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Warum ich gegen eine Impfpflicht bin – und wofür schon

Am 1.2.2022 soll in Österreich die neue Impfpflicht kommen. Warum ich dagegen bin, auch wenn ich nicht gegen die Impfung selbst bin.
(Letztes Update von Niklas Baumgärtler am 11.1.2022)

Impfpflicht was tun?

Mit dem gestrigen Abend endete die Frist zur Einbringung von Stellungnahmen zum Entwurf zum Impfpflicht-Gesetz in Österreich. Nach unzähligen Gesprächen und Diskussionen habe ich mich nun doch entschlossen, eine öffentliche Stellungnahme zu verfassen. Vieles ist bereits woanders gesagt worden, aber einige der für mich wichtigsten Punkte gehen im riesigen Ausmaß der Diskussionen leider recht unter. Diese möchte ich hier anführen. Und weil ich wenig davon halte nur gegen etwas zu sein, möchte ich auch einige hoffentlich konstruktive Vorschläge in die öffentliche Diskussion einbringen.

Gleich vorweg: Ich bin weder formal ausgebildeter Immunuloge noch habe ich sonst eine medizinisch relevante Ausbildung genossen. Ich bin ausgebildeter Informatiker und Volksschul-Lehrer und habe etwa zwei Jahre lang auch Soziologie studiert (das hilft ein Stück weit bei der Interpretation von Statistiken). Den Großteil von dem, was ich weiß (oder zu wissen glaube), basiert auf den unzähligen Büchern, die ich zu verschiedensten Themen gelesen habe, Gespräche mit Menschen, die in ihren jeweiligen Fachbereichen fundierter sind als ich und einer gehörigen Portion Mut, auch mir „fachfremde“ Bereiche im Selbststudium zu erschließen und Schlüsse aus bisherigen Erfahrungen aus anderen Bereichen zu ziehen. Was davon sich glaubhaft und richtig anfühlt, bleibt jedem Leser/jeder Leserin selbst überlassen. Aber ich will mir nicht irgendwann vorwerfen müssen, hierzu geschwiegen zu haben.

1. Über die Gefährlichkeit der Corona-Impfung selbst

Pflichtimpfung Körperverletzung

Auch wenn selbst in meinem näheren Umfeld die wildesten Gerüchte kursieren (ganz abgesehen von den unzähligen Whatsapp-Nachrichten dazu), halte ich die Impfung selbst für nicht übermäßig gefährlich für den Durchschnitts-Österreicher. Weder gehe ich davon aus, dass es sich um eine „versteckte Gentherapie“ handelt, noch dass sonst irgendwelche Bestandteile der Impfung selbst dazu geeignet sind, Menschen zu kontrollieren oder ihr sonst absichtlich zu schaden.

Wie bei allen medizinischen Eingriffen bleibt jedoch ein gewisses Rest-Risiko, dass doch etwas schiefgehen könnte. Ein Jugendlicher in meinem indirekten Umfeld kam nach einer Corona-Impfung ins Krankenhaus und erhielt Infusionen. Er hat es am Ende gut überstanden und nach derzeitigem Stand auch keine Folge-Schäden von der Sache. Aber 100%ig ausschließen kann man gesundheitsgefährdende Folgen einer Impfung (genauso wenig wie bei jedem anderen Eingriff) eben nicht.

Vor einigen Tagen habe ich mir mal basierend auf den offiziellen Daten von Deutschland zu Impffolgen die Chance ausgerechnet, an oder mit einer Corona-Impfung  zu versterben – das bedeutet, in zeitlicher Nähe zu einer Impfung zu versterben. Sie lag bei ca. 0,0015%.

Mir ist dabei klar, dass dies keine akkurate Wahrscheinlichkeit sein kann. Man weiß nicht, ob die Impfung ursächlich für den Tod war oder nur zufällig in zeitlicher Nähe. Man weiß nicht, ob die gemeldeten Fälle der Realität entsprechen, oder zu wenig oder zu hoch sind. Es sagt auch wenig über nicht-tödliche Nebenwirkungen der Impfung aus, oder Nebenwirkungen, die erst nach Jahren auftreten.

Aber es lässt sich ein Vergleich ziehen zu der Wahrscheinlichkeit, an einer Corona-Erkrankung zu versterben.

2. Über die Gefährlichkeit der Corona-Erkrankung

Auch dort sind die Zahlen nicht wirklich verlässlich, auch dort wird „an oder mit Corona verstorben“ gezählt. Bei meiner Berechnung (zu österreichischen Zahlen, laut AGES-Dashboard) kam ich auf eine etwa 0,002%-Chance, an einer Corona-Erkrankung zu versterben. Ein ungefährer Vergleich der Größenordnung der Gefahr zwischen Corona-Erkrankung und Corona-Impfung ergibt eine mehr oder weniger ähnliche Gefahr über alle Alters- und Bevölkerungs-Gruppen gerechnet. Die Impfung ist damit laut meiner Rechnung ein kleines bisschen weniger gefährlich als die Erkrankung, aber weit weg von z.B. 10 oder 100 Mal ungefährlicher.

All diese Berechnungen basieren auf der jeweiligen Gesamt-Bevölkerung. Die Sache sieht jedoch ganz anders aus, wenn man z.B. Altersgruppen miteinbezieht.

Laut AGES-Dashboard kommen wir da Österreichweit auf 0,0% Todesfälle durch Corona in den Altersgruppen 0-44, in der Gruppe 45-54 auf 0,3% und in der Gruppe 55-64 auf 1,2%. Anders ausgedrückt: 98,5% aller Todesfälle verteilen sich auf Menschen, die über 65 Jahre alt sind. Und 99,7% aller Todesfälle (in Österreich) auf Menschen, die älter als 45 sind. (Da ist noch gar nicht herausgerechnet, dass die Verstorbenen ja „an oder mit“ Covid verstorben sind, d.h. z.B. an Krebs und die hatten dann zufällig noch Covid dazu. Die Chance von sonstigen Todesursachen steigt – so vermute ich – doch mit dem Alter auch an).

Die Oberösterreichische Gesundheitsholding veröffentlicht regelmäßig auf Facebook die Covid-Spitalsbetten-Belegung nach Altersgruppen und den Anteil der Geimpften/Ungeimpften. Am 5. Jänner haben wir beispielsweise 65% Ungeimpfte in den Normalstationen, auf den Intensiv-Stationen 75% Ungeimpfte. Klingt auf den ersten Blick, als würde die Impfung uns wenn nicht retten, so doch stark helfen.

Aber wenn wir uns die Altersverteilung ansehen, sehen wir folgendes: Nur 10% der Intensiv-Betten sind von Menschen unter 45 belegt. Selbst wenn wir großzügig sind und bis 60 Jahre hinaufgehen, kommen wir auf nur 37,5% Belegung. Im Durchschnitt sind Menschen, die an oder mit Covid auf die Normal- oder Intensiv-Station kommen, ca. 63 Jahre alt. Ob diese geimpft sind oder nicht, ist aus den veröffentlichten Daten leider nicht ersichtlich. Ähnliches zeigt sich übrigens auch in den Meldungen der OÖG bis Anfang Dezember zurück.

Was sich zeigt, ist klar: Corona kann für manche Menschen gefährlich sein, aber überhaupt nicht nicht für die gesamte Bevölkerung gleich. Die offiziellen Daten zeigen recht klar, dass eine Erkrankung für junge Menschen bis 45, großzügig gerechnet sogar bis 60, im Durchschnitt vergleichsweise glimpflich verläuft. Wo dies nicht der Fall ist, ist die Ursache nicht ganz klar – Vorerkrankungen, die Krankheit stärkendes Verhalten während der Krankheit oder vielleicht auch einfach nur Pech. Das lässt sich aus den Daten nicht herauslesen.

Natürlich ist jeder schwere Verlauf oder gar Todesfall für denjenigen und das Umfeld tragisch, und ich wünsche es niemandem. Aber wenn es rein um die Spitalsbelegungen geht, zeigen sich doch klare Tendenzen.

Was an den AGES-Daten auch mit einem Blick auffällt, ist die in allen Altersgruppen deutlich erhöhte Chance, als Mann an Covid zu sterben – in vielen Altersgruppen fast doppelt so hoch. Interessanterweise habe ich dazu z.B. noch nie etwas gelesen.

3. Die Wirksamkeit der Impfung

Wie wirksam die Impfung ist, erscheint mehr und mehr von einer wissenschaftlichen, mit Daten beantwortbaren, zu einer reinen Glaubensfrage zu werden.

In den ersten offiziellen Studien ging man von einer sehr hohen Wirksamkeit der Impfstoffe aus, die sich dann ein wenig ernüchterte. Nach einigen Varianten (Delta, Omikron) senkte man die offiziellen Erwartungen mehr und mehr herab. Bis man wiederum meinte, dass eine Erneuerung der Impfung („Booster“) dem Nachlassen des Impfschutzes entgegenwirken würde.

Was dabei seltsam erscheint: In Tirol und Salzburg, und vor allem in den Schigebieten, steigen die Omikron-Infektionen rapide an – dort dürfen aber Ungeimpfte seit langer Zeit nicht mehr Schifahren. Das legt den Schluss nahe, dass die Infektionen doch in größerem Ausmaß (auch) von den Geimpften übertragen werden, die sich nun seit längerem auch (außerhalb Wiens) kaum mehr testen müssen.

Ich will die Impfung selbst nicht schlechtreden. Ich gehe davon aus, dass sie ihre (begrenzte) Wirksamkeit hat. Vor allem für Risiko-Gruppen wie ältere Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen kann und wird sie womöglich lebensrettend sein. Aber warum sie nun für die gesamte Bevölkerung verpflichtend sein soll, erschließt sich mir aus den offiziellen Daten nicht.

Bei individueller Betrachtung eines einzelnen Menschen wird es viele Fälle geben, wo das geringe Rest-Risiko eines Impfschadens gegenüber dem erhöhte Risiko jenes Menschen, durch eine Corona-Impfung bleibende Schäden davon zu tragen oder sogar zu sterben, viel kleiner ist. Aber wo dies der Fall ist, wird diese Person in den meisten Fällen ohnehin von sich aus motiviert sein, sich impfen zu lassen.

Aber dass diejenigen, die auch ohne Impfung ein verschwindend geringes Risiko haben, an einer Corona-Infektion schwer zu erkranken (oder überhaupt infiziert zu werden), nicht einsehen wollen, warum sie nun dazu verpflichtet werden sollen (bei bestehendem, wenn auch vielleicht geringem, Rest-Risiko eines Impfschadens), finde ich durchaus nachvollziehbar. Vor allem, da die offiziellen Daten diese Ansicht ja zu bestätigen scheinen.

4. Das Risiko, dass der Einzelne sich irrt, durch Impfpflicht senken?

Geimpft gegen Impfpflicht(Freundliche junge Dame bei der Linzer Demo)

Natürlich besteht auch bei jüngeren Menschen ohne Vorerkrankungen oder sonstige Gründe, warum Corona diesen Menschen schwer betreffen könnte, ein Rest-Risiko, dass es ihn doch „erwischt“, und er im Krankenhaus landet oder sogar stirbt. Aber diese ist statistisch betrachtet sehr, sehr klein. Auch wenn ein jeder solcher Fall natürlich für diese Person selbst und ihr Umfeld tragisch ist – auch im Straßenverkehr gibt es ein gewisses Restrisiko eines tragischen Unfalles.

Im Falle von Corona existiert eine sehr große Bevölkerungs-Gruppe mit minimalem Rest-Risiko, das Gesundheits-System direkt zu belasten bzw. zu überlasten. Selbst wenn diese zu 100% durchgeimpft ist (unter der Annahme, dass die Impfung gut wirkt), wird das Gesundheits-System dadurch nur marginal entlastet – ganz einfach, weil diese Gruppe ohnehin nur eine geringe Chance hat, ernsthafte Probleme zu bekommen.

Anders sieht der Fall wiederum bei jenen aus, die aus verschiedensten Gründen eine erhöhte Chance auf einen schweren Verlauf haben. Dort kann eine höhere Impfquote wohl tatsächlich einen markanten Unterschied bei den Spitalsbelegungen machen.

Der Anteil der geimpften Gesamtbevölkerung ist damit zwar eine vergleichsweise einfach zu erhebende Messgröße, die sich auch schön international vergleichen lässt, aber leider nicht wirklich hilfreich. Eine Gesellschaft, in der 95% der Bevölkerung geimpft sind, wo aber die restlichen 5% die gefährdetste Bevölkerungs-Schichten (z.B. sehr alte Menschen) ausmachen, steht erheblich schlechter da als eine Gesellschaft, in der nur 20% geimpft sind, aber dafür die „richtigen“ 20%.

Aber wie findet man nun die „richtigen“, bzw. „wichtigsten“ Personengruppen heraus?

5. Das Problem der nutzlosen Daten im Hinblick auf eine Impfpflicht

Was mich als Außenstehender doch sehr wundert ist dass es bis heute offenbar nicht gelungen ist, hier in Österreich für eine vernünftige (Roh-)Datenlage zu sorgen.

In meinem indirekten Umfeld arbeitet jemand in einem oberösterreichischen Krankenhaus und ist für die Statistik zuständig. Diese Person hat mir erzählt, dass die einzelnen Krankenhäuser und Träger völlig unterschiedliche Systeme und Vorgänge zur Datenerfassung verwenden, und die offiziell eingemeldeten Daten daher eher mit Vorsicht zu genießen wären. Offenbar ist es den Verantwortlichen bei aller Betonung der „Evidenzbasiertheit“ nicht wirklich wichtig (genug), für belastbares und relevantes Daten-Material zu sorgen.

Der wissenschaftliche Zugang, wie er mir vor Jahren im Soziologie-Studium erklärt wurde, funktioniert basierend auf Hypothesen, also Annahmen über die Welt, die dann mit Hilfe von geeigneten Experimenten und Daten auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Stimmen die Daten nicht mit den Hypothesen überein, sind entweder a) die Daten nicht richtig, b) nicht richtig interpretiert worden, c) oder meine Hypothese stimmt nicht, und ich muss sie überdenken. Je nachdem, was meine jeweilige Hypothese ist, brauche ich die passenden Daten dazu, um sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Ist meine Hypothese beispielsweise, dass die Ungeimpften das (alleinige) Problem seien, und eine höhere Durchimpfungsquote alles retten wird, dann muss ich die Daten dazu a) sammeln, b) überprüfen und c) schauen, ob die Daten mit der Hypothese zusammenpassen. Wissenschaft soll ja Wahrheitsfindung sein.

Die Daten, die verfügbar sind, deuten für mich eher nicht darauf hin, dass die Hypothese so stimmt. Länder mit viel höherer Durchimpfungsquote als Österreich geht es z.B. auch nicht viel besser als uns. Aber eine höhere Durchimpfungsquote bei den Risiko-Gruppen würde womöglich durchaus helfen (= abgewandelte Hypothese). Dann wäre die nächste logische Frage, was denn diese Risiko-Gruppen sind. Aus den vorhandenen Daten lässt sich vermuten, dass das Alter eine Rolle spielt, und womöglich das Geschlecht, oder gewisse Vorerkrankungen.

Als nächsten Schritt müsste man dann diese Daten gemeinsam mit dem Impfstatus erheben. Also z.B. in der Gesundheitsholding-Statistik nicht nur das Verhältnis Geimpfte/Ungeimpfte, sondern auch aufgeschlüsselt auf Alter, Vorerkrankungen und vielleicht noch Geschlecht. Dann kann man anhand der Daten sehen, ob sich daraus tatsächlich Rückschlüsse ziehen lassen, und versuchen, zielgerichteter Maßnahmen zu setzen.

Sollte z.B. verlässliche Daten zeigen, dass die Chance, an Corona zu sterben, in der Gesamtbevölkerung bei 0,0015% beträgt, aber z.B. bei schwerem Übergewicht auf 5% ansteigt (also deutlich höher ist), würde das die entsprechende Zielgruppe vermutlich doch sehr motivieren, da aktiv zu werden. Aber diese Information muss erst mal rausgefunden werden und dann gezielt den Menschen, die sie betrifft, kommuniziert werden.

Wenn eine allgemeine Impfflicht die Impfquote im Land auf 100% steigert, werden zwar schlussendlich auch die Risikogruppen geimpft, was vielleicht verhindert, dass das Gesundheits-System weniger belastet wird. Aber erstens sind diese 100% eher unwahrscheinlich, und zweitens ist dieses Vorgehen nicht nur ziemlich ineffizient, sondern verursacht auch noch gehörigen Kollateralschaden.

6. Offensichtliche Kollateralschäden der Corona-Maßnahmen

Ich glaube, wer die letzten Monate in Österreich verbracht hat, wird recht gut selbst erfahren haben, was hier alles ruiniert wurde, „um uns zu beschützen“.

Vor allem die kleineren Wirtschaftsbetriebe haben es ziemlich schwer gehabt, auch wenn es staatliche Hilfen gab. Die Neuverschuldung ist gigantisch, und die Rechnung wird irgendwann bezahlt werden müssen. Die Reise-Freiheit, einer der großen Errungenschaften der EU, ist weitgehend außer Kraft gesetzt. Schüler und Schülerinnen waren teilweise viele Monate lang nicht in der Schule, nicht in ihrem normalen sozialen Umfeld. Eltern durften vieles unverschuldet ausbaden. Die normalen Strategien zur Krisenbewältigung wie Umarmungen und menschliche Nähe wurden zu kriminellen Handlungen erklärt. Menschen unter Androhung von Strafen für sie selbst zu Tätern gemacht, die andere kontrollieren sollen. Wer abweichende Meinungen vertrat (egal wie sinnvoll die Meinung oder kompetent die Person), wurde nicht nur verbal angegriffen, sondern auch mit sozialem Ausschluss nicht nur bedroht, sondern dieser auch durchgezogen. Das alles ohne echte Perspektive auf eine dauerhafte Verbesserung, Stichwort „die nächsten zwei Wochen werden entscheidend sein“.

Wer sich impfen ließ, hatte zwar vergleichsweise mehr vom Leben, aber dieses „Leben“ wurde immer wieder empfindlich eingeschränkt. Bis irgendwann die Mär von der „Schuld der Ungeimpften“, wegen denen das alles leider „alternativlos“ sei, sich tief in den Köpfen und Herzen festgesetzt hat – und nun brauche es eben die Corona-Impfpflicht, um uns alle vor der „Tyrannei der Ungeimpften“ zu retten.

Dass die Einschränkungen nicht von den bösen Ungeimpften vorgenommen werden, sondern von Politikern, scheint dabei seltsamerweise vielen gar nicht mehr aufzufallen. Überhaupt ist spannend, dass das Wort „Ungeimpfter“ vor einigen Jahren noch gar nicht als Bezeichnung einer Gruppierung existierte. Es wurde erschaffen, um die „Geimpften“ von den „Ungeimpften“ abzugrenzen, Grenzen zwischen ihnen aufzuziehen, die es der jeweiligen Gruppe erleichtern, auf die jeweils anderen herabzusehen. Politisch wird dann eine Gruppierung als „die Guten“ deklariert und die anderen als „die Bösen“. Und nach dem Motto „Wer sich zu den bösen stellt, muss selber böse sein“ beginnt dann dasselbe lächerliche Spiel, das etwa 12-jährige Teenies miteinander spielen. Man würde glauben, dass wir Erwachsenen schon etwas weiter sein würden.

Das Problem an der ganzen Sache ist, dass solche Gruppen-Zuschreibungen mit der Zeit dazu führen, dass Menschen ent-individualisiert werden. Wer bei einer Corona-Demo mitgeht, ist damit automatisch für die andere Gruppe ein „Verschwörungs-Theoretiker“, „dumm“, „Schwurbler“, und was auch immer noch da herumgeworfen wird. Umgekehrt sind diejenigen, die sich aus welchen Gründen auch immer impfen lassen, dann plötzlich „Verräter“, „System-Lemminge“ usw.

Impfpflicht ist Gentherapie Plakat(Das ist nicht meine Meinung. Der Mann mit dem Plakat war eben auch da, Teil der Vielfalt)

Das beste Bild, das mir bisher dazu gekommen ist, ist der Verdünnungs-Saft. Auf solchen Demos sind meist auch einige Fanatiker dabei, aber ihre Zahl ist relativ begrenzt. Wenn nun viele andere Menschen, die keine Fanatiker sind, auch auf einer solchen Demo sind, dann „verdünnt“ sich der Verdünnungs-Saft der Fanatiker entsprechend. Wenn diese Nicht-Fanatiker jedoch zuhause bleiben, bleibt mehr vom klebrigen Bodensatz zurück.

Der oft benutzte Satz „Wer mit Nazis marschiert, ist selbst ein Nazi“ ist da leider etwas irreführend. Wenn zu einem Nazi neun andere Nazis kommen, sind es zehn Nazis. Wenn zu einem Nazi neun Menschen aus verschiedensten Gruppen stoßen, wird es vielleicht auch einfach eine Vielfalt, die der Radikalisierung vorbeugt und zurückdrängt. Bei einer Anti-Impfpflicht-Demo mitzugehen kann auch helfen, den „Verdünnungssaft“ an extremistischen Tendenzen (der durchaus existiert, wenn auch weit nicht in dem Ausmaß, in dem er in Medien oft dargestellt wird) zu „verdünnen“.

Denn es gibt nicht nur zwei Seiten in diesem Krieg. Es gibt nicht einmal einen Krieg. Es gibt nur eine kleine Anzahl an Politikern, die offenbar gerade allzu sehr von ihrer Furcht gesteuert werden, die Spielregeln aufstellen, unter denen eigentlich niemand wirklich spielen will. Anstatt dann aber zu sagen, „Oh, vielleicht sollten wir da doch was ändern“, wird dann gesagt „Mannschaft B ist schuld“, wobei aus taktischen Gründen die Mannschaft B leider immer eine Minderheit ist.

Und überraschenderweise finden es dann dieselben Leute, die bei einer Black-Lives-Matter-Demo vor einiger Zeit die Diskriminierung andersfarbiger Menschen (oder vorher von Migranten) für nicht akzeptabel hielten nun wieder durchaus akzeptabel, einer Minderheit sogar das Recht auf Einkommen und Selbstbestimmung in jedweder Hinsicht abzusprechen.

All dies ist vermutlich für die meisten Menschen, die hier in Österreich leben, keine Neuigkeit mehr. Die Befragungen zum Vertrauen in die Politik machen das durchaus sichtbar. Aber die eigentliche, noch viel größere Gefahr, ist unsichtbarer.

7. Versteckte Kollateralschäden der Corona-Maßnahmen

Mein Körper gehört mir und Impfpflicht(2,5 Jahre habe ich für „Mein Körper gehört mir“ Volkschulkindern beigebracht, dass ihr Körper ihnen gehört, und damit Missbrauchsprävention betrieben. Nun sollen wir ihnen das Gegenteil beibringen?)

Ich bin 1989 geboren. Als ich alt genug war, mich etwa mit Geschichte zu beschäftigen (etwa in meiner Jugend), staunte ich, wie irrelevant Politik für unser alltägliches Leben zu sein schien. Es erschien völlig egal, wer denn nun gerade in der Regierung saß. Politik war nun irrelevant, weil wir am Ende einer langen Entwicklung angekommen waren. Oder zumindest dachte ich das tatsächlich für eine Weile.

Nun plötzlich wird auf einmal jeder kleinste Lebensbereich von der Politik diktiert. Die Grenzen zu anderen Ländern in der EU sind großteils zu oder nur noch erschwert passierbar. Das Internet kämpft genauso wie viele klassische Medien gegen zunehmende Zensierung. Die Bestrebungen, die EU von innen zu zerreißen, bringen sie an den Rand des Zusammenbruchs. Finanzkrisen größter Ausmaße brauen sich zusammen.

Und die handelnden Personen, die uns durch diese schwierigen Zeiten führen sollen, erscheinen mir den Herausforderungen nur sehr eingeschränkt gewachsen. Ich weigere mich, Menschen bis zum Nachweis des Gegenteils Bösartigkeit zu unterstellen, denn ich bin ein großer Fan der Unschuldsvermutung. Aber mit dem Verdacht der Unfähigkeit bin ich mittlerweile weniger vorsichtig.

In einer Phase, in der international betrachtet autoritäreres Verhalten in der Politik wieder erstarkt, halte ich es für grundfalsch, sich als Politiker kleine „Ausnahmen“ zu genehmigen und salonfähig zu machen, die die Grundfesten der Demokratie aushöhlen. Es mag „praktisch“ sein, die oft mühsame demokratische Arbeit zu umgehen (etwa mit Verordnungen wie in Ungarn und mittlerweile auch hier), und womöglich nicht mal in böser Absicht sein. Nur: es ist gar nicht gut, Präzedenz-Fälle zu erschaffen. Selbst wenn man es selbst gut mit der Bevölkerung meint – der nächste, der meinen Platz einnimmt, meint es vielleicht weniger gut. Und ich habe ihm mit meinem Verhalten die Tür aufgemacht.

Die geplante Impfpflicht kann man – wenn man sie etwas allgemeiner formuliert – auch so sehen:

Wir erlauben den Staat, eine willkürliche Unterscheidung zu treffen, nach der die Bevölkerung in „gute“ und „schlechte“ Bürger geordnet wird. Die „Schlechten“ werden von der Gesellschaft ausgeschlossen und auch sonst bestraft. Die „Guten“ haben zwar nicht unbedingt Vorteile, aber auch keine oder weniger Nachteile. Sicherheitshalber ermöglichen wir das Ganze gleich für mehrere Jahre, mit der Möglichkeit, die Kriterien jederzeit nach „wissenschaftlichem Konsens“ (= was der Staat dafür halten will) abzuändern.

Ob die Impfung bei der Pandemie-Bekämpfung hilft und ob sie im Einzelfall nicht auch schaden kann ist die eine Frage, und die darf und soll durchaus diskutiert werden – idealerweise basierend auf belastbaren Daten, die zu konstruktiven Entscheidungen führen.

Aber die für mich sogar noch relevantere Frage ist jene, welche politische Büchse der Pandora wir da gerade „im Namen der Gesundheit“ über unserem armen Österreich öffnen.

Ich bin nicht gegen die Wissenschaft, sondern für mehr Wissenschaft. Für ergebnis-offene Wissenschaft, die den Zweck verfolgt, die Wahrheit und das beste Vorgehen herauszufinden. Dazu brauchen wir belastbare Daten, und nachvollziehbare Hypothesen, die durch die Daten auch bestätigt werden. Abweichende Hypothesen sollten erlaubt sein und in den wissenschaftlichen Diskurs einfließen dürfen, anstatt Menschen, die sie aufzeigen, mit Entlassung und Rufmord zu drohen.

Ich bin für die Existenz und Weiterentwicklung von Impfmöglichkeiten. Aber für eine individuelle Entscheidung für oder gegen die Impfung, die die tatsächlichen Risiken und Vorteile der Entscheidungsmöglichkeiten aufzeigt, aber die Entscheidung dann dem Individuum überlässt. Niemand soll staatlich verordnete Nachteile haben, weil er sich für oder gegen eine Impfung entscheidet.

Es ist ein fataler Fehler, wenn wir unsere Demokratie abschaffen, weil sie einigen wenigen Politikern leider gerade „unpraktisch“ erscheint. Es ist ein ebenso großer Fehler, wenn wir sie „automatisieren“, in dem wir sie „nach wissenschaftlichen Grundsätzen“ lenken lassen.

Gute Wissenschaftler wissen, dass sie in eng abgegrenztem Rahmen forschen, oft mono-kausal (= nur eine Einfluss-Größe betrachten). Was wir gerade politisch tun, mag in der eng abgesteckter Sichtweise einer virologischen Untersuchung tatsächlich die beste Möglichkeit sein, eine virologische Ausbreitung einzudämmen. Aber womöglich ist sie deswegen nicht automatisch die beste Vorgangsweise, was unser gesamtes Leben und unsere gesamte Gesellschaft betrifft. Um den Teil kann die Politik sich eben auch nicht drücken. Die Experten sollen ihre Expertise beitragen, das ist gut und richtig so. Und dann braucht es aber auch mutige PolitikerInnen, die basierend auf dieser Expertise und dem Rest der Welt und was diese braucht die nachhaltig richtigen Entscheidungen treffen.

Wo seid ihr, die ihr euch das zutraut? Ich würde euch zu gerne wählen können!

..das ist ernst gemeint. Ich wüsste gerade leider nicht mehr, welcher österreichischen Partei ich das aktuell noch zutraue.

8. Diktatur! Diktatur! Impfpflicht ist Diktatur!

Ist eine Impfpflicht Diktatur?

Sind wir bereits in einer Diktatur angelangt?

Nein, ich glaube nicht, zumindest noch nicht in der drastischeren Form, wie es sie in anderen Ländern gibt.

Aber die Ansätze sind vorhanden, und haben wir erstmal einen bestimmten Punkt überschritten, wird es deutlich schwerer sein, die Entwicklung wieder umzukehren. Deswegen halte ich es durchaus für angebracht, diese Entwicklungen auch aufzuzeigen und dagegen zu sein.

Unsere Geschichte, v.A. in Österreich, ist da leider kollektiv nicht sonderlich gut aufgearbeitet. Sobald es um den Nationalsozialismus geht, kommen da rasch Radikal-Reaktionen. In all dem „Nie wieder!“ ist leider auch verloren gegangen, wie es zu „dem“ denn eigentlich gekommen ist. „Hitler war halt ein böser Mensch und hat Polen angegriffen“ ist da leider zu wenig an „Vorwissen“.

Das macht es all jenen allzu leicht, die ihre Situation mit der damaligen vergleichen wollen und sich ebenso als Opfer sehen wollen. Aber auch jenen, die das Unwissen/Halbwissen über die Zusammenhänge jener Zeit ausnutzen wollen, um eben doch weitgehend unbemerkt wieder in die Richtung zu streben, und jegliche Kritik als „Verharmlosung der NS-Zeit“ abtun können.

Ja, diese Zeit war eine schlimme Zeit für den Großteil der damals bekannten Welt. Aber sie geschah nicht im luftleeren Raum, sondern in Zusammenhängen, und diese sind überhaupt nicht irrelevant. Vor allem aber geschah sie schleichend. Und sie wurde erst möglich durch fatale Türöffner-Entscheidungen anderer Menschen vor ihnen. Das, was daraus wurde, war eben kein isoliertes Geschehen.

9. Was also ist nun zu tun?

Gegen die Diskriminierung

(Eines meiner Lieblings-Plakate auf der Linzer Demo)

Ich bin nur ein einziger Mann von in Österreich ca. neun Millionen Einwohnern. Als solcher kann ich die Politik oder eine Impfpflicht gefühlt nur sehr eingeschränkt direkt beeinflussen. Ich kann auf Demos gehen (und mich dann von den Medien als Dummdödel beschimpfen lassen, weil ja angeblich nur solche hingehen. Danke DerStandard an dieser Stelle!). Ich kann Artikel wie diese verfassen – auf die Gefahr hin, beruflich und auch sonst Schwierigkeiten zu bekommen.

Aber vor allem kann ich zumindest in meinem eigenen begrenzten Umfeld dafür sorgen, dass die zerstörerische Saat der Entmenschlichung nicht überall auf fruchtbaren Boden fällt. Ich kann Geimpfte wie Ungeimpfte gleichermaßen als meine Mitmenschen anerkennen, die aus den jeweils individuellen Gründen Entscheidungen so oder so treffen wollen und für mich auch dürfen sollen. Ich kann ihnen helfen, über die Objektivierung der jeweils anderen Gruppe „darüberzusehen“, indem ich mich weder der einen noch der anderen Zuschreibung unterwerfe, und dies auch nicht bei anderen tue.

Es ist kein sehr lauter Widerstand. Er tut auch niemandem weh. Aber sehr vielen Menschen tut er sehr gut. Eigentlich ist es nicht mal Widerstand im eigentlichen Sinne. Nur ein ganz eigener, individueller Weg, der sich nicht vorschreiben lässt, mit wem man noch zu tun haben will und mit wem nicht mehr.

Ich bin kein Impfgegner, kein Impf-Beführworter, kein Geimpfter oder Ungeimpfter. Ich bin viel, viel mehr. Ich habe einen Namen. Meine ganz eigene innere Welt. Eine Geschichte. Eine Zukunft. Wie alle anderen auch. Und wie alle anderen will ich auch entsprechend gesehen werden. Wenn ich Blödsinn mache, dann habe ich den gemacht, nicht die Gruppe, als deren Mitglied man mich sehen will. Ebenso wie wenn ich etwas Wunderbares vollbracht habe. Das sollten wir als Gesellschaft nicht vergessen.

Zumindest bisher habe ich immer wieder festgestellt, dass dieser sehr leise Widerstand, der eigentlich nur darin besteht, das zu tun, was sich als menschlich richtig und konstruktiv anfühlt, eine sehr große Wirkung haben kann.

Es gibt ja den bekannten Spruch von „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“. Auch hier ist es ähnlich: Stell dir vor, die große Vernaderung beginnt, und niemand macht mit. Im Mobbing wie auch in der Politik machen die Mitläufer den größten Unterschied aus.

Man kann ja auch völlig unabhängig vom Impfstatus seine Mitmenschen weiter achten und schätzen. Zumindest bis vor kurzem haben wir das noch alle gekonnt. Ich glaube auch nicht, dass wir das jetzt wirklich kollektiv und unwiderbringlich verlernt haben.

Dann ist das Ganze womöglich auch recht rasch wieder vorbei. Und dann darf es endlich wieder darum gehen, was wir denn alles Wunderbares in die Welt bringen wollen.

Portrait Niklas Baumgärtler

Niklas Baumgärtler

Niklas Baumgärtler interessiert sich für die Kunst der Begeisterung und macht gerne Wechsel- und Hebelwirkungen in Sozialen Systemen sicht- und erlebbar. Mehr über Niklas Baumgärtler...

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bunterrichten ist ein Gegenkonzept zum sonst üblichen Unter-richten, das auf Anpassung und Unterordnung basiert. Stattdessen geht es darum, Menschen über Stimmigen Kontakt zur Entfaltung zu verhelfen - eben "Menschen helfen aufzublühen".

Niklas Baumgärtler ist Lehrer/Trainer und Werkzeugmacher für Webseiten und Soziale Systeme. Er ist seit Mai 2018 aus Überzeugung selbstständig, und vor allem in der Erwachsenen-Bildung tätig.

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