(Anmerkung: das hier beschriebene Modell basiert ursprünglich auf der Arbeit von Ralf Bolle, einem deutschen Psychotherapeuten, der weltweit die Arbeitsweise von Schamanen, Heiler, Psychotherapeuten etc. erforscht und verglichen hat, um schlussendlich ein universelles Grundmuster dieser Arbeitsweisen herauszudestillieren. Ich habe sein Grundmodell dann in verschiedensten Situationen selbst angewandt, und es aufgrund dieser Erfahrungen für meine Zwecke weiterentwickelt bzw. auch manche Bezeichnungen/Interpretationen angepasst.)

Das Modell – ein kurzer Überblick

Der universelle Entwicklungs-Kreislauf beschreibt 4 Phasen, die in einer jeden transformativen Entwicklung durchlaufen werden.

  1. Alltag: Alles ist wie immer. Mit der Zeit jedoch wird eine Art Unzufriedenheit spürbar, eine Art innerer Drang zur Veränderung.
  2. Loslassen: Die Person erlaubt, einen Teil von sich loszulassen, sterben zu lassen.
  3. Erkenntnis: Die Person erkennt eine ihre vorherige Alltagswelt transformierende neue Ordnung.
  4. Die Person versucht, die gewonnen Erkenntnisse in ihren Alltag zu integrieren, um einen neuen stabilen Alltag zu schaffen.

In der Mitte des Kreislaufes findet sich das Element des „Übergangs-Gegenüber“. Diese Rolle wird etwa vom Therapeuten, Schamanen, Heiler eingenommen, der der Person dabei behilflich ist, vertrauensvoll loszulassen, was im Sinne der Persönlichkeit einem (teilweisen) Sterben und Wiedergeborenwerden gleichkommt. Im ursprünglichen Modell wurde der Begriff „Übergangs-Persönlichkeit“ gewählt. „Gegenüber“ erscheint mir jedoch passender, weil ebenso die Vorstellung eines Gottes, oder auch ein Tagebuch als „Gegenüber“ möglich ist. Relevant erscheint also nicht so sehr die konkrete Ausformung dieses „Gegenübers“, sondern der Glaube der Person an die Beständigkeit des Gegenübers über den eigenen „Tod“ (= Loslassen eines Teiles der eigenen Persönlichkeit) hinaus.

Auch findet sich die Unterscheidung des Modells in eine Alltagswelt und eine Unterwelt, bzw. in Bewusstsein und Unterbewusstsein. Dies ist einerseits relevant, weil zahlreiche Mythen in allen Kulturen Geschichten über Reisen in die „Unterwelt“ erzählen, die grob diesem Modell folgen, was interessante Schlussfolgerungen zulässt. Andererseits beschreibt die Teilung auch sehr deutlich die Schlüsselfunktionen des Loslassens auf dem Weg zum Unterbewusstsein sowie der Re-Integration in den Alltag.

Keine „Abkürzungen“

Es gibt in diesem Prozess keine konstruktiven „Abkürzungen“. Dies ist insofern relevant, als dass dies ein sehr gutes Modell für die Erklärung von Suchtverhalten jeglicher Art bietet. Wer etwa bewusstseinsverändernde Drogen benutzt, um direkt aus dem Alltag in die Erkenntnis zu „springen“, hat den Loslassen-Schritt übersprungen. Dieser jedoch ist notwendig, um innerlich den „Platz“ zu schaffen, um die Erkenntnis re-integrieren zu können, weswegen der Kreislauf nicht vollendet wird, und die Person zurück in den Alltag „fällt“, ohne eine langfristig transformierende Entwicklung durchgemacht zu haben. „Erkenntnis“ steht hierbei auch immer für eine Art von Verbundenheit mit einer höheren Ordnung.

Ebenso erklärt uns dieses Modell, warum gute Vorsätze alleine selbst mit höchstem Einsatz einer Person auf Dauer scheitern. Wer nicht gleichzeitig bereit ist, sich den Ursachen seiner zu ändernden Verhaltensweisen zu stellen und diese „sterben“ zu lassen, wird früher oder später trotz größter Anstrengungen in seinen gewohnten Alltag zurückfallen, weil für eine neue Alltagsordnung schlicht noch kein „Platz“ geschaffen wurde.

Die Bedeutung des Glaubens für die Heilung

An dieser Stelle seien noch einige faszinierende Erkenntnisse und Hinweise erwähnt, die der Urheber des Modells bei seinem Vortrag erwähnte. Der Erfolg einer Behandlung hängt laut ihm in sehr hohem Maße vom Glauben des Patienten an die Behandlungsmethode ab. Eine zusätzlich relevante Einflussgröße ist der Glauben der dem Patienten nahestehenden Menschen an die Behandlungsmethode. Dieser Placebo-Effekt macht in manchen Studien, soweit ich mich an den Vortrag erinnere, knappe 60% des Behandlungserfolges aus – auch bei „normalen“ Krankheiten! Dies würde erklären, warum manche objektiv nicht nachvollziehbare Behandlungsmethoden (Esoterik etc.) trotzdem gute Ergebnisse erzielen können: die zu Behandelnden glauben daran, und dies könnte einer der relevantesten Aspekte sein.

Wenn wir das Modell akzeptieren, ermöglicht es uns, Krankheit völlig neu zu betrachten: nämlich als eine Form der Kommunikation unseres Körpers mit uns, dass wir uns (noch) weigern, einen Anteil unseres Alltags-Ichs „sterben“ zu lassen. Wenn dieser universelle Entwicklungskreislauf den natürlichen Verlauf beschreibt, dann ist unsere Weigerung, unsere an unseren Anhaftungen festzuhalten anstatt sie loszulassen wo nötig, eine Art innerer Widerstand, der gewissermaßen symbolisch Reibung bis zu Blockaden erzeugt -> wir laufen unrund, werden krank, womit uns unser Körper sagen will, dass er es nicht mehr lustig findet mittlerweile.

Diese Beschreibung mag medizinisch betrachtet ein wenig daneben sein, aber mir hilft sie erfahrungsgemäß, im Durchschnitt gesund zu bleiben. „Wieder gesund werden“ bedeutet damit nämlich keine Wiederherstellung des Vorherigen, sondern ein Vertrauen auf ein Neu-Werden nach dem Loslassen des Alten.

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes für das Lernen

Aus meiner eigenen Erfahrung als Lehrer habe ich festgestellt, dass dieses Modell und seine Lehren sich 1:1 auf das Lernen übertragen lassen, und spätestens hier wird es wirklich faszinierend. Denn auch beim Lernen erscheint der Glaube an das Übergangs-Gegenüber (z.B. den Lehrer) die Hauptrolle zu spielen, sowohl der Glaube des Lernenden selbst als auch der Glaube seiner engsten Bezugspersonen. Anders ausgedrückt: die Heil- wie die Lehrmethode hat oft weniger Auswirkung auf die Heilungs-/Lernchancen als der Glaube aneinander, der sich (auch, aber nicht nur) durch die Beziehung zueinander ausdrückt.

Nun entsteht jedoch aufgrund unserer wissenschaftlichen Methodik an sich eine Problematik: diese Art von Beziehung zueinander lässt sich mit der sonst so nützlichen wissenschaftlichen Methodik derzeit noch schlicht nicht abbilden (warum, werde ich in einem weiteren Artikel irgendwann in den nächsten Wochen hoffentlich konkret und nachvollziehbar nachweisen können). Wissenschaftlich betrachtet handelt es wohl sich um einen blinden Fleck – der paradoxerweise möglicherweise einen Großteil der tatsächlichen Wirkkräfte pädagogisch/medizinischen Handelns ausklammert.

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes für die Lebensgestaltung

Wenn wir das Konzept des universellen Entwicklungskreislaufes akzeptieren, so ergeben sich für mich einige auf den ersten Blick paradoxe Folgen für eine alltägliche Lebensgestaltung. Beispielsweise würde sich der Zusammenhang zwischen Zeit und der subjektiv erlebten Freude bei einem Menschen, der den Schritt des Loslassens „überspringen“ möchte, mathematisch in etwa so darstellen lassen:

Er wird versuchen, von seinem Alltagserleben durch Selbstmotivation oder Stimulation (Drogen, …) zu mehr Freude zu gelangen, aber seine Anstrengungen sind nicht dauerhafter Natur, bzw. fühlt er sich vielleicht sogar mit der Zeit unglücklicher, weil die langfristigen Folgen ihn zusätzlich bedrücken.

Ein Mensch, der dem Entwicklungskreislauf „willig“ folgt, wird hingegen einen Verfall seiner Freude empfinden, bis er eine Art absoluten Nullpunkt erreicht, an dem er einen Teil seines Selbst „sterben“ lässt, was ihm zu einer Erkenntnis und höchsten Glücksgefühlen verhilft. Mit der Zeit wird er sich wieder in einen relativ stabilen Alltags-Level an Freude einpendeln, bevor der Kreislauf wieder von vorn beginnt. Möglicherweise (aber nicht notwendigerweise) ist dieser neue Alltags-Level durch seine Erkenntnis höher angesiedelt als der vorherige. Das sieht dann ungefähr so aus:

Was für mich dabei besonders spannend erscheint, ist, dass Symptome einiger bei uns als eher negativ beschriebenen psychischen Ausprägungen wie der Depression in vielen spirituellen Traditionen sehr ähnlich unter einem anderen Namen beschrieben werden. Nur ein Beispiel von vielen: Die „Dunkle Nacht der Seele“, die dem Zustand kurz vor dem Loslassen in unserem Modell sehr nahe kommt.

Wenn nun also einem depressiv verstimmten Menschen Medikamente gegeben werden, um seine Stimmung aufzuhellen, berauben wir ihn damit möglicherweise seiner spirituelle Entwicklung, weil wir ihm nicht erlauben, den Nullpunkt – das Loslassen – zu erreichen? Wenn das Modell stimmt, bräuchte unser depressiv Verstimmter dann womöglich nur jemanden, dem er absolut vertraut, und der diesen Nullpunkt mit ihm aushält. Ich habe von einigen interessanten Studien gehört, nach denen z.B. Schizophrenie in manchen Kulturen als Zeichen eines zukünftigen Schamanen/Heilers betrachtet wird, der daraufhin von anderen, erfahrenden Schamanen/Heiler ausgebildet wird…

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes für den Tod

Dieser Artikel wäre nicht vollständig, ohne das für mich Offensichtliche nicht zumindest zu erwähnen: die Überschneidungen mit den Reinkarnations-Konzepten einiger östlicher Traditionen sind für mich doch sehr offenkundig. Ein möglicher Schluss daraus könnte sein, dass wir die Reinkarnations-Lehren dieser Traditionen bisher fälschlicherweise als mehrere Leben, wie wir sie kennen, verstanden haben, obwohl doch eher „mehrere Leben“ im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung innerhalb eines einzigen Menschenlebens gemeint waren.

Ein anderer ist es, dass das Konzept vom „Sterben“, wie wir es kennen, möglicherweise auch kein anderer Vorgang ist als ein weiterer Schritt in einem „universellen Entwicklungskreislauf“, bei dem wir eben dann nicht mehr in unserem bisherigen Körper mit einer weiterentwickelten Persönlichkeit wiedergeboren werden, sondern in anderer Form (oder auch gar nicht). Möglicherweise ist eine „Erkenntnis“ nichts Anderes als ein Sich-Verbinden nicht nur mit dem eigenen Unterbewusstsein, sondern in eine Art Mehr- oder sogar All-Bewusstsein (es gibt einige Hinweise darauf). Und irgendwann ist es einigen von uns vielleicht einfach zu blöd, danach noch eine Re-Integration in einen neuen (physischen) Alltag anzustreben (wie es ja im Hinduismus angestrebt wird soweit ich das verstanden habe).

Natürlich können dies am Ende (oder besser ausgedrückt: bis zum Ende) nur Spekulationen bleiben. Trotzdem ist für mich auffällig, dass dieses Modell sowohl in der Heilung, im Lernen, in den meisten Mythen (siehe auch „Der Heros in Tausend Gestalten“) wie auch den meisten religiösen Traditionen wiederzufinden ist.

Seit ich vor einigen Jahre erstmals in einer Vorlesung des erwähnten Therapeuten Ralf Bolle von diesem Modell gehört und darüber geschrieben habe, haben mir unzählige Menschen, denen ich davon erzählt habe, unabhängig voneinander erzählt, wie wertvoll es auch in ihrem Leben bereits gewesen ist. Deswegen war es mir wichtig, nun noch einmal eine aktualisierte Zusammenfassung zu verfassen.

Niklas

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