Als ich gestern Nacht mit einer Freundin darüber sprach, was ich an der Schule, an der ich arbeiten werde, gerne ausprobieren möchte, kam mir neben einer qualitativeren Demokratie, als sie sonst gerne praktiziert wird, der Gedanke, dass ich gerne mit authentischen Problemen experimentieren möchte. Damit meine ich Probleme oder Fragestellungen, die ich mir tatsächlich selbst stelle, in die Schule zu bringen. Das kann bedeuten, dass es darum gehen kann, wie ich es schaffen kann, weitere sichere Sitzgelegenheiten in meinem Verschwindibus anzubringen, ohne das praktische Klappbett dadurch zu verlieren, wie es möglich sei, Geld einzusparen aber auch kompliziertere Dinge wie beispielsweise, wie Obdachlosen tatsächlich und langfristig geholfen werden kann oder wie weitere Kriege weltweit zu verhindern wären. Kurz gesagt, Probleme, die mich tatsächlich beschäftigen und für dich ich tatsächlich (noch) keine zufriedenstellende Lösung habe.

Wenn ich mir Schule nicht als jene von der Welt abgeschottete Blase vorstelle, die sie derzeit noch oft ist, sondern als ein Zentrum interessierter Menschen und Problemlöser, so würde dies mehrere Dinge ermöglichen.

Probleme werden tatsächlich angegangen

Ich könnte meinen tatsächlich interessanten Fragen nachgehen und andere daran teilhaben lassen. Kinder (sowie Erwachsene) könnten sich auf freiwilliger Basis an der Problemlösung beteiligen oder auch nur mitverfolgen, wie das Problem (hoffentlich) gelöst wurde. Vermutlich würde ich so nebenbei auch einige der Schwierigkeiten tatsächlich angehen, die man sich sonst aufgrund angeblicher Zeiteinschränkungen nie erlaubt in die Hand zu nehmen.

Auf diese Art und Weise wäre ich wohl ein ziemlich gutes Vorbild dessen, was ich in den Kindern fördern möchte: Probleme anzugehen, die möglicherweise (noch) unlösbar sind – und es trotzdem zu versuchen. Und wenn es nicht möglich erscheint, sich eben Hilfe oder auch nur Trost zu erbitten. Wenn ich die Fragen, die ich mir tatsächlich stelle, in die Schule bringe, so schaffe ich damit eine offensichtlich überfordernde Situation, in der es nicht so schlimm ist, etwas nicht zu bewältigen.

Die angegangenen Probleme wären wohl allesamt subjektiv sinnvoll für diejenigen, die sie angehen. Entweder versuchen sie, ihre eigenen Schwierigkeiten zu lösen, oder helfen anderen, dies zu tun. In beiden Fällen erfolgt ein direktes Feedback über die Zufriedenheit mit der Lösung.

Komplexes pädagogisches Material wird weitgehend irrelevant

Wie Falko Peschels Pädagogik des leeren Blattes wird es in den meisten Fällen, wenn es um die Lösung tatsächlicher Probleme geht, kaum über Montessori-Material oder ähnlichem möglich sein. Natürlich wird oft Material benötigt werden, aber eher Rohmaterial, Werkzeuge zur Bearbeitung sowie Recherchemöglichkeiten. Neben der dadurch ermöglichten leichteren Übersicht (wenn weniger Material herumliegt) kann dies auch dazu führen, dass viel oft teures didaktisches Material nicht beschafft werden muss, sondern nur noch auf Anfrage selbst hergestellt wird. Der Umgang mit Material und Werkzeugen muss dann nur noch dort erlernt werden, wo das Material oder das Werkzeug auch tatsächlich einen Sinn erfüllt, etwa die Suche im Internet über einen PC.

Der Lehrplan wird (möglicherweise) nebenbei erfüllt

Da sich im Problemlösungsprozess in vielen Fällen gewisse grundlegende Tätigkeiten wiederholen (Recherche, praktisches Handeln, Reflexion, schätzen, vermuten, messen, Kommunikation untereinander, …), mag es sogar sein, dass alleine aufgrund der komplexen Anforderungen, die das Lösen komplexer Probleme mit sich bringen, ein Großteil der normalerweise in Kleinstschritten durchzuarbeitenden Lehrgänge abgedeckt bzw. weit überboten wird. Die tatsächlichen Auswirkungen lassen sich jedoch ohne ein Experiment in dieser Richtung wohl kaum abschätzen.

Eine sinnvolle Einbindung der Außenwelt wird denkbar

Weitergedacht würde es sich dann noch anbieten, eine solche Schule auch anderen Personen zu öffnen, die in diesem „Problemlösezentrum“ der Lösung ihrer Schwierigkeiten nachgehen bzw. sich Hilfe dabei suchen oder diese Hilfe anbieten. Anzudenken wären dabei auch Möglichkeiten, die zur Problemlösung oft notwendigen Materialien frei verfügbar zu machen, etwa über einen Kost-Nix-Laden mit dazugehörender Werkstatt/Bibliothek, um die nicht mehr gebrauchten Materialien in nützliche Neuschaffungen zu verwandeln, wo dies nötig erscheint. Möglicherweise ist es auf diese Art und Weise auch möglich, Elternbeiträge zu reduzieren oder ganz unnötig zu machen, weil durch den Zusatznutzen, den die Schule durch ihre Hilfestellungen der Umgebung bringt, eine Art von Crowdfunding der laufenden Kosten durch eine Art von Mitgliederbeitrag der die Schule besuchenden Menschen denkbar wäre.

Zurück in die Realität

Leider ist mir bisher noch keine Schule bekannt, in der solche oder ähnliche Experimente versucht wurden. Umso mehr würde es mich reizen, in diese Richtung zu experimentieren, und ich hoffe, in der Schule, in der ich arbeiten werde, die Freiräume vorzufinden, so etwas zu ermöglichen.

Denn die Alternative, dass Schüler stapelweise Materialien durcharbeiten oder selbst herstellen, dass dann die Schule nie verlässt und quasi sinnlos „verpufft“, gibt es bereits so häufig (wenn auch in verschiedenster Ausführung), dass sie mir fast ein wenig langweilig wird.

Niklas

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