Gestern Nacht traf ich einen Mann wieder, den ich bereits am Tag zuvor beim Musizieren auf der Strasse kennengelernt und in die Mensa eingeladen habe. Sein Husten hatte sich etwas verbessert, und er sah nicht mehr ganz so zerlottert aus. Ich lud ihn auf einige StĂŒcke Kuchen ein, und er erzĂ€hlte mir, er wĂ€re derjenige, der diese ganzen Proteste ins Rollen gebracht hĂ€tte. Er zeigte mir auf Facebook einige seiner einflussreichen Freunde (Schauspieler, Firmenchefs und andere), aber so recht weiss ich noch nicht, was ich davon halten soll.

Da ich ihn sehr schlecht einschĂ€tzen konnte, wollte ich ihm nicht anbieten, hier im Apartment ĂŒbernachten zu können, zudem wohne ich ja nicht alleine hier. Stattdessen borgte ich ihm mein Zelt und (weil ich meinen Schlafsack verloren hatte) meine HĂ€ngematte, um ihn etwas zu wĂ€rmen. Angeblich bekomme ich die Sachen wieder, mal sehen.

Wer wir sein sollen

Heute fand ich dann zufĂ€llig ein Video, in dem Barry Schwartz ĂŒber moralisches Handeln spricht. Er erzĂ€hlt von den vielen Menschen, die tagtĂ€glich ihre Aufgaben ein StĂŒck weit flexibel auslegen, nicht etwa aus Eigennutz, sondern aus RĂŒcksicht auf die Menschen, die in ihrem Umfeld arbeiten: nicht, weil sie dafĂŒr belohnt werden, sondern weil es fĂŒr sie richtig ist, so zu handeln. Er kritisiert den Regulierungswahn und die Idee, Anreize fĂŒr „gutes“ Verhalten zur Maxime zu erklĂ€ren, weil sie dieses moralisch motivierte Handeln aushöhlen wĂŒrden.

Wir als Lehrer haben nicht nur eine Jobbeschreibung, der wir mechanisch folgen. Wir sehen tagtĂ€glich an den Reaktionen unserer SchĂŒler, welche Folgen unsere Handlungen haben. WĂ€hrend viele Menschen in den Verhandlungen der Ex-NSDAP-Mitglieder anfĂŒhrten, sie hĂ€tten doch nur Befehlen gefolgt, habe ich meine Zweifel, ob eben diese Menschen, selbst wenn sie von Gerichten freigesprochen wurden, gegen Ende ihres Lebens auch von ihrem Gewissen einen Freispruch erwarten können. Martin Luther King Jr. fasst es so zusammen: „One has a moral responsibility to disobey unjust laws“. Auf Ă€hnliche Weise fĂŒhle ich mich auch verpflichtet, die BedĂŒrfnisse meiner Mitmenschen (aller WeltbĂŒrger, nicht beschrĂ€nkt auf bestimmte Gruppen) fĂŒr mich höher zu werten als mir auferlegte Gesetze oder Anreize.

Hinter den Masken?

Ein Gradmesser fĂŒr unsere Wahrhaftigkeit mag unser eigenes Verhalten darstellen, wenn wir nicht gerade den uns auferlegten TĂ€tigkeiten nachgehen. Wie sehr unterscheidet sich unser Umgang mit anderen Menschen im Kontext der Schule von unserem Umgang mit diesen Menschen im Kontext ausserhalb der Schule? Wie sehr unterscheidet sich Niklas, der Lehrer, von Niklas, dem Menschen? Wie sehr unterscheiden sich Politiker, Arbeiter, SchĂŒler von den Menschen, die hinter diesen Positionen stehen? Wechselt der Politiker die Strassenseite, wenn er schwarzen MitbĂŒrgern begegnet, sobald die Kameras abgeschaltet sind, wĂ€hrend er fĂŒr ein Ende der Rassentrennung „kĂ€mpft“? Ist ein Lehrer auch ausserhalb der Schulzeit bereit, seinen Mitmenschen bei ihrer Werdung zu unterstĂŒtzen? Ermöglicht uns unser Job, zu tun, was wir lieben, was wir fĂŒr richtig halten? Und falls nein, warum nehmen wir uns selbst so wenig wichtig, dies nicht zu Ă€ndern?

…und wer wir sind

Von einiger Entfernung betrachtet wirkt diese Welt ziemlich winzig, und wie noch viel unbedeutender mĂŒssen dann wir einzelne Menschen fĂŒr das grosse Ganze erst sein, mit der Ausnahme von einigen Grossen wie Ghandi oder Martin Luther King Jr.? Viele mögen sich wĂŒnschen, auch so bedeutende Leben fĂŒhren zu können, ohne zu erkennen, dass ein jedes Leben ungemeine Auswirkungen auf alle anderen hat.

Zugegeben, nur sehr wenigen Menschen ist es vergönnt, den Bekanntheitsgrad eines Ghandi zu erlangen. Aber mit jeder Entscheidung, die wir tagtĂ€glich treffen, beeinflussen wir die Geschichte dieser Welt. Umarme ich heute einen SchĂŒler, ist dies vielleicht der entscheidende Faktor, der ihn dazu bewegt, die Schule doch nicht abzubrechen. Borge ich heute einem Mann von der Strasse ein Zelt und eine HĂ€ngematte, die ich gerade selbst nicht benötige, so wird dieser Mann, der angeblich „eines Tages PrĂ€sident Brasiliens wird“, ein anderer Mann sein als hĂ€tte ich es nicht getan. Wir können die Folgen unseres Handelns nur sehr begrenzt vorhersehen, aber ich halte es fĂŒr wichtig, zu erkennen, dass wir gewisse Tendenzen beeinflussen können.

Vielleicht bekomme ich das Zelt nie zurĂŒck. Aber ich habe mich nicht von meinen eigenen Ängsten und meiner Gier (das ist mein Zelt, was, wenn er es nicht zurĂŒckgibt?) davon abhalten lassen, das zu tun, was mir richtig vorkam. Die Welt muss erfahren, wer wir sind, und sie erfĂ€hrt es nur, indem wir auch danach handeln. Mit jedem Menschen, der diese Welt nicht auf seine ganz einzigartige Weise bunterrichtet, verbleibt sie ein StĂŒck grauer.

MĂ€chtige Fragen

Vielleicht fragen sich einige von euch, warum ich meinen Blog „bunterrichten“ nenne und dann verhĂ€ltnismĂ€ssig so viel ĂŒber Ereignisse und Gedanken ausserhalb der Schule schreibe: weil sich fĂŒr mich echte Meisterschaft nicht zwingend mit der Ausbildung zum Lehrer ĂŒberschneidet, stattdessen transzendieren sie sie. Vermutlich ist es durchaus möglich, das Lehrerhandwerk in einer UniversitĂ€t oder pĂ€dagogischen Hochschule zu erlernen, zu lernen, nach den Regeln des Lehrplans und motiviert durch das monatliche Gehalt (und, wie diskutiert wird, vielleicht bald durch Bonusse). Aber Meisterschaft erwacht nach anderen Prinzipien, erwacht aus dem unbedingten Willen, das richtige zu tun, wĂ€hrend Belohnungen und Regeln in den Hintergrund treten.

Ich will ehrlich zu euch sein: ich weiss nicht, wie sich diese Meisterschaft am besten zum Nutzen der Mitmenschen manifestieren lĂ€sst, wie eine solche „Schule“ organisiert sein könnte. Aber es könnte sein, dass genau dieser noch unbefĂŒllte Raum die Lösung sein könnte, weil er andere Menschen inspirieren kann, ihn mit ihren eigenen TrĂ€umen zu fĂŒllen. Mein Mitbewohner hier im Apartment will heute mit mir kleine Zettelchen malen, damit wir sie an interessierte Curitibaner verteilen können, um unsere Free Skool zu promoten. Wir sind auf 33 Mitglieder gewachsen und können vielleicht bald ein erstes testweises Treffen zwecks Vermittlung von Deutsch abhalten. Die Menschen hier scheinen gelangweilt zu sein von ihren FĂŒhrern mit all den Antworten. Alles, was fĂŒr VerĂ€nderung nötig ist, scheinen mĂ€chtige Fragen zu sein, deren Antworten es wert sind, sich auf die Suche zu machen.

Why is the sea king of a hundred streams?
Because it lies below them.
Therefore it is the king of a hundred streams.

If the sage would guide the people, he must serve with humility.
If he would lead them, he must follow behind.
In this way when the sage rules, the people will not feel oppressed;
When he stands before them, they will not be harmed.
The whole world will support him and will not tire of him.

Because he does not compete,
He does not meet competition.
(Laotse, Tao Te King, 66)

Niklas

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