#148 In einer schicksalshaften Novembernacht (Der Opfer-Mythos Österreichs)

#148 In einer dunklen Novembernacht
  • Feb. 2026
  • 5 min

Während die Schlacht um Stalingrad noch tobt, wird in einer schicksalshaften Novembernacht in Moskau ein folgenschweres Dokument über die Zukunft eines Staates unterzeichnet. Darin steht:

  1. Der Staat wird wieder unabhängig sein.
  2. Er wird fortan als 1. offizielles Opfer von Hitler-Deutschland gelten.
  3. Er hat eine Mitschuld an den Geschehnissen, aber wird dafür erst später sühnen müssen.

Zwei Jahre später, 1945, ist jener Staat von Deutschland befreit, aber immer noch von den Alliierten besetzt.

Wieder ein Jahr später sind trotz der Besatzung verblüffenderweise immer noch rund 500.000 offizielle Nazi-Parteimitglieder gemeldet - rund 7% der Bevölkerung.

1948 erlässt der Staat eine allgemeine Amnestie für in der Nazi-Zeit begangene "mindere" Verbrechen. Die betroffenen dürfen wieder wählen, und damit auch politisch mitbestimmen.

1955 gelingt es dem damaligen Außenminister sogar, den 3. Absatz aus der Moskauer Deklaration streichen zu lassen, die dem Staat eine Mitschuld an den Nazi-Verbrechen zuspricht. Auf diesem Weg wird es möglich sein, Milliarden an Reparationszahlungen abzuwenden.

Und so darf er wenig später stolz von einem Balkon verkünden: "Österreich ist frei!"

Damit werden wir einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen können...

Aber geht das wirklich so einfach? Worüber nicht mehr geredet wird, hat nie existiert? Wenn niemand ein Mordopfer findet - gab es dann keinen Mord?

Wenn du nicht gerade ein Psychopath bist, wird dein Gewissen da wohl etwas mitzureden haben.

Und du magst zwar schweigen, für dein Vaterland und seine Unabhängigkeit, magst alles auf dem Friedhof der Geschichte begraben wähnen. Aber das Gefühl der Schuld wird dich doch verfolgen. Wird irgendwo in dir dahinrotten.

Und bisweilen bahnt es sich dann seinen Weg in dein Leben, und lässt dich... Dinge tun.

Du wirst deine Enkeltochter schlagen, wenn sie zu viele neugierige Fragen stellt.

Du wirst den Ehemann deiner Tochter decken, wenn er für Geld alles tut. Denn hast nicht du selbst damals ebenso Unaussprechliches getan?

Deine andere Enkeltochter wird einen Mann heiraten, den sie niemals lieben, nur stillschweigend erdulden wird. Bevor sie selbst jung stirbt, gebiert sie diesem Mann drei Kinder. Deine Urenkel, die zwar ebenso gelernt haben zu schweigen und zu erdulden, aber womöglich nie erfahren werden, warum.

Denn 4 Generationen später lernen sie in der Schule immer noch nur, dass Österreich das erste Opfer des Nationalsozialismus war. Wollen ihre eigenen Vorfahren immer noch von nichts gewusst haben, und es schon gar nicht gewesen sein.

Aber an der Rechnung kann etwas nicht stimmen.

Bei 500.000 offiziell gemeldeten Nazi-Parteimitgliedern sogar noch nach der Besetzung durch die Alliierten und wohl unzähligen MitläuferInnen wurden am Ende laut offiziellen Quellen nur 43 zum Tode und 23 zu lebenslanger Haft verurteilt. Insgesamt wurden rund 350 zu größeren Strafen verurteilt, wobei einige davon später sogar wieder aufgehoben wurden.

Was uns zu zwei möglichen Schlussfolgerungen führt:

  1. In Österreich gab es kaum "tatsächliche" Nazis, sonst würden wohl mehr verurteilt worden sein.
  2. Die geringe Anzahl an Verurteilungen sollten eine politisch nützliche Geschichte, einen Mythos stützen.

Was ist wahrscheinlicher?

Nun, seit letztem Sommer weiß ich nun, das mein auf mich stets friedlich wirkender Ugroßvater damals bei der 7. SS-Division "Prinz Eugen" als Unteroffizier gedient hat. Laut den Nürnberger Prozessen einer der Kriegsverbrecher-Divisionen schlechthin. Dass sein ganzes Dorf damals begeistert zur SS ging. Und dass viele der Überlebenden von dort - und ihre Nachkommen - sich bis heute ärgern, dass "der Hitler damals so knapp vor Moskau" die letzten paar Meter nicht mehr geschafft hat.

Aber nichts davon hat meine Familie je selbst preisgegeben, auch nicht auf Nachfrage. Diese Mauer hält - bis heute. Ebenso gut, wie sie wohl auch in vielen anderen Familien noch dicht halten wird.

Doch wenn Wissen Macht ist, ist Unwissenheit auch Ohnmacht. Wenn wir schweigen, ohne überhaupt zu wissen, dass wir schweigen, oder warum noch, nach all den Jahren, dann macht uns das ziemlich unfrei. Verdammt womöglich auch unsere Kinder und Kindeskinder zu derselben Unfreiheit.

Und es macht noch etwas mit uns: Es macht uns zu Tätern.

In meiner Suche nach Antworten bin ich immer wieder über diesen einen denkwürdigen Satz gestolpert: "Verwundete verwunden andere." Und wenn ich so zurückblicke auf meine Familiengeschichte, dann ist dieser Satz leider nur allzu wahr.

Der 2. Weltkrieg endete offiziell 1945, also vor über 80 Jahren. Sollten Menschen meiner Generation nicht endlich wissen, dass der Opfermythos in Österreich zwar durchaus politisch nützlich, aber eben doch in weiten Teilen nur ein Mythos war?

Und falls die hier erzählte Geschichte, die natürlich nur ein kleiner Teil der "ganzen" Geschichte sein kann, irritieren, aufrütteln sollte, ins Grübeln bringt, ob sie denn womöglich wahr sein könnte - und was sie mit dir und deiner Familie zu tun haben mag - dann mag es sich lohnen, nachzufragen. Selbst zu recherchieren. Eigene Antworten zu finden.

Der Prozess, der dadurch losgetreten wird, mag überraschende Erkenntnisse bringen, mag bisweilen auch schmerzhaft sein.

Aber weil Unwissenheit Ohnmacht bedeutet. Weil Verwundete andere verwunden. Und vier Generationen hinter Mauern des Schweigens wirklich genug gelitten haben:

Darf diese Mauer nun endlich fallen.

Und wenn sich der Staub gelegt hat, sehen wir die Welt womöglich mit anderen Augen.

Ermächtigt. Wahrhaftig. Heil.


(Dies ist ein Text, den ich für den Toastmasters Area Contest 2025 in Salzburg vorbereitet hatte. Ich habe zwar nicht gewonnen - es reichte immerhin für den 3. Platz - aber gleich mehrere im Publikum kamen nach dem Vortrag auf mich zu und erzählten mir von ähnlichen Familiengeschichten, und dass sie erleichtert wären, dass endlich wer "den Elefanten im Raum" anspricht. Solltest du wie ich Österreicher sein, ist die Chance hoch, dass auch du in irgendeiner Form betroffen bist, ohne es zu wissen, weil das Schweigen leider auch 80 Jahre danach noch so omnipräsent ist. Falls du selbst recherchieren willst, was deine Großeltern oder auch Urgroßeltern im 2. Weltkrieg so erlebt haben, ist das Deutsche Bundesarchiv eine nützliche Quelle, dort kann man zu - bereits verstorbenen - Angehörigen recherchieren lassen. )

Nach und nach Aufblühen...

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