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…und die Welt es aufgrund der kommenden WM in Brasilien nicht einfach ignorieren kann: Mittlerweile berichtet auch der Standard über die Aufstände in Brasilien. Aber wie in der Türkei stellt sich für viele Menschen in Europa vermutlich die Frage: was ist dran an der Sache? Warum drehen hier alle so durch – nur wegen 20 Cents Buspreiserhöhung? Und sollten die bekanntermassen fussballbegeisterten Brasilianer nicht eher in Lobgesänge auf ihre Regierungen ausbrechen, wenn die Weltmeisterschaft in ihrem Land stattfindet? Ich war gestern Abend in den Strassen, gemeinsam mit etwa 10.000 anderen hier in Curitiba. Im Folgenden ein Augenzeugenbericht der Ereignisse.

Ein Fest der freien Meinung

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Organisiert über soziale Medien, versammelten sich gestern ab sechs Uhr abends Menschen fast aller Altersstufen (ich sah keine kleinen Kinder) an einem Platz an einer der Haupt-Einkaufsstrassen Curitibas und zogen, nachdem sich wohl etwa um die 2000 Menschen (schwer zu schätzen, wenn man sich unter ihnen befindet) versammelt hatten, durch die Strassen. Es glich mehr einem bewegten Fest denn einem Protestzug.

Es herrschte gute Stimmung, immer wieder stimmten Grüppchen Slogans wie „Vem pra rua!“ (Kommt auf die Strasse!) oder „Oi, Dilma, vai tomar no Cu!“ (Hey, Dilma, du bekommst es in den Arsch) an. Diese Slogans wirkten weniger aggressiv als ein Ausdruck der Freude, endlich einmal öffentlich sagen zu dürfen, was man sich so dachte. Es gehört hier zur Kultur, auch mal ordentlich zu fluchen, ist selten wirklich böse gemeint. Was gefiel, wurde eben eine Weile mitgesungen.

Viele kamen mit selbst gefertigten Plakaten, wie „Eu não consigo falar. TIM“ (Ich schaffe es nicht, zu sprechen, TIM ist ein Mobilfunkanbieter, eine Anspielung auf die Einschränkung der Meinungsfreiheit), „Só Goku salva“ (Nur Son Goku, von Dragonball, kann uns retten) oder „Vinagre, 5 Reais“ (Essig für 5 Reais, Anspielung auf den Einsatz von Tränengas gegen Protestanten in São Paulo).

Menschen ohne Grenzen

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Während mir durch die Stadt marschierten, konnte ich mit einigen Brasilianern sprechen. Es geht hier nur am Rande um eine Fahrpreiserhöhung. Es geht vielmehr um das enorme Ausmass an Korruption in der Politik, um den Wirtschaftsaufschwung, der nur einer reichen Minderheit genutzt hat und um Investitionen von einigen Milliarden für die Fussball-WM, während gegenüber der Stadien Menschen verhungern oder sich aus Perspektivenlosigkeit mit Pedra (Crack) das Gehirn zermantschen und dadurch zu gefährlichen Zombies werden, die vor allem Nachts die Strassen unsicher machen.

Laut Polizei waren etwa 10.000 Menschen hier in Curitiba auf der Strasse, bei einer geschätzten Bevölkerung von 1,7 Millionen Einwohnern wirkt dies nicht sehr viel. Es gibt hier immer wieder mal Demonstratiönchen, hat mir eine junge Frau erzählt. Aber diese „normalen“ Demos haben um die 30 Unterstützer… Als wir durch die Stadt wanderten, schlossen sich immer mehr Menschen an. Die Menschen, die uns im Fernsehen sahen (Ein Helikopter des Senders Globo flog über uns), winkten uns von den Fenstern zu, andere schwenkten Fahnen, Autos hupten im Takt der Gesänge mit. Die Dunkelziffer der Unterstützer scheint um Potenzen höher zu sein als diese 10.000. Rund um mich tanzten Inländer, Ausländer, Homo- und Heterosexuelle, Alte und Junge, Schüler, Studenten und Arbeiter fröhlich miteinander, malten sich die Gesichter in den Landesfarben an und genossen dieses Fest, indem die Herkunft und der Status eines jeden keinen Rolle spielte.

Seelenfänger

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Und dann sammelten sich die Massen vor dem ehrwürdigen alten Uni-Gebäude, und schienen nicht recht zu wissen, was nun. Irgendjemand mit einem Megaphon, den ich von meiner Position nicht sehen konnte, brüllte Slogans, den etwa 30 andere nachbrüllten, während die anderen versuchten, herauszufinden, was los war. Dunkle Wolken zogen auf.

Als ich schon heimgehen wollte, weil ich an einem Monolog irgendwelcher Fanatiker nicht sonderlich interessiert bin, setzte sich die Menge wieder in Bewegung, um gemeinsam Richtung Centro Civico (eine Art Rathaus) zu wandern. Wieder sangen sie Lieder, ich verteilte gemeinsam mit einer jungen Frau Blumen an Busfahrer, um sie für die Wartezeit zu entschädigen. Und was dann passierte, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Wir hörten einen lauten Krach, und plötzlich begannen die Menschen vor uns, umzudrehen und zu gehen. Irgendwelche Chaoten dürften angefangen haben, das Rathaus anzuzünden oder anderweitig alles kaputt zu machen.

Sem violencia!

Wir taten, was wir konnten, um die Menschen zu warnen. Was auch immer dort passiert war, der friedliche Protest war damit zunichte gemacht, seiner Legitimation beraubt, und es war Zeit, zu gehen. Was auch immer ihr in den Medien darüber lesen mögt, hier in Curitiba zeigten die Protestanten diesen Chaoten deutlich, was sie von ihnen hielten und dass sie dieses Verhalten nicht unterstützen. Sie wollen Veränderung. Sie wollen Gerechtigkeit, ein Ende der Korruption, aber eine konstruktive Veränderung, keine Gewalt und Unterdrückung, weder von der Polizei noch durch sie selbst. Es scheint keine schlichte Opposition gegen eine Regierungspartei zu sein, sondern vielmehr gegen das Parteiensystem mit ihrer Korruption selbst.

Es ist ein Prozess mit offenem Ausgang, in dem nicht nach den alten Regeln gespielt wird, weil erkannt wurde, dass diese Regeln selbst möglicherweise das Problem darstellen. Es entsteht eine enorme kreative Macht hier in Brasilien, die das Potential hat, echte Veränderungen zu erreichen, wenn sie es schafft, sich nicht von Opportunisten (wie gestern) einfangen zu lassen. Vieles ist hier offen, aber eines scheint sicher:

O giganto acordou – Der Riese ist erwacht.

Niklas

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