Nach knapp 12 Stunden Fahrt (minus einigen Pausen) kam ich Donnerstags am Abend um ca. 21:00 endlich in Merzig an. Mein Plan, bis zum Nachmittag hier zu sein, war wohl nicht ganz realistisch gewesen. Trotzdem war die Rektorin der Schule, Johanna, so nett, mir entgegenzufahren, so dass ich die letzten Kilometer bis zur Schule hinter ihr nachfahren konnte. Bis knapp 23:00 blieb sie dann extra noch mit mir in der Schule, zeigte und erklĂ€rte mir alles und bot mir sogar an, in der Schule zu schlafen. Am Morgen durfte ich dann spontan auch noch den Vormittag hospitieren und die am Vortag erklĂ€rten Praktiken so auch in der Praxis erleben. NatĂŒrlich gibt es an jeder Schule viel Interessantes zu sehen; ich werde hier versuchen, nur einige besonders interessante Details zu beschreiben. Mehr Informationen zur Schule findet ihr unter der Homepage der Schule.

Variable Raumgestaltung

Bis auf einen Kunstraum und die zwei KlassenrĂ€ume der Schule, die weitgehend festgelegt sind, gibt es auch noch einige andere RĂ€ume, die von den Kindern manchmal völlig umfunktioniert werden. So wird etwa der Theater-Raum zu einem Massagen-Raum (in dem auch fĂŒr Massagen bezahlt wird und der Erlös Spenden zu Gute kommt), oder der Ruheraum plötzlich zum Operationsraum fĂŒr Chirurgen. Einzige Bedingung fĂŒr diese UmĂ€nderungen ist, dass sie niemanden stören. Es erinnert mich an das Buch von John Holt, indem er eine Schule beschreibt, deren komplette Innenausstattung aus Bierkisten besteht und deren Innenarchitektur wöchentlich von allen SchĂŒlern gemeinsam je nach aktuellen BedĂŒrfnissen neu geplant und umgesetzt wird. Simple Idee, aber durchaus nachahmenswert auch fĂŒr andere Schulen, denke ich.

Fokus auf gutes Klima

Wie schon angesprochen wird in dieser Schule viel Wert darauf gelegt, dass sich alle Beteiligten wohl fĂŒhlen – dies bedeutet in der Praxis, dass es sehr viel um Konfliktlösung geht. Kleinere Konflikte werden „privat“ in sogenannten „KĂŒchengesprĂ€chen“ gelöst, grĂ¶ĂŸere, die die ganze Gruppe betreffen, eben in grĂ¶ĂŸeren Versammlungen.

Viel Wert legt die Schule auch darauf, dass nicht nur die Kinder mit ihren authentischen BedĂŒrfnissen und die Konflikte, die daraus entstehen, geachtet werden, sondern auch die BedĂŒrfnisse der Betreuerinnen. Was an manchen freien Schulen aufgrund von ideologischen Vorstellungen von der Freiheit des Kindes ĂŒbersehen wird, funktioniert hier sichtlich gut: Wer beispielsweise ein BedĂŒrfnis nach mehr Ruhe hat, macht dies klar, ob SchĂŒler oder Lehrer, ist dabei gleichgĂŒltig. Manchmal entstehen dadurch Konflikte, was wieder zur Konfliktlösung fĂŒhrt. Ziel bleibt es dabei immer, ein angenehmes Klima fĂŒr alle zu schaffen. Diese AuthenzitĂ€t (ja, auch Erwachsene haben BedĂŒrfnisse) fĂŒhrt dazu, dass eine Konfliktlösung auf gleichberechtigter Basis stattfinden kann. Irgendwie völlig nachvollziehbar, aber noch selten habe ich es so klar umgesetzt beobachten können.

Impulse

Interessant ist auch die grundsĂ€tzliche pĂ€dagogische Arbeitsweise, die zum Großteil ĂŒber Impulsgebung funktioniert. Dies bedeutet in der Praxis, dass die Kinder weder weitgehend dem Material ĂŒberlassen werden (Montessori-Schulen sind da oft sehr strikt) noch fremdgesteuert werden (wie an Regelschulen oft beobachtbar), sondern diese Impulse entstehen eher nebenbei im GesprĂ€ch. Spannende Fragen, die sich aufwerfen, Herausforderungen, die die Kinder motivieren oder ErzĂ€hlungen, die sie verblĂŒffen und ihre Fantasie anregen stellen den Großteil dieser Impulse dar, die von außen betrachtet sehr natĂŒrlich entstehen, ohne aufgeblasene, kĂŒnstliche PĂ€dagogik.

Kooperation mit Altenheim

Besonders spannend fand ich es auch, dass nun seit einiger Zeit eine Kooperation mit einem Altenheim besteht. Die Kinder schreiben etwa gemeinsam mit den Alten Texte, unlĂ€ngst haben sie auch mit ihnen getanzt. Gerade vor zwei Wochen habe ich noch mit meiner Schwester darĂŒber gesprochen, wie unlogisch es ist, sich auf der einen Seite zu beklagen, dass wir wenige PĂ€dagogen und Aufsichtspersonen fĂŒr die Kinder haben und dass niemand mehr fĂŒr sie Zeit hat, und auf der anderen Seite werden dann viele alte Menschen ins Altenheim abgeschoben, wo sie zwar viel zu viel Zeit, aber viel zu wenig Sinnvolles zu tun haben. Ich finde es genial, dass die Forscherschule das macht. Da wird es auch ein Video dazu geben, vielleicht bekomm ich es irgendwann, dann stell ich es auch hier rein.

Abschließendes

Nachdem ich irgendwann nach fast 12 Stunden Fahrt schon ĂŒberlegt habe, ob ich es nicht besser lassen soll, diese Schule noch zu besuchen, bin ich nun echt froh, dass sich die arme Johanna noch so spĂ€t die Zeit genommen hat. Wenn meine Schulbesuchstour so weitergeht, werden diese zwei Wochen ziemlich genial


Niklas

Geschrieben habe ich den Artikel schon am Freitag, aber ich habe noch auf das ok der Schule gewartet, zudem funktioniert mein Handy-Hotspot nicht immer gleich gut. Ich habe zwar auch ein paar Fotos gemacht, aber um Roaming-GebĂŒhren zu sparen, lade ich sie lieber nicht in Deutschland hoch…

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