Wie kann man anderen helfen, ohne selbst ein Teil des Problems zu werden? Wer wie ich ein sehr feinfühliger Mensch ist was andere Menschen betrifft wird mit hoher Wahrscheinlichkeit schon Ähnliches erlebt haben:

Ein Mensch der einem wichtig ist steht vor einem Problem das ihn überfordert. Geht man nicht auf ihn und seine Situation ein, fühlt er sich womöglich nicht gesehen und im Stich gelassen. Daher versucht man sich in seine Situation hineinzuversetzen und für ihn da zu sein. Aber die Situation wird dadurch nicht besser oder sogar noch schlimmer.

Warum ist das so? In den letzten Tagen und Wochen durfte ich einige Erfahrungen machen, die mich zu einem sehr einfachen Erklärungs-Modell inspiriert haben – in dem als Bonus auch gleich eine konstruktive Lösung der Problematik sichtbar wird.

Das Modell

Alleine mit dem Problem

Das Modell lässt sich recht einfach darstellen. Nehmen wir an, unser Freund Herbert (in der Skizze in braun dargestellt) hat ein Problem. Das Problem hat eine bestimmte Form angenommen. In unserem ersten Bild steht Herbert mit seinem Problem so ziemlich alleine da und weiß nicht weiter.

Lösungsansatz 1: Der unempathisch-ablenkende Ansatz

Problem mit unpassender Lösung

Da kommt Herberts alter Freund Jakob (in blau) vorbei und bemerkt, dass es Herbert nicht so gut geht. Also macht er einen Vorschlag, was sie machen könnten, um Herbert wieder aufzumuntern: sie könnten sich ein schmackhaftes Abendessen gönnen!

In diesem Ansatz hat Jakob den Vorteil, dass er in seiner guten Laune bleiben kann. Weil der Vorschlag zwar gut gemeint ist, aber so gar nicht zu seinem Problem passt, fühlt sich Herbert jedoch unverstanden. Er nimmt den Vorschlag an, und tatsächlich macht es Spaß mit Jakob. Aber sein Problem beschäftigt ihn weiter.

Statt Jakob könnte man hier auch eine Aufzählung anderer ablenkender Tätigkeiten und Substanzen anführen. Das Prinzip ist ähnlich.

Lösungsansatz 2: Der empathisch-verstärkende Ansatz

Empathie macht das Problem größer

Ein paar Tage später trifft er auf Alex, der wenn es darauf ankommt sehr einfühlsam sein kann. Der wird ihn sicherlich verstehen! Tatsächlich hört Alex auch geduldig zu was ihm erzählt wird, und es gelingt ihm sich gut in Herberts Situation hineinzuversetzen. „Hmm, das ist wirklich schwierig“, meint Alex zu ihm.

Nun fühlt er sich verstanden – aber irgendwie auch machtlos. Das Problem ist irgendwie realer, größer geworden, denn nun hat ihm auch Alex bestätigt, wie groß das Problem ist. Alex macht sich nun auch nach ihrem Treffen weiter Sorgen um Herbert, was Herberts Gefühl der Machtlosigkeit eher noch verstärkt. Zudem fühlt er sich nun auch noch zusätzlich schlecht, weil er Alex mit seinem Problem “belastet” hat.

Man könnte den Zugang auch folgendermaßen beschreiben: Jemand ist in einen Brunnen gefallen und kommt aus eigener Kraft nicht mehr heraus. Da kommt ein Passant vorbei, der um die Situation gut nachfühlen zu können ebenso in den Brunnen springt. Wenn sich die beiden nun unterhalten können sie sich gut verstanden fühlen. Aber heraus kommen sie so beide nicht.

Lösungsansatz 3: Der empathisch-spiegelnde Ansatz

Empathisches Spiegeln löst das Problem

Nun schon sehr verunsichert, trifft er zufällig am Sonntag darauf einen weiteren alten Freund, Klaus. Auch der hört ihm einfühlsam zu, aber irgendetwas ist dieses Mal anders. Klaus, der schon viel erlebt hat in seinem Leben, hat mit der Zeit eine wertvolle Fähigkeit entwickelt: er kann Probleme spiegeln, und damit die verborgene zweite Hälfte einer Problemstellung herausfinden.

Klaus nutzt seine Empathie, um zum passenden Gegenüber zu Herberts Problem werden zu können, ohne in das Problem „hineingezogen“ zu werden. Für einen wertvollen Moment lässt er sich auf eine Rolle ein, in der er eine bestimmte Form des Kontaktes ermöglicht, die stimmig zu Herberts Problematik passt.

Anstatt Herberts Position einzunehmen, nimmt er die exakt spiegelverkehrte ein. Dadurch fühlt sich Herbert verstanden, Klaus geht jedoch in eine Position, die einen Gegenpol zu Herberts Position der Machtlosigkeit einnimmt. Aus dieser Position der Voll-Macht kann er Herbert helfen, das Problem zu transzendieren und es zu einer konstruktiven Lernerfahrung für Herbert (und auch Klaus selbst!) werden zu lassen.

Was braucht es für den hilfreichen empathischen Ansatz?

Was Klaus in unserem Beispiel zu einem hilfreichen Gegenüber macht, sind zwei Fähigkeiten:

  • In stimmigen Kontakt zu gehen, um zu erfühlen, welche Reaktion das Gegenüber erfordert
  • Die eigenen Blockaden soweit überwunden zu haben, um zu diesem stimmigen Gegenüber werden zu können

In den letzten Tagen und Wochen hatte ich viele Gelegenheiten, den empathisch-spiegelnden Ansatz auszuprobieren und kann den Zugang nur wärmstens weiterempfehlen – vor allem für jene, die von Natur aus sehr „spürig“/empathisch sind.

Man wird zwar dabei bisweilen ziemlich massiv mit den eigenen inneren Blockaden konfrontiert – aber es macht ja auch Freude, sich denen zu stellen und immer wieder mal welche auch zu überwinden.

Viel Freude dabei!
Niklas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.