Bei all der Diskussion über die österreichische Zentral-Matura, auf die ich hier nicht tiefer eingehen werde, wird schnell übersehen, welches Potential die Idee bieten würde, wenn man sie auf die richtige Art und Weise umsetzt. Es hat nämlich durchaus etwas für sich, wenn es eine zentrale Vorgabe gibt, was als (z.B. österreichweiter) Standard vorausgesetzt wird, um einen bestimmten Abschluss zu erlangen. In der derzeit umgesetzten Form werden jedoch zahlreiche Chancen vertan. An unserer Schule können die Kinder und Jugendlichen bisher lediglich einen Hauptschul- bzw. Realschulabschluss ablegen, und auch dies nur über externe Prüfungen. Doch das Prinzip, das ich nun in der Folge vorstellen werde, würde sich wohl auch für eine Zentral-Matura eignen. Ich werde hier zuerst das zugrundeliegende Prinzip erklären, und weiter unten stehen dann die ersten entsprechenden Probe-Tests für die 5. Klasse Mathematik zum Download bereit.

Der Sinn dieser Probe-Tests

Ursprünglich ist mir die Idee vor gut 1,5 Jahren gekommen, als ich in einer anderen freien Schule gearbeitet habe. Schon Jahre vorher habe ich bei Ivan Illich gelesen, es sei notwendig, die Lehre vom Lernen zu trennen, d.h. bei ihm, Prüfungen ablegbar zu machen, ohne dass eine bestimmte Lehrveranstaltung besucht werden muss. Er schweigt sich ein wenig dazu aus, wie dies nun praktisch umsetzbar wäre, aber die Idee fand ich genial. Die Lösung, die mir bisher am einfachsten umsetzbar erscheint, ist die Schaffung zweier von der Struktur her identer Test-Formen: den „Probe-Tests“ und der „Meisterschaft“, wobei ersterer auf der Rückseite mit Lösungen versehen ist und zweiterer nicht. Probe-Tests sind (beispielsweise in einem Ordner als Kopiervorlagen) für die Kinder stets frei verfügbar, und mit Hilfe der Lösungen können sie sich selbst relativ selbstständig an ihnen messen. Fühlen sie sich in der Materie sicher genug, können sie ihre Meisterschaft in einer Prüfungs-Situation beweisen – dies ist dann die zweite Variante ohne Lösungen auf der Rückseite.

An jener Schule haben wir dann auch ein großes Plakat mit allen einzelnen Themen der Mathematik für die Grundschule aufgezeichnet, so dass für die Kinder ersichtlich war, was es überhaupt im Lehrplan alles „gibt“. Über die Probe-Tests mit den Lösungen bekamen sie auch ohne die Mithilfe von Erwachsenen meist eine ungefähre Vorstellung davon, um was es jeweils ging. Diejenigen, die ihre Meisterschaft in einer Prüfungssituation bei einzelnen Themen bewiesen hatten, wurden mit dem jeweiligen Anfangsbuchstaben auf dem Plakat markiert. Dies hatte den Sinn, dass nun andere Kinder nicht nur uns Lernbegleiter um Hilfe fragen konnten, sondern auch die anderen Kinder, die bereits eine Meisterschaft im jeweiligen Thema erreicht hatten – die eben als relative Meister dienen konnten.

Die jeweiligen Meisterschafts-Versuche wurden von uns als ein Teil der Dokumentation gesammelt, hatten aber keine weiteren negativen Auswirkungen für die Schüler. Es ging rein darum, die gesamte Meisterschaft fehlerfrei zu schaffen, wer sich der Herausforderung stellte und es nicht schaffte, konnte es jederzeit erneut versuchen. Für diejenigen, die eine unschöne Konkurrenz-Situation vermuten: diese entsteht in einem solchen Setting erst dann, wenn alle Kinder zu einer bestimmten Zeit bestimmte Prüfungen zu schaffen haben. Konkurrenz ist nicht zwingend etwas Negatives, solange sie auf Freiwilligkeit basiert. Die meisten der Schüler jener anderen Schule hatten den Stoff ihrer jeweiligen Altersgruppe auf diese Weise übrigens in einem Monat erarbeitet – und dies war damals nur der erste, unbeholfene Versuch mit dieser Systematik…

Transparenz – auch für Externistenprüfungen

Vor allem sorgt eine strukturelle Kopplung von Probe-Test und Meisterschaft (die exakt gleich aufgebaut sind) für ein Höchstmaß an Transparenz – und damit dafür, dass sich Schüler tatsächlich selbstständig auf Prüfungsanforderungen vorbereiten können. Dies ist bereits innerhalb einer Schule ein großer Vorteil, wird aber vor allem dann noch ein Stück interessanter, wenn es um solche Dinge wie Externisten-Prüfungen geht.

Wie ich auch an der Schule, an der ich gerade arbeite, wieder feststelle, ist es offensichtlich eine sehr schwierige Sache für Prüfer, Kindern, die zu jenen Prüfungen antreten, im Vorfeld klar und verständlich zu erklären, was sie denn für jene Prüfungen überhaupt tatsächlich können sollen. Es ist sehr schwer für ein Kind, sich auf eine Prüfung vorzubereiten, die zu einem guten Stück von der Willkür des Prüfers abhängt, und ebenso schwierig für den Prüfer, eine faire Prüfung für ein Kind vorzubereiten, dessen Bildungsstand ein wenig von der Willkür seiner Betreuer abhängt. Mein Probe-Test/Meisterschafts-System könnte da möglicherweise eine Abhilfe schaffen, die beide Seiten massiv entlastet, sobald es voll einsatzbereit ist.

Angenommen, ein Kind würde in einer normalen Schule die 5. Klasse besuchen, besucht jedoch eine freie Schule ohne Öffentlichkeitsrecht (bzw. wird zuhause unterrichtet) und soll nun gegen Ende des Jahres eine Externisten-Prüfung ablegen. Nun wäre es möglich, dem Externisten-Prüfer die jeweiligen Probetests und Meisterschaften zukommen zu lassen, und ihm die Frage zu stellen, ob das Bestehen dieser Meisterschaften auch für das Bestehen seiner externen Prüfungen ausreichen wird, bzw. welche Lerninhalte ihm noch abgehen und die noch eingearbeitet werden müssen. Gemeinsam mit dem Prüfer wäre es dann bereits zu Anfang des Schuljahres möglich, die konkreten Prüfungsanforderungen auszuarbeiten, und zwar nicht nur thematischr Eingrenzungen, die einen großen Interpretationsspielraum offen lassen, sondern ganz konkret. Da die hier bereitgestellten Probe-Tests nach dem Open-Source-Prinzip frei verwendbar und veränderbar sind und bleiben sollen, wäre es nun möglich, jeweils individuell je nach Prüfer und Kind einzelne Anpassungen vorzunehmen und – das wäre nun wirklich der Idealfall – die Überarbeitungen auch wieder anderen zur Verfügung zu stellen.

Zum Download

Einige Erläuterungen zum Download selbst.

  • Die .html-Datei enthält die Auflistung der Anforderungen mit einem kurzen Versuch, das WARUM der Themen an den Anfang zu stellen. Viele meiner ehemaligen Nachhilfeschüler hatten mehr Schwierigkeiten mit der Frage, warum sie etwas lernen sollten, als etwas zu lernen. Sie soll mit der Zeit anwachsen auf alle Klassenstufen, weswegen man für die 5. Klasse derzeit ein wenig herunterscrollen muss.
  • Die Datei mit den Brüchen ist deswegen auch im .docx-Format, weil die Brüche im .doc-Format in Bilder konvertiert werden und damit nicht mehr bearbeitbar sind. Die restlichen Dateien sind im .doc-Format, weil dies auf den meisten Plattformen gut bearbeitbar ist.
  • Zwei Themen habe ich nicht als .doc herausgearbeitet, weil es sich um graphische Themen handelt, die einfacher im Gespräch bzw. mit der Hand gearbeitet werden.

Als .zip herunterladen

Abschließende Anmerkungen

Ich werde die grundsätzliche Vorgehensweise in meiner derzeitigen bzw. auch in den folgenden Schulen, an denen ich arbeiten werde, weiterverfolgen. Falls sich jemand findet, der ebenso Interesse daran hat, würde es mich sehr freuen, von euren Erfahrungen, Schwierigkeiten und Durchbrüchen damit zu hören.

Danke,
Niklas

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