#150 Instrumental
Drei Tage vor dem großen Auftritt bei der Fete de la Musique in Gmunden hatte er eine überraschende Nachricht von jemandem erhalten, den er glaubte, schon mal gesehen zu haben. Das Profilbild war ihm bekannt vorgekommen, auch wenn er nicht mehr sicher war, woher. Viel beunruhigender war aber war der Vorschautext der Nachricht gewesen, und einen Tag lang traute er sich kaum, sie zu lesen. Denn da stand irgendwas von „Hi! Weißt du zufällig, wo meine Gitarre...“
Sich doch überwindend, den ganzen Text zu lesen, wurde rasch klar, worum es ging. Es war der Verwandte von dem Vermieter, in dessen Haus er jahrelang gewohnt hatte. In dessen Haus er jahrelang die im Wohnzimmer verwaist herumstehende Gitarre – natürlich nach Rücksprache mit dem Vermieter – gespielt hatte. Die ihm der Vermieter beim Auszug mitgegeben hatte, da sie ohnehin niemand sonst spielte. Nun stellte sich heraus, dass die Gitarre gar nicht – wie damals angenommen - der verstorbenen Mutter des Vermieters gehört hatte, sondern dem anderen Verwandten. Der nun wissen wollte, wo sie hingekommen sei. Zwei Tage vor dem großen Auftritt.
Er entschied sich dann für den direkten Weg, und rief den Verwandten an, schon fürchtend, innerhalb der nächsten 2 Tage eine neue Gitarre auftreiben zu müssen. Dieser jedoch wollte offenbar nur wissen, was mit der Gitarre passiert sei, und wollte sie gar nicht zurück haben. Freute sich sogar darüber, dass sie auch von jemandem gespielt wurde, der sie schätzte.
Der Auftritt selbst wurde dann durchaus ein Erfolg, und die Gitarre sang im Quartett mit den Stimmen und dem Cajon, dass es eine Freude war. Fast sieben Jahre lang waren sie nun schon zusammen, er und diese Gitarre, die ihm so unverhofft, fast als wäre es Schicksal, zugefallen war.
Und so fühlte es sich nur natürlich an, eine andere Gitarre mit langjähriger Geschichte ebenso zu verschenken. Er hatte sie vor fast 15 Jahren in Brasilien gekauft, damals, als er einsehen musste, dass er ohne eine Gitarre irgendwie aufgeschmissen war, dass er nicht nur gerne Gitarre spielte, sondern tatsächlich Gitarrist war, unzertrennlich mit der Musik. Er hatte sie auf seinen Reisen mitgenommen, vier Monate lang, durch Bolivien und auch zurück nach Hause, hatte in über zehn Nationen mit ihr Straßenmusik und bisweilen auch „richtige“ Konzerte gespielt.
Und nun hatte er sie mitgenommen in den dritten Stock der Schule, an der er seit einigen Monaten unterrichtete. Denn dort traf er regelmäßig einen Schüler mit einen Traum. Der tat sich bisweilen in manchen Dingen nicht leicht, aber wofür er offensichtlich nicht nur Talent, sondern beinahe fast eine unstillbare Sehnsucht hatte, war das Gitarre spielen. Die Gitarre gab ihm Kraft, bestärkte einen Traum, bestärkte irgendetwas tief in diesem Jungen, wie sie auch schon vor über 20 Jahren etwas tief in ihm bestärkt hatte.
Als er dann erfuhr, dass er weiterziehen würde, an eine andere Schule, und fühlte, dass es zwar für viele an der jetzigen Schule traurig sein würde, aber nicht weltbewegend, bis auf den einen womöglich, mit dem er Gitarre gespielt hatte, da wurde ihm rasch klar, was zu tun war. Er hatte vom Leben etwas geschenkt bekommen, vor sieben Jahren, und nun war das Geschenk erneut von dem Verwandten seines ehemaligen Vermieters bestätigt worden. Es war an der Zeit, auch in die Rolle des Schenkenden zu treten.
Der Junge würde andere Lehrer finden, und glücklicherweise hatten sich auch schon einzelne gefunden, die auch mit ihm Gitarre spielen würden, ihn bestärken würden. Aber es gab etwas in einem jeden Instrument, etwas, das über die Geschichte seiner Fertigung hinausging. Etwas, das manche Menschen spüren, davon Kraft beziehen konnten. Und der Junge war einer jener Menschen, das konnte er spüren.
Ein Instrument mit Geschichte, vor allem mit einer Geschichte, von der man – zumindest in Ausschnitten – wusste, war etwas Anderes als ein neues Fabrikat, so hoch die Qualität dessen auch war. Ein wahrer Musiker – und davon gab es viele in dieser Welt – legte mit jedem Ton, den er dem Instrument entlockte, etwas von seiner Seele hinein, bis das Instrument selbst so etwas wie eine Seele bekam. Und diese Gitarre, die er nun dem Jungen überließ, hatte eine Seele. Sie würde ihn leiten, würde ihn führen, würde ihn aufrichten, wenn er nicht mehr weiter wissen würde, wie sie auch ihn geführt und aufgerichtet hatte, all die Jahre.
„Für mich?!“, hatte der Junge verblüfft ausgerufen, als er ihm eröffnet hatte, dass er der Erbe dieser Geschichte sein würde, so er es denn wollte. Erfreut hatte er angenommen. Auch nach nur drei Monaten gemeinsamen Spielens hatte er vieles bereits intuitiv verstanden, worum es in der Musik wirklich ging, auch wenn ihm die Worte dazu womöglich noch fehlen mochten, auch wenn seine Finger noch ungeübter über die Saiten glitten. Er hatte das Herz dazu. Ein Herz, dass der Seele gegenüber offen genug war, um wahrlich zuzuhören.
„Für dich, ja“, hatte er es dem Jungen bestätigt.
Und dann waren sie eine Weile kurz dagesessen, im stillen Einverständnis darüber, wie richtig es sich anfühlte, das zu tun, und auf diese Weise.
Der Junge würde seinen Weg gehen. Dessen war er sich nun sicher. Denn was auch immer passieren würde, er war nun nicht mehr allein.
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