Heute folgte ich einer Einladung der Vogelsangschule nach Saalfelden im steinernen Meer. Inmitten der Berge ist dort vor mittlerweile bereits einigen Jahren eine alternative Schule entstanden, die ursprünglich auf den Erfahrungen der Wilds, Freinets und anderer aufbaute. Laufend weiterentwickelt und an die wechselnden Bedürfnisse der Umgebung angepasst, präsentierte sich mir heute eine nicht nur durchdachte, sondern auch sichtlich mit der Erfahrung der Jahre gewachsene Schule. Vieles, das ich hier auf diesem Blog vertrete, fand ich auch an dieser Schule wieder.

Grundstrukturen und Grundrhythmen

Die Schüler der Schule werden grob in Primaria 1, Primaria 2 und Sekundaria unterteilt, wobei auf eine jede Gruppe jeweils unterschiedliche Rechte und Pflichen zukommen. So dürfen etwa Schüler der Sekundaria auch selbstständig das Schulgebäude verlassen, um etwa ein Buch in der Bibliothek auszuborgen, unter der Voraussetzung, dass sie sich vorher abmelden. Die Schüler-/innen der Sekundaria organisieren sich ihren Schulalltag bereits weitgehend ohne die Begleiter-/innen, die mit dem Aufstieg in eine höhere Stufe zunehmend in den Hintergrund treten. Da dies ein gewisses Mindestmaß an Selbstverantwortung voraussetzt, erfolgt der Umstieg auf die jeweils nächste Stufe erst dann, wenn sich a) das Kind bereit dazu fühlt, aber auch b) die Begleiter-/innen das Gefühl haben, dass das Kind den jeweiligen Rechten und Pflichten der nächsten Stufe verantwortungsvoll gegenübertreten kann.

Ganz allgemein ist der Schulalltag sehr rhythmisch gestaltet. Der Wochenablauf erfolgt nach einem relativ konstanten Muster, so ist etwa die Zeit vor der Jause eher den Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen, die Zeit nach der Jause eher der Werkstattarbeit (Holzarbeit, Töpfern, Chemie, …) zugeteilt. Am Anfang eines jeden Tages legen die Schüler-/innen der Primaria 1 gemeinsam mit den Begleiter-/innen fest, was sie sich für den Tag vornehmen, am Ende wird reflektiert, was geschafft wurde und wie der Arbeitsprozess ablief. In der Primaria 2 und der Sekundaria wird dieser Tagesplan durch einen Wochenplan ersetzt, die Reflexionen werden ebenso wöchentlich durchgeführt.

Ganz allgemein gibt es in dieser Schule keine Noten, die ansonsten üblichen Prüfungen werden durch Präsentationen und Ähnliches ersetzt. Einmal im Jahr wird ein schriftlicher, längerer Elternbericht verfasst, wöchentlich (soweit ich das richtig notiert habe) ein kurzer allgemeiner Elternbericht verfasst. Bevor manche Geräte wie Nähmaschinen alleine bedient werden dürfen, gibt es in Einzelfällen eine Art von „Eintrittskarten-Prüfung“, mit der das zusätzliche Recht, die Nähmaschine zu benutzen, erworben werden kann.

Einbettung in die Gesellschaft

Da die Schüler innerhalb der wenigen Grenzen, die die Schule und die Begleiter-/innen vorgeben, relativ viele Möglichkeiten haben, sich zu verwirklichen, haben sie bis zum Ende der Schulpflicht im Idealfall genügend Erfahrungen gesammelt, um eine fundierte Entscheidung für ihren weiteren Weg treffen zu können. Einer der Schüler, der sich sehr für Architektur interessiert, baut etwa derzeit mit einem Freund in der Werkstatt an einem Dachstuhl. Es ist auch jederzeit (wenn Bescheid gegeben wird) möglich, Praktika in Betrieben zu machen. Zum einen schnuppern die Schüler-/innnen damit in den Alltag der Berufe hinein, zum anderen knüpfen sie auf diese Art bereits Kontakte für eine spätere Lehrstellensuche.

Eine kleine Universität

Auch noch erwähnenswert finde ich, dass es zwei Arten von Lehrveranstaltungs-Systemen gibt. Eine davon „zeig-mir-was“ genannt, findet ein Mal in der Woche statt. In dieser Zeit präsentieren Betreuer-/innen, aber auch Kinder gewisse Themen. Die Teilnahme ist verpflichtend. Hier werden teilweise auch von den Begleiter-/innen Themen aus dem (Glocksee-)Lehrplan eingebracht, die ansonsten zu kurz kommen würden. Nach Möglichkeit wird versucht, tatsächliche Experten einzuladen – etwa einen echten Fallschirmspringer einzuladen, anstatt ein Video von YouTube vorzuzeigen.

Die zweite Art von Lehrveranstaltungs-System finde ich noch interessanter, weil sie an das Free-School-System erinnert. Ein jeder, der will, kann Aktivitäten vorschlagen, für die er dann verantwortlich ist, beispielsweise habe ich einen Zettel gesehen, auf dem ein Kind vorschlug, doch Honig aus Zapfen herzustellen. Die Initiator-/innen der Aktivitäten sind dafür verantwortlich, dass die Aktivität zustande kommt, interessant wird und auch alles wieder an seinem Platz kommt.

Die Internationale

Ebenso eher ungewöhnlich, aber ziemlich interessant finde ich, dass die Schule englischsprachige Volunteers beschäftigt, derzeit einen jungen Mann aus Spanien. Da auch der Vereinsvorstand aus Argentinien und auch einige der Kinder aus spanischsprachigen Ländern stammen, lernen die Kinder ganz nebenbei nicht nur Englisch, sondern auch noch Spanisch – oder zumindest besteht die Möglichkeit dazu. Da der Volunteer nur eingeschränkt Deutsch kann, sind die Kinder viel motivierter, Englisch mit ihm zu sprechen, als sie es mit muttersprachlich deutsch sprechenden Englisch-Lehrern sein würden. Zudem haben die Kinder gerade erst eine Partnerschule in Spanien besucht.

Demokratie zum Anfassen

Einmal in der Woche gibt es auch eine Art Vollversammlung oder Schülerparlament. Dazu hängt an einer Anschlagtafel ein Blatt Papier aus – hier dürfen Ankündigungen oder Diskussionsthemen eingetragen werden. Am Tag des Parlaments – das von Schüler-/innen moderiert wird – werden in einer ersten Phase die notierten Ankündigungen verkündet. In einer zweiten Phase werden die Ergebnisse der letzten Diskussionen vorgelesen. Niemand soll sich herausreden können, dass er etwa Regeländerungen nicht mitbekommen hat. Im letzten Teil, dem Diskussionsteil, steht es den Schülern frei, zu bleiben oder zu gehen, was je nach Wichtigkeit der Themen zu sehr kleinen oder größeren Diskussionsgruppen führt. Ich finde diese Lösung sehr gut durchdacht, weil sie Mitbestimmung als Möglichkeit belässt, aber auch ihren Wert sichtbar macht.

Auch, wenn die Hin- und Rückreise nach Saalfelden von Linz aus ewig (fast 4 Stunden eine Strecke von meinem Zuhause aus) dauert, es hat sich für mich definitiv ausgezahlt und ich kann diese Schule nach einem ersten Eindruck, den ich mir heute machen konnte, nur weiterempfehlen. An Eltern, die in der Nähe wohnen und überlegen, ihr Kind in eine alternative Schule zu schicken, aber auch an (angehende) Lehrer, die sich fragen, wie denn das mit der Alternativpädagogik in der Praxis umsetzbar sein könnte.

Niklas

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