In all der Diskussion um gute und schlechte Schulen und Lernformen wird zwar gerne herausgefunden, dass die eigene Schule diejenige sei, bei der die Schüler am meisten oder auch am besten lernen – aber was bedeutet eigentlich dieses „Lernen“, das dabei als so wichtig empfunden wird? Ist es ebenso „Lernen“, wenn ein Kind die Namen aller 150 Pokémon auswendig kann? Weiß, wie das Fußballspiel vom Wochenende ausgegangen ist? Einen Schweinsbraten zum ersten Mal kostet? Handelt es sich um Lernen, wenn ein Schüler zwar 150 Vokabeln aufsagen kann, aber in einem Gespräch kein Wort herausbringt, weil die Vokabeln ihm im Gespräch nichts helfen? Ist es ein besseres Lernen, wenn ein Schüler möglichst effektiv zu einem Lernerfolg kommt, oder lernt er mehr, wenn es ihm erlaubt wird, Umwege und Fehler zu machen?

Vielleicht ist es mir mit diesen Eingangsfragen bereits gelungen, die Problematik ein wenig deutlich zu machen: es gibt wohl so viele Definitionen von „Lernen“, wie es Menschen gibt, die sich für schlau genug halten, etwas definieren zu wollen. Wenn nun eine besorgte Mutter zur Lehrerin stapft und ihr vorwirft, ihr Kind lerne nichts und sitze den ganzen Tag nur herum und die Lehrerin der Mutter freudestrahlend erwidert, das Kind lerne dadurch doch ungemein gut, was Langeweile sei, dann haben wir schnell ein Kommunikationsproblem. Die Lehrerin wird vielleicht den Kopf schütteln über die Engstirnigkeit der Mutter, die Mutter über die Abgehobenheit der Lehrerin, das Kind von der Schule abmelden und an eine andere Schule geben, „damit es auch etwas lernt“, und beide sind frustriert. Muss das sein?

Ich glaube, es kommt nicht so sehr darauf an, welche Definition von „Lernen“ man nun selbst für sich auswählt, sondern eher darauf, dass man sich darüber im Klaren ist, dass es Missverständnisse geben könnte. Und dann macht es Sinn, sich einmal darüber Gedanken gemacht zu haben, um seine persönliche Vorstellung von „Lernen“ erklären zu können, ohne wiederum auf das Wort „Lernen“ zurückgreifen zu müssen. Dann wird es nämlich plötzlich möglich, auf einer Meta-Ebene über die entsprechenden Erwartungshaltungen zu diskutieren und nicht in Unverständnis steckenzubleiben. Also: was ist für euch „Lernen“?

Beispiel-Versuch einer Meta-Definition aus Sicht eines Niklas

Wenn ich nun von einem Gespräch zwischen zwei Freunden ausgehe (eine Situation, die ich als sehr lehrreich empfinde), so ist die Chance groß, dass in diesem Gespräch einer oder sogar beide der Gesprächspartner durch das Gespräch etwas hören, das ihnen vorher unbekannt war (sonst wäre es wohl ein langweiliges Gespräch und würde nicht lange dauern). Dies bietet den Gesprächspartnern die Chance, neue Informationen aufzunehmen, etwas, das in solchen Gesprächen oft völlig unbewusst passiert. So erzählt etwa beispielsweise einer unserer Gesprächspartner, dass der LASK (ein Fußballverein) in der Relegation 1:1 gespielt hat. Und nun können mehrere Dinge passieren.

Möglicherweise ist sein Gesprächspartner nicht sonderlich interessiert an Fußball. Er wird das Ergebnis zur Kenntnis nehmen (er wird es sich merken), aber nach einer Weile wird er es wieder vergessen haben. Möglicherweise weiß er auch nicht, was eine Relegation ist oder was ein 1:1 überhaupt bedeutet (und hat auch kein Interesse, nachzufragen), kann die Informationen deswegen auch gar nicht verarbeiten, woraufhin er sie sofort wieder vergisst. Vielleicht hat er auch am nächsten Tag einen Test über dieses Ergebnis, dann wird er versuchen, es sich zu merken. Wird er nun gefragt, wie das Spiel ausgegangen ist, kann er es richtig wiedergeben, weil er es sich gemerkt hat, aber es bleibt ihm fremd. Er hat es gedanklich „auf den Dachboden verstaut“, wo es nun verstaubt und nur hervorgeholt wird, wenn es jemand brauchen sollte. Dort bleibt es meist nicht allzu lange (siehe “Vergessen“), oft nicht einmal bis zur nächsten Prüfung.

Falls unser Gesprächspartner nun aber ein Fußballfan ist (oder Interesse daran hat, einer zu werden, und weitere Verständnisfragen nachfolgen lässt), wird er vielleicht wissen, dass das 1:1 in der Relegation zusammen mit dem 1:0 im Hinspiel reicht, um den LASK eine Liga aufsteigen zu lassen. Wenn er nun ein LASK-Anhänger ist, wird er sich darüber freuen, vielleicht mit seinem Gesprächspartner feiern wollen. Er hat sich die Information nun nicht nur gemerkt, sondern sie auch angewendet, um zu entscheiden, ob er sich freuen soll oder nicht. Anstatt die Information auf dem Dachboden zu verstauen, nimmt sie nun einen Ehrenplatz im Wohnzimmer seines Geistes ein.

Vergessen

Wenn wir davon ausgehen, dass wir tagtäglich eine überwältigende Flut von Informationen über unsere Sinne aufnehmen und diese und bereits gespeicherte auch noch im Geiste zu neuen Konstrukten vernetzen (ich gehe davon aus, dass wir alle höchst fantasievoll sind), so folgt daraus trotz der unzähligen Gehirnzellen irgendwann das Problem des Platzmangels. Der „Dachboden“ der Erinnerung wird daher regelmäßig von den Dingen entrümpelt, die ohnehin nie gebraucht werden, damit stets Platz für Neues bleibt. Das, was tatsächlich gebraucht wird, geht nur selten verloren. Aber was wird gebraucht?

Komplexes einfach erleben

Wenn mir jemand erzählen will, dass ein Mehr an Lernen besser sei, frage ich mich, was mit diesem Mehr gemeint sein soll. Jede Information, die behalten werden soll, erhöht die Menge an zu merkenden Informationen und damit die Komplexität der Gedankenstruktur. Aber anstatt Menschen dadurch automatisch klüger zu machen, kann es sie auch verwirren: Was geschah nochmals 1542? Pythagoras war doch dieser griechische Feldherr, oder nicht? Oder der mit den Kreisen?

Lernen bedeutet für mich, dass mit einer gestiegenen geistigen Komplexität umgegangen werden kann. Ein Schüler, der mir die Formel a²+b²=c² aufsagen kann, hat sich eine Formel gemerkt. Wenn er mir nun die Seiten einiger rechtwinkeligen Dreiecke ausgehend von den anderen beiden ausrechnen kann, hat er den Satz des Pythagoras angewendet. Aber erst, wenn er, um ein noch komplexeres Problem zu lösen, von selbst den Satz des Pythagoras anwendet, weil er überlegt, dass ihm dieser vielleicht nutzen könnte, hat er ihn verinnerlicht. Was vormals subjektiv komplex und verwirrend war, wird nun subjektiv einfach und sinnvoll.

Vergessen, die 2.

Wird dieser Prozess, etwas anfangs als subjektiv komplex und äußerliches Empfundenes zu etwas subjektiv Einfaches und Innerliches werden zu lassen, abgeschlossen, so geschieht etwas erstaunliches: Manche Informationen, die früher essentiell waren, können nun vergessen werden. Wer etwa Formeln umwandeln lernt, kann getrost einen Großteil der bisher in allen Ausführungen gelernten Formeln vergessen, weil er aus sich heraus mit einigen Start-Formeln die anderen herleiten kann. Wer einzelne Vokabeln vergisst, kann sie in Gesprächen mit anderen Wörtern oder Gesten umschreiben, weil der Geist gelernt hat, mit komplexeren Problemen umzugehen.

Die Rolle des Fokus

Ich habe in meinem Bildnis bisher die Rolle des Fokus oder des Willens außer Acht gelassen, also die Frage, was unsere Gesprächspartner aus ihrem Gespräch verinnerlichen wollen, aus dem einfachen Grund, weil ein Gespräch unter Freunden ohnehin meist von ihren Interessen geleitet wird. Die Frage, was nun gelernt (ob gemerkt, anwendbar oder verinnerlicht) wird, mag doch in vielen Fällen eine Rolle spielen. Irgendetwas wird in jedem Gespräch, in jedem Tun verinnerlicht und gemerkt. Seltener passiert es, dass jene Dinge verinnerlicht werden, die die Menschen tatsächlich verinnerlichen wollen, und noch seltener das, was andere (z.B. Lehrer) von ihnen wollen.

Da persönliches Wachstum, sollte es nicht völlig zufällig sein, doch auch eine gewisse (interessensgeleitete?) Richtung anstreben muss, halte ich es für sinnvoll, sich diese “Richtungen” in irgendeiner Form auch vorzunehmen und das Verinnerlichte mit den Vorsätzen zu vergleichen. Auf jeden Fall dürften sich auch in dieser Frage, ob es notwendig/gut sei, das Wachstum der Schüler in (selbst- oder fremdbestimmte) Richtungen zu leiten oder es nicht aus ihnen heraus spontan entstehen zu lassen, die Geister scheiden, weswegen ich diesen Punkt nicht auslassen wollte.

Ein Prototyp

Die hier angeführten Überlegungen zu den Begriffen “Lernen”, “merken”, “vergessen”, “anwenden” und “verinnerlichen” sind aus alltäglichen (Selbst-)Beobachtungen hergeleitet und weder als vollständig noch als sonderlich wissenschaftlich zu betrachten. Eure Beobachtungen und Erfahrungen mögen sich von den meinen unterscheiden. Wie gesagt, mir ging es hierbei nicht darum, eine allgemeingültige Definition zu finden (dann wäre es zum Beispiel auch sinnvoll gewesen, einige Bücher auf Definitionen zu durchforsten), sondern darum, auf die mögliche Unbestimmtheit des Begriffs „Lernen“ und die problematischen Konsequenzen dieser Unbestimmtheit aufmerksam zu machen. Vielleicht habt ihr ja weniger kompliziert formulierte Konzepte, die anderen helfen können, eine für sie passende Definition zu finden?

Niklas

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