Wenn die Basis fehlt

Die letzten Wochen verbrachte ich in einer Art von Arbeitswut, wie ich es selbst von mir selbst noch selten erlebt habe, obwohl ich eigentlich weiß, dass ich mich in Dinge, die mich faszinieren, völlig hineinsteigern und alles rund um mich vergessen kann. Das macht mich zu einem Menschen, der neue Dinge sehr rasch und sehr gut lernen kann, aber auch zu einem Menschen, der immer wieder in Gefahr läuft, die innere Instabilität so lange durch Übermotivation auszugleichen, bis auch diese Energie verbraucht ist. Der dann immer wieder nach Phasen des Übermuts verblüfft feststellen muss, dass die eigene Kraft eben doch nicht unerschöpflich ist, und dass er für all die versetzten Berge mit der Leere des nächsten Tages zu zahlen hat. Meistens werde ich dann krank, weil mein Körper keinen anderen Weg sieht, meinem übermotivierten Gehirn klarzumachen, dass es sich gerade überfordert.

Macht und Gewalt

Gestern war dann wieder einmal ein Punkt erreicht, der mir zu denken gab: ich war so genervt davon, dass einige Schüler es keine fünf Minuten schafften, sich nicht gegenseitig abzulenken, während ich einige wichtige Tagespunkte mitteilen wollte, dass ich wütend wurde. Nicht genervt, was öfter mal passieren kann, sondern so richtig wütend, und erklärte ihnen in durchaus lauterem Tonfall, dass mich ihr Verhalten tierisch nerve. Die beiden beruhigten sich, und ich konnte meine Durchsagen störungsfrei beenden, aber ich fühlte mich nicht gut dabei. Anfangs schob ich es auf meine Erkältung, aber im Endeffekt wusste ich, was der wahre Grund war: ich hatte einen Teil meiner Autorität geopfert, indem ich (eine leichte Form von) Gewalt ausgeübt hatte. Ich hatte Schüler, denen ich vorleben wollte, dass es auch ohne Gewalt gehen musste, vorgelebt, dass es ein legitimes Mittel war, um seine Ziele, so berechtigt sie auch sein mögen, durchzusetzen.

Überforderung

Ich fuhr also nach Schulschluss nach Hause und verbrachte den restlichen Nachmittag im Bett. Erkältungen sind sehr nervig, wenn man sie gerade nicht brauchen kann und dagegen ankämpfen will, aber manchmal auch ein Segen, wenn der Körper besser weiß als der Geist, dass es an der Zeit ist, nachzudenken, zu reflektieren und zu sich zu kommen. Plötzlich nämlich konnte ich spüren, dass ich mich in den letzten Wochen und Monaten selbst völlig überfordert hatte, indem ich meine Heimat und all die Menschen hinter mir ließ, die mir wichtig waren, um hier zu arbeiten und zu leben. Mein Kopf war ständig irgendwo mit Menschen und Dingen beschäftigt, die sich weit weg von mir befanden, noch unterstützt durch Skype und andere technischen Kommunikationsmöglichkeiten. Ich war kaum hier im Jetzt, sondern geistig immer woanders. Kein Wunder, dass ich mich unwohl fühlte.

Denn am Ende des Tages brauchen wir wohl alle echten Kontakt, mit echten Menschen. Und so gerne ich meine Schüler und meine Kollegen habe – ich habe im Umgang mit ihnen auch eine bestimmte Rolle zu erfüllen, die diesen Kontakt beeinflusst. Selbst wenn ich es persönlich für wünschenswert halte, diese Rollen weitgehend hinter uns zu lassen und uns als Menschen zu begegnen: ich glaube, das wird uns nie vollends gelingen.

Die Basis

Es mag Berufe und Berufungen geben, in denen es möglich ist, Höchstleistungen zu vollbringen und gleichzeitig sich selbst zu vernachlässigen. Der Lehrerberuf gehört wohl zu denjenigen, die Selbstvernachlässigung hart bestrafen. Das eigene Leben und die eigene Erfahrung außerhalb der Schule gehört wohl mit zur wichtigsten Ressource, auf die ein Lehrer zurückgreifen kann. Vernachlässigt er das eigene Leben, fehlt ihm die Basis für seinen Beruf.

Im Tai Chi Chuan gibt es ein Grundprinzip (ich hoffe, ich habe das auch richtig verstanden), das besagt, dass man seine Ziele erreichen soll, ohne dafür Kraft aufzuwenden, im Tao Te King heißt das wohl „arbeiten, ohne zu arbeiten“. Der Lehrer, der es vernachlässigt, auf seine „Basis“ achtzugeben, muss zusätzliche Energie aufwenden, um den Verlust dieser Energiequelle zu kompensieren. Aber diese Energie hat ihre Grenzen, und die Grenzen nennen sich wohl mittlerweile Burnout und Depressionen.

Demut

Es ist leicht frustrierend, wenn man immer wieder die gleichen Fehler macht, und mein großer, immer wiederkehrender Fehler ist wohl jener, dass ich dazu neige, meine Demut zu verlieren, wenn alles gut klappt. Immer dann, wenn dies passiert, ob es mir bewusst wird oder nicht, reibe ich mich innerlich auf und komme wieder an den Punkt, an dem ich vor mir selbst zugeben muss, dass ich mich verzettelt habe, dass ich nicht so genial bin, wie ich es gerne sein würde. Ich glaube, ich kann in meinem Leben vieles erreichen, wenn ich es vermeiden kann, in die Fallen von Hochmut und Ungeduld zu tappen, so schwer es auch manchmal ist, nicht übermütig zu werden oder alle Demut zu vergessen angesichts eines wolkenlosen Horizonts.

Also möchte ich tun, was mir die Demut befiehlt: am Montag vor die Schüler treten und mich bei ihnen entschuldigen. Einen neuen Weg suchen, mit den alltäglichen Problemen umzugehen, und versuchen, nicht mehr wütend zu werden, wenn für mich so logische und nachvollziehbare Wege nicht funktionieren wollen. Denn eine hochmütige Haltung ist schlecht vereinbar mit der Idee, dass auch ich mit meinen lächerlichen 25 Jahren noch nicht aus-gelernt bin, dass auch auf mich noch viele Überraschungen, positive wie negative, warten. Und so nebenbei: ein Leben, eine Schule, in der alles so funktioniert wie ich mir das vorstelle – wie langweilig wären sie auf Dauer? Wo bliebe da noch die Herausforderung?

Es ist manchmal schwer, in dieser Doppelrolle zwischen einem Vorbild, das manche Dinge einfach besser wissen sollte, und einem Vorbild, das bereit ist, noch dazuzulernen, den schmalen begehbaren Grat zu finden, ohne in Perfektionismus auf der einen Seite oder völlige Naivität auf der anderen Seite zu verfallen. Aber alles, was sich lohnt, zu tun, erfordert eben seinen Preis, und wenn es nur Lebenszeit ist, die man aufopfert, um zu lernen.

Niklas

Kommentar verfassen