Als ich heute in Richtung JKU-Bibliothek radelte, um mir einige weitere Bücher für meine Bachelor-Arbeit zu holen, bemerkte ich erst so richtig, dass die Sonne schien. Nach all den grauen Wintertagen, nach all den Sorgen und negativen Gedanken, schien also doch wieder die Sonne. Ich atmete gierig die frische Luft, die mir der Fahrtwind zum Geschenk machte, und betrat die Bibliothek. So viele interessante Bücher, und doch sollte ich in nächster Zeit nur diejenigen erforschen, die ich für meine Arbeit verwenden konnte. Als ich die Tür hinter mir schloss, liess ich schweren Herzens Werke zurück wie „Bildung für Weltbürger in Zeiten der Globalisierung“. All dies hat nun eine Weile zu warten.

Und als ich dann, vollbepackt mit neuen Ideen vielleicht längst verstorbener Seelen, den Heimweg antrat, kam mir zu Bewusstsein, wie weit mein Leben in so vielen Bereichen nicht dem entsprach, was ich mir unter einem glücklichen Leben vorstellte. Es gab da diesen Traum von einem Leben, das sich im Tun erschöpfte, ohne allzu viel über das Haben nachdenken zu müssen, dessen Wert sich an den Menschen abmessen liess, dessen Leben es berührt und bereichert. Wie schön wäre es, einfach geben zu können, ohne an das eigene Haben denken zu müssen! Einem jeden Bettler geben zu können, wenn schon nicht Geld, dann zumindest ein Stück unser kostbaren Zeit, ein Ohr, eine Schulter oder eine Umarmung. Und doch gehe ich wieder an ihm vorüber. Und doch verplempere ich meine Zeit mit Nichtigkeiten.

Und während ich nun vor meinem Stapel an Büchern sitze und in den Gedanken anderer wühle, fühle ich mich sehr klein. Nicht klein an dem, was ich zu sagen habe, sondern klein an Mut, es auszusprechen. Klein an Mut, die Strapazen zu ertragen, die nötig sind, das, was zu sagen ist, zu Papier zu bringen, und wenn dies bedeutet, das, was ich zu sagen habe, hintanzustellen hinter das, was andere vor mir bereits gesagt haben. Das Gefühl, etwas zu sagen zu haben, ist ein schönes Gefühl, aber es kann im Weg stehen in Situationen, in denen es niemand hören will. Zu geben, wonach niemand fragt, kann ebenso fehl am Platz sein wie für sich zu behalten, was jemand braucht.

Re-volutionen

Vor mir auf dem Schreibtisch liegt eine Ausgabe des Augustin, der Wiener Obdachlosenzeitung, und auf der Titelseite der Ausspruch „Machma halt a Revolution, damit a Ruah is“. Eine Revolution, damit sich endlich einmal die Umgebung ändert, die uns davon abhält, ein wahrhaft glückliches Leben zu führen. Vielleicht sind die Steuern zu hoch. Oder die Wirtschaftslage schlecht. Oder jemand hat uns verlassen. Wir haben doch so tolle Visionen gehabt, und dann spielt niemand mit. Vielleicht sollten wir, die von Revolutionen träumen, endlich aufhören, zu re-voltieren, uns um uns selbst und unsere selbstgemachten Probleme zu drehen und die Umwelt dafür verantwortlich zu machen.

Vielleicht sollten wir, die uns wundern, dass niemand unser Produkt kaufen, unsere Dienstleistung in Anspruch nehmen oder uns einstellen will, uns auch fragen, was unsere Mitmenschen tatsächlich brauchen. Da ist der Kupfermuchkn-Verkäufer, der jemanden bräuchte, der ihm Deutsch beibringt, weil irgendwie immer noch nicht allzu viele Österreicher Englisch mit ihm sprechen können. Da ist die Freundin, die uns keine Umstände machen will, aber dann doch ganz gerne Zeit mit uns verbringen würde. Der Mensch, den wir zutiefst lieben aber dann doch nicht in die Augen sehen und es ihm beibringen können, mit allen unvorhersehbaren Konsequenzen.

Stattdessen verbunkern wir uns hinter verpassten Möglichkeiten und zerbrochenen Träumen, von denen wir nie wollten, dass sie tatsächlich wahr werden, weil es bedeutet hätte, sich von der Sicherheit und dem Komfort des einmal erreichten zu verabschieden und aufs Neue die jugendliche Leichtigkeit auszukosten – nur dieses Mal eben ohne die Sicherheit, dass irgendjemand es schon richten wird, wenn etwas schief geht. Das würde einer Revolution gleichkommen, die die Welt, und zwar die unsere, gehörig aus den Angeln heben würde. Eine Welt, an die wir uns gewöhnt haben, eine Welt, mit der wir uns ausgesöhnt haben, weil die Hoffnung am verblassen ist, dass eine andere Welt besser wäre, oder überhaupt möglich.

Evolutionen

Und doch, immer wieder, wie an diesem wundersam warmen, fast frühlingshaften Tag mitten im Februar, glimmt etwas wieder auf, das ich lange verloschen wähnte: Hoffnung. Hoffnung, dass eine andere Welt eben doch möglich ist, sei sie besser oder schlechter, und noch etwas viel besseres als Hoffnung: den Schimmer einer Chance, einer tatsächlichen Chance, und zwar einer, die ich selbst nutzen oder verstreichen lassen kann. Es mag hoffnungslos sein, die Welt ändern zu wollen, aber vielleicht kann ich diese meine Welt ändern, und wenn nicht dies, so zumindest mein Leben. Ich kann damit hier und jetzt anfangen.

Und doch tue ich es nicht.

Offensichtlich bin ich noch nicht bereit, das Leben zu leben, das ich mir wünsche. Das ist schade, denn in meinen Träumen wirkt es sehr zufriedenstellend auf mich und auf andere. Doch das Schöne daran ist, dass es einzig an mir liegt. Eines Tages, und ich kann mir gut vorstellen, dass es ein ebenso sonniger Nachmittag wie der heutige ist, werde ich soweit sein. Und bis dahin habe ich eigentlich keinen Grund mehr, mich zu beschweren.

Niklas

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