Ist alles, was sich wissenschaftlich nicht belegen lässt, naturgemäß schlicht falsch? Oder schließt die wissenschaftliche Methode durch ihre Methodik selbst bereits gewisse ansonsten mögliche Erkenntnisse aus? Und wenn ja, wie könnte es möglich sein, diese Erkenntnisse mit jener einer objektiven Wissenschaft in Symbiose zu bringen, ohne die Wissenschaft als Disziplin zu verwässern?

In letzter Zeit beschäftigt mich eine Frage sehr stark, die an einer der Grundfesten unseres gesellschaftlichen Konsens rüttelt: der wissenschaftlichen Methode. Diese Methodik hat uns als Menschheit zu großartigen Erkenntnissen verholfen, und mein Anliegen ist es keineswegs, sie an sich zu diskreditieren oder für unzulässig zu erklären. Und doch sehe ich in einem bestimmten Zusammenhang eine mögliche Schwäche der Methodik, über die ich gerne diskutieren möchte.

(Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich gewissermaßen ein wissenschaftlicher Laie bin. Falls die hier aufgeworfenen Problematiken ohnehin schon längst aufgelöst wurden, freue ich mich über Hinweise zu den jeweiligen Werken.)

Das Problem Mensch im System

Es sind vor allem zwei Prinzipien der wissenschaftlichen Methodik, die in bestimmten Zusammenhängen vor allem in den Sozialwissenschaften zu problematischen Folgeerscheinungen führen könnten: Objektivität und Überprüfbarkeit, also die Voraussetzung, dass ein Phänomen oder eine vermutete Ursache nur dann als „wissenschaftlich“ akzeptiert wird, wenn es von verschiedenen Personen unabhängig voneinander reproduzierbar ist. Oder anders ausgedrückt: die Unabhängigkeit von der handelnden Person muss gegeben sein.

Das Werk „Influence“ von Robert Cialdini z.B. hat versucht, einige unabhängig von der handelnden Person nutzbare Beeinflussungs-Möglichkeiten aufzuzeigen. Nur: viele Menschen nehmen die Nutzung dieser wissenschaftlich abgesicherten und funktionierenden Methoden als Manipulation und damit als etwas Negatives wahr, wenn sie ihnen ausgesetzt werden. Der Grund dafür könnte gerade darin liegen, dass diese Methoden und Prinzipien unabhängig davon wirken, ob der Handelnde das Interesse des Anderen im Sinn hat. Es „funktioniert“ einfach (in den meisten Fällen), diese Methoden zu verwenden, und es ist nicht unbedingt notwendig, sich individuell mit den „Zielen“ dieser Methoden der Beeinflussung zu beschäftigen, also den Menschen.

Dann jedoch gibt es auch Zugänge, die sich mehr auf das stützen, was ich für mich „stimmigen Kontakt“ getauft habe, nämlich ein Erspüren der Bedürfnisse des jeweils anderen, und ein Ableiten der jeweils stimmigen Handlungen daraus. Wer sich in diesen stimmigen Kontakt wagt, wird selbst essentieller Teil des Erspürens der im Moment notwendigen Handlungen. Und damit wird das konkrete Tun, das sich aus diesem stimmigen Kontakt ableitet, je nachdem welche Menschen und in welcher Situation diese darin zusammenkommen, ein anderes sein. Was in stimmigem Kontakt passiert, ist daher nur schwer reproduzierbar oder objektivierbar, ist gewissermaßen in seiner Definition bereits einzigartig (wenn auch möglicherweise anderem ähnlich).

Man könnte nun versuchen, Menschen in Untergruppen einzuteilen, etwa zu vermuten, dass hochsensible Menschen leichter in stimmigen Kontakt mit anderen treten können, und zu versuchen, stimmigen Kontakt als „Methode“ in ihrer Wirksamkeit zu messen. Aber ich sehe da ein ähnliches Problem wie mit der „Individualisierung“ des Unterrichts: es ist ja ganz nett, eine Schulklasse in mehrere Untergruppen einzuteilen um diesen Untergruppen jeweils besser entsprechen zu können, aber warum dann nicht gleich den mutigeren Schritt wagen und sich frage, wie Lernen von Individuen in Gemeinschaft am sinnvollsten organisiert werden könnte, basierend auf den Bedürfnissen genau dieser Individuen? Wenn stimmiger Kontakt keine Methode im ursprünglichen Sinn darstellt, warum dann überhaupt versuchen, sie als solche zu verifizieren? Warum nicht versuchen, stattdessen ein Bewertungssystem zu entwickeln, das diesem Zugang auch tatsächlich entsprechen kann?

Das Dilemma subjektiver Realität

Eine Problematik, die ich sehe, ist eine Art Unterscheidung zwischen „wissenschaftlich erwiesen“ als objektive Realität und „nicht wissenschaftlich erwiesen“ als gewissermaßen „eingebildete“ Realität. Ich mag Geschichte sehr gerne, unter anderem deswegen, weil man dabei lernen kann, dass zu jeder Zeit Menschen sich gewundert haben, wie die Menschen vor ihnen bestimmten Erklärungen glauben konnten, die – nach aktuellem Wissensstand – dann doch sehr unlogisch klingen. Es ist für mich daher vorhersehbar, dass die Menschen in 100 Jahren über uns ähnlich denken, und wir uns über vieles, was wir heute glauben sicher zu wissen, im Nachhinein betrachtet geirrt haben werden.

Welche Wahl hat nun heute ein Mensch, der in seiner Wahrnehmung und Erfahrung etwas erlebt, das er sich wissenschaftlich (noch) nicht schlüssig erklären kann? Er wird diese Wahrnehmung/Erfahrung entweder a) für sich unterdrücken, b) er wird sich selbst ein subjektives Erklärungsmodell entwerfen, oder – wohl häufiger – c) sich ein alternatives Erklärungsmodell aus anderen Quellen suchen, das bereits von mehreren anderen vertreten wird, und dadurch eine gewisse „Objektivität“ bekommt.

Diese Spannung zwischen subjektivem Erleben und „objektiv akzeptierter“ (=wissenschaftlicher) Realität kann so groß werden, dass sie jemandem zu einem willkommenen Opfer für manipulative Gruppierungen, Sekten, Ideologien etc. macht, oder Menschen gar zu anderen verzweifelten Handlungen führt.

Verschenken wir damit nicht per Definition Potentiale?

Die Frage, die sich mir zusätzlich gerade auch in Bezug auf die Pädagogik und Führung von Mitarbeitern stellt, ist jene, ob wir nicht auch sehr viel Potential verschenken, indem wir uns darauf einigen, dass wir wissenschaftlich und damit reproduzierbar geeignetsten Methoden unabhängig vom Ausführenden für die wertvollsten erklären. Das Ergebnis davon kann ja damit im Grunde nur eine sehr durchschnittliche Qualität haben, wenn die Methode von einem jeden erfolgreich eingesetzt werden können muss. Was würde passieren, wenn wir stattdessen Menschen in ihrem Miteinander zutrauen, so zu handeln, wie sie es nach bestem Wissen und Gewissen für am sinnvollsten für alle Beteiligten in der jeweiligen Situation halten?

Sich auf „objektiv sinnvolle“ und wissenschaftlich abgesicherte Methoden zu verlassen, entbindet gewissermaßen auch von der persönlichen Verantwortung. Solange ich das tue, was laut Wissenschaft das Beste ist, ist im Falle des Scheiterns die Wissenschaft schuld, nicht ich. Sobald ich stattdessen davon abweiche und so handle, wie es sich subjektiv richtig anfühlt, bin ich selbst verantwortlich für die Konsequenzen meines Handelns.

Die spannende Frage, die sich für mich daraus ergibt, ist jene: wie kann eine objektive Wissenschaft, die für mich durchaus ihre Berechtigung hat, in einer sinnvollen Symbiose mit subjektiven Zugängen existieren, ohne notwendigerweise Tür und Tor für problematische Ideologien zu öffnen?

Eine subjektive Ergänzung zur objektiven Wissenschaftlichkeit

Die einfachste Antwort, die mir darauf einfällt, ist die, diese subjektiven Zugänge als solche anzuerkennen und einzuschränken. Eine objektive Wissenschaft stellt den Anspruch, eine für alle nachvollziehbare Realität abzubilden. Eine subjektive Komplementär-Perspektive darf dann für sich nur beanspruchen, subjektiv, für mich richtig zu sein. Sie darf nie in den Trugschluss verfallen, dass diese subjektive Wirklichkeit zwingend auch für andere gilt, sonst driftet sie rasch zur Ideologie ab. Ein zweites Kriterium für diesen zusätzlichen subjektiven Zugang ist jener der Selbstverantwortung für die Konsequenzen dieser Abweichung von der gemeinsamen objektivierbaren Lehr-Meinung.

In den letzten Jahren wurde beispielsweise viel über Hochsensibilität geschrieben, und ich bin dankbar dafür, weil es mir einen gewissen Erklärungsrahmen für meine subjektiven Erfahrungen der letzten Jahrzehnte geschenkt hat. Ich habe aber auch bereits viele Menschen getroffen, die sich selbst als hochsensibel bezeichnen, und in ihrem Verhalten nicht wirklich sehr in Kontakt mit anderen wirkten – da liegt die Vermutung nahe, dass diese Menschen noch keine passendere Erklärung für ihre subjektiven Erfahrungen gefunden haben, und dann eben fürs erste das Thema Hochsensibilität für sich „nutzen“, um ihre subjektiven Erfahrungen in einen objektiveren Rahmen einzuordnen. Möglicherweise hilft die Identifizierung mit einem solchen Phänomen auch dabei, sich nicht mehr so „subjektiviert“, also auf sich selbst zurückgeworfen zu fühlen.

Ich kann mir ja anhand meiner eigenen subjektiven Erfahrungen gut vorstellen, dass „Hochsensibilität“ im Grunde eine Art Umschreibung ist für einen oder mehrere zusätzliche Sinne, die wir – weil sie wissenschaftlich schwer nachzuweisen sind – als gesellschaftlichen Konsens für nicht-existent erklärt haben. Wie bei anderen Sinnen auch gibt es wohl eine bestimmte Veranlagung für verschiedene Ausprägungen (nicht jeder hat z.B. ein absolutes Gehör), und auch die Handhabung dieser Sinne muss mit der Zeit eingeübt werden. Da in unserer gesellschaftlich akzeptierten objektiven Realität diese „zusätzlichen“ Sinne offiziell schlicht nicht existieren, ist es für die meisten schwierig, Vorbilder zu finden, weswegen die Ausprägung dieser Fähigkeiten bei vielen nur rudimentär bleibt, und so oft missverstanden wird.

Auch die zahlreichen Geschichten über Engelerscheinungen und die jeweiligen Varianten in anders geprägten Kulturen erscheinen mir vom Grundprinzip sehr ähnlich dessen, was ich als Phänomen immer wieder selbst erlebt habe: manchmal einfach etwas zu „wissen“ oder zu spüren, was die Wahrheit ist, selbst wenn dies in einer objektiv (d.h. für jeden Menschen) nachvollziehbaren Realität für mich nicht logisch erklärbar ist, wie so etwas möglich sein sollte.

Nur habe ich mich wohl zu lange und intensiv mit diesen Themen beschäftigt, um mich nicht mit „fertigen“ äußeren Erklärungsmodellen zufrieden zu geben, und genug positive Erfahrungen damit gemacht, im Zweifelsfall auf dieses „Bauchgefühl“ zu vertrauen, auch wenn ich nicht begründen kann warum. Dies bedeutet nicht, dass dieser Zugang für andere notwendigerweise ebenso stimmig sein muss, noch dass ich mich damit der persönlichen Verantwortung für die Konsequenzen meiner so getroffenen Entscheidungen losspreche (man könnte es ja auch – je nach gewählter Erklärungs-Ideologie – als „Aufträge von Engeln“ interpretieren), und damit kann mein subjektives Erleben relativ konfliktlos mit dem sonstigen objektiv-wissenschaftlichen Erklärungsgebäude der Wissenschaft sowie subjektiven Interpretationsversuchen anderer ko-existieren.

Ein Versuch einer Kategorisierung subjektiver Realität

Tatsächlich sind diese zwei Kriterien für mich mittlerweile auch eine Art „Güte-Siegel“ geworden, wenn ich mit anderen über ihre subjektiven Erlebnisse und Erfahrungen spreche, die sich der objektiv und wissenschaftlich überprüfbaren Realität entziehen mögen:

  • Handelt dieser Mensch in persönlicher Verantwortung der Konsequenzen seiner Handlungen, oder beschuldigt er andere Menschen, Gruppen, Mächte für sein Erleben?
  • Ist der Mensch zufrieden damit, für sich eine subjektiv sinnvolle Erklärung gefunden zu haben, oder zeigt sich stattdessen eine Art missionarischen Überzeugungseifers?

Mit Hilfe dieser (oder einer weiter verbesserten) Kategorisierung subjektiven Empfindens ist es hoffentlich möglich, wissenschaftlich (noch) nicht erklärbare Erfahrungen subjektiv abzubilden, ohne notwendigerweise in schein-objektivierte Glaubens-Systeme abdriften zu müssen.

Niklas

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