Es gibt an beinahe jeder freien Schule einige Tendenzen, die sich zwar aus ihrer Entstehungsgeschichte oft logisch ableiten lassen, in der praktischen Umsetzung jedoch zu massiven Problemen führen würden. In einigen Schulen wurde es von den handelnden Personen zugelassen, dass sich diese Tendenzen oder Strömungen voll entfalten konnten, was zur Spaltung der Beteiligten in verfeindete Lager bis hin zu Schulauflassungen geführt hat. In anderen Schulen wehrten sich einige der Beteiligten, weil sie intuitiv spürten, dass die Folgen massiv sein würden. Oft wurden jene dann von Schulversammlungen oder Mitgliederversammlungen per Kampfabstimmung abgesetzt und die Schulen damit wieder in den Anfangszustand zurückversetzt (was oft ebenso zur Schulauflassung führte). Es ist wertvoll, diese Tendenzen zu kennen, im Ernstfall zu erkennen, um sie aufzeigen und verhindern zu können.

Die 1. Tendenz: „Lernbegleiter sind nur die Exekutive eines Konzepts.“
Konzepte haben meist den Nachteil, dass sie in der Theorie um einiges besser funktionieren als in der Praxis. Ich kann für ein einzelnes Kind, das ich gut kenne, eine Art „Konzept“ schreiben (und selbst das halte ich in vielen Fällen für fragwürdig), aber je mehr Kinder ich mit einem Konzept zu erreichen versuche, desto sinnloser wird mein Unterfangen. Ich müsste, um die volle Bandbreite der menschlichen Existenz irgendwie mit meinem schönen Konzept einzufangen, mit der steigenden Anzahl der Kinder immer unklarere und schwammigere Begriffe verwenden, was dann zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten offen lässt. Dies ist keine grundsätzlich schlechte Sache, weil es einen gewissen Spielraum für die handelnden Personen eröffnet, wird aber dann problematisch, wenn man versucht, das Verhalten dieser „Exekutive“ nach von vornherein schwammigen Kriterien zu überprüfen oder zu steuern oder auf eine “gemeinsame Pädagogik” abzustimmen.

Lernbegleiter als ständige Gestalter von Freiräumen

Die einzig sinnvolle mir bekannte Art und Weise, mit der Vielfalt der menschlichen Existenz umzugehen und sie in einer Gemeinschaft leben und lernen zu lassen, ist das mittlerweile von unserem Team intern entwickelte „Konzept“, das das Verhalten des Einzelnen trennt von einem übergeordneten und vermittelndem Überbau, der auf das Notwendigste reduziert ist, um die Freiräume der handelnden Personen möglichst groß zu halten, ohne die Freiräume der anderen dabei einschränken zu müssen.

Aus dieser Grundlage heraus ist zum Beispiel auch unser offener Stundenplan und das Angebots-System entstanden, dass es einem jeden Lernbegleiter, aber auch jedem Schüler, jedem Elternteil und jeder externen Person, erlaubt, auf die Art zu lernen, zu arbeiten und zu sein, wie er glaubt, am meisten zur Gemeinschaft beizutragen. Dieser Überbau ermöglicht es, dass ein „reines“ Montessori-Vorgehen neben einer Quasi-Regelschule im selben Gebäude existieren kann, ohne dass sich die Akteure darüber in die Haare kriegen müssen. Anstatt die Fähigkeiten jedes Einzelnen in Kompromissen abzudämpfen, können wir so in vielen Fällen aus uns allen das Beste herausholen.

Gemeinsame Systeme für alle Beteiligten

Dies hat unter anderem auch den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass wir Lernbegleiter uns damit im selben System befinden wie unsere Schüler, das selbe Kommunikationssystem nutzen und uns denselben Regeln unterwerfen wie sie. Wir sind nicht mehr die Lernbegleiter, „bei denen es ja klar ist, dass sie das können“, sondern Menschen wie sie, vielleicht mit einem Mehr an Erfahrung in gewissen Bereichen, aber ansonsten (hoffentlich) Vorbilder, die durchaus erreichbar erscheinen. Wenn wir dieselben Systeme der Kommunikation nutzen wie sie, können wir nachvollziehen, wo es Schwierigkeiten und Verbesserungsmöglichkeiten gibt, und wir entwerfen sie grundsätzlich für Erwachsene, bevor wir Erleichterungen, „Krücken“ für die Jüngeren hinzufügen, die sie mit der Zeit überwinden können. Am Ende lernen sie, mit Systemen umzugehen, die auch Erwachsene für sinnvoll halten. Aber ich schweife ab.

Wenn wir als Erwachsene Kindern Vorbilder für ein selbstbestimmtes Leben sein wollen, können wir es nicht zulassen, uns selbst fremdbestimmt durch unsere Schule zu bewegen. Wenn wir ihnen einen authentischen Umgang miteinander vorleben wollen, wie können wir uns dann – möglicherweise entgegen unserer Intuition des Augenblicks – dazu verpflichten lassen, einem Konzept zu folgen, dass diese spezielle Situation womöglich gar nicht vorgesehen hat? Ein Lernbegleiter, ein jeder erwachsene Mensch, ist zumindest in meiner hoffnungsvollen kleinen Gedankenwelt, eben mehr als eine Exekutive, ist eine Quelle der Inspiration, seine Umgebung zu einem schöneren, gerechteren oder einfach nur interessanteren Ort zu machen. Und natürlich machen wir dabei auch Fehler, irren uns, müssen uns manchmal entschuldigen. Auch das gehört zum Menschsein dazu.

Die 2. Tendenz: Über-Generalisierung

Die zweite problematische Tendenz, der wir als Team entgegenzuarbeiten versuchen, ist eine Verwechslung der Bedürfnisse eines (des eigenen) Kindes mit den Bedürfnissen aller Kinder. Es kommt immer wieder vor, dass Eltern das Gefühl haben, ihr eigenes Kind hat bestimmte an einer Schule unerfüllte Bedürfnisse, das müsse an der Struktur liegen, und deswegen sei die Struktur zu ändern, um die Bedürfnisse des eigenen Kindes erfüllen zu können. Es gibt zum Beispiel Kinder, die sich für manche Fächer etwa eine Art „Regelschul-Unterricht“ wünschen. Nun stehen in der aktuellen Struktur viele Optionen offen: das Kind kann zu einem Lernbegleiter (etwa seinem Tutor) gehen, und versuchen, einen Erwachsenen zu finden, der entsprechende Kurse leiten möchte (ich mache das gerade auf Wunsch einiger Kinder). Das Kind kann jemanden auch außerhalb der Kurse zu spezifischen Themen oder Problemen ansprechen und damit spontan Hilfe suchen. Oder (wie es derzeit bei einigen Schülern der Fall ist) einfach gemeinsam mit anderen Schülern selbst einen Kurs gründen.

Wenn wir es beispielsweise, wie immer wieder gefordert, zulassen würden, aus dem Bedürfnis einzelner Kinder heraus nun alle Kinder zu fixen Lernzeiten zu verpflichten, würden wir die Bedürfnisse anderer Kinder dabei missachten und kämen sehr rasch in Teufels Küche, wie man bei uns in Österreich so schön sagt, womöglich wieder mit emotional aufgeladenen Kampfabstimmungen und so weiter. Deswegen versuchen wir, eine Grundstruktur zu schaffen, in der sich ein jedes Kind die Schulerfahrung zusammenstellen kann, die es braucht. In dieser Struktur ist es möglich, sich selbst eine Regelschulerfahrung „nachzubauen“, Musik zu machen, die Werkstätten zu nutzen und vieles mehr, aber auch, „den ganzen Tag zu spielen“.

Dies bedeutet nicht, dass sich auch alle Kinder automatisch ihre eigenen Strukturen schaffen (können). Manche haben möglicherweise (noch) zu wenig interne Festigkeit aufgebaut, um damit zurechtzukommen. Der Trick dabei ist es jedoch, nun diese Kinder dabei zu unterstützen, für sich selbst „Krücken“ zu bauen, die ihnen helfen, die aber nicht allen Kindern (und damit auch Kindern, die sie nicht brauchen würden) verordnet werden müssen. So können wir manche Kinder zum Beispiel dabei unterstützen, sich selbst eine Art “fixen” individuellen Stundenplan aufzuzeichnen, anhand dem sie wissen, was im Laufe der Woche geschieht. Oder wir helfen Kindern, die noch nicht schreiben und lesen können, selbst Angebote in den offenen Stundenplan einzutragen oder die vorhandenen zu lesen.

Und die meisten der Kinder, die die ihnen (und allen) gewährten Freiräume noch nicht aus eigener Kraft voll ausfüllen können, werden irgendwann feststellen, dass sie ihre Krücken zunehmend ablegen können. In ihrem eigenen Tempo, durch ihre eigene Entscheidung und ihren eigenen Mut. Plötzlich beschreiben sie selbst ihr ersten Angebots-Zettel. Plötzlich kommen sie selbst und ohne Erinnerung durch uns pünktlich in einen Kurs. Denn sie wissen, dass keine äußere Struktur ihrer Entwicklung im Wege steht, dass sie selbst entscheiden können, wann sie ihre „Krücken“ los- und hinter sich lassen werden.

Denn sie wissen, dass sie selbst bestimmen können, mit welchem Ausmaß von Selbstbestimmung (und damit Verantwortung) sie bereits umgehen können, und wo sie noch Hilfe in Anspruch nehmen möchten.

Niklas

0 Replies to “Zwei Wege, eine freie Schule ad Adsurdum zu führen”

  1. GROSSartig! Einfach nur großartig!
    Stecke selber mittendrin und bewundere deine treffsichere, realitäts- wie emotionsnahe Beschreibung. Hier ebenso wie in dem Artikel “warum Alternativen scheitern”. Wenn weinen und lachen nahe beieinander liegen, ist das meist ein Zeichen für einen guten Film, gute Musik etc. So auch für deine Worte, Niklas! Danke dafür!
    Ein neuerdings erklärter Fan

  2. Vielen lieben Dank für das Lob! Das motiviert, auch weiterhin fleißig zu schreiben, soweit ich Zeit finde 🙂
    Und falls ich dir konkret wo weiterhelfen kann (“ich stecke selber mittendrin”), sag einfach Bescheid – die Mail-Adresse unter “Kontakt” funktioniert ganz gut 😉

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