Nach knapp 5 Jahren in denen der Bunterrichten-Blog nun existiert habe ich nun endlich eine für mich schöne Definition gefunden worum es mir eigentlich geht und womit ich mich befassen möchte. Ursprünglich begann ich ja als Lehrer mit Pädagogik und alternativen Formen des Unterrichts, noch ursprünglicher wenn man so will mit soziologischen Betrachtungsweisen, und ganz zu Beginn als Programmierer. Und nun, nach allen Jahren, machen all diese Zwischenstationen plötzlich Sinn, weil sie gemeinsam einfließen in das, was ich hier schaffen will und (ohne es noch klar definieren zu können) wohl von Anfang an wollte: Die Kunst, soziale Systeme zu gestalten statt sie zu erleiden.

Den Kunstbegriff dafür zu verwenden habe ich mir abgeschaut vom bahnbrechenden Werk „Die Kunst des Lieben“ von Erich Fromm, denn der Begriff „Kunst“ beschreibt die Problematik sehr genau: unser Problem in sozialen Systemen ist nur selten fehlendes Wissen was schlauerweise zu tun wäre (Danke an dieser Stelle auch an meinen Vater für diesen Gedanken), sondern dass wir es  nicht praktizieren. Somit sind wir – etwa in einem Team in dem es nicht rund läuft – meist eher Kunst-Kritiker denn Künstler und kritisieren dann etwa unseren Chef weil der nichts unternimmt.

So bleiben wir passiv, und erleiden unsere sozialen Systeme. Ich will dazu beitragen, dass wir alle das Bewusstsein entwickeln dass wir eine Alternative haben: sie zu gestalten, und das unabhängig von unserer formalen Position im System.

Sich in einer Kunst üben, weil Wissen alleine nicht reicht

Ein sehr simples Beispiel, das den meisten Lesern bekannt sein dürfte: man gewöhnt sich an, alle wichtigen Dokumente in einen speziellen  Unterordner zu speichern, um sie nicht zu verlieren. Drei Jahre später sucht man dann ein Dokument, aber braucht Stunden dafür, weil der Unterordner mittlerweile so vollgestopft ist und man nicht mehr weiß wie das ursprüngliche Dokument hieß. Noch viel komplizierter wird es dann, wenn Ordner von mehreren Personen gleichzeitig genützt werden oder man alte Ordner nicht löschen darf weil man ja nicht weiß was für wen noch relevant ist. In diesen Datei-Friedhöfen noch etwas zu finden wird zur Mammut-Aufgabe.

Wer schon einmal in dieser Situation war und sich damit beschäftigt hat weiß vermutlich, dass der Schlüssel dazu, Sachen wiederzufinden darin besteht eine Art Übersicht zu erstellen und aktuell zu halten. Das kostet regelmäßig ein kleines bisschen Zeit und erspart langfristig sehr viel Zeit. Die meisten von uns wissen das. Wie viele von uns setzen es auch um und bleiben dabei diszipliniert?

Das Erlernen einer Kunstform erfordert beständige Praxis. Erkenntnisse (eigene oder durch andere gewonnene) können gewisse Teilprozesse beschleunigen, aber die Praxis nicht ersetzen. Wer alle möglichen Akkorde an einer Gitarre nennen kann (Wissen), kann deswegen noch nicht Gitarre spielen (Praxis).

Warum die Kunst, soziale Systeme zu gestalten, so schwierig zu erlernen ist

Die Kunst, soziale Systeme zu gestalten ist womöglich die allerschwierigste Kunst, die ein Mensch erlernen kann, weil die Akteure in diesem System lebendige Subjekte sind. Eine Gitarre ist vielfältig, und ihr die verschiedensten Töne zu entlocken ist eine große Kunst, aber sie bleibt ein passives Objekt. Menschen in sozialen Systemen jedoch haben ihre eigenen Agenden, und es kann durchaus passieren dass der formale Anführer eines sozialen Systems plötzlich von seinen Untergebenen gelenkt wird, oder etwas oder jemand außerhalb des eigentlichen sozialen Systems nimmt an Relevanz zu, mit dem man ursprünglich gar nicht gerechnet hat.

Wer sich mit Geschichte beschäftigt wird einen roten Strang entdecken, der sich durch die Geschichte der Menschheit zieht: soziale Systeme sind nicht vorhersehbar im Sinne einer totalen Kontrolle. Auch die ausgefuchstesten Kontrollsysteme waren nicht imstande, ein soziales System für immer und hermetisch abgeriegelt zu kontrollieren. Es funktioniert für eine Weile die Illusion aufrechtzuerhalten, aber irgendwann bricht früher oder später ein chaotisches Element durch und bahnt sich dann doch wieder seinen Raum. Immer wieder wurde versucht, Menschen als Objekt zu behandeln damit sie nicht so furchtbar komplizierte soziale Systeme ergeben – vergeblich.

Mein Freund René freut sich hoffentlich darüber wenn ich ihn als Tai Chi-Lehrer hier sinngemäß zitiere: je mehr man sich darauf versteift jemanden zu überwinden, desto leichter wird man selbst überwunden. Oder – anders ausgedrückt – soziale Systeme zu gestalten ist, wenn sie langfristig ausgelegt ist, eine gewissermaßen sanfte Kunst, die im richtigen Moment an den richtigen Orten den genau richtigen Druck ausübt.

Die Teildisziplin, stimmigen Kontakt herzustellen und aufrechtzuerhalten

Wer sich beispielsweise mit den Kampfkünsten beschäftigt wird festgestellt haben, dass auch hier Wissen alleine nicht ausreicht, obwohl es durchaus hilft. Man braucht immer auch eine gewisse Sensibilität und Kontrolle über seinen Körper und seine Emotionen, um nicht nur mit roher Kraft und damit ineffizient zu arbeiten. Es funktioniert auch mit Kraftausübung, aber es ist ineffizient, und ähnliches trifft auch auf soziale Systeme zu. Man kann eine Schulklasse mit genügend Druck dazu bringen zu machen was man für richtig hält. Nur kostet dies nicht nur viel eigene Kraft, die Ergebnisse sind auch meist – wenn überhaupt – das was man eingefordert hat. Leistungen mit denen man gar nicht gerechnet hätte, also Mehr-Leistung oder gar Innovation, ist unter Anwendung von Kraft in sozialen Systemen nur schwer zu erreichen.

Andererseits ist ein Laissez-faire-Stil in dem Akteure in sozialen Systemen tun und lassen können was sie wollen auch nicht zielführend, ähnlich wie in den Kampfkünsten ein völlig lascher Körper nicht sinnvoll ist. Es braucht ein gesundes und an die jeweilige Situation angepasstes Maß an (Körper-)Spannung, und in sozialen Systemen wie auch in den Kampfkünsten definiert sich dieses Maß an dem Punkt, an dem stimmiger Kontakt herrscht. Die Herstellung und Aufrechterhaltung von für beide Seiten stimmigem Kontakt mit den Menschen in sozialen Systemen in denen wir uns bewegen ist eine der Teildisziplinen der Kunst soziale Systeme zu gestalten. Oder, wie mein französischer Freund Robin Leroux unlängst an mich schrieb: die meisten Menschen wollen geführt werden, obwohl sie sich im Alltag oft über die Führenden beschweren. Wir wollen den Kontakt, aber er muss stimmen.

Ich selbst z.B. tendiere in meiner Ursprungspersönlichkeit dazu, eher den Kontakt zu Menschen zu verlieren oder gar nicht aufzunehmen als zu viel Kraft einzusetzen und damit in ihren Raum einzudringen, während andere möglicherweise eher dazu tendieren zu viel Druck auszuüben. Beides zeugt von mangelnder Sensibilität und weist uns einen Weg hin zu größerer Kunstfertigkeit.

Für wen das Erlernen dieser Kunst relevant ist

Ich selbst habe ja den Großteil meiner praktischen Erfahrungen in dieser Kunst im pädagogischen Bereich gesammelt, sprich in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Vor allem in meiner letzten Arbeit in der ich mit erwachsenen Ehrenamtlichen zu tun hatte die teilweise doppelt so alt waren wie ich habe ich jedoch noch einmal die Bestätigung für meine Vermutung gefunden, dass das Führen von Erwachsenen dem von Kindern im Grunde sehr ähnlich ist.

Diese Kunst ist nicht nur relevant für Führungskräfte, sondern auch für die von ihnen Geführten, denn auch wenn es formal gesehen nicht ihre Aufgabe ist, warum sollen sie darunter leiden wenn ihre Führungskraft ihrer Aufgabe nicht gut genug nachkommt? Warum nicht stattdessen der Führungskraft durch eigene Initiative helfen, eine bessere Führungskraft zu werden? Gerade weil soziale Systeme so lebendig und vorhersehbar sind, ist es im Grunde irrelevant, in welcher sozialen Rolle man sich gerade formal befindet, den die Kunst soziale Systeme zu gestalten ist eine zutiefst informelle.

Mir ist bewusst, dass die formalen Systeme in denen sich die meisten von uns bewegen nur begrenzten Raum für die Anwendung dieser Kunst zu bieten scheinen, und auch selbst bin ich in meinem Leben nicht nur einmal an Grenzen gestoßen. Und trotzdem hat die Praktizierung dieser Kunst mein Leben bereichert wie kaum ein anderes Interessensgebiet, und es ist mir ein großes Anliegen, auch andere für sie zu begeistern.

Ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt des Erlernens dieser Kunst ist nämlich auch das Bewusstsein, in welchen sozialen Systemen man bereit ist sich zu bewegen und in welchen nicht (mehr), wann es also Zeit ist zu gehen. Das beschreibt auch unsere Nutzerin Blondie sehr interessant in ihrem Erfahrungsbericht.

Warum sollte ich einem Niklas vertrauen? Was hast du vorzuweisen?

Bin ich bereits ein „Großmeister“ dieser Kunst, der alles weiß und nichts mehr dazulernen muss? Natürlich nicht, und vermutlich – hoffentlich – werde ich diesen Punkt niemals erreichen. Das Prinzip der relativen Meister, das ich schon mehrfach hier beschrieben habe, erlöst mich jedoch von der Notwendigkeit, ein absoluter Großmeister zu sein, genauso wie jemand der Gitarre erlernen will nicht notwendigerweise Brian May oder Carlos Santana benötigt um sich ein Stück weit in seiner Kunst weiterzuentwickeln.

Ich mache niemandem im Alleingang zu einem großen Künstler in der Gestaltung sozialer Systeme, schon deswegen weil dieses Potential niemand besitzt als ein jeder für sich selbst. Ein jeder von euch kann zu einem großen Künstler in der Gestaltung sozialer Systeme werden, wenn er die Kunst nur regelmäßig praktiziert. Das kann ihm weder ich noch sonst jemand abnehmen. Andere können ihm nur helfen, effizienter beim Besserwerden zu sein, aber ohne eigenen Einsatz erlernt sich keine Kunstform.

Ich habe dies nun selbst die letzten Jahre in verschiedensten Formen praktiziert und kann daher mit gewisser Selbstsicherheit behaupten zumindest die Basics zu beherrschen. Mein Ziel ist es jedoch nicht, eine Jüngerschaft um mich zu scharen die nun an meinen Lippen hängt, sondern ein Netzwerk an relativen Meistern, die jeweils voneinander lernen was für sie gerade am Relevantesten ist. Kann ich aushelfen so helfe ich gerne wo ich kann, kann ich von anderen lernen freut es mich ebenso.

Deswegen ist die neue Plattform als eine Art „Freie Schule“ aufgebaut, die darauf ausgelegt ist, voneinander und miteinander zu lernen und sich gemeinsam in dieser Kunst zu üben. Strukturell basiert diese Plattform zu weiten Teilen auf meinen pädagogischen Erfahrungen, d.h. alles was in den (Freien) Schulen etc. an denen ich gearbeitet habe gut funktioniert hat habe ich versucht einzubauen, etwa das System der relativen Meister usw. Zusätzlich habe ich noch einen speziellen Community-Unterbereich programmiert, in dem die Benutzernamen von Autoren automatisch anonymisiert werden, falls sich jemand nicht traut, über Herausforderungen in seinen konkreten sozialen Systemen offen zu schreiben. Er heißt “Sicherer Raum”, und ihr findet ihn hier.

Was bisher geschah

Weil einer der schwierigsten Phasen beim Aufbau einer Community jene am Anfang ist (wer will schon in eine leere Community eintreten?) habe ich in den letzten Wochen Interviews mit Interessierten geführt, diese zusammengefasst in aktuelle Problemstellungen bzw. Erfahrungen mit Lösungswegen und dann unter dem Benutzer des jeweiligen Interview-Partners veröffentlicht. Das bedeutet alle Inhalte die ihr dort vorfindet sind durchaus real Erlebtes, aber da die Beta-Phase erst diesen Montag offiziell begonnen hat ist die Interaktion bisher noch spärlich. Daher freue ich mich sehr darüber, wenn du dich in die Diskussion einbringst oder neue spannende Themen aufwirfst, um diesen Ort mit Lebendigkeit zu füllen.

Realistischerweise kann ich mich auf Dauer nicht mit allen Menschen die ich gerne treffen würde treffen, ein reiner Online-Kontakt ist auf Dauer aber auch nicht ideal. Deswegen treffe ich mich bis auf Weiteres zumindest mit Menschen aus Oberösterreich oder sonstwie für mich gut erreichbaren Orten, um uns auszutauschen – und die Menschen die ich treffe bei der Gelegenheit eventuell gleich zu interviewen, war bisher immer sehr produktiv und hat auch beiden Seiten großen Spaß gemacht. Wer da Interesse hat, einfach bei mir melden, Kontaktdaten findet ihr unter der Unterseite wer? auf der neuen Plattform. Angebot steht solange der Vorrat (sprich meine Zeit) reicht, nächste Woche stehen schon mal 2 weitere Interviews auf dem Plan 🙂

Wenn dir irgendetwas auffällt bei dem du dir denkst „Das wäre aber anders besser!“, bitte ich darum mir das mitzuteilen. Die Plattform ist als offenes System konzipiert, und alles was als soziales System Sinn macht und ich technisch umsetzen kann (da ich ganz gut Programmieren kann sind der Fantasie da kaum Grenzen gesetzt) hör ich mir gerne mal an. Am allertollsten wäre es wenn du das ins entsprechende Unterforum stellst, dann sehen nämlich auch andere dass der Punkt schon aufgeworfen wurde und ich werde nicht überschwemmt von gleichartigen Emails, als Beispiel könnt ihr den Vorschlag unserer Nutzerin Eva B. ansehen die das gleich mal vorbildlich gemacht hat. Danke!

So das wars erstmal von mir fürs erste, wenn alles klappt dann erscheinen ab nächste Woche wieder in regelmäßigen Abständen neue Artikel/Geschichten. Viel Freude damit!

Niklas

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