#149 Beschenkt

XXX
  • Juni 2026
  • 4 min

„Keine Lust, rauszugehen“, hast du ihr gesagt, und sie ziehen lassen, „ich hab noch was vor für mich.“

Gut, dass sie nicht weiter nachfragte. Denn hättest du ihr beschreiben können, wonach es dich drängte?

Erst standest du etwas planlos im Garten herum, auf und ab schreitend, auf einen Impuls wartend.

„Auf!“, rief es in dir, nachdem die Stille ihren angestammten Raum in dir einnehmen hatte dürfen. Etwas in dir kannte den Weg bereits, auch wenn es immer ein anderer war, der dir zu gehen bestimmt sein mochte. Also nahmst du den Hut, und folgtest dem Etwas in dir, dem zu vertrauen du vor langer Zeit gelenrt hattest. Über die Felder, zu einem Bänklein an einem Bach. Doch als du dich niederlassen wolltest, zog etwas dich noch tiefer in den Wald. Ein alter Baumstumpf rief dich zu sich, und du ließt dich auf ihm nieder.

Wieder nahm die Stille den ihr angestammten Raum ein. Doch bald schon konntest du erste kleine Details ausmachen. Ameisen, die sich ihren Weg durchs Nadelgehölz suchten. Das Zwitschern ungezählter, unsichtbarer Vögel. Drei weiße Schmetterlinge, die um- und miteinander tobten. Der Efeu, der sich fast unendlich langsam eine Buche hinaufrankte. Die Wasserläufer, die die Oberflächenspannung des Bachs geschickt für sich zu nutzen wussten. Das Summen unzähliger weiterer, dir unbekannter Insektenarten. Der Wind, der beinahe zärtlich um die Blätter der Bäume strich.

Und für einen Moment hast du diese seltene Form von Frieden empfunden, der sich aus dem Ursprung aller Dinge speist, aus der Liebe im Werden und Vergehen. Hattest das Glück, still genug zu sein, um den Moment bemerken zu können, ja ihn sogar bewusst empfinden zu dürfen. Beschenkt fühlst du dich von dem Moment.

Und du fragst dich, ob du nicht auch in jedem anderen Moment ebenso beschenkt werden könntest, oder vielleicht sogar bereits wirst? Was dich noch davon abhält, es tagtäglich zu spüren. Wofür noch weiterrennen? Wovon noch davonlaufen, nach all der Zeit, der Unmissverständlichkeit? Wann endlich dauerhaft innehalten, empfangen, genießen, feiern?

Und so sitzt du da auf deinem Baumstumpf, und siehst die smaragdgrüne Libelle, schillernd im durch das dichte Geäst brechenden Sonnenlicht. Ein weiteres Geschenk, ansonsten ignoriert im vermeintlichen Alltagsstress – als ob alle Tage in sich schon stressig sein müssten!

Die Natur um dich jedoch scheint kaum Stress zu verspüren. Jetzt, im Juni, zeigt sie sich in voller Blüte, voller Pracht. Im Herbst wird sie sich noch einmal schenken, dann Überlfüssiges loslassen, um nach einer Zeit der Stille wieder neue Triebe zu schlagen, von Neuem zu beginnen.

Und du, immer noch auf deinem Baumstumpf, beginnst dich zu fragen, warum du und deine Mitmenschen glauben, die Weisheit im Umgang mit der Zeit so vieler Lebewesen um euch auf Dauer ignorieren zu können, ohne Konsequenzen ertragen zu müssen. Demokratisch betrachtet sind wir Menschen ja irgendwo in der absoluten Minderheit, würde man sie alle einbeziehen.

Was, wenn sie uns beständig rufen? Uns einladen, mit ihnen zu gehen? Mit ihnen zu teilen, zu schenken und beschenkt zu werden, auf dass ihre Fülle auch in uns sichtbar werde?

Und so sitzt du, wohl wissend, dass du wieder vergessen und verdrängen wirst, wie wir Menschen es nur allzu gut können. Aber für diesen einen Moment, da erahnst du so etwas wie eine tiefe, eine beinahe universelle Wahrheit.

Und sie werden wiederkehren. Diese Momente, die dich zum innehalten bringen. In denen du für einen Moment fühlen kannst, was alles ist, ohne überlagert zu sein von dem, was du glaubst was sein sollte. Die dir geschenkt werden.

Und irgendwann... in Momenten... wirst du vielleicht das Gefühl erfahren, genug zu sein. Genug zu haben. Zu genügen. Dich als Teil des Ganzen zu erleben. Nicht mehr nur Nein sagen zu können zu dem, was dich stört, sondern endlich auch Ja zum Leben an sich. Ein Geschenk zu werden, das sich weitergeschenkt, aufgeht im Schenken, eins wird mit dem Schenken, und gerade dadurch unermesslich reich.

Und du erhebst dich von dem Baumstumpf, der dich heute gerufen, und verlässt diessen Ort, denn er ist nicht jener, an dem du zu wirken hast, nur jener, der heute auf dich einwirken will. Bedankst dich, spürst an dem ersten Tropfen an diesem überheißen Sommertag, dass etwas endet. Dass nun die Zeit kommt, etwas zu ändern, etwas umzusetzen. So erhebst du dich, dankend, und und ziehst dich zurück in die Welt, aus der du kamst, die dich nun wieder ruft, wissend der Wandlung, die dir widerfuhr. Kehrst zurück in den Garten, von dem alles entsprang.

Beschenkt kehrst du zurück, und Geschenk vermagst du nun auch wieder zu sein.

Nach und nach Aufblühen...

...in Form von Geschichten, Einsichten und bisweilen auch Workshops & Vorträgen.

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