Prüfungen des Lebens meistern

Wer sein Handeln auf das Zustandekommen von äußeren Voraussetzungen baut, wird immer ein Stück weit Spielball des Schicksals bleiben. Die Alternative? Die Perspektive „Die Welt prüft nur gerade meinen Willen“. Und die Entscheidung, diese Prüfung auch erfolgreich zu bestehen.

Einige Fallbeispiele

  • Gegen Ende März dieses Jahres durfte ich hocherfreut feststellen dass meine Investitionen in die Selbstständigkeit nun endlich Früchte abzuwerfen schienen. In den 3 ersten Monaten des Jahres hatte ich knapp 2000€ plus an Einnahmen erwirtschaftet (gegen meine laufenden Kosten gerechnet). Dann kam eine völlig unerwartete Auto-Rechnung von 2200€. Selbstständigkeit deswegen aufgeben? Stattdessen Job suchen?
  • Kurz-Trip mit meiner Freundin nach Südtirol/Italien für 4 Tage. Traumhaftes Wetter nach wochenlanger Kälte/Regen hier in Oberösterreich, wunderbare Landschaften und Orte. Kurze Toilettenpause entlang einer Landstraße. Einbruch ins Auto. Spiegelreflexkamera um 400€ weg, einige Hunderter an Bargeld plus als Extra-Bonus eine zertrümmerte Seitenfensterscheibe. Waren wohl Profis, in 3min waren die wieder weg. Urlaub deswegen abbrechen?

Eine Liste an Kurzgeschichten die ein immer gleiches Grundmuster beschreiben ließe sich beliebig fortsetzen. Immer geht es darum einen Plan/eine Vision zu haben, und um eine grundlegende Erschütterung der grundlegenden Voraussetzungen für die Umsetzung dieser Vision. Und damit der Frage: Aufgeben – oder trotzdem durchziehen?

Wenn die Welt den Willen prüft

Wenn sich solche Situationen im Leben häufen (wie es bei mir in den letzten Monaten interessanterweise oft der Fall war), kann man geneigt sein dies als Zeichen zu werten dass „die Welt es eben nicht zulassen will“ oder „Die Welt mir sagen will, dass die Entscheidung falsch war“. Und so lässt man die Vision, so schön sie auch ursprünglich wirkte, eben wieder sterben.

Aus purer Notwendigkeit ist in mir im Laufe der letzten Monate jedoch eine konstruktivere Betrachtungsweise zu der Problematik entstanden: die Welt prüft mich und die Ernsthaftigkeit meiner Entscheidung.

Jeder kann das tun was er sich vornimmt solange alles gut läuft. Interessant wird es dort, wo es nicht gut läuft. Mache ich auch unter schwierigen Voraussetzungen weiter? Lasse ich meine Richtung von den Voraussetzungen diktieren, oder bestimme ich diese Richtung (weitgehend) unabhängig von den Voraussetzungen?

Im ersteren Fall werde ich gewissermaßen Spielball unkontrollierbarer Mächte bleiben. Im zweiten werde ich lernen müssen, Widerstände auszuhalten und auch bei „schwierigem Seegang“ auf Kurs zu bleiben.

Bedingte und unbedingte Visionen

Die Perspektive „Das ist jetzt eine Prüfung“ hilft mir, auch mit kleineren oder größeren Katastrophen gelassener umzugehen. Diese zeigen uns nämlich nur (wenn auch oft schmerzlich) unsere inneren (oft verborgenen) WENN-DANN-SONST-Konstruktionen auf: „WENN ich noch mehr als X€ am Konto habe DANN kann ich an meinem Ziel weiterarbeiten, SONST brauche ich einen Job“. Sobald der Kontostand nun X unterschreitet (oder sich X nähert) geht man in der WENN-DANN-SONST-Sichtweise davon aus dass die Vision (jetzt) nicht umsetzbar ist. Die Vision ist somit eine bedingte Vision, abhängig von Voraussetzungen.

Die Prüfungs-Perspektive hingegen fragt ganz konkret: ist es dir wichtig genug, auch Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen? Welche Risiken willst du eingehen? Was bist du bereit, möglicherweise dafür zu opfern? Sie ermöglicht ein bedingungsloses JA.

Auch die bedingungslose Vision braucht zu ihrer Umsetzung Voraussetzungen, kann mit den Widerständen wachsen und sich verändern. Aber im Unterschied zur bedingten Vision wird sie nicht aufgrund von fehlenden Voraussetzungen sofort und absolut aufgegeben. Um im navigatorischen Bild zu bleiben: der Sturm wird womöglich umschifft, oder es wird für die Dauer des Sturms geankert, aber die langfristige Ausrichtung und der Wille zum Erreichen des Ziels bleiben aufrecht.

Die Macht unbedingter Visionen

Die Vizerektorin der Pädagogischen Hochschule meinte vor einigen Jahren als es um Anrechnungen meines Auslandsjahres ging mal sinngemäß zu mir: „Es macht überhaupt keinen Sinn, Ihnen Steine in den Weg zu legen, Sie werden Ihren Weg auf Dauer ohnehin gehen.” Das fand ich einen bemerkenswerten Satz von ihr, der mich in schwierigen Situationen begleitet hat.

In den Jahren nach dieser Aussage sind mir vom Leben immer wieder Steine in den Weg gelegt worden, aber sie hat sich im Großen und Ganzen auf Dauer bewahrheitet. Und ich habe noch etwas herausgefunden: Wenn eine unbedingte Vision stark genug verfolgt wird, dann hilft das Leben auch bei ihrer Verwirklichung. Aber nur, wenn man die Willens-Prüfungen auch besteht:

  • Nach dem Diebstahl ging es um die Frage: Urlaub abbrechen oder Urlaub fortsetzen? Wir haben beschlossen dass wir ihn fortsetzen und die gemeinsame Zeit unabhängig von dem Vorfall weiter genießen werden. Das Auto nur noch so geparkt dass man nicht durch die kaputte Scheibe greifen konnte. Noch eine grandiose Nacht im Zelt auf einer alpinen Alm verbracht, bevor es 8h lang über atemberaubende Gebirgsstraßen nach Hause ging. Fotos gibt’s da die Kamera gestohlen wurde leider keine davon… aber die Freude über das Erlebte kann uns niemand nehmen, und wir lassen uns die auch nicht trüben.
  • Vor einigen Wochen war für mich aufgrund der vielen unerwarteten Ausgaben fürs Auto schwierig abzusehen wie ich das „Sommer-Loch“ finanziell überstehen würde können. Trotzdem wollte ich an einigen Herzens-Projekten weiterarbeiten, damit diese wie geplant bis nächsten Herbst fertig werden können und bin das Risiko eingegangen ins Minus zu rutschen. Aus dem Nichts kam dann plötzlich eine Auftrags-Anfrage von einem Japaner, für den ich letztes Jahr einige Übersetzungen gemacht habe – womöglich mehrere Tausend Euro wert. Wird mich wohl weitgehend über das Sommer-Loch bringen.

Gerade an letzterem Beispiel lässt sich eines gut deutlich machen: unsere rationalen WENN-DANN-SONST-Konstruktionen blenden oft Möglichkeiten aus, die zwar real existieren aber die wir (noch) nicht sehen können. So kann es sein, dass an sich umsetzbare Visionen begraben werden weil wir nicht bereit sind, die dafür notwendigen Risiken und Unwägbarkeiten lange genug auszuhalten.

Daher nochmal die Frage: Wer oder was richtet dein Leben aus? Unwägbare Voraussetzungen? Oder du selbst? Lässt du dich von Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, aufhalten? Oder erkennst du, wie es in einem wunderschönen Spruch formuliert ist, auch die Möglichkeit, daraus etwas Schönes zu bauen?

Niklas

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