(Alle Aussagen von anderen Personen habe ich so verstanden, das bedeutet nicht, dass sie es auch so gemeint haben. Nur zur Sicherheit..)

Ich bin nun seit gut einem ¬ĺ-Jahr bei meinem Freund Ren√© im Tai-Chi-Training (er nennt es ‚ÄěVerein f√ľr innere Kampfkunst‚Äú), und er hat immer wieder einen interessanten Gedankengang erw√§hnt: dass seiner eigenen Erfahrung nach (doch immerhin √ľber 10 Jahre der Praxis) in Tai-Chi-Kursen oft sehr viel Wert auf das Erlernen einer korrekten Form gelegt wird (man kennt vielleicht die Bilder aus chinesischen Parks). Weiter meinte er, dass es √ľblich sei, nach 10, 15, 20 Jahren der Praktizierung dieser Form irgendwann (vielleicht!) die Prinzipien dahinter zu verstehen. Er hingegen vermittle lieber direkt die Prinzipien, so dass man sie ‚Äď auch ohne die vollst√§ndige Form perfekt zu beherrschen ‚Äď sofort im Alltag einsetzen und praktizieren kann. Die Form vermittelt er auch, aber mehr als “Bonus”.

Da ich die Vorteile des Zuganges Woche f√ľr Woche nicht nur an mir, sondern auch an den anderen Teilnehmern des Kurses beobachten kann, stellt sich die interessante Frage, ob denn nun die spezifischen Tai-Chi-Bewegungsformen nicht auch ganz weggelassen werden k√∂nnten. Zus√§tzlich meinte Ren√© auch, dass man in einem realen Kampf ja nicht davon ausgehen k√∂nnte, dass sich der Gegner exakt so bewegen wird wie in der Form vorgesehen, man m√ľsse schon auch in stimmigem Kontakt gehen und bleiben, um auf die Bewegungen des Gegners ad√§quat reagieren zu k√∂nnen, und w√ľrde dabei oft von der eingelernten Form abweichen.

Die N√ľtzlichkeit der Form

Und doch hat das Erlernen der Form seine N√ľtzlichkeit, wie ich nach einigen Monaten fast t√§glicher √úbung feststellen konnte: sie erh√∂ht den Bewegungs-Spielraum. Am Anfang waren einige der Bewegungen der Form f√ľr mich sehr schwierig auszuf√ľhren (‚Äěunm√∂glich‚Äú war des √Ėfteren der Gedanke), aber mit der Zeit wurde mir immer mehr klar, dass dies nicht an der universellen Unm√∂glichkeit von K√∂rperbewegungen an sich lag, sondern an meinen eigenen inneren Blockaden, die mir das Praktizieren der Form √ľberwinden half.

Unl√§ngst im Kurs meinte Ren√© zu mir, dass ich ihm in der Sensibilit√§t mittlerweile beinahe gleichwertig w√§re, aber er eben noch den Vorteil der langj√§hrigen Praxis habe. Was er damit vermutlich meint, ist, dass er √ľber die Jahre bereits mehr der inneren Blockaden abgebaut hat als ich, was es ihm erm√∂glicht, mich √ľber meine Blockaden im (√úbungs-)Kampf zu √ľberwinden. Man sieht es ihm auch an seinen Bewegungen an, die sehr frei wirken. Es geht im Tai-Chi (soweit ich das verstanden habe) genau darum, die inneren Blockaden des Gegners zu erf√ľhlen und ihn gewisserma√üen √ľber diese Blockaden ‚Äěauszuhebeln‚Äú, was einen sehr wertvollen √úbungsraum auch f√ľr die eigene Selbst-Erkenntnis bietet.

Worauf ich im Grunde hinaus will, ist Folgendes: Dass die Bewegungen der Tai-Chi-Formen ganz bestimmten Abl√§ufen folgen, hat ihren n√ľtzlichen Hintersinn, n√§mlich den eigenen Bewegungs-Spielraum zu erh√∂hen und Blockaden, die diesen Einschr√§nken, aufzul√∂sen. Damit entsprechen die einzelnen vorgeschriebenen Bewegungsabl√§ufe gewisserma√üen dem, was ich an anderer Stelle hier auf diesem Blog ‚Äěkonstruktive Grenzen‚Äú genannt habe: das Endziel ist es, sie √ľberfl√ľssig zu machen, weil sie ihren Zweck, den Bewegungsspielraum in einem bestimmten Bereich zu erh√∂hen, irgendwann erf√ľllt haben.

Dies ist, richtig angewendet, ein konstruktiver Anteil der Funktion der Form. Ein anderer hat viel mit Identit√§t zu tun, und ist potentiell gef√§hrlicher. Wenn ich die Form ausf√ľhre, bin ich Tai-Chi-Praktizierender. Weiche ich von ihr ab, bin ich es nicht mehr. Wenn ich die Gruppenzugeh√∂rigkeit brauche (‚ÄěIch bin ein Tai-Chi-Mensch‚Äú), werde ich m√∂glicherweise in einer Form verharren, die ihren eigentlichen Zweck (Erh√∂hung des Bewegungs-Spielraumes) l√§ngst erf√ľllt hat, und aufh√∂ren, mich weiterzuentwickeln. Das potentiell konstruktive Ritual wird dann rasch zum Selbstzweck, zur Falle.

Die Falle der Form in der Religion

Was ich weiter oben √ľber Tai Chi geschrieben habe, l√§sst sich auch auf viele andere Lebens-Bereiche umlegen. Nehmen wir das gro√üe Thema Religion/Spiritualit√§t. Gerade in unseren Zeiten stehen uns zahlreiche verschiedene Zug√§nge zu diesen Themen zur Verf√ľgung, die uns (ich bin da gern optimistisch) ausnahmslos als ‚Äě√úbergangs-Formen‚Äú dienen k√∂nnen, um unseren Bewegungs-Spielraum (der auch psychisch/seelisch verstanden werden darf) zu erweitern. So hat f√ľr mich die j√ľdisch-christliche Tradition und √úberlieferung viele wertvolle ‚ÄěFormen‚Äú und auch Rituale anzubieten, die uns Wachstumschancen er√∂ffnen, aber auch ebenso der Islam, der Buddhismus, der Taoismus und viele weitere.

Jede dieser Zug√§nge hat seine St√§rken wie auch seine blinden Flecken, √§hnlich wie eine jede √úbung zur St√§rkung des K√∂rpers auf manche K√∂rperpartien besser und auf andere weniger gut auswirkt. Wer von uns w√ľrde sein Leben lang st√§ndig nur die rechte Wade trainieren, und den Rest des K√∂rpers v√∂llig vernachl√§ssigen? Und doch ist dieser Zugang in Bezug auf Religionen/Spiritualit√§t weit verbreitet. Da wird Jahrhunderte lang dar√ľber gestritten, welche Form die beste (oder gar die “einzig wahre”) sei, anstatt zu fragen, welche Form helfen kann, welche inneren Blockaden/Illusionen aufzul√∂sen, und sich schlicht aus dem riesigen vorhandenen Fundus das zu w√§hlen, was individuell stimmig wirkt. Man muss sich ja z.B. nicht offiziell Moslem nennen wenn man Angst hat, von Freunden daf√ľr schief angeschaut zu werden, aber warum nicht soziale Identit√§t und N√ľtzlichkeit der einzelnen Formen an sich voneinander getrennt halten, und sich jeweils das an n√ľtzlichen √úbergangs-Formen herauspicken, was individuell als hilfreich erlebt wird? Muss man ein wenig “spinnert” sein, wenn man sich mit Chakren besch√§ftigt, und diese Besch√§ftigung selbst als hilfreich erlebt?

Die Falle der Form in zwischenmenschlichen Beziehungen

Wer des √Ėfteren mal meine Barfu√ü-Geschichten gelesen hat (oder mich pers√∂nlich kennt), der d√ľrfte ohnehin mittlerweile erraten haben, dass ich klassischen monogamen Beziehungen sehr skeptisch gegen√ľberstehe, und nicht wirklich nachvollziehen kann, warum man sich einem von vornherein derart anstrengend konzipierten Sozialen System freiwillig unterwerfen will. Warum also nicht mal auch √∂ffentlich und ohne Verschleierung durch eine Geschichten-Form anmerken, dass ich mir seit vielen Jahren nur noch offene Beziehungen vorstellen kann (und diese auch lebe), wo es dem Verst√§ndnis dieses Artikels dienen mag?

Ich kann den Sinn und Zweck einer klassischen Beziehung als √úbergangs-Modell nachvollziehen, um mit einer Art Prototyp menschlichen Miteinanders im Umgang mit dem anderen Geschlecht (oder gerne auch dem eigenen, aber im Sinne der Lesbarkeit erw√§hne ich das nicht mehr extra) ‚Äěstarten‚Äú zu k√∂nnen. Als eine Art konstruktive Grenze, als √úbergangs-Form, innerhalb derer es anfangs einfacher ist, Liebe und Sexualit√§t zu erfahren und zu erforschen, √§hnlich wie eine vordefinierte Form im Tai-Chi helfen kann, die eigene Beweglichkeit zu erh√∂hen. Aber ich habe zu oft bei Freunden/Bekannten beobachtet, wie sich diese √úbergangs-Form verfestigt und zum Selbst-Zweck wird, zum Teil einer gemeinsamen Identit√§t wird, deren Verlust bedrohlich wirkt, was zu allerhand absurden Folgeerscheinungen f√ľhrt.

Viele meiner Freunde/Bekannten finden sich dann mit der Zeit entweder in unbefriedigenden Beziehungen wieder, springen von Beziehung zu Beziehung oder verzichten von vornherein ganz auf eine Kombination aus sexueller Anziehung und emotionaler Intimit√§t (“Ich mache aus Prinzip nur mehr ONSs). Man fragt sich, in welche Rolle, in welche Form der neu kennengelernte Mann, die neu kennengelernte Frau, wohl passen k√∂nnte, und spielt mit dem Reiz der Unwissenheit, bis die Schematisierung vollbracht ist. Menschen werden kategorisiert in Familie, Freunde, Beziehung, Freundeskreis, ONS, …

Einige wenige (nach einigen R√ľckmeldungen teilweise auch von meinen Erz√§hlungen inspiriert, was mich nat√ľrlich freut) trauen sich irgendwann dann doch, in das zu gehen, was ich f√ľr mich ‚Äěstimmigen Kontakt‚Äú getauft habe, in dem die etablierten Formen eine untergeordnete Rolle spielen, und das Miteinander anhand der Bed√ľrfnisse der Betroffenen jeweils neu gestaltet wird. Nur zu oft werden dabei eigene und die Blockaden des Anderen auf diesem Gebiet der menschlichen Existenz allzu sichtbar und sp√ľrbar, und nicht immer ist die √úberwindung einfach. Oft ver√§ndert sich das Miteinander drastisch, nachdem eigene innere Blockaden sp√ľrbar und damit auch bewusst werden, bisweilen √§ndern sich auch Leben von Grund auf.

Es ist f√ľr mich nach beinahe 10 Jahren ‚ÄěPraxis‚Äú auf dem Gebiet die bisweilen anstrengendste, aber auch mit Abstand erf√ľllendste Art des Miteinanders, vor allem auch, weil ein solcher Zugang R√§ume er√∂ffnet, um realen Bed√ľrfnissen, die in keine etablierten Formen passen, Raum zu geben (wie h√§ufig diese “un-passenden” Bed√ľrfnisse keinen Raum finden, wie traurig und gleichzeitig v√∂llig absurd dies eigentlich ist, davon d√ľrften sich viele, die sich mit diesen Themen noch nie besch√§ftigt haben gar keine Vorstellung machen k√∂nnen). Und bis auf wenige Ausnahmen bin ich mit den meisten Frauen, die mein Leben in diesen 10 Jahren gekreuzt und bereichert haben, noch in Liebe verbunden, auch wenn sich die Form des Miteinanders bisweilen √ľber die Jahre sehr ver√§ndert hat, oder ein Beteiligter bisweilen Distanz ben√∂tigte, um neu und ver√§ndert wieder aufeinander zugehen zu k√∂nnen.

Ich habe zahlreiche Frauen kennengelernt (auch M√§nner, aber zu denen f√ľhle ich mich ‚Äď bisher zumindest ‚Äď nicht k√∂rperlich hingezogen), die mir erz√§hlt haben, dass sie entweder nur fixe monogame Beziehungen wollten oder nur One Night Stands. Ersteres verspreche ich aus Prinzip nicht mehr, weil ich daf√ľr zu oft die Erfahrung gemacht habe, dass ich mehrere Menschen zur gleichen Zeit lieben kann (und damit nicht alleine bin, entgegen gesellschaftlicher Standards d√ľrfte das die – jedoch kaum je offen eingestandene, weswegen es nicht so wirkt – Normalit√§t darstellen). Zweiteres habe ich in meinem Leben bisher noch nicht hingebracht, selbst diejenigen Frauen, die sich von Anfang an sicher waren, dass das eine einmalige Sache sei, kamen fr√ľher oder sp√§ter in irgendeiner Form wieder. Einfach, weil es sich f√ľr sie stimmig anf√ľhlte, und f√ľr mich ebenso, und da doch immer etwas von Liebe mitschwang, das nach Ausdruck verlangte, selbst wo (z.B. aufgrund zu gro√üer Entfernung) klar war, dass man sich nicht allzu oft w√ľrde sehen k√∂nnen.

Ich habe √ľber all die etablierten und bekannten Formen von Beziehungen einiges lernen d√ľrfen und anerkenne durchaus ihren Nutzen als √úbergangs-Form, aber auf Dauer erlebe ich es als absurd, eine Beziehung in irgendeiner vordefinierten Form zu leben und nicht in stimmigem Kontakt. Nur in letzterem kann ich letztendlich jeweils die stimmigen Formen des Miteinanders finden, die mir und dem jeweils anderen tats√§chlich entsprechen.

Die Falle der Form im Lernen allgemein

Schlussendlich m√∂chte ich noch von einem Gespr√§ch erz√§hlen, das ich unl√§ngst mit einem guten Freund f√ľhrte, in dem er meinte, ihn w√ľrden ‚Äěstudierte Leute‚Äú manchmal ziemlich nerven, weil sie oft so redeten wie die B√ľcher, die diese gelesen hatten: ‚ÄěDa kann ich mir gleich das Buch kaufen und es selber lesen‚Äú

Was mich zu einem weiteren relevanten Zusammenhang in Bezug auf Formen f√ľhrt: wenn sich die Form verselbstst√§ndigt, zum Selbstzweck wird, und √ľber den stimmigen Kontakt gestellt wird ‚Äď was ist dann noch mein pers√∂nlicher, individueller Mehrwert? Suche ich als Mann ‚Äěeine Beziehung‚Äú mit einer Frau, ist die Frau damit gewisserma√üen das Mittel Frau zum Zweck Beziehung? Oder gehe ich stattdessen in stimmigen Kontakt mit einem anderen Menschen, und finde gemeinsam die jeweils passende Form f√ľr diese Kontakt, w√§hrend ich die etablierten Formen ‚Äď wenn √ľberhaupt ‚Äď nur √ľbergangsweise nutze, um meine inneren Blockaden zu √ľberwinden? Lese ich ein Buch, lerne ich von jemandem, um meine eigene innere Bewegungsfreiheit zu steigern, oder tue ich es, um zu einem “anerkannten” Vertreter der Lehre eines Anderen zu werden?

Oder bezogen auf den bunterrichten-Titelzusatz ‚ÄěMenschen helfen aufzubl√ľhen‚Äú: Nutze ich das Au√üen, um in der √úberwindung des Au√üens mein Innerstes zum Vorschein zu bringen? Oder baue ich mir im Grunde nur selbst Beschr√§nkungen auf, weil ich noch nicht nicht den Mut gefunden habe, meinem eigenen inneren Kompass zu vertrauen?

Niklas

P.S. einige Ank√ľndigungen:

  • Morgen, 4.7., 20:00 halte ich im AberJa in Wien einen Vortrag: “Wer macht hier wen fertig?” – Familien- und Rechts-Systeme √ľber die systemischen Ursachen von Mobbing und totalit√§ren Systemen. Mehr dazu (und zu anderen Vortr√§gen/Workshops) hier…
  • Auf mehrfache Anfrage ist seit einigen Tagen das Forum wieder online, aber f√ľhlt sich viel zu wenig beachtet. Schenkt dem doch mal etwas Aufmerksamkeit und f√ľttert es mit interessanten Themen, es freut sich dar√ľber ūüėČ

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