Liebe Referendarin, nach dem dritten Versuch, auf deinen Kommentar eine kurze Antwort zu verfassen, habe ich beschlossen, einen ganzen Artikel daraus zu machen, weil ich es für eine wichtige Frage halte. Für alle, die mehr über die Fragestellerin erfahren möchten, habe ich mir erlaubt, die Adresse deines Blogs hier zu veröffentlichen: Educating Emma.

Warum sollte man ein System nicht mehr unterstützen, das einem ein relativ sicheres Leben beschert (Stichwort Verbeamtung), hast du gefragt, und die Antwort darauf ist nicht so leicht in einige Zeilen zu fassen. Ich werde es trotzdem versuchen.

Als erstes möchte ich feststellen, dass alles, was ich hier schreibe, weit davon entfernt ist, ein „sollte“ für irgendjemand darzustellen. Es ist weder ein direkter Aufruf an dich, lieber Leser, dein Leben teilweise oder völlig umzukrempeln, noch ein Aufruf, dich zu schämen, weil du es immer noch nicht getan hast und wir tollen Alternativen sind ja schon längst dabei. Nein, es ist konzipiert als ein Bunter-richten, ein Angebot, Horizonte zu erweitern, in dem ich meine Erfahrungen teile, die du selbst deiner subjektiven Bewertung überziehen musst. Was ich schreibe, ist nicht „die“ Wahrheit sondern meine Wahrheit, meine Perspektive auf diese Welt, mein Glaube, wenn man so will. Ich habe nicht vor, irgendjemanden in einen Glaubenskrieg zu zwingen. Ein jeder Glaube, der es wert ist, sich zu verbreiten, verbreitet sich auch ohne Zwang oder gar Gewalt.

Warum also ein System nicht unterstützen, das mir selbst ein bequemes Leben beschert? Ich glaube, dies lässt sich plastischer erklären, wenn wir ein anderes System unter die Lupe nehmen, das zumindest einigen von uns ein ebenso bequemes Leben beschert: unsere Art, zu wirtschaften, gerne auch Kapitalismus genannt und kritisiert. Ich will mich hier mal outen und hervorheben, dass der Kapitalismus geschichtlich gesehen eine durchaus konstruktive Komponente hatte, weil er durch den Fokus auf das Individuum Länder- und Kulturgrenzen überwinden half. Aus Profitgier war es plötzlich unter alten Feinden möglich, Geschäfte zu machen und Wirtschaftsbeziehungen aufzubauen, die Kriege unwahrscheinlicher machten. In diesem Sinne halte ich den Kapitalismus in heutiger Form für ein Übergangsstadium, keine Endlösung.

Der Grad der Abstumpfung

Noch in Österreich lebend wurde ich das dumpfe Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht ganz fair war. Immer wieder fanden sich Fotos und Videos, oft verbreitet von diversen mehr oder weniger seriösen Hilfsorganisationen, von kleinen afrikanischen Babys mit Fliegen, der WWF rechnete mir vor, wie stark der Regenwald abgeholzt wurde und Amnesty International beklagte diverse Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Aber all diese Geschehnisse waren weit weg, und irgendwie konnte man sie von sich fern halten. Den einen oder anderen Obdachlosen und anderen Hilfsbedürftigen gab man dann noch einige Münzen, um sein Gewissen zu beruhigen, aber etwas lauerte knapp ausserhalb meines bewussten Wahrnehmungsbereichs.

Als ich dann nach Brasilien kam, war ich überrascht, wie ähnlich Curitiba meiner Heimatstadt Linz war und wie wenig Leid es hier gab. Bis ich dann in den Norden kam, abseits der grossen Städte, und, noch verstörender, Bolivien. Als mich Familien völlig erstaunt fragten, wie ich mir meine Reise leisten konnte, während sie ein halbes Jahr arbeiten mussten, um auch nur einen Bruchteil des Geldes zusammensparen zu können. Als wir in einem Behindertenheim in Sucre mitarbeiteten, das wie ein Gefängnis geführt wurde. Als ich mich mit einigen Strassenkindern am zentralen Park in Sucre anfreundete, bis deren Eltern oder oft auch deren „Verwalter“ ihnen verboten, weiter ihre Zeit zu verschwenden, wenn sie denn betteln konnten. Als ich hörte, dass Kinder verletzt werden, um mehr Mitleid und damit mehr Betteleinnahmen einzubringen.

Systemfehler

Es waren keine Einzelfälle. Diese Menschen hatten in manchen Fällen Fehler begangen, wie ein jeder Mensch Fehler begeht, aber sie waren nicht die Ursache ihres Leids, sondern Symptome einer Krankheit, die sich weltweit ausgebreitet zu haben schien. Der Geisteskrankheit, Menschen einem Wert zuweisen zu können, sie mit Produktionsgütern vergleichen zu können und im Zweifelsfall eben verrecken zu lassen. Der Illusion einer beständigen zinsverstärkten Wertsteigerung, mit der menschliches Wachstum lange nicht mehr mithalten kann und der damit verbundenen Entwertung der Menschheit, der Menschlichkeit.

Mein Glaube? Ich!

Fast unmerklich hat sich eine angeblich säkulare Glaubensrichtung weltweit verbreitet und ihren Eindruck in allen Sphären der Gesellschaft hinterlassen. Es ist der Glaube von der Trennung von den anderen, der Glaube vom Besitz, der Glaube an die Quantität. Solange ich nur genug Geld habe, habe ich aus-gesorgt, muss ich mich nicht mehr sorgen. Es ist der Glaube an das Paradies im Hier, für alle greifbar und damit eines jeden eigene Verantwortung. Der Glaube an das unabhängige Ich. Und irgendwo am Weg wurde vergessen, dass es sich um einen Glauben handelt, wurde der Glaube zur letzten Wahrheit erklärt.

Und so bereiten wir unsere Kinder in Schulen auf ihr Leben als Gläubige vor, lehren sie die Gebete, lehren sie die Gesänge, lehren sie, andere Lehren als Unwahrheit abzutun – dies ist der einzig wahre Glaube, denn unser Gott, der Wert, ist allmächtig. Sieh, Kind, unser Gott hat all dies erschaffen, diese Bank, auf der du sitzt, die Kleidung, die du trägst und die Nahrung, die deinen Körper nährt. Diene auch du ihm, und es wird dir gut gehen. Lerne fleissig deine Vokabeln, bestehe die vielen Prüfungen, die wir entwickelt haben, um die Gläubigen von den Ungläubigen zu trennen, und werde einer von uns. Unser Gott ist allmächtig, und er bestraft die Ungläubigen. Es ist ihre Schuld, wenn sie leiden. Kümmere dich nicht um sie.

Dies ist eine Option. Diene dem Gott des Wertes und werde vielleicht sogar reich dabei. Erlange Sicherheit in der Gemeinschaft der Gläubigen. Lasse dich verbeamten. Es ist die Sicherheitsvariante. Kein unnötiges Risiko. Du bist hier, um dein Leben zu geniessen. Glücklich zu sein. Man lebt schliesslich nur einmal. Konsumiere dein Leben.

Alles ist eins, eins ist alles

Ich bin ein Ketzer. Ich glaube nicht an die absolute Trennung zwischen mir und der Welt. Es macht für mich einen Unterschied, wer mir meine Brötchen beim Bäcker überreicht, und ob diese Person mir ein Lächeln schenkt oder nicht. Wenn meine Unterrichtsmethoden zehn von meinen 25 Kindern in der Schulklasse helfen und den anderen 15 nicht, dann läuft etwas falsch, wenn ich darauf bestehe, dass gefälligst trotzdem alle denselben Methoden folgen sollen. Wir können noch so viele Namen für Krankheiten und Anomalitäten erfinden, irgendwann stellt sich die Frage, ob nicht an den Methoden etwas falsch ist, und nach der X-ten Methode dann schlussendlich auch die Frage, ob nicht auch an der Idee, sich überhaupt auf Methoden zu verlassen, etwas falsch sein könnte.

Der grösste Meister von allen

Die Idee, dass alles gut ist, solange es mir gut geht, funktioniert für mich nur, wenn ich es schaffe, gegenüber den Problemen in der Welt völlig abzustumpfen. Dies impliziert jedoch gleichzeitig, auch gegenüber den positiven Gefühlen, die die Verbundenheit mit der Welt wie Freundschaft und Liebe, abzustumpfen. Ich will nicht in einer kleinen Blase leben, während die Welt rundherum zugrunde geht, selbst wenn sie eine X-Box und Schweinsbraten beinhaltet.

Irgendwann sterben wir alle, etwas, was uns der kapitalistische Glaube vom unabhängigen Ich gerne vorenthält. Alles, was dann von uns bleibt, sind die Verbindungen, die wir im Laufe unseres Lebens eingegangen sind und die Art und Weise, wie wir andere Menschen durch diese Verbindungen berühren konnten.

Ich muss daher zulassen, den Schmerz der anderen durch diese Verbindungen zu fühlen, und überall dort, wo dieser Schmerz der anderen mich selbst zu überwältigen droht, weiss ich, dass es Zeit ist, zu handeln. Manchmal sind es simple Dinge wie einen Obdachlosen auf eine Mahlzeit einzuladen, und manchmal eben grössere Projekte wie dieses Bunterrichten-Projekt im Bereich der Bildung, wenn ich durch diese vielen Verbindungen erkennen durfte, dass die Ursache des Schmerzes nicht im Handeln der Personen selbst liegt, sondern in einem System, das diesen Schmerz unweigerlich produziert.

So, meine liebe Referendarin, ich hoffe, diese Antwort ist zufriedenstellend.

Niklas

P.S.: Habe jetzt auf Anfrage aus Ghana (!) meine Kurzfassung meiner Bildungsvorstellungen aktualisiert, falls es euch interessiert.

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