#151 Vergiss mein nicht

#151 Vergiss mein nicht
  • Juli 2026
  • 4 min

#151 Vergiss mein nicht

Nun ist es also zu Wasser gelassen worden: Das Boot, von dem du schon so lange geträumt hattest. An dem nicht nur du schon viele Jahre gebaut hattest. Auch ich hatte so einiges an Arbeit mit der Grundkonstruktion. Und tatsächlich – es schwimmt! Nach so vielen langen Jahren am Trockendeck!

Doch bei aller Freude bitte ich dich: Vergiss mein nicht.

Und es ist nur allzu verständlich, dass du nun aufbrechen willst zu neuen Ufern – schließlich hast du ja nun ein Boot, das dich noch wer weiß wohin bringen kann. Nur schwimmt es nicht nur von allein. Es gibt Teile an der Konstruktion, die immer wieder mal Wartung brauchen werden. Und wenn du sie ganz entfernst, mag es sein, dass der Motor ausfällt. Oder gar Lecks entstehen, die das Boot sinken lassen.

Daher, bei allem Überschwang: Vergiss mein nicht.

So viele Jahre habe ich dir beim Träumen zugesehen. An ersten Bauteilen geschraubt, dir immer wieder gut zugeredet, dass es eines Tages schwimmen wird. Dass es dich tragen wird. Dass es uns tragen wird. Weitergebaut, wenn du die Hoffnung schon aufgegeben hattest.

Darum, im Moment des Feierns: Vergiss mein nicht.

Natürlich war es oft schwierig, eine Überforderung. Wir beide hatten auch an Land unsere Verpflichtungen, und bisweilen sind wir auch über alle Grenzen gegangen, um den Traum trotz aller Widerstände wahr werden zu lassen. Nun stehst du an der Reling und fragst dich, wer mit dir nun die Weltmeere befahren soll. Ist es der selbe Mensch, der dir dieses Boot bauen konnte? Andere, die mit dir die Sehnsucht nach dem Meer zu teilen scheinen? Beide? Hält das Boot das aus? Ist es damit zu überladen? Wirst du dann, auf See, plötzlich feststellen, dass du menschlichen Ballast abwerfen musst, um nicht unterzugehen? Und falls ja, welchen? Den, der dein Boot am Laufen hält? Oder den, der deine Sehnsucht zu teilen scheint? Wer würde an deiner Seite bleiben, wenn das Wasser steigt? Wer würde das Boot vor dem Kentern bewahren können? Wollen?

Weil die See auch rau sein kann: Vergiss mein nicht.

Wie einfach wäre die Welt, wenn all das keine Rolle spielen würde! Wenn man sich nicht mehr entscheiden müsste. Wenn Boote grundsätzlich für mehrere Personen ausgelegt wären. Du sagtest einst, auf solchen Booten fühlst du dich nicht wirklich wohl, wirst früher oder später seekrank. Vielleicht aber bist du mit den Jahren auch seefest geworden? Was aber, wenn du es nur glaubst, weil es dir im Vorfeld nun einfacher erscheint, und dann erst auf dem offenen Meer bemerkst, wie dreckig es dir nun geht? Wer trägt dich dann? Ich werde es nicht sein können, wenn du mit anderen allein losziehst.

Weil es nicht selbstverständlich ist, dass wir uns tragen können: Vergiss mein nicht.

Was, wenn dies die falschen Fragen sind, ausgehend von nie ganz hinterfragten Prämissen? Dass jene, die die Sehnsucht kennen, keine Boote bauen können, und jene, die die Boote bauen, der Sehnsucht unfähig sein müssen? Muss ein Erbauer von Booten nicht die Sehnsucht nach dem Meer in sich verspüren, wie versteckt und vergraben auch immer, um auch ein funktionierendes Boot bauen zu können? So viele Jahre, und noch immer erkennen deine Augen, dein Herz mich nicht ganz.

Um dir selbst nicht im Moment des Triumphes den Boden unter den Füßen zu entziehen: Vergiss mein nicht.

Aber gerne, meine Liebe, vergiss und lass los all die alten Bilder, die dein Auge und Herz immer noch trüben, wenn du mich ansiehst. Die deinen Ohren verwehren, mich wahrhaftig anzuhören. Die deine Zunge Worte und Bedeutungen verdrehen lässt, wenn du dich mir und der Welt wahrhaftig mitteilen willst. Die dich immer noch unverstanden hinterlassen, ungestillt in deiner Sehnsucht. Die dich immer und immer wieder in Variationen der einen, nur scheinbar unlösbaren Schleife treiben wollen, die du doch mittlerweile schon so satt haben müsstest.

Weil es seit Jahren in deinem Leben jemanden gibt, der dir dein Boot baut, und mit dir die Weltmeere befahren kann und auch will – aber es am Ende nur kann, wenn deine Vorstellungskraft es endlich ganz zulässt: Vergiss mein nicht.

Aber gerne, meine Liebe, vergiss das, was du nur glaubst über mich zu wissen.

Auch ich werde versuchen, zu vergessen, nicht an alten Bildern festzuhalten.

Das Boot steht nun also bereit – und die Besatzung?

Nach und nach Aufblühen...

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