#152 Marmaras Glocken
Die Glocken begannen wieder zu läuten, und Rosalind fragte sich, wie oft sie aneinanderstoßen würden. Sieben. Acht. Neun. Mehr als acht Mal also. Ein Gesicht weniger, dass sie sich in Zukunft merken musste. Bei aller Zuneigung zu den anderen BewohnerInnen des Dorfes war ihr Gedächtnis leider in den letzten Jahren immer schwächer geworden, und die Blicker der wenigen, die sie in den letzten Jahren mit falschem Namen angesprochen hatte, hatten ihr genauso wenig gefallen. Was konnte sie dafür, dass sie nun schon über neunzig geworden war, in diesem Dorf, in dem sich seit Jahren neben der Anzahl der BewohnerInnen nur noch die verblassende Erinnerung an die Verschollenen zu verändern schien?
Nur Marmara, wie der jungen Marmara das nun wieder erklären? Die mit ihrer Puppe in der Hand die Gassen entlang lief, an den Trinkbrunnen schlurfte, tagein, tagaus all den Alten einen schönen neuen Tag wünschte, als wäre genau heute der schönste aller Tage. Welch hübsches Kind! Brachte Leben in dieses Dorf, das so vergessen schien im Trubel der sogenannten Modernität da draußen, die sich schon seit Jahren für niemanden hier mehr interessierte. Die jungen waren alle schon lang weg. Nur Marmara war noch hier. Wünschte einen neuen schönen Tag. Fragte alle, ob denn nicht dieser Tag einer der schönsten überhaupt sei. Und da war sie auch schon wieder, dieser Sonnenschein.
„Meine gute Rosalind, ist heute nicht der schönste Tag von allen?“, fragte sie, wie jeden Tag.
„Ein schöner Tag ist es allemal“, antwortete sie, wie immer.
„Aber ist es der allerschönste?“
„Wer weiß das schon?“
„Dann weiß es vielleicht ja ein anderer!“, rief die Gute, und schon war sie wieder fort, allen anderen die selbe Frage stellend wie jeden Tag, und gute Laune verbreitend. Selbst bei der griesgrämigen Helene gelang es ihr bisweilen, ein verstecktes Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Aber nur manchmal.
Rosalind ging weiter zum Brunnen, um etwas Wasser zu trinken, und schnaufte sich dann den Hang hinauf zu ihrer Freundin, wo sie einen angenehmen Nachmittag verbrachte, bevor sie früh zu Bett ging. In ihrem Alter brauchte sie viel Schlaf.
Sieben. Acht. Neun. Wieder jemand, dachte sie, als sie am nächsten Morgen erneut die Glocken hörte. Ach Kind, wie lange wirst du noch jemanden haben, den du fragen kannst, ob heute der schönste Tag von allein sei?, dachte sie, und überlegte ernsthaft, ob sie der Kleinen nicht einfach die Freude machen sollte, mit Ja zu antworten. Aber auch wenn sie nicht alle im Dorf sonderlich sympathisch fand, war doch jemand gestorben. Man feierte ja sowas nicht. Ein schöner Tag ist es allemal, antwortete sie, an die Brombeeren denkend. Brombeeren waren immer in Grund, einen Tag schön zu finden, und sie wucherten hier überall über den alten Ruinen. Und wie zum Beweis steckte sie sich eine Brombeere in den Mund und lächelte sie Kleine an.
Lange noch sah sie der Kleinen nach. In ihrer Vergesslichkeit hatte sie ganz vergessen, wie viele Gesichter es eigentlich in dem alten Dorf noch gab. Mussten ja immer weniger werden, so oft, wie die Glocken läuteten. Abends ging sie wie immer früh zu Bett, konnte aber lange nicht einschlafen. Ja, wie viele von uns mochte es noch geben? Sie nahm sich vor, am nächsten Tag mal bei allen Türen anzuklopfen. Und wenn ihr jemand böse wurde, weil sie nicht mehr wusste, wer denn genau wo wohnte, dann war ihr dieser jemand eben böse. Sie würde eine Volkszählung durchführen. Das gefiel ihr. Zufrieden schlief sie ein.
Am nächsten Tag humpelte sie durch das Dorf und klopfte an jeder Tür, doch niemand öffnete ihr. Nach einer Weile gesellte Marmara sich zu ihr, ohne etwas zu sagen. Dann, als sie offenbar verstand, was Rosalind vorhatte, begann sie, für die nicht mehr vorhandenen zu antworten.
„Helene? Die ist gestern verstorben.“
„Anne? Vor zwei Wochen, glaube ich.“
„Hermann? Das muss vor zwei Jahren gewesen sein.“
Sie klopfte und klopfte, aber die einzige Stimme, die auf ihr Klopfen antwortete, war stets nur Marmaras. Irgendwann gab sie es auf.
„Ist denn hier niemand mehr am Leben, Kind?“
„Doch, sicher, Rosalind.“
„Ich meine hinter all diesen verschlossenen Türen.“
„Oh“, sagte die Kleine. „Nein, ich denke, die Glocken haben sie alle geholt.“
„Die Glocken also“, sagte Rosalind. „Die Neun Mal läuten.“
„Die Neun Mal läuten.“, bestätigte das Kind.
„Dann sind wir also die letzten?“
„Nein.“, sprach das Kind. „Du bist es. Und du bist auch schon fast zu spät.“
„Zu spät? Zu spät wofür?“
„Meine gute Rosalind, ist heute nicht der allerschönste Tag von allen?“, sprach das Kind erneut.
„Es ist ein verdammter Scheißtag“, entfuhr es Rosalind, wofür sie sich sogleich bekreuzigte.
„Schade.“, sagte das Kind. „Letzte Chance vertan.“
Plötzlich war Marmara verschwunden. Rosalind versuchte sie zu entdecken, aber fand sie nirgends. Fast hätte sie es überhört, doch ihr Unterbewusstsein war schon trainiert darauf.
Fünf. Sechs. Sieben. Acht. Neun.
Einige Monate später fand der bis dahin weitgehend unbekannte Soziologe Karim S. eine Sensation vor, die ihn auf einen Schlag weltbekannt machte. Ein griechisches Dorf namens Marmara, in dem alle BewohnerInnen offenbar völlig unbemerkt von der Außenwelt weggestorben waren. Alle ordnungsgemäß begraben. Keinen Spuren eines Kampfes, einer Krankheit, oder sonst einer nachvollziehbaren Todesursache.
P.S.: Diese Geschichte entstand im Rahmen der Schreibfedern, einer Gruppe von Gernschreibern, an jenem Tag angeleitet von Silke Rosenbüchler (krautschrift.at). Danke dafür!
P.P.S.: Ich schreibe gerade wieder mal an einer größeren Geschichte, genauer gesagt soll's eine Romanreihe werden, aktuell sinds ca. 20.000 Wörter vom ersten Band. Wer TestlesterIn werden will, gerne bei mir melden :)
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