„Es wäre alles viel leichter, wenn du nur anders wärst.“ Warum uns dieser Satz nicht weiterbringt – und was stattdessen hilft: Der Welt erlauben, sich in unserem Sinne zu verändern.

Im Grunde sind für mich vier Faktoren dafür verantwortlich, ob die Veränderungen stattfinden, die wir uns wünschen:

Sind wir bereit hinter den Vorhang des „Zufalls“ zu blicken?

Ach, warum nur habe ich so viel Pech? Würde es doch eine Möglichkeit geben, das zu ändern!

Es gibt viele Menschen, die sind durchaus zufrieden damit, sich von den Wogen mitreißen zu lassen, die sie „Zufall“ nennen. Passiert ihnen etwas, das sie als „negativ“ erleben, so nennen sie es „Pech“. Passiert ihnen etwas, das sie als „positiv“ erleben, so nennen sie es „Glück“.

Der aufmerksame Leser hat vermutlich schon entdeckt, dass ich mehrere Mal die Phrase „passiert ihnen“ verwendet habe. Menschen, die so denken, betrachten sich je nach Ausgang einer Situation als Opfer oder auch Nutznießer des Schicksals, dem sie ausgeliefert sind. Jemand oder etwas im Außen handelt, und sie sind den Konsequenzen dieses Handelns ausgeliefert.

„Zufall“ ist jedoch im Grunde nur eine Umschreibung für einen Vorgang, den wir (noch) nicht verstehen. Für einen blutigen Anfänger ist der Aktienhandel mehr oder weniger ein Glücks-Spiel, für jemanden mit mehr Erfahrung ein berechenbares Risiko. Einen Volleyball in die gewünschte Richtung zu baggern ist für den Anfänger ein Glücksspiel, für den Profi vorhersehbar.

Wer sich wie ich für Geschichte interessiert, wird feststellen, dass es zu allen Zeiten Phänomene gegeben hat, die sich niemand erklären konnte und die als „Zufall“ oder „göttliche Fügung“ betrachtet wurden. Irgendwann wurde dann durch engagierte Interessierte mehr und mehr Licht in diese „Blackboxen“ gebracht, und damit erhöhte sich die Chance, dem „Zufall“ höhere Wahrscheinlichkeiten für das Eintreffen des gewünschten Ausganges abzuringen.

Ich möchte damit keinesfalls ausschließen, dass es nicht durchaus etwas wie „göttliche Fügung“ geben könnte – mein Ziel ist es nicht, gläubige Menschen vor den Kopf zu stoßen. Ich bin jedoch der Ansicht, dass diese Umschreibungen im Alltag ein wenig zu inflationär gebraucht werden, und es für manche Menschen durchaus sinnvoll wäre, sich zu fragen wie die „Mechanik“ eines zufälligen Ereignisses tatsächlich zustande kam. Vor allem dann, wenn die “Zufälligkeit” eines Ereignisses sehr subjektiv zu sein scheint.

Noch einmal: Was wir „Zufall“ nennen, sind Vorgänge, die wir bisher noch in zu geringer Komplexität erforscht haben. Sind wir bereit, uns der Erkenntnis zu stellen, die hinter dem Etikett „Zufall“ auf uns wartet? Die Antwort entscheidet darüber, ob wir das erste Hindernis zur Veränderung überwinden und uns aus der Opfer-Rolle befreien.

Damit können wir handeln.

Durchschauen wir die Illusion der direkten Kontrolle anderer?

Meist ist die sichtbare Veränderung die wir uns wünschen außerhalb von uns selbst zu finden. Wir wollen mehr Geld auf dem Konto, dass der Mitarbeiter endlich bessere Leistungen erbringt, dass die Kollegin aufhört uns zu mobben oder die Regierung zur Abwechslung einmal sinnvolle Gesetze verabschiedet. Mit uns selbst ist ja alles in Ordnung, aber die Welt da draußen müsste doch einsehen, dass…

Das Problem dabei ist jedoch, dass ein jeder dieser Menschen, die wir gerne verändert hätten, einen eigenen Kopf hat, mit eigenen Gedanken. Und vielleicht sogar im selben Moment davon träumen, dass wir uns endlich ändern, damit ihre Welt erträglicher wird. In der Informatik wäre das ein klassischer „Deadlock“, bei dem nichts mehr weitergeht, weil jeder darauf angewiesen ist, dass der andere endlich was macht, bevor er selbst handelt. Und so vergeht die Zeit, ohne dass Veränderung eintritt…

Andere hingegen versuchen den direkten Weg, andere zu beeinflussen, etwa indem sie Chef eines anderen werden und sich der Illusion hingeben, dieser würde nun machen was man wolle, eben weil man Chef sei oder weil man ihn bezahle. Was hierbei ausgeblendet wird ist wiederum eine Art „Blackbox“, die in dem Mitarbeiter abläuft und ihn im Endergebnis dazu führt für den Chef zu tun was dieser verlangt. Solang der Chef aber diese Blackbox nicht tiefer versteht wird es ihm möglicherweise eines Tages ergehen wie Kristen Hadeed in ihrem Buch „Permission to screw up“ anschaulich beschreibt: „ohne Vorwarnung“ kündigen auf einen Schlag 75% der Belegschaft. Autsch!

Wir können andere Menschen zu einem bestimmten Punkt beeinflussen, aber nicht kontrollieren. Wir können lernen, den Grad unserer Möglichkeit Einfluss zu nehmen zu erhöhen, indem wir die Komplexität aushalten, tiefer in ihre „Blackbox“ zu sehen (manche nennen das auch „sich besser kennenlernen“). Aber 100%ige Kontrolle dabei erreichen zu wollen halte ich für nicht sinnvoll.

Was wir jedoch durchaus kontrollieren (= direkt steuern) können, ist uns selbst: unser Körper, unsere Emotionen, unser Geist. Und hierbei finden wir paradoxerweise auch den Schlüssel zur Veränderung im Außen. Wie das funktioniert?

Öffnen wir Räume für Innovationen oder motivieren wir nur?

Warnhinweis: Wenn wir Räume öffnen, könnten wir auch positiv überrascht werden.

Am einfachsten als mentales Bild darzustellen ist dies, wenn wir uns um alle Menschen eine Art 3-dimensionale Form vorstellen, die jeweils an die Formen der anderen Menschen anliegt. Diese Formen stellen unser Sein im Alltag dar, das wir gewöhnt sind. Wenn ich nun jemanden direkt verändern will, so stoße ich mit Druck in seine Form vor, was ihn zu Abwehr-Reaktionen ermuntern wird: Druck erzeugt Gegendruck. Verändere ich jedoch meine Form, indem ich zwischen seiner Form und meiner Raum eröffne, so lade ich ihn damit ein, sich durch die Veränderung seiner alten Form an meine neue Form anzupassen, um wieder einen stimmigen Kontakt zwischen uns herzustellen. Dies hat gleich 3 Vorteile:

  • Der Andere tut es freiwillig und in seinem Tempo, es kostet mich weniger Kraftanstrengung
  • Diejenigen, die gegen meine Veränderung sind, bleiben auf Distanz
  • Ich schenke meiner Umwelt Raum, mich positiv zu überraschen

Anstatt meine Energie und Zeit zu vergeuden, jemanden an einen Ort zu schieben, den er gar nicht erreichen will, lade ich ihn stattessen ein und mache den Weg frei. Menschen, die meine Veränderung nicht mit mir mitgehen können oder wollen, zeigen dies, indem sie auf Distanz bleiben und nicht erneut Kontakt suchen (ich verschwende meine Energie nicht an Menschen, die dies ohnehin nicht schätzen). Indem ich Raum öffne, können andere mich auf Arten beschenken, an die ich selbst gar nicht gedacht hätte, hätte ich ihr Verhalten steuern wollen.

Dies ist übrigens – kurz zusammengefasst – eines der Geheimnisse meines Erfolges als Lehrer. Ich bringe Schüler nicht direkt dazu zu tun was ich für richtig halte, sondern öffne ihnen Raum, das, was ich von ihnen verlange (Grenzen des geöffneten Raumes), auf dem für sie passendsten Weg zu erreichen. Weil es ihr Weg ist den sie selbst gewählt haben, muss ich sie auch nicht von außen motivieren (=“anschieben“), sie bewegen sich selbstständig durch eigenen Impuls.

Wenn der Schlüssel zur Veränderung in uns selbst liegt und allen zugänglich ist, warum wenden ihn dann so wenige Menschen an? Um dies zu verstehen, müssen wir uns dem Phänomen der Anhaftung widmen.

Unterliegen wir der Anhaftung?

Was soll die blöde Frage? Natürlich brauch ich das alles noch!

Haftung zu haben, also wo befestigt zu sein, ist an sich ein neutraler Zustand ohne Wertung. Problematisch wird es, wenn wir uns in Bewegung setzen wollen und gleichzeitig noch irgendwo anhaften. Wer seine Hand noch auf der Türklinke hat und nicht loslassen will, gleichzeitig aber vor hat jetzt 20 km zu laufen, der wird nicht weit kommen (oder die Tür mitschleppen müssen).

So plump dieses Beispiel auch gewählt ist: genau so agieren tagtäglich Millionen von Menschen weltweit. Wir „wollen“ aufhören zu rauchen, trotzdem aber hin und wieder „beim Fortgehen“ eine rauchen. Wir „wollen“ den Sixpack-Körper, aber trotzdem den ganzen Tag nur Computer spielen oder im Büro sitzen und uns nicht bewegen. Oder, subtiler: wir wollen uns das Verhalten unseres Partners nicht mehr gefallen lassen, aber sind nicht bereit, ihn im Ernstfall zu verlassen. Wir wollen, dass eine Kollegin aufhört uns zu mobben – sind aber nicht bereit, ihr deutlich zu machen, dass sie Grenzen übertritt, weil wir kein “Menschen der herumschreit” sein wollen.

Die meisten Menschen, die davon sprechen was sie wollen, setzen ihr „Wollen“ deswegen nicht in Handlungen um, weil diese Handlungen voraussetzen, dass sie bestimmte Anhaftungen aufgeben, ohne die sie fürchten nicht auskommen zu können. Wer aber zu vielen Anhaftungen erliegt, wird bewegungsunfähig und damit – um im vorherigen bildlichen Beispiel mit den Kugeln zu bleiben) unfähig, Raum für Veränderungen zu schaffen.

Wer also beispielsweise einer klassischeren Vorstellung des Lehrer-Seins anhaftet, wird Schwierigkeiten haben, ähnliches mit Kindern zu erleben wie es mir geschenkt wurde. Nicht weil es dieser Person grundsätzlich nicht möglich wäre, sondern weil die Identifikation (=Anhaftung) mit einem bestimmten Bild vom Lehrer-Sein die Verhaltensweisen verbietet, die notwendig wären, um einen solchen Raum zu öffnen.

Wie man sich von seinen Anhaftungen befreien kann füllt ganze Bibliotheken voller Bücher, deswegen erspare ich mir diesen Aspekt vorerst. Aber eigene Anhaftungen als Ursache anzuerkennen, warum die Welt noch nicht so ist wie man sie gerne hätte hilft schon einmal ungemein, die Verantwortlichkeiten klarer zu sehen.

Wie wir die Welt verändern

Wie verändern wir nun also unsere Welt? Wir anerkennen, dass Glück, Pech und Zufall nur Umschreibungen sind für „noch (!) nicht verstanden“ – und ein Auftrag, tiefer zu forschen. In diese „Blackbox“ zu blicken hilft uns später, gute und passende Räume für Veränderung zu eröffnen.

Wir anerkennen ebenso die Grenzen dieses Zuganges, und das wir was außerhalb von uns selbst ist nur beeinflussen, niemals vollends kontrollieren können.

Wir anerkennen, dass der energieeffizienteste Weg, Veränderung im Außen zu bewirken, eine Veränderung in und an uns selbst ist, mit der wir Zwischen-Räume eröffnen, die das Außen auf kreative Weise füllen kann.

Und letztlich anerkennen wir, dass wir dort, wo wir dies nicht vermögen, eine konstruktive Veränderung durch unsere eigenen inneren Anhaftungen blockieren – und es selbst in der Hand haben, diese aufzulösen, wo die Veränderung die wir uns erwünschen dieses Opfer wert scheint.

Die Welt verändert sich nicht für uns. Aber sie verändert sich, und wenn wir ihr den passenden Raum dafür schenken, auch durchaus in unserem Sinne.

Niklas

P.S.: Wenn euch dieser Beitrag gefallen hat, freue ich mich, wenn ihr ihn mit anderen Menschen teilt, denen er auch gefallen könnte 😉

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