles, was Menschen außerhalb Europas tun, Auswirkungen auf uns, so sehr wir uns auch hinter Mauern und Einwanderungsgesetzen verstecken wollen.

Wenn unser Wachstum Menschen anderswo ihre Überlebensgrundlage entzieht, werden diese Menschen eines Tages an unsere Festungsmauern kommen und uns vor die ethische Verantwortung für unsere fetten Jahre stellen. und wer garantiert uns dann, dass sich die Millionen verzweifelter Menschen noch an unsere Gesetze halten, die wir aufstellen, um sie draußen zu halten? Gesetze bauen auf das Gewaltmonopol des Staates, sie durchzusetzen, wie wir derzeit gut in der Ukraine sehen können. Kiew hat das Gewaltmonopol verloren, und das Recht des Stärkeren scheint bereits um sich zu greifen, wie die vielen Toten bezeugen.

An dieser Stelle mögen einige von euch denken, all dies sei Gutmenschentum (welch seltsame Wortschöpfung, „Gut-Menschen“ als schlecht abzustempeln) und scheinheiliger Altruismus, und natürlich ist es eine idealistische Einstellung meinerseits, dass es möglichst vielen Menschen (bzw. auch der Umwelt) gut gehen soll. Aber es ist auch eine pragmatische Einstellung, denn wenn es anderen gut geht, kann ich ihnen auch vertrauen, dass sie mir nicht in der Nacht aus Verzweiflung den Schädel einschlagen. Ich kann auf ihre Hilfe zählen, wenn es mir selbst eines Tages nicht so gut geht. Und der Tag wird kommen, heute, morgen oder in einigen Jahren/Jahrzehnten.

Ein besseres Europa?

Ich denke, ein besseres (und dazu zähle ich auch ein sichereres, sozialeres und sinn-volleres) Europa wird nicht daraus entstehen, in allen europäischen Ländern ein möglichst hohes Wirtschaftswachstum entstehen zu lassen. Ein besseres Europa würde versuchen, der Herausforderung, die aus dem Auseinanderklaffen der Produktivität der Unternehmen und dem Einsatz menschlicher Arbeit entsteht, kreativ zu begegnen. Teilzeit-Erwerbsarbeit sowie zusätzliche Sinnfindung in sozialer, solidarischer Arbeit erscheint mir ein Zukunftsmodell, auf dem man aufbauen könnte. Ich glaube, es würde Sinn machen, schrittweise (!) die Abhängigkeit von der Geldwirtschaft mit ihren Wachstums-Zwängen anzugehen.

Es wird langfristig wenig Sinn machen, die Gesellschaft in Erwerbstätige und Arbeitslose zu trennen, als würde nur eine Gruppe etwas zum gesellschaftlichen Wohl beitragen. Gefühlte Zufriedenheit besteht aus mehr als dem Wirtschaftswachstum, es besteht auch in so schwer fassbaren Kriterien wie sozialem Zusammenhalt, Diversität und Sicherheit. Eine Anerkennung dieser Faktoren als ebenso wertvoll wie der rein monetäre Aspekt könnte zu interessanten Lösungen führen.

Wo ist meine Europa-Partei der Weltbürger, der Träumer und Visionäre in dieser Wahl?

Niklas

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